Praxiswissen Fuehrung Berger
Praxiswissen Führung – Grundlagen – Reflexion – Haltung
Peter Berger
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Praxiswissen
Führung
Peter Berger
Grundlagen – Reflexion – Haltung
Praxiswissen Führung
Peter Berger
Praxiswissen Führung
Grundlagen – Reflexion – Haltung
Peter Berger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Hamburg/professore.de GmbH
Hamburg, Deutschland
ISBN 978-3-662-50526-7
ISBN 978-3-662-50527-4 (eBook)
https://doi.org/10.1007/978-3-662-50527-4
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V
Dieses Buch vermittelt Basiswissen für alle, die sich ernsthaft mit dem Phänomen Füh-
rung befassen wollen.
Ausgangspunkt ist eine Frage, die mir Studierende und Menschen, die außerhalb
der Führungsszene stehen, immer wieder gestellt haben: Wie kommt es eigentlich, dass
erwachsene Menschen sich freiwillig fremden Autoritäten unterwerfen? Der Versuch,
plausible Antworten darauf zu geben, hat immer neue grundlegende Fragen aufgeworfen,
die in den Kap.1 bis 3 behandelt werden:
1.
Unter welchen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen entsteht welche Art von Füh-
rung? Mit der Bewirtschaftung des Nildeltas und dem Pyramidenbau in den Stadt-
staaten und Großreichen begann die stellvertretende Gesellschaftsplanung im großen
Stil und damit die Geschichte der Führung. Über die Jahrtausende hinweg differen-
zierten sich mit wachsendem Organisationsgrad von Leben und Arbeiten auch Prin-
zipien und Leitbilder von Führung.
2.
Welche psychosozialen Bedingungen führen dazu, dass Führungsbeziehungen ent-
stehen und sich stabilisieren? Wie funktioniert dieses uralte Wechselspiel von
Herrschaft und Unterwerfung, das Führer und Geführte miteinander verbindet? Füh-
rungsbeziehungen entstehen in der Interaktion zwischen Führenden und Geführten.
Nicht die Stärksten und Intelligentesten werden Führungskräfte, wie ein Blick in
die Geschichte „großer Führer“ zeigt. Führungsbeziehungen stabilisieren sich durch
soziale Konstruktion. Jeder hat seine eigene Wirklichkeit und konstruiert sich seine
Welt so, dass möglichst wenig an dieser Konstruktion geändert werden muss.
3.
Wie sieht die Zukunft von Führung aus? Wird die „Digital Economy“ Arbeit und
Führung drastisch verändern? Oder organisieren sich Arbeitende und Führungskräfte
miteinander in solidarischen Stakeholder-Netzwerken?
Soweit zu den grundlegenden Fragen nach Herkunft, Entwicklung und Zukunft von Füh-
rung. Um dem Phänomen Führung aber noch näher zu kommen, musste nun geklärt wer-
den, welche Dimensionen Führung heute hat und was die Aufgaben und Rollen einer
Führungskraft sind. Damit beschäftigen sich die Kap. 4 und 5:
Vorwort des Autors
VI
Vorwort des Autors
4.
Was ist Führung heute und was ist eine Führungskraft? Menschen im Unterneh-
men werden zum einen durch das Führungssystem des Unternehmens (strukturelle
Führung) und zum anderen durch ihre direkten Führungskräfte (personale Führung)
geführt. Führungskräfte haben damit mindestens drei Wirkungsfelder: Sie sind Vor-
gesetzte, Partner in sozialen Interaktionsbeziehungen und Mitgestalter von Arbeits-
strukturen und Unternehmenskultur.
5.
Wie wird man heute Führungskraft? In den Unternehmen werden große Anstrengun-
gen unternommen, um die „richtigen“ Personen für eine Führungsposition zu finden.
Dabei wird davon ausgegangen, dass es bestimmte Eigenschaften gibt, die jemanden
als Führungskraft prädestinieren. In den Auswahlverfahren werden Eignungstests
bzw. Assessment- oder Development Center durchlaufen, aber die Eignungsdiagnos-
tik verspricht mehr als sie halten kann.
Eine Führungskraft benötigt neben vielen anderen Kompetenzen die Fähigkeit, die
Beziehungen zu ihren Mitarbeitern produktiv zu gestalten. Dazu gehört es, Einsichten
in grundlegende Triebkräfte menschlichen Zusammenlebens zu gewinnen. Die Wis-
sens- und Erfahrungsbasis dafür ist in älteren grundlegenden Studien meist bereits vor-
handen. Diese „Klassiker“ und neuere empirische Erkenntnisse möchte ich der Unzahl
schnell geschriebener Führungstipps und -tricks entgegensetzen und ihnen neue Geltung
verschaffen, wenn ich mich in den Kap. 6 bis 8 mit den wichtigsten Dimensionen von
Führen und Geführtwerden – Motivation, Verantwortung und Selbstverantwortung, Kom-
munikation und Gesprächsführung – auseinandersetze:
6.
Wie funktionieren Motivation und Motivierung? Leistung zu erbringen und unsere
Welt planvoll zu gestalten, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Deshalb wirken
Motivierungsstrategien auf Dauer demotivierend. Eine Führungskraft hat nicht die
Aufgabe, ihre Mitarbeiter zur Leistungsabgabe zu motivieren. Vielmehr gilt es,
optimale Leistungsbedingungen im Unternehmen zu schaffen und die Leistungsfä-
higkeit der Menschen im Unternehmen, z. B. durch Qualifizierung und Gesundheits-
förderung, zu steigern und zu erhalten.
7.
Was bedeuten Verantwortung und Selbstverantwortung für eine Führungskraft?
Hierarchische Strukturen schaffen verantwortungsscheue Menschen, und verant-
wortungsscheue Menschen legitimieren hierarchische Strukturen. Und so hat jedes
Unternehmen die Mitarbeiter und auch die Führungskräfte, die es verdient. Selbst-
verantwortung hingegen bedeutet, zuständig für die eigenen Anliegen zu sein.
Aufgabe einer Führungskraft ist es, ihre Mitarbeiter in die Selbstverantwortung zu
führen und zu lernen, mit selbstverantwortlichen Mitarbeitern umzugehen.
8.
Kommunikation und Gesprächsführung – Wie gelingt es, sich verständlich zu
machen? Ohne Kommunikation keine Führungsbeziehung. Deshalb gehören Kommu-
nikation und Gesprächsführung zu den Kernkompetenzen von Führungskräften. Um
die Botschaften unserer Mitmenschen zu verstehen, stehen uns Modelle der Kom-
munikationswissenschaft zur Verfügung – vom einfachen Sender-Empfänger-Modell
VII
Vorwort des Autors
über Teufelskreis-Schemata und Kommunikationsstile bis hin zur Transaktionsana-
lyse, die uns z. B. dabei helfen kann, Gespräche in produktive Bahnen zu lenken.
Gespräche verlaufen oft nicht konfliktfrei, sodass es ratsam ist, die Grundregeln pro-
duktiver Gesprächsführung zu kennen, optimal zu argumentieren und rhetorische
Tricks und „Killerphrasen“ zu durchschauen.
Eine Führungskraft hat sich auch mit den Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen,
die ihr das Führungssystem ihres Unternehmens bietet und mit den Grenzen, die ihr die-
ses setzt. Das Führungssystem besteht aus Regeln, Normen und Prozessen, welche die
Struktur und die Kultur des Unternehmens ausgestalten und die Mitarbeiter (ein)binden
und führen. In den Kapiteln 9 bis 13 gehe ich auf die wichtigsten Dimensionen struktu-
reller Führung – Führen mit Werten, Umgang mit Macht, Umgang mit Veränderungen,
Arbeitsbeziehungen und Gesundheitsförderung – ein:
9.
Führen mit Werten – Welchen Nutzen haben Werte im Führungsprozess? Führung
soll Orientierung geben, Sinn vermitteln und die Menschen dazu bringen, ihren Teil
an der gemeinsamen Sache zu leisten. Ob es in Arbeitsverhältnissen tatsächlich um
eine „gemeinsame Sache“ geht, hängt nicht zuletzt davon ab, inwieweit sich Unter-
nehmensleitung und Arbeitnehmer gemeinsamen Werten wie Vertrauen und Gerech-
tigkeit verpflichtet fühlen.
10. Mikropolitik – Wie wird in Organisationen mit Macht umgegangen? In Unterneh-
men geht es nicht so wohl geordnet zu, so wie es in Organigrammen und Prozess-
beschreibungen dargestellt wird. Wir haben es dort mit lebendigen Menschen zu
tun, die eigene Ziele, eigene Interessen verfolgen und eigene Bedürfnisse haben,
Menschen, die eigensinnig sind und ihre eigenen Regelkreise aufbauen. Formale
Organisationsstrukturen werden überlagert von unterschiedlichsten Formen der
Einflussnahme quer zu den Funktionen und Hierarchieebenen. Der Frage, wie Füh-
ren sich gestaltet, wenn diese Realitäten ernst genommen werden, wird hier nach-
gegangen.
11. Changemanagement – Wie werden Veränderungsprozesse geführt? Wandel geschieht
permanent und Changemanagement kann nur nachhaltige Veränderungen schaffen,
wenn Wandlungsbedarf, Wandlungsfähigkeit und Wandlungsbereitschaft im Unter-
nehmen gewährleistet sind. Die Mitarbeiter „vor Ort“ haben ihre eigenen Erwartun-
gen und Bedürfnisse – „What's in for me?“ –, die es zu integrieren gilt, damit der
angestrebte Wandel nachhaltig wirken kann.
12. Was müssen Führungskräfte über Arbeitsbeziehungen, Arbeitsrecht und Mitbestim-
mung wissen? In den Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern sind
die Prinzipien von Vertrauen und Commitment grundlegend. Zusammenfassend
spricht man hier auch vom „Psychologischen Vertrag“. Von den verschiedenen
Rechtsebenen ist für Führungskräfte die Ebene des Arbeitsrechts auf Betriebsebene
die wichtigste. Hier treffen Führungskräfte, Mitarbeiter mit ihren Arbeitsverträgen
und die Arbeitnehmervertretung mit ihren Rechten unmittelbar aufeinander.
VIII
Vorwort des Autors
13. Gesundheitsorientierte Führung – Wie gehen Führungskräfte mit der eigenen
Gesundheit und mit der Gesundheit ihrer Mitarbeiter um? Unternehmen erleiden
Milliardenverluste durch Fehlzeiten und Leistungsminderung bei Krankheit ihrer
Mitarbeiter. Die Sicherung und Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden der
Menschen im Unternehmen stellt hohe Anforderungen an die Führungskräfte. Wie
muss die eigene Führungspraxis verändert werden, damit die Gesundheit der Mit-
arbeiter, aber auch die eigene Gesundheit gewährleistet bleibt? Welche gesetzlichen
Anforderungen müssen Unternehmen hinsichtlich des Arbeits- und Gesundheits-
schutzes einhalten? Wie kann Gesundheit im Unternehmen gefördert werden und
welche Anforderungen stellt ein Gesundheitsmanagementsystem?
Führungsliteratur wird, bis auf wenige Ausnahmen, aus der Perspektive von Wissen-
schaftlern oder Beratern geschrieben. Das ist in meinem Buch auch so, aber doch etwas
anders: Mir zur Seite steht die fiktive Person Alfred A. Neumann, ein Facharbeiter, der
zu wichtigen Führungsfragen interviewt wird und mich auch schon mal mit praktischen
Einwänden unterbricht. So vertritt Alfred A. Neumann als „empirische Basis“ die Pers-
pektive der Geführten.
Hier noch zwei abschließende Bemerkungen zum Sprachgebrauch:
• Vielfach ist von „Unternehmen“ die Rede. Richtiger wäre es, von „Organisationen“
zu sprechen, denn gemeint sind in der Regel Unternehmen, Behörden, staatliche
Verwaltungen, soziale Einrichtungen, Vereine usw., also alle Institutionen, in denen
Menschen geführt werden. Allerdings hat der Begriff „Organisation“ mehrere Bedeu-
tungen. Ich gebrauche diesen Begriff oft für den Prozess des Organisierens, z. B.
im Sinne von Arbeitsorganisation. Um Missverständnisse zu vermeiden, bin ich bei
der Bezeichnung „Unternehmen“ geblieben, auch wenn im konkreten Fall z. B. eine
staatliche Verwaltung oder eine Pflegeeinrichtung gemeint ist.
• Das Problem der in der deutschen Sprache vorherrschenden männlichen Formulie-
rungen konnte auch ich nicht lösen. Ich bin mir bewusst, dass Sprache Wirklichkeit
konstruiert und selbstverständlich sind beim Gebrauch der männlichen Form auch die
Leserinnen angesprochen.
Hamburg
im September 2017
Peter Berger
IX
Inhaltsverzeichnis
Teil I Verständnis von Führung – Wer führt wen, warum,
wozu und wohin?
1
Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung
als Resultat gesellschaftlicher Entwicklung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3
1.1
Organisation und Macht – Führungsansätze im Laufe
der Geschichte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3
1.1.1
Jäger und Sammler – Gesellschaftliche Arbeitsteilung. . . . . . .
4
1.1.2
Agrargesellschaften – Quantitatives Denken und
Zahlensymbole. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
5
1.1.3
Stellvertretende Gesellschaftsplanung – Von
Stadtstaaten und Großreichen bis zum Beginn
des Industriekapitalismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
5
1.1.4
Entwicklung der Erwerbsarbeit – Führung als
Transformationsfaktor zwischen Arbeitsvermögen und
Arbeitsleistung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
6
1.1.5
Industrielle Arbeitsteilung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
7
1.1.5.1
Horizontale Arbeitsteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9
1.1.5.2
Vertikale Arbeitsteilung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9
1.1.6
Taylorismus – Die Geburtsstunde des Managements . . . . . . . .
10
1.1.6.1
Die Ausgangslage – (Arbeits-)Wissen
ist Macht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
11
1.1.6.2
Taylors Lebensaufgabe – Unterbindung der
systematischen Bummelei. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
11
1.1.6.3
Taylors Lebenswerk – Standardisierung und
vertikale Arbeitsteilung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
12
1.1.6.4
Enteignung des Arbeitswissens – Das
Management wird aus der Taufe gehoben. . . . . . . .
13
1.1.6.5
Taylor heute?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
15
1.1.6.6
Taylor und die Digitalisierung. . . . . . . . . . . . . . . . .
15
X
Inhaltsverzeichnis
1.1.7
Bürokratie – Taylorismus für die Angestellten . . . . . . . . . . . . .
16
1.1.7.1
Theorie der Bürokratie von Max Weber. . . . . . . . .
16
1.1.7.2
Kennzeichen der Arbeitsorganisation
nach dem Bürokratie-Ansatz. . . . . . . . . . . . . . . . . .
16
1.1.7.3
Bürokratie heute? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
17
1.1.8
Motivationstheorien – Führung und Bedürfnisse. . . . . . . . . . . .
18
1.1.8.1
Der Mensch als Bedürfnisträger. . . . . . . . . . . . . . .
18
1.1.8.2
Der Human-Relations-Ansatz (1930er Jahre). . . . .
19
1.1.8.3
Die Human-Resources-Variante
(1950er Jahre). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
20
1.1.9
Interaktionsansätze – der Mensch als Sinnsucher. . . . . . . . . . .
20
1.1.9.1
Die organisationskulturelle Variante. . . . . . . . . . . .
20
1.1.9.2
Die mikropolitische Variante. . . . . . . . . . . . . . . . . .
21
1.1.9.3
Was bedeuten interaktionsorientierte
Ansätze heute? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
22
1.2
Was lehrt uns die Geschichte der Führungsansätze?. . . . . . . . . . . . . . . .
22
1.3
Menschenbilder – Wie ist der Mensch und wie lässt er
sich am besten führen?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
23
1.3.1
Menschenbilder nach Edgar Schein. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
25
1.3.2
Tayloristisches Menschenbild. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
26
1.3.3
Theorien über den Menschen von McGregor . . . . . . . . . . . . . .
27
1.3.4
Menschenbild der Humanistischen Psychologie. . . . . . . . . . . .
28
1.4
Führungsstile – Wie soll die ideale Führungskraft sein
und wie soll sie sich verhalten?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
30
1.4.1
Eigenschaftsansätze – Haben Führungskräfte
besondere Eigenschaften?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
31
1.4.2
Verhaltensansätze – Was tut eine gute Führungskraft?. . . . . . .
32
1.4.2.1
Führungsgitter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
33
1.4.2.2
Situatives Führen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
34
1.4.2.3
Transformationale Führung. . . . . . . . . . . . . . . . . . .
35
1.5
Die Verhältnisse prägen den Menschen – und umgekehrt. . . . . . . . . . . .
37
1.5.1
Typ A-Unternehmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
37
1.5.2
Typ B-Unternehmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
38
1.5.3
Unternehmen zwischen Typ A und Typ B. . . . . . . . . . . . . . . . .
39
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
40
2
Warum die Menschen das mitmachen – Führung als soziale
Konstruktion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
43
2.1
Beziehung führt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
44
2.2
Archetypen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
45
2.2.1
DER DA OBEN… der Archetyp Vater . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
45
2.2.2
KÄMPFE FÜR UNS… der Archetyp Held. . . . . . . . . . . . . . . .
46
XI
Inhaltsverzeichnis
2.2.3
ERRETTE UNS… Charismatische Führungskräfte
und der Archetyp Heilsbringer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
48
2.3
Führung in Clinch und Teufelskreis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
48
2.3.1
Das Modell menschlichen Verhaltens in Sozialen
Systemen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
50
2.3.2
Führung als Soziale Konstruktion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
55
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
56
3
Paradigmenwechsel? Wie geht es nun weiter mit Führen
und geführt werden?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
59
3.1
„Digital Economy“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
60
3.1.1
Technik als Subjekt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
60
3.1.2
„Evangelismus“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
63
3.1.3
Veränderung der Arbeit in der „Digital Economy“. . . . . . . . . .
64
3.1.3.1
Arbeit 4.0. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
65
3.1.3.2
Zukunft der Arbeit – Clickworker
und New Work?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
65
3.1.4
Führung in der „Digital Economy“ – Alter Wein
in neuen Schläuchen!. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
67
3.2
Das Projekt „Forum Gute Führung“ – Diskursive
Erarbeitung von Führungsleitlinien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
68
3.2.1
Das Projekt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
69
3.2.2
Die Wertewelt-Studie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
69
3.2.2.1
Zehn Kernaussagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
70
3.2.2.2
Fünf Führungstypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
71
3.2.2.3
Der Weg in die Zukunft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
72
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
73
Teil II Führung heute – Was wird von Führungskräften erwartet?
4
Was ist Führung und was ist eine Führungskraft?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
77
4.1
Führung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
78
4.2
Führungskräfte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
79
4.2.1
Die Führungskraft als Vorgesetzter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
80
4.2.2
Die Führungskraft als Partner in sozialen Beziehungen . . . . . .
80
4.2.3
Die Führungskraft als Gestalter von
Unternehmensstruktur und -kultur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
81
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
82
5
Wie man Führungskraft wird – Das Casting. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
83
5.1
Eignungsdiagnostik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
85
5.2
Persönlichkeitstests. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
85
5.3
Assessment Center und Development Center. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
86
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
88
XII
Inhaltsverzeichnis
Teil III Motivation, Verantwortung, Haltung, Kommunikation –
Reflexionsfelder für personale Führung
6
Wie funktionieren Motivation und Motivierung?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
91
6.1
Theorien zur Motivation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
91
6.1.1
Begriffsklärungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
91
6.1.1.1
Motivation vs. Motivierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . .
92
6.1.1.2
Intrinsisch vs. Extrinsisch. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
93
6.1.2
Die Hierarchie der Bedürfnisse nach Maslow:
Von Luft und Liebe in die Selbstverwirklichung. . . . . . . . . . . .
93
6.1.2.1
Die Bedürfnisebenen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
95
6.1.2.2
Relevanz der Bedürfnistheorie von Maslow
für Führungskräfte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
98
6.1.3
Alderfer’s ERG-Theorie: Von der Frustrations-Regression
zur Befriedigungs-Progression. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
99
6.1.3.1
Die Thesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
99
6.1.3.2
Relevanz der Theorie von Alderfer für
Führungskräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
6.1.4
Bedürfnisse nach McClelland: Leistung,
Beziehung, Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
6.1.4.1
Das Modell. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
6.1.4.2
Relevanz der Theorie von McClelland für
Führungskräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
6.1.5
Herzberg’s Zwei-Faktoren-Theorie: Motivatoren und
Hygienefaktoren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
6.1.5.1
Das Modell. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
6.1.5.2
Relevanz der Zwei-Faktoren-Theorie von
Herzberg für Führungskräfte. . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
6.1.6
Prozesstheorien: Erwartungen, Ziele, Reaktanz und
Gerechtigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
6.1.6.1
Erwartungstheorien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
6.1.6.2
Zieltheorien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
6.1.6.3
Reaktanztheorie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
6.1.6.4
Gleichheitstheorie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
6.2
Anreizsysteme. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
6.2.1
Belohnung und Bedrohung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
6.2.1.1
Belohnung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
6.2.1.2
Bedrohung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
6.2.2
Leistungsabhängige Vergütung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
6.2.2.1
Steigerung des Unternehmenserfolgs durch
leistungsabhängige Vergütung?. . . . . . . . . . . . . . . . 109
XIII
Inhaltsverzeichnis
6.2.3
Lob vs. Anerkennung – Das Prinzip Augenhöhe. . . . . . . . . . . . 111
6.2.3.1
Wer lobt, schwingt sich auf. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
6.2.3.2
Loben ist kontraproduktiv. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
6.2.3.3
Anerkennung ist ein Grundbedürfnis. . . . . . . . . . . 113
6.2.3.4
Anerkennung statt Lob. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
6.3
Was können Führungskräfte tun?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
6.3.1
Leistungsverhalten verbessern. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
6.3.2
Leistungsbedingungen verbessern. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
6.3.3
Leistungsfähigkeit entwickeln. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
6.3.4
Leistungsbereitschaft fördern. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
7
Was bedeuten Verantwortung und Selbstverantwortung
für eine Führungskraft?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
7.1
Verantwortung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
7.2
Selbstverantwortung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
7.2.1
Wählen: Unsere guten Gründe erkennen. . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
7.2.2
Wollen: Change it, leave it or love it. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
7.2.3
Antworten: Unsere Sicht der Dinge. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
7.2.3.1
Konstruierte Wirklichkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
7.2.3.2
Verstehen ist unwahrscheinlich. . . . . . . . . . . . . . . . 136
7.2.3.3
Verantwortung für die Interaktionen
übernehmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
7.3
Commitment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
7.3.1
Rationale Angebote. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
7.3.2
Emotionale Angebote. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
7.3.2.1
Commitment entsteht in den Herzen der
Mitarbeiter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
7.3.2.2
Commitment – Tue es mit ganzem Herzen!. . . . . . 139
7.3.2.3
Wir tun es für uns!. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
7.4
Was können Führungskräfte tun?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
7.4.1
Mitarbeiter in die Selbstverantwortung führen!. . . . . . . . . . . . . 139
7.4.1.1
Führungsaufgabe: Loslassen. . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
7.4.1.2
Führungsaufgabe: Machen lassen. . . . . . . . . . . . . . 140
7.4.1.3
Führungsaufgabe Rahmenbedingungen
schaffen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
7.4.1.4
Führungsaufgabe Fehlerkultur . . . . . . . . . . . . . . . . 141
7.4.2
Vorbildfunktion? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
7.4.2.1
Fachliches Vorbild. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
7.4.2.2
Menschliches Vorbild. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
XIV
Inhaltsverzeichnis
7.4.3
Umgang mit selbstverantwortlichen Mitarbeitern. . . . . . . . . . . 142
7.4.3.1
Belohnung und Bestrafung vermeiden. . . . . . . . . . 143
7.4.3.2
Feedback und Konfrontation statt Kritik. . . . . . . . . 143
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
8
Kommunikation und Gesprächsführung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
8.1
Grundlagen der Kommunikation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
8.1.1
Was ist und wie funktioniert Kommunikation?. . . . . . . . . . . . . 146
8.1.2
Das Nachrichtenquadrat. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
8.1.3
Der vierohrige Empfänger. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
8.1.4
Das Modell der Kommunikationspsychologie. . . . . . . . . . . . . . 150
8.1.5
Das Teufelskreis-Schema. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
8.1.5.1
Das System Zweierbeziehung. . . . . . . . . . . . . . . . . 151
8.1.5.2
Der einfache Teufelskreis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
8.1.5.3
Horizontale Kommunikation. . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
8.2
Kommunikationsstile – Wer passt zu wem?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
8.2.1
Der bedürftig-abhängige Stil. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
8.2.2
Der helfende Stil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
8.2.3
Der selbstlose Stil. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
8.2.4
Der aggressiv-entwertende Stil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
8.2.5
Der sich beweisende Stil. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
8.2.6
Der bestimmend-kontrollierende Stil. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
8.2.7
Der sich distanzierende Stil. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
8.2.8
Der mitteilungsfreudig-dramatisierende Stil. . . . . . . . . . . . . . . 162
8.3
Transaktionsanalyse – Entscheiden Sie selbst,
ob Sie das Angebot annehmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
8.3.1
Die Ich-Zustände. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
8.3.1.1
Das Eltern-Ich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164
8.3.1.2
Das Kindheits-Ich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
8.3.1.3
Das Erwachsenen-Ich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
8.3.2
Das funktionale Ich-Zustandsmodell. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
8.3.2.1
Kritisches Eltern-Ich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
8.3.2.2
Nährendes Eltern-Ich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
8.3.2.3
Freies Kindheits-Ich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
8.3.2.4
Angepasstes Kindheits-Ich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
8.3.2.5
Rebellisches Kindheits-Ich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
8.3.2.6
Erwachsenen-Ich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168
8.3.3
Transaktionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
8.3.3.1
Komplementäre Transaktionen. . . . . . . . . . . . . . . . 169
8.3.3.2
Gekreuzte Transaktionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
8.3.3.3
Verdeckte Transaktionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
XV
Inhaltsverzeichnis
8.3.4
Grundpositionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
8.3.4.1
Bezugsrahmen, Grundbotschaften und
Grundüberzeugungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
8.3.4.2
Das Modell der vier Lebensanschauungen. . . . . . . 177
8.3.4.3
Umgang mit den Grundpositionen. . . . . . . . . . . . . 179
8.3.4.4
Re-Definieren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
8.3.4.5
Psychologische Spiele. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
8.4
Gesprächsführung verstehen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
8.4.1
Grundregeln wertschätzender Gesprächsführung . . . . . . . . . . . 184
8.4.2
Leitfaden Mitarbeitergespräche. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
8.4.2.1
Vorbereitung auf das Mitarbeitergespräch . . . . . . . 189
8.4.2.2
Gesprächseröffnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
8.4.2.3
Situationsanalyse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
8.4.2.4
Zielfindung und Zielvereinbarung. . . . . . . . . . . . . . 192
8.4.2.5
Maßnahmenplanung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
8.4.2.6
Abschluss und Bilanz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
8.5
Gesprächstechniken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
8.5.1
Überzeugend argumentieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
8.5.1.1
Auseinandersetzung mit Argumenten
unserer Gesprächspartner. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
8.5.1.2
Aufbau überzeugender Argumentation. . . . . . . . . . 197
8.5.2
Das Feedback-Gespräch. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198
8.5.2.1
Warum und wie soll Feedback gegeben
werden?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198
8.5.2.2
Führungskräfte-Feedback. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200
8.5.3
Small Talk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202
8.5.4
Sich gegen Angriffe wehren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
8.5.4.1
Schlagfertig sein. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
8.5.4.2
Zum produktiven Gespräch zurückkehren . . . . . . . 204
8.5.4.3
Manipulative Scheinargumente erkennen. . . . . . . . 206
8.5.4.4
Rhetorische Tricks durchschauen. . . . . . . . . . . . . . 206
8.5.4.5
Killerphrasen begegnen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
Teil IV Werte, Macht, Change, Arbeitsbeziehungen,
Gesundheit – Reflexionsfelder für die strukturelle Führung
9
Führen mit Werten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
9.1
Warum Führen mit Werten?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
9.2
Führungskräftebefragung 2016. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
XVI
Inhaltsverzeichnis
9.3
Führen mit Werten in der Bundeswehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
9.3.1
Auftragstaktik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
9.3.2
Koblenzer Entscheidungscheck. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
9.4
Das Parlament der Weltreligionen und das Projekt
Weltethos von Hans Küng. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
9.5
Die sieben Primärwerte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
9.5.1
Gerechtigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
9.5.1.1
Juristische Gerechtigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
9.5.1.2
Soziale Gerechtigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
9.5.1.3
Sich selbst gerecht werden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
9.5.2
Tapferkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
9.5.3
Maß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
9.5.4
Klugheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
9.5.5
Glaube und Vertrauen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
9.5.6
Hoffnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
9.5.7
Liebe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
10 Mikropolitik – Umgang mit Macht in Organisationen. . . . . . . . . . . . . . . . . 229
10.1 Mikropolitik im Unternehmensalltag. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
10.2 Grundlagen zum Verständnis von Mikropolitik im Unternehmen. . . . . . 231
10.2.1 Was ist Mikropolitik?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
10.2.2 Führung und Mikropolitik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
10.2.3 Unternehmensziele und Mikropolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
10.2.3.1
Anspruchsgruppen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
10.2.3.2
Formalziele. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
10.2.3.3
Kerngruppe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236
10.2.4 Mikropolitik als Ursache des Wandels. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236
10.3 Mikropolitische Analyse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
10.4 Mikropolitische Spiele. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
11 Changemanagement und Führen von Veränderungen. . . . . . . . . . . . . . . . . 247
11.1 Antriebskräfte des Wandels in Unternehmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
11.1.1 Wandel durch Strukturation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
11.1.2 Wandel durch Mikropolitik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
11.1.3 Wandel durch Anpassung an veränderte externe
Rahmenbedingungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
11.2 Management von Veränderungsprozessen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
11.2.1 Aufgabe von Changemanagement: Gestaltung der
Wandlungsprozesse im Unternehmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
11.2.2 Das Phänomen des Wandels – kaum gestellte Fragen. . . . . . . . 257
11.2.3 Wandlungsbedarf erkennen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
XVII
Inhaltsverzeichnis
11.2.4 Wandlungsfähigkeit analysieren und herstellen. . . . . . . . . . . . . 260
11.2.5 Wandlungsbereitschaft erzielen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260
11.2.6 Vorgehensmodell für Veränderungsprojekte . . . . . . . . . . . . . . . 262
11.3 Führung in Veränderungsprozessen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
11.3.1 Führungssysteme in Veränderungsprozessen. . . . . . . . . . . . . . . 268
11.3.1.1
Anreizsysteme. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
11.3.1.2
Personalentwicklungssysteme. . . . . . . . . . . . . . . . . 269
11.3.2 Personale Führung von Veränderungsprozessen. . . . . . . . . . . . 269
11.3.2.1
Lehren aus der Strukturationstheorie für die
personale Führung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
11.3.2.2
Führung als Richtungsgeber, Coach und
Moderator. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
11.3.2.3
Produktiver Umgang mit Widerstand. . . . . . . . . . . 271
11.3.3 Und die Führungskraft selbst?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
12.1 Industrielle Beziehungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
12.1.1 Arbeitsbeziehungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
12.1.2 Akteure. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
12.1.3 Employee Relations und Human Resource
Management. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
12.1.4 Employee-Relations-Policies. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
12.1.5 Vertrauenskultur und der Psychologische Vertrag. . . . . . . . . . . 282
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht . . . . . . . . . . . 284
12.2.1 Systematik des Arbeitsrechts. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285
12.2.1.1
Begriffe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285
12.2.1.2
Deutsches Arbeitsrecht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
12.2.2 Ebenen des Arbeitsrechts. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290
12.2.3 Individuelles Arbeitsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290
12.2.3.1
Arbeitsvertragsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291
12.2.3.2
Arbeitsschutzrecht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294
12.2.4 Kollektives Arbeitsrecht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297
12.2.5 Tarifvertragsrecht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 298
12.2.6 Betriebliche Mitbestimmung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302
12.2.6.1
Der Betriebsrat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
12.2.6.2
Aufgaben des Betriebsrats nach dem
Betriebsverfassungsgesetz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305
12.2.6.3
Kompetenzen des Betriebsrats bei der
Erfüllung seiner Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306
12.2.6.4
Mitwirkungsrechte des Betriebsrats
nach dem Betriebsverfassungsgesetz . . . . . . . . . . . 306
XVIII
Inhaltsverzeichnis
12.2.6.5
Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats –
wesentliche Mitbestimmungsfelder . . . . . . . . . . . . 307
12.2.6.6
Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats –
Verfahren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311
12.2.6.7
Betriebsvereinbarung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312
12.2.6.8
Einigungsstelle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312
12.2.6.9
Beispiel: Mitbestimmung bei der
Einführung von technischen Systemen. . . . . . . . . . 313
12.2.6.10 Gerichtsverfahren bei der Verletzung von
Mitbestimmungsrechten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315
12.2.6.11 Beispiel einer misslungenen SAP-Einführung. . . . 316
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319
13 Gesundheitsorientierte Führung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321
13.1 Leistungsminderung durch Krankheit, Beschwerden,
Probleme und Sorgen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321
13.1.1 Die Symptom-Perspektive. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
13.1.2 Ursachen für Leistungsminderung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
13.1.2.1
Faktoren im Untergrund. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
13.1.2.2
Auswirkungen von Erwartungen und Druck. . . . . . 325
13.2 Was können Unternehmen tun?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326
13.2.1 Gesetzliche Pflichten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327
13.2.1.1
Arbeitsschutzrecht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327
13.2.1.2
Gefährdungsbeurteilung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
13.2.1.3
Psychische Gefährdungsbeurteilung. . . . . . . . . . . . 329
13.2.2 Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF). . . . . . . . . . . . . . . . 330
13.2.3 Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM). . . . . . . . . . . . . 332
13.2.3.1
Die DIN SPEC 91020. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332
13.2.3.2
Was tun? BGM-Strategie als
Change-Prozess. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334
Teil V Fazit
14 Das Phänomen Führung – Herkunft und Ideologie heutigen
Führungsverständnisses. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339
14.1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung als
Resultat gesellschaftlicher Entwicklung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339
14.2 Warum die Menschen das mitmachen – Führung als
soziale Konstruktion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340
14.3 Was ist Führung und was ist eine Führungskraft?. . . . . . . . . . . . . . . . . . 341
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342
XIX
Inhaltsverzeichnis
15 Reflexionsfelder für die personale Führung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343
15.1 Motivation und Motivierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343
15.2 Verantwortung und Selbstverantwortung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345
15.3 Kommunikation und Gesprächsführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 346
16 Reflexionsfelder für die strukturelle Führung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347
16.1 Führen mit Werten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347
16.2 Mikropolitik – Umgang mit Macht in Organisationen . . . . . . . . . . . . . . 348
16.3 Changemanagement und Führen von Veränderungen. . . . . . . . . . . . . . . 349
16.4 Arbeitsbeziehungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350
16.5 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht . . . . . . . . . . . 351
16.6 Gesundheitsorientierte Führung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352
Sachverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355
XXI
Peter Berger ist Ingenieur und Politikwissenschaftler. Er ist
Professor an der HAW Hamburg und forscht zur Entwick-
lung von Führung und Management. Für sein Blended Lear-
ning Seminar „Mitarbeiterführung“ hat er den Hamburger
Lehrpreis erhalten. Er hat das „Forum Gute Führung“ im
Rahmen des gleichnamigen INQA-Projekts mit aufgebaut
und führt mit seiner Firma professore.de unter dem Label
„Good Leadership Practice“ Programme für die Führungs-
kräfteentwicklung durch.
Über den Autor
XXIII
Abb. 1.1
Das Arbeitspolitische Transformationsproblem. . . . . . . . . . . . . . . . . .
7
Abb. 1.2
Formen der Arbeitsteilung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
8
Abb. 1.3
Führungsgitter.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
33
Abb. 1.4
Glockenkurve.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
34
Abb. 2.1
Menschliches Verhalten in sozialen Systemen. . . . . . . . . . . . . . . . . . .
51
Abb. 3.1
Technisierung als Resultat gesellschaftlicher Entwicklung. . . . . . . . .
62
Abb. 3.2
Die falsche Darstellung der Digitalisierung als Subjekt. . . . . . . . . . . .
63
Abb. 4.1
Einflusssphären von Führungskräften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
78
Abb. 6.1
Das Atommodell der Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
92
Abb. 6.2
Maslow’sche Bedürfnispyramide. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
94
Abb. 6.3
Motivatoren und Hygienefaktoren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
Abb. 6.4
Leistungsabhängige Vergütung für Führungskräfte. . . . . . . . . . . . . . . 108
Abb. 6.5
Unternehmenserfolg durch leistungsabhängige
Managementvergütung?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
Abb. 6.6
Leistungsverhalten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
Abb. 6.7
Personalbeschaffung im Strategischen
Human Resource Management. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
Abb. 6.8
Personalentwicklung im Strategischen
Human Resource Management. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
Abb. 7.1
Wirklichkeitskonstruktion am Beispiel einer SAP-Einführung. . . . . . 135
Abb. 7.2
Der Commitment-Kreislauf. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
Abb. 8.1
Missverständnisse beim Kommunizieren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
Abb. 8.2
Das Nachrichtenquadrat. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
Abb. 8.3
Das Vier-Ohren-Modell. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
Abb. 8.4
Der einfache Teufelskreis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
Abb. 8.5
Beispiel: Misstrauischer Chef. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
Abb. 8.6
Horizontale Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
Abb. 8.7
Kommunikationsstile. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
Abb. 8.8
Die Ich-Zustände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164
Abb. 8.9
Das funktionale Ich-Zustandsmodell. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
Abbildungsverzeichnis
XXIV
Abbildungsverzeichnis
Abb. 8.10
Komplementäre Transaktion zwischen Eltern-Ich-Zuständen. . . . . . . 170
Abb. 8.11
Komplementäre Transaktion zwischen freien
Kindheits-Ich-Zuständen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
Abb. 8.12
Komplementäre Transaktion zwischen
Erwachsenen-Ich-Zuständen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
Abb. 8.13
Komplementäre Transaktion zwischen Kindheits-Ich
und nährendem Eltern-Ich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
Abb. 8.14
Gekreuzte Transaktion: Erwachsenen-Ich wird von
Eltern-Ich gekreuzt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
Abb. 8.15
Gekreuzte Transaktion: Erwachsenen-Ich wird von
Kindheits-Ich gekreuzt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
Abb. 8.16
Gekreuzte Transaktion: Erwachsenen-Ich wird von
Kindheits-Ich gekreuzt und als Komplementär-Transaktion
fortgesetzt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
Abb. 8.17
Gekreuzte Transaktion: Erwachsenen-Ich wird von
Eltern-Ich gekreuzt und als Komplementär-Transaktion
fortgesetzt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
Abb. 8.18
Gekreuzte Transaktion: Erwachsenen-Ich wird von
Kindheits-Ich gekreuzt und durch erneutes Kreuzen im
Erwachsenen-Ich fortgesetzt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
Abb. 8.19
Gekreuzte Transaktion: Erwachsenen-Ich wird von
Eltern-Ich gekreuzt und durch erneutes Kreuzen im
Erwachsenen-Ich fortgesetzt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
Abb. 8.20
Verdeckte Transaktion: Offen wird auf der Ebene des
Erwachsenen-Ichs kommuniziert, verdeckt wird im
Hintergrund ein Eltern-Kind-Angebot gemacht. . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
Abb. 8.21
Verdeckte Transaktion: Frage aus dem Erwachsenen-Ich,
verdeckt ein Eltern-Kind-Angebot das wird angenommen wird. . . . . 176
Abb. 8.22
Vorgehensmodell für Mitarbeitergespräche. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
Abb. 8.23
Auf die Perspektive kommt es an!. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
Abb. 8.24
Der blinde Fleck. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
Abb. 8.25
Beispiel: Kriterien für ein Führungskräfte-Feedback in
einer Behörde. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202
Abb. 9.1
Relative Rangfolge zentraler Wertebegriffe 2010–2016.. . . . . . . . . . . 216
Abb. 10.1
Einfluss von Mikropolitik auf die Ziele der
Anspruchsgruppen und die Bildung der Formalziele. . . . . . . . . . . . . . 234
Abb. 10.2
Mikropolitik als Ursache des Wandels. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
Abb. 11.1
Modell der Strukturation.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
Abb. 11.2
Wandel durch externe Rahmenbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
Abb. 11.3
Aufgaben von Changemanagement. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
Abb. 11.4
Wandlungsbedarf – Wandlungsfähigkeit –
Wandlungsbereitschaft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
XXV
Abbildungsverzeichnis
Abb. 11.5
Projektmanagement.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262
Abb. 11.6
Changemanagement in den Projektphasen.. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
Abb. 12.1
Arbeitsbeziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
Abb. 12.2
Akteure industrieller Beziehungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
Abb. 12.3
Gestaltung von Employee Relations durch das
Human Resource Management. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
Abb. 12.4
Begriffe im Arbeitsrecht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285
Abb. 12.5
Deutsches Arbeitsrecht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
Abb. 12.6
Ebenen des Arbeitsrechts. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290
Abb. 12.7
Individuelles Arbeitsrecht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291
Abb. 12.8
Pflichten aus dem Arbeitsverhältnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
Abb. 12.9
Grundsätze des Arbeitsschutzrechts. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
Abb. 12.10
Kollektives Arbeitsrecht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297
Abb. 12.11
Klassifizierung von Tarifverträgen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 298
Abb. 12.12
Phasen des Arbeitskampfes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301
Abb. 12.13
Personelle Angelegenheiten nach dem
Betriebsverfassungsgesetz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310
Abb. 12.14
Regelungsweg bei Mitbestimmungsfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312
Abb. 13.1
Die Symptom-Perspektive. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323
Abb. 13.2
Die Gründe im Untergrund. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
Abb. 13.3
Ursachen und Folgen von Präsentismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325
Abb. 13.4
Menschen im Unternehmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327
Abb. 13.5
Gefährdungsbeurteilung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329
XXVII
Tab. 1.1
Managementansätze unter den Bedingungen industrieller
Arbeitsteilung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
24
Tab. 1.2
Menschenbilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
25
Tab. 1.3
Theorien über den Menschen von McGregor. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
28
Tab. 1.4
Transformale Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
35
Tab. 9.1
Bedeutung der erhobenen Werte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216
Tab. 9.2
Bedeutung der Selbstbild-Kategorien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
Tab. 10.1
Akteure und ihre Ansprüche nach dem Anspruchsgruppenkonzept. . . . 235
Tab. 10.2
Akteure und ihre Handlungspotenziale nach dem Konzept
der Mikropolitik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
Tabellenverzeichnis
Teil I
Verständnis von Führung – Wer führt wen,
warum, wozu und wohin?
3
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018
P. Berger, Praxiswissen Führung, https://doi.org/10.1007/978-3-662-50527-4_1
Zusammenfassung
Wie gearbeitet und wie geführt wird, hängt von den wirtschaftlichen, politischen,
rechtlichen und kulturellen Rahmenbedingungen ab, in denen Menschen zusammen-
leben. Arbeit ist von Natur aus eine typisch menschliche Tätigkeit. Sie ist die konsti-
tuierende Größe der Gesellschaftlichkeit des Menschen – auch wenn die Bedingungen
heutiger Erwerbsarbeit dieses Grundbedürfnis kaum befriedigen. Unsere Menschen-
bilder und damit auch unsere Führungsleitbilder sind im Zuge der fortschreitenden
gesellschaftlichen Entwicklung entstanden. Die Umwälzung der Arbeitsorganisation
durch Taylor’s „Wissenschaftliche Betriebsführung“ hat die Kaste des Managements
hervorgebracht, der sich das wachsende Heer der Lohnarbeiter im Zuge der Industri-
alisierung unterzuordnen hatte. Dort und in den nachfolgenden Managementtheorien,
Menschenbildern und Führungsstilen liegen die Wurzeln des heutigen Führungsver-
ständnisses. Mehrere Paradigmenwechsel wurden im Verlauf der Geschichte der Füh-
rung seit Beginn der Industriealisierung vollzogen – von der strikten Kontrolle der
Arbeitsschritte im Taylorismus über die motivationsorientierten Managementansätze
bis hin zu den heute noch aktuellen System- und Interaktionsansätzen.
1.1
Organisation und Macht – Führungsansätze im Laufe der
Geschichte
Je nach den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen werden Strukturen und Kultu-
ren herausgebildet, die spezifische Machtressourcen und damit spezifische Formen von
Führung hervorbringen.
Um die Entstehung heutiger Formen von Führung besser verstehen zu können,
müssen wir uns also die Entstehung dieser Machressourcen, insbesondere die damit
Wie es dazu kam – Die Entstehung von
Führung als Resultat gesellschaftlicher
Entwicklung
1
4
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
zusammenhängende Organisation von Arbeit, vor Augen führen. Wie die Arbeit in der
Gemeinschaft organisiert wird, ist ein wesentliches Merkmal einer Gesellschaft. Welche
Werkzeuge, Techniken und Methoden die Menschen verwenden, hängt unmittelbar damit
zusammen.
In einem kurzen Überblick wird im Folgenden der Frage nachgegangen, welche For-
men der Arbeitsteilung aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung historisch notwen-
dig waren und welche Führungsformen daraus entstanden.
Arbeitsorganisation, Technik, Wissenschaft, Kultur
Arbeitsorganisation, Technik, Wissenschaft und Kultur stellen zusammen die entscheidenden
Machtressourcen dar, auf deren Grundlage sich Gesellschaften und mit ihnen die jeweils spezifi-
sche Art und Weise von Führung und Management entwickeln.
Bestimmte technische und wissenschaftliche Entwicklungslinien entstehen in bestimmten
gesellschaftlichen Zusammenhängen. Sie basieren meist nicht auf Einzelerfindungen, sondern
setzen das um, was durch Organisation bereits vorgeprägt ist und wofür in speziellen Situationen
Bedarf besteht. So gab die Aufteilung der Berechnungsschritte bei der Entwicklung der ersten
Atombomben in den USA im „Manhattan Project“ – die Frauen an den Rechenmaschinen wur-
den lange vor der Entwicklung elektronischer Rechner „Computer“ genannt – den entscheidenden
Anstoß zur Automatisierung der Abarbeitung der Rechenschritte. John von Neumann, ein Mit-
arbeiter im Manhattan Project, entwickelte das Prinzip des Universalrechners, welches bis heute
Grundlage unserer Computertechnik ist (vgl. Berger 1991).
Technik ist nicht etwa nur angewandte Wissenschaft. Vielmehr entstehen technische und wis-
senschaftliche Entwicklungslinien gemeinsam und befruchten sich gegenseitig. So wurde die
Dampfmaschine gebaut, bevor die theoretischen Zusammenhänge der Dampfkraft wissenschaftlich
erforscht worden waren. Erst mit Versuchen an existierenden Dampfmaschinen konnte die Ther-
modynamik als Wissenschaft begründet werden.
1.1.1
Jäger und Sammler – Gesellschaftliche Arbeitsteilung
Bereits vor ca. 300.000 Jahren wurde von Menschen gemeinschaftlich Arbeit verrichtet.
Es ging um Nahrung für die Gruppe, gemeinschaftlichen Schutz vor Feinden und Natur-
gewalten, Sicherung des Fortbestandes der Gruppe usw.
Um die Arbeit zu planen, mussten Absprachen über gemeinsames Vorgehen getrof-
fen werden, z. B. für die Vorratshaltung und die Jagd. Je detaillierter die Versorgung
der Gruppe geplant werden konnte, desto größer waren in der Regel die Möglichkeiten
der Gruppenmitglieder, sich auf einen Teil der hierzu notwendigen Arbeit zu speziali-
sieren. Spezialisierung erfordert aber Vertrauen: Der Produktivitätsgewinn einer Treib-
jagd, erwuchs aus der Arbeitsteilung zwischen Treibern und Jägern. Die Treiber konnten
aufgrund der gemeinsamen Arbeitsplanung sicher sein, ihren Beuteanteil zu erhalten,
obwohl sie kein Stück Wild erlegten, sondern es im Gegenteil von sich wegtrieben. Mit
differenzierterer gesellschaftlicher Arbeitsteilung und damit verbundener Spezialisierung
stieg also die Produktivität der Gesamtarbeit, und die Anzahl der Gruppenmitglieder
konnte ohne Nachteile wachsen.
Bereits in den Urgesellschaften gab es also gesellschaftliche Arbeitsteilung und Ver-
trauen war schon von Beginn an ein Katalysator für Produktivität.
5
Gesellschaftliche Arbeitsteilung
Unter gesellschaftlicher Arbeitsteilung wird die Aufteilung von Produktionszweigen in ver-
schiedene Gewerbe verstanden. Im Gegensatz dazu zerlegt die industrielle Arbeitsteilung
(Abschn. 1.1.5) die Arbeit systematisch in begrenzte Verrichtungen innerhalb eines einzelnen Her-
stellungsprozesses (vgl. Braverman 1985, S. 64).
Die Aneignung des technischen und planerischen Wissens erfolgte in den Gesellschaften
der Jäger und Sammler gemeinschaftlich durch unmittelbare Arbeitserfahrung. Auch bei
zunehmender Spezialisierung war das Arbeits- und Technikwissen Allgemeingut. Ledig-
lich die Ausübung von Ritualtechniken war einer Oberkaste von Schamanen vorbehalten.
1.1.2
Agrargesellschaften – Quantitatives Denken und
Zahlensymbole
Zeugnisse von Sesshaftigkeit und der planvollen Nutzung des Bodens stammen etwa aus
dem Jahre 10.000 v. Chr. Die damit entstandenen neuen Gesellschaftsformen unterschie-
den sich grundsätzlich von denen der Jäger und Sammler: Nicht mehr die bloße Nutzung
der Naturgüter, sondern ihre planvolle Gestaltung war das Kennzeichen dieser Gesell-
schaften. Über längere Zeiträume hinweg mussten Anteile der Ernte für die neue Aussaat
eingeplant und die Jahreszeiten genauer bestimmt werden.
Agrartechniken, quantitatives Denken und Planungsmethoden wurden verfeinert und
optimiert. Mit dem Beginn der landwirtschaftlichen Produktion ging darum auch die
Entwicklung erster Zahlensymbole einher, mit denen die Kerbzählung abgelöst wurde.
Allerdings war zu diesem Zeitpunkt quantitatives Denken von einer generellen Abstrak-
tion noch weit entfernt. „Die größten benutzten Zahlenwerte entsprachen der Anzahl der
Menschen in der Gemeinschaft oder waren sogar kleiner …“ (Lindner et al. 1984, S. 19).
Die Aneignung quantitativen Denkens und die Nutzung von Zahlensymbolen erfolgte
in der beginnenden Agrargesellschaft immer noch gemeinschaftlich, brachte also in der
Regel kein Herrschaftswissen hervor.
1.1.3
Stellvertretende Gesellschaftsplanung – Von Stadtstaaten
und Großreichen bis zum Beginn des Industriekapitalismus
Ab etwa 5000 v. Chr. wurden Stadtstaaten und Großreiche gebildet, deren Einwohner-
zahlen die Grenzen unmittelbar erfahrbarer Quantitäten überstiegen (vgl. Lindner et al.
1984, S. 21 ff.) Dabei entstand der Anspruch auf stellvertretende Planung der Geschi-
cke dieser Gesellschaften durch die jeweiligen Oligarchien. Hier mussten u. U. Hun-
derttausende von Menschen versorgt sowie zur Kriegführung und für die Bewältigung
wirtschaftlicher und religiöser Großprojekte organisiert werden (Bewirtschaftung des
Nildeltas, Pyramidenbau).
1.1 Organisation und Macht – Führungsansätze im Laufe der Geschichte
6
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
Im Zusammenhang mit der zentralen Planung entwickelte sich das Denken in verein-
fachten Modellen weiter und es wurden angemessene Organisations-und Verwaltungs-
techniken hervorgebracht. In der zentralen stellvertretenden Planung haben damit auch die
Methoden von Standardisierung, Quantifizierung und Kontrolle ihren Ursprung. Kontrolle
bedeutet hier auch die Nachvollziehbarkeit von wirtschaftlichen Prozessen, also „Buch-
führung“. Es bildete sich als Notwendigkeit dieser Gesellschaftsform eine Führungselite,
die die Produktivität weiter steigerte und sich selbst laufend weiter vergrößerte.
Mit dem Beginn zentraler stellvertretender Planung von gesellschaftlichen Prozessen
wurden Organisation und Technik damit nicht nur in den Dienst der eigentlichen Aufga-
benbewältigung gestellt. Sie zielten darüber hinaus auf Machterhalt, zahlenmäßige Aus-
weitung und weitere Ausdifferenzierung dieser Führungselite. Organisation und Technik
wurden hier erstmals im gesellschaftlichen Maßstab zum Herrschaftsinstrument.
Mit dem Allmachtsanspruch von Kirche und Adel im Mittelalter und der enormen
Ausweitung der Machtressourcen in aufstrebenden Handelsunternehmen im Europa der
Neuzeit wurde der Anspruch auf Führung und Unterwerfung als gottgegeben postuliert
und vom Volk auch weitestgehend so anerkannt. Ein äußerlicher Bruch entstand durch
die Bauernkriege und später dann durch das revoltierende Bürgertum und den beginnen-
den Industriekapitalismus ab Ende des 18 Jahrhunderts. Damit einher ging die völlige
Neukonstruktion der Erwerbsarbeit und die industrielle Teilung der Arbeit. Diese wie-
derum brachte ein neues Verständnis von Führung als Transformationsgröße zwischen
Arbeitsvermögen und Arbeitsleistung hervor.
1.1.4
Entwicklung der Erwerbsarbeit – Führung als
Transformationsfaktor zwischen Arbeitsvermögen und
Arbeitsleistung
Arbeit ist typische menschliche Tätigkeit der Auseinandersetzung mit der äußeren Natur.
Sie ist zweckgerichtet und planvoll, und sie ist konstituierende Größe der Gesellschaft-
lichkeit des Menschen (vgl. Hartfiel und Hillmann 1982, S. 32 f.).
Die Spinne webt, der Bär fischt, der Biber baut Dämme und Behausungen, der Mensch
dagegen ist gleichzeitig Weber, Fischer, Baumeister und tausenderlei mehr, wobei alles
derart miteinander verbunden ist, daß bald eine gesellschaftliche Aufteilung in einzelne
Gewerbe unumgänglich wird – denn dies alles spielt sich in einer Gesellschaft ab und ist nur
durch sie möglich. Kein Einzelwesen der Spezies Mensch kann für sich allein ‘nach dem
Maß der species produzieren’ und Maßstäbe erfinden, wie kein Tier sie kennt, dazu ist viel-
mehr nur die Art insgesamt in der Lage, zum Teil mit Hilfe der gesellschaftlichen Arbeitstei-
lung. Somit ist die gesellschaftliche Arbeitsteilung offensichtlich dem Gattungscharakter der
menschlichen Arbeit inhärent, sobald diese zu gesellschaftlicher Arbeit wird, d.h. sobald sie
in einer und durch eine Gesellschaft geleistet wird (Braverman 1985, S. 64).
Mit der beginnenden Industrialisierung wurde es zum Grundproblem der Kapitalbesitzer,
dass zwar Boden und Kapital gekauft werden können, aber keine „reine“ Arbeit. Was der
7
Unternehmer „kauft“ bzw. „mietet“, ist das Arbeitsvermögen, welches aber untrennbar
mit dem Menschen, dem es gehört, verbunden ist. Die große Frage ist nun, wie man das
Arbeitsvermögen, das ja dem Menschen selbst gehört, in Arbeit und Leistung umwan-
delt, die dem Unternehmen zugute kommt.
Diese Fragestellung nennt man auch das „arbeitspolitische Transformationspro-
blem“ (Abb. 1.1). Arbeitspolitisch wird es deshalb genannt, weil aus den verschiedenen
Lösungsvarianten, die im Verlauf der Geschichte der Wirtschaftssysteme versucht wur-
den, prägende Auseinandersetzungen zwischen Arbeit und Kapital hervorgingen.
Wenn das Arbeitsvermögen eines Menschen per Arbeitsvertrag für ein bestimmtes
Entgelt dem Unternehmer zur Verfügung gestellt wird, muss im Unternehmen dafür
gesorgt werden, dass dieses Arbeitsvermögen in Leistung umgesetzt wird. Dies geschieht
zum einen als „Strukturelle Führung“ (Kap. 4), also durch die technischen Systeme und
Prozesse, in denen gearbeitet wird sowie durch die Organisation der Arbeit und durch
Strukturen und die Kultur, die im Unternehmen herrschen. Zum anderen braucht man
im aufstrebenden Industriekapitalismus auch immer mehr Menschen, die als „Manager“
dafür verantwortlich sind, dass das Arbeitsvermögen in Leistung für das Unternehmen
umgesetzt wird. Dieser Teil der Führung wird „Personale Führung“ genannt.
Führungskräfte sind im Kern für die Transformation des Arbeitsvermögens der
Arbeitskräfte in tatsächliche Arbeit und Leistung zuständig.
1.1.5
Industrielle Arbeitsteilung
Über Arbeitsteilung zu reden, scheint antiquiert und in die Zeit der Dampfkraft zu gehö-
ren. Um Begriffsverwirrungen zu vermeiden, ist es aber gerade im Zusammenhang mit
Arbeit/Leistung
Technologie, Organisation, Kultur
Technologie, Organisation, Kultur
Interaktionale
Führung
Macht,
Kontrolle
Motivation,
Konsensus
Arbeitsvermögen
Führung als
Transformationsfunktion
Abb. 1.1 Das Arbeitspolitische Transformationsproblem
1.1 Organisation und Macht – Führungsansätze im Laufe der Geschichte
8
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Phänomen Führung unerlässlich, die
unterschiedlichen Arten von Arbeitsteilung zu unterscheiden, denn an ihnen misst sich
die Art und Weise, in der Führung und Management vollzogen werden.
Arbeitsteilung geschieht in zwei Stufen:
1. Der Arbeitsprozess wird in einzelne Arbeitsgänge zerlegt.
2. Die Teilarbeiten werden auf verschiedene Personen aufgeteilt, die künftig nur noch
dieselbe Teilarbeit ausführen und sich so spezialisieren können.
Je nach Umfang der Arbeitsgänge und nach den Personen(gruppen), die die Teilarbei-
ten ausführen, können verschiedene Formen von Arbeitsteilung unterschieden werden
(Abb. 1.2).
So entstand eine Handwerkliche Arbeitsteilung quasi naturwüchsig aus der Speziali-
sierung auf bestimmte Berufe. Auch die Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land ergibt
sich aus bestimmten Ausdifferenzierungen, die in jeder Gesellschaftsform vonstat-
tengehen, während eine Geschlechterspezifische Arbeitsteilung eher als eine Frage der
jeweiligen Kultur und historischen Entwicklungsstufe angesehen werden muss. Die
Internationale Arbeitsteilung tritt uns heute tagtäglich gegenüber, z. B., wenn wir tanken
und wenn wir billige Kleidung kaufen, die in Bangladesch produziert wurde.
Die Industrielle Arbeitsteilung ist eine Sonderform, die erst mit der industriellen Fab-
rikarbeit entstand. Damit wird eine Teilung der Arbeit in Einzelaufgaben innerhalb eines
Arbeitsprozesses bezeichnet. In der Industriellen Arbeitsteilung werden die Arbeitskräfte
Arbeitsteilung
Handwerkliche
Arbeitsteilung
Geschlechterspezifische
Arbeitsteilung
Arbeitsteilung zwischen
Stadt und Land
INDUSTRIELLE
ARBEITSTEILUNG
HORIZONTALE ARBEITSTEILUNG
Fordismus
• Zerlegung des Arbeitsprozesses in
Teilprozesse; ein Arbeiter führt nur
noch kleinste Arbeitsschritte aus
• Kennzeichen: Fließband
VERTIKALE ARBEITSTEILUNG
Taylorismus
• Trennung von Hand- und Kopfarbeit
• Manager planen und kontrollieren die
Arbeitsschritte; Arbeiter führen die
Arbeitsschritte genau nach Plan aus
• Kennzeichen: Standardisierung
Territoriale/Internationale
Arbeitsteilung
Abb. 1.2 Formen der Arbeitsteilung
9
zu „Detailarbeitern“ (vgl. Braverman 1985, S. 63 ff.). Zwei grundsätzlich verschiedene
Kategorien der Industriellen Arbeitsteilung lassen sich unterscheiden:
• Die horizontale Arbeitsteilung findet im „Fordismus“ ihre Ausprägung, Stichwort:
Fließbandarbeit.
• Die vertikale Arbeitsteilung ist als „Taylorismus“ bekannt. Stichwort: Trennung von
Hand- und Kopfarbeit.
1.1.5.1 Horizontale Arbeitsteilung
Horizontale Arbeitsteilung ist gekennzeichnet von einer Zerlegung der Arbeitspro-
zesse in kleinste Arbeitsschritte. Diese Zergliederung geht weit über die handwerkliche
Arbeitsteilung hinaus. Die Arbeitsschritte werden so aufgeteilt, dass eine Spezialisierung
für einzelne Tätigkeitssegmente bei den ausführenden Arbeitskräften eintritt. Dadurch
entstehen meist unqualifizierte, repetitive Teilarbeiten. Das technologische Synonym für
die horizontale Arbeitsteilung ist das Fließband, welches Henry Ford in der Autoproduk-
tion erstmalig im industriellen Maßstab einsetzte.
Charles Babbage, Ökonom und Entwickler erster mechanischer Rechenmaschinen,
formulierte vor mehr als 180 Jahren bereits den ökonomischen Kern der horizontalen
Arbeitsteilung, nämlich die mit der Aufspaltung der Arbeit in kleinste Arbeitsschritte
möglich gewordene Lohndifferenzierung:
…doch scheint es mir, daß jeder Versuch, den niedrigen Preis von Fabrikwaren als eine Folge
der Arbeitsteilung zu erklären, unvollständig wäre, wollte man es unterlassen, das folgende
Prinzip anzuführen. Daß nämlich der industrielle Unternehmer durch Aufspaltung der auszu-
führenden Arbeitsgänge, von denen jeder einen anderen Grad an Geschicklichkeit oder Kraft
erfordert, gerade genau jene Menge von beidem kaufen kann, die für jeden dieser Arbeits-
gänge notwendig ist; wogegen aber, wenn die ganze Arbeit von einem einzigen Arbeiter
verrichtet wird, dieser genügend Geschicklichkeit besitzen muss, um die schwierigste, und
genügend Kraft, um die anstrengendste dieser Einzeltätigkeiten, in welche die Arbeit zerlegt
worden ist, ausführen zu können (Babbage 1833, S. 175; zitiert nach Braverman 1985, S. 70)
Durch das Prinzip der Lohndifferenzierung durch horizontale Arbeitsteilung konnte sich
auch die Kinderarbeit in der Fabrik im großen Stil ausbreiten.
1.1.5.2 Vertikale Arbeitsteilung
Vertikale Arbeitsteilung ist gekennzeichnet durch die Trennung von Planung und Aus-
führung der Arbeit. Dadurch kommt es zu einer Verlagerung des Arbeitswissens vom
Arbeiter zum Management, welches alle Arbeitsschritte plant und die Ausführung durch
die Arbeitskräfte umfassend kontrolliert. Das organisatorische Synonym für die vertikale
Arbeitsteilung ist die Wissenschaftliche Betriebsführung, nach ihrem Schöpfer, Frederick
Winslow Taylor, Taylorismus genannt.
1.1 Organisation und Macht – Führungsansätze im Laufe der Geschichte
10
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
Taylorismus basiert auf der Trennung von Hand- und Kopfarbeit. Taylor selbst
beschreibt die Mechanismen der vertikalen Arbeitsteilung so:
Den Leitern fällt es zu, all die überlieferten Kenntnisse zusammenzutragen, die früher
Alleinbesitz der einzelnen Arbeiter waren, sie zu klassifizieren und in Tabellen zu bringen,
aus diesen Kenntnissen Regeln, Gesetze und Formeln zu bilden, zur Hilfe und zum Besten
des Arbeiters bei seiner täglichen Arbeit (Taylor 1983, S. 33).
Alle Kopfarbeit unter dem alten System wurde von dem Arbeiter mit geleistet und war
Resultat seiner persönlichen Erfahrung. Unter dem neuen System muss sie notwendiger-
weise von der Leitung getan werden in Übereinstimmung mit wissenschaftlich entwickelten
Gesetzen. (…) Es ist also ohne weiteres ersichtlich, dass in den meisten Fällen ein besonde-
rer Mann zur Kopfarbeit und ein ganz anderer zur Handarbeit nötig ist (Taylor 1983, S. 40).
Nur durch zwangmäßige Einführung einheitlicher Arbeitsmethoden, durch zwangmäßige
Einführung der besten Arbeitsgeräte und Arbeitsbedingungen, durch zwangmäßiges Zusam-
menwirken von Leitung und Arbeitern kann ein schnelleres Arbeitstempo gesichert werden.
Die zwangmäßige Einführung all dieser Dinge kann aber selbstredend nur Sache der Lei-
tung sein (Taylor 1983, S. 86 f.).
1.1.6
Taylorismus – Die Geburtsstunde des Managements
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Alfred A. Neumann: „Mein lieber Herr Autor, jetzt muss ich mich erstmalig zu Wort
melden. Ich darf mich kurz vorstellen: Ich bin Facharbeiter bei einem Chemieunter-
nehmen, 48 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Kinder. Ich bin sehr interessiert an
den hier aufgeworfenen Fragen und werde mich öfter mal dazu äußern.
Also, lieber Autor, jetzt kommen Sie mir schon seitenlang mit Ihren historischen
Ergüssen. Was hat das denn mit moderner Führung zu tun? Warum sollten wir uns in
Zeiten der „Digitalisierung“ und der „Demokratisierung des Arbeitslebens“ noch mit
Taylorismus beschäftigen? Gehört der nicht zu der schmutzigen Industriearbeit, die
wir in unseren postindustriellen westlichen Gesellschaften schon längst überwunden
haben?“
Autor: „Lieber Herr Neumann, wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Zukunft
nicht gestalten. Wenn ich Ihnen heute mit „Taylorismus“ komme, denken Sie natür-
lich gleich an Fließbänder oder assoziieren das mit anderen „Ismen“, Feudalismus,
Kommunismus, Katholizismus usw. Frederick Winslow Taylor hat das Fließband
nicht erfunden. Aber einen „Ismus“, den Taylorismus, hat er tatsächlich geschaffen.
Von den 1920er Jahren an fand sein System der „Wissenschaftlichen Betriebsfüh-
rung“, mit welchem die Handarbeit von der Kopfarbeit getrennt wurde, weltweite
Verbreitung – auch in der neu erstandenen Sowjetunion, in der der Glaube an die
Steuerbarkeit der Menschen besonders ausgeprägt war.
11
Taylorismus ist die Wurzel des modernen Managements, aus ihr ist überhaupt erst
die „Personalfunktion“, die von Personalmanagement und personalen Führungskräf-
ten gleichermaßen wahrgenommen wird, entstanden.
Täuschen wir uns nicht, eine tayloristische Grundstimmung ist auch heute noch in
vielen Köpfen vorhanden und beeinflusst den Umgang mit den Menschen im Unter-
nehmen. Auch wenn moderne Führungsgrundsätze vorhanden sind, wenn wertschät-
zend kommuniziert wird und der Chef eventuell sogar „gewählt“ wird, bleibt das
Bedürfnis und vielfach auch die Notwendigkeit, Menschen in entfremdeten Arbeits-
prozessen zu kontrollieren und zu steuern, sie anzuweisen und durch Belohnungen zu
mehr Leistung anzureizen. Wenn wir Führung wirklich verstehen wollen, müssen wir
uns mit bis heute relevanten Prinzipien der wissenschaftlichen Betriebsführung von
Frederick Winslow Taylor auseinandersetzen.“
1.1.6.1 Die Ausgangslage – (Arbeits-)Wissen ist Macht
Stellen Sie sich ein Industrieunternehmen um 1870 vor, z. B. ein Stahlwerk: Subkon-
traktoren – meist gelernte Handwerker – beschäftigten jeweils ein Heer von Ungelern-
ten, Frauen, Kindern und Pferden in ihren Gewerken. Ein Subkontraktor bekam für jede
Tonne produzierten Eisens einen bestimmten Betrag, von dem er dann seine Zuarbeiter
bezahlte. Diese Untervertragssysteme brachten vielfältige Probleme mit sich: unregelmä-
ßige Produktion, ungewisse Qualität, Unterschlagung usw. Das Hauptproblem aber war,
dass der Produktionsprozess selbst völlig unter der Kontrolle der fachlich versierten Sub-
kontraktoren stand, die ihre eigenen Methoden, Faustregeln und Werkzeuge mit in die
Fabrik brachten. Fabrikbesitzer, die die Produktion erhöhen oder bessere Technologien
einführen wollten, rannten bei den Subkontraktoren gegen Mauern an.
Taylor entwickelte nun ein System der Betriebsführung, in dem die Arbeit selbst neu
organisiert wurde, und zwar quer zur alten Handwerkstradition. Es ging ihm darum, den
Fabrikherren die Kontrolle über den Produktionsprozess zu ermöglichen.
1.1.6.2 Taylors Lebensaufgabe – Unterbindung der systematischen
Bummelei
Taylors erklärte Lebensaufgabe war die Unterbindung der „systematischen Bummelei“ der
Arbeiter (vgl. Berger 1991): Aus einer wohlhabenden Familie stammend, machte er eine
Handwerkerlehre und nahm dann eine Stelle als Arbeiter in den Midvale-Stahlwerken an,
die Freunden seiner Eltern gehörten. Er wurde dann bald Meister in der Dreherei. Nach eini-
ger Zeit kam es zu einer Auseinandersetzung mit den ihm unterstellten Drehern, die mehrere
Jahre andauerte. Es ging darum, dass es Absprachen unter den Drehern gab, wie viele Teile
sie pro Tag maximal produzierten. Diese Absprachen kannte Taylor aber aus seiner Zeit als
einfacher Dreher selbst noch sehr gut. Von nun an sah er seine Aufgabe darin, dieser „syste-
matischen Bummelei“, wie er es nannte, ein Ende zu setzen. Es wurde sein Lebensziel, Inst-
rumente zu finden, mit denen der Fabrikbesitzer dieser Leistungszurückhaltung der Arbeiter
1.1 Organisation und Macht – Führungsansätze im Laufe der Geschichte
12
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
begegnen und „a fair day’s work“ erzielen konnte. Dabei verstand er die Beweggründe der
Dreher für ihre alltägliche Arbeitszurückhaltung genau:
…unter dem Stücklohnsystem ist die Kunst des systematischen ‚Sich-Drückens‘ vollkom-
men entwickelt. Hat erst ein Arbeiter erlebt, dass der Lohn pro Stück zwei oder dreimal
herabgesetzt wurde als Folge davon, dass er angestrengter gearbeitet und seine tägliche Pro-
duktion erhöht hatte, so wird er wahrscheinlich jedes Verständnis für den Standpunkt des
Arbeitgebers verlieren und den festen Vorsatz fassen, keine weiteren Lohnerniedrigungen
mehr zuzulassen, wenn er sie irgendwie durch Zurückhalten mit der Arbeit verhindern kann
(Taylor 1983, S. 23).
1.1.6.3 Taylors Lebenswerk – Standardisierung und vertikale
Arbeitsteilung
Taylor erkannte, dass die Grundlage der Fähigkeit der Arbeiter, ihre Arbeitsleistung
zurückzuhalten, ihr eigenes Arbeitswissen war. Nur sie kannten zu Taylors Zeiten die
Arbeitsverfahren, die erforderlichen Werkzeuge und „Daumenregeln“, mit denen funk-
tionsfähige Produkte herzustellen waren. Der Fabrikherr konnte lediglich von außen auf
den Arbeitsprozess durch Anreize oder Sanktionen einwirken.
Diese wirre Masse von Faustregeln und ererbten Kenntnissen kann man füglich das größte
Gut eines jeden Handwerkstreibenden nennen. Die Leiter der besten Betriebe nach alther-
gebrachter Form erkennen freimütig an, dass ihre 500 oder 1000 Arbeiter, die auf 20 bis 30
Handwerksarten verteilt sind, diese Menge von ererbten Kenntnissen ihr eigen nennen, wäh-
rend sie der Leitung selbst fremd sind (Taylor 1983, S. 33).
Taylor sah den einzig möglichen Weg, die alltägliche Arbeitszurückhaltung nachhal-
tig zu unterbinden darin, den Arbeitsprozess zu studieren, Arbeiten aufzuteilen und
neu wieder zusammenzusetzen und damit den Arbeitern letztlich die Entscheidungsge-
walt über die Arbeitsmethoden und -werkzeuge zu nehmen. Damit wurde die vertikale
Arbeitsteilung – die Trennung von Planung und Ausführung – zum beherrschenden
Prinzip der Arbeitsorganisation in den folgenden Jahrzehnten. Bei der Idee der vertika-
len Arbeitsteilung ging es somit in erster Linie um die Machtfrage. Und erst auf dieser
Grundlage diente sie dem ökonomischen Vorteil des Fabrikbesitzers.
Während also zu Beginn der Industrialisierung der Arbeitsprozess und seine Organi-
sation noch in der Hand der Arbeiter und Subkontraktoren lag, begann mit dem Taylor-
System der „Wissenschaftlichen Betriebsführung“ eine beispiellose Standardisierung der
Arbeitsgänge, die dann in der Folge die genaue Vorgabe der einzelnen Arbeitsschritte,
deren minutiöse Kontrolle und später dann eine Automatisierung durch den Einsatz von
Maschinen erlaubte.
13
1.1.6.4 Enteignung des Arbeitswissens – Das Management wird aus der
Taufe gehoben
Halten wir uns die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zum Ende des 19. und zu
Beginn des 20. Jahrhunderts vor Augen, wird klar, warum sich das Taylor-System der
wissenschaftlichen Betriebsführung weltweit durchsetzen konnte:
• Mechanisierung: Erste Großbetriebe mit Massenproduktion machen neue Organisati-
onsformen erforderlich.
• Durch die horizontale Arbeitsteilung (Zerlegung von Arbeitsprozessen in kleinste
Einheiten – Prinzip Fließband) wird das Handwerkskönnen der Manufakturen zuneh-
mend durch Routinetätigkeiten ersetzt.
• Durch die Landflucht gibt es ein Überangebot an Arbeitskräften in den industriellen Zen-
tren. Dadurch sind die Arbeitskräfte billig und der Arbeitstag kann ausgedehnt werden.
• Aus den daraus resultierenden schlechten Arbeitsbedingungen resultiert eine Domi-
nanz der primären Existenz- und Sicherheitsbedürfnisse (Abschn. 6.1.2): Es geht vor-
wiegend ums Überleben.
• Mechanistisches Menschenbild: Menschen gelten als unzuverlässige „Maschinen“
und damit als Unsicherheitsfaktor im Produktionsprozess; daraus folgert man, dass
Menschen kontrolliert und gesteuert werden müssen. Außerdem: Arbeiter können ihre
Arbeit angeblich nicht selbst organisieren, sondern müssen vom Management syste-
matisch zur Leistung angehalten werden.
Das Bild vom Menschen, welches auch Taylor leitete, wird aus einem Zitat deutlich, in
dem Taylor den deutschen Einwanderer Schmidt beschreibt:
Ein Mann, der sich in dem Beruf eines Roheisenverladers auf die Dauer wohl fühlt, muss
natürlich geistig sehr tief stehen und recht gleichgültig sein. Ein aufgeweckter Mann ist des-
halb ganz ungeeignet zu einer Arbeit von solch zerreibender Einförmigkeit. Der Arbeiter,
der sich am besten hierfür eignet, ist deshalb nicht imstande, die theoretische Seite dieser
Arbeit zu verstehen (Taylor 1983, S. 62).
Angespornt durch die Erfahrungen der alltäglichen Arbeitszurückhaltung – die Arbei-
ter versuchten, der Lohndrückerei der Fabrikherren durch eine Deckelung ihrer täglichen
Leistungen zu begegnen – und in der Vision einer „ehrlichen Tagesleistung“ begann Tay-
lor, Methoden der Enteignung des subjektiven Arbeitswissens und dessen Übertragung auf
eine neue Kaste der Arbeitsvorbereiter, die er „die Leiter“ nannte, zu entwickeln. Lag bis-
her die Entscheidung über die Art und Weise der Arbeit allein beim Arbeiter, und konnte
„gutes“ Management bisher nur die Initiative des Arbeiters selbst wecken, „sein Bestes“
zu geben, so sollte nun die Initiative vom Arbeiter auf das Management übergehen:
Den Leitern fällt es z.B. zu, all die überlieferten Kenntnisse zusammenzutragen, die früher
Alleinbesitz der einzelnen Arbeiter waren, sie zu klassifizieren und in Tabellen zu bringen,
aus diesen Kenntnissen Regeln, Gesetze und Formeln zu bilden, zur Hilfe und zum Besten
des Arbeiters bei seiner täglichen Arbeit (Taylor 1983, S. 38).
1.1 Organisation und Macht – Führungsansätze im Laufe der Geschichte
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1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
Alle Kopfarbeit unter dem alten System wurde von dem Arbeiter mitgeleistet und war
Resultat seiner persönlichen Erfahrung. Unter dem neuen System muss sie notwendiger-
weise von der Leitung getan werden in Übereinstimmung mit wissenschaftlich entwickelten
Gesetzen. (…) Es ist also ohne weiteres ersichtlich, dass in den meisten Fällen ein besonde-
rer Mann zur Kopfarbeit und ein ganz anderer zur Handarbeit nötig ist (Taylor 1983, S. 40).
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Alfred A. Neumann: „Lieber Herr Autor, das war mir jetzt aber doch ein bisschen
zu viel auf einmal. Was wollte der Herr Taylor nun wirklich? Ich bitte um eine kurze
Zusammenfassung.“
Autor: „Lieber Herr Neumann, also bitte, hier die Zusammenfassung:
1. Leitidee Verwissenschaftlichung:
a) Vertrauen auf die „objektive“ Wissenschaft als Weg der Optimierung der
Arbeitsmethoden;
b) Arbeits- und Zeitstudien als objektive, sachlich begründbare Kriterien für Pla-
nung, Kontrolle und Bewertung der Arbeitsleistungen des Einzelnen;
2. Leitidee Kooperation:
a) „Harmonisches Zusammenarbeiten“ als neue Führungsaufgabe zur Wahrung
des betrieblichen Friedens;
b) finanzielle Anreize (Zeitakkord) und Verbesserung der Arbeitsbedingungen
(Ergonomie, Pausen usw.);
3. Loslösung des Arbeitsprozesses von den Fertigkeiten des Arbeiters:
a) Ersetzung des Faustregelsystems durch standardisierte Regeln, die nur noch
beim Management verfügbar sind;
b) Trennung von Hand- und Kopfarbeit (vertikale Arbeitsteilung); dadurch Durch-
schaubarkeit, Planbarkeit, Kontrollierbarkeit des Arbeitsprozesses durch das
Management; dadurch Unabhängigkeit des Unternehmens vom Einzelarbeiter;
4. „Der richtige Mann für die anfallende Arbeit“:
a) Personalauswahl, Personaldifferenzierung und Personalentwicklung als neue
Aufgabe des Managements;
b) Qualifizierung der Arbeiter zur spezialisierten, effizienten Leistungsabgabe;
daraus folgt Abhängigkeit des Arbeiters vom Unternehmen.“
Alfred A. Neumann: „Aber das hört sich ja so an, als ob es von unserem Personal-
chef kommen würde. Ich wusste gar nicht, dass die vor hundert Jahren schon so weit
waren.“
Autor: „Die Frage ist ja wohl eher, warum Ihr Personalchef mit seinem Führungsver-
ständnis hundert Jahre zurück liegt, oder, warum sich die tayloristische Idee so lange
in den Köpfen der unternehmerischen Entscheider gehalten hat.“
15
1.1.6.5 Taylor heute?
Für heutige Führungskräfte in entwickelten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften
gilt es, Folgendes zu beachten:
• Dem Taylorismus liegt ein instrumentales, mechanistisches Menschenbild zugrunde,
welches den Menschen entwürdigt und ihn als geistlose Maschine darstellt.
• In der tayloristischen Arbeitsorganisation werden menschliche Fähigkeiten unter-
drückt. Deswegen ist bei komplexeren Arbeitsaufgaben keine optimale Produktivität
zu erwarten.
• Muss sich ein Unternehmen schnell an veränderte Rahmenbedingungen anpassen, so
scheitert der Taylor-Ansatz wegen der weitgehenden Standardisierung der Arbeits-
gänge. In tayloristisch organisierten Unternehmen herrscht mangelnde Flexibilität und
es werden keine Innovationen hervorgebracht.
• Taylorismus zerstört das Handwerks-Ethos – Liebe zum eigenen Produkt, Qualitäts-
arbeit, Fleiß, Pünktlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Ordentlichkeit, Disziplin,
Befriedigung durch die Arbeit – und entfremdet den Arbeiter von seinem Produkt.
Das Resultat können Misstrauen, Resignation, Interesselosigkeit, Gleichgültigkeit
bezüglich der Arbeit sein. Dadurch leidet die Qualität des Produkts, es entsteht das
Problem der „inneren Kündigung“.
• Mit zunehmendem relativem Wohlstand der Arbeitnehmer gehen auch ihre Bedürf-
nisse über die primären Bedürfnisse hinaus. Die höheren Bedürfnisse – Freundschaft,
Liebe, Kommunikation, Selbstverwirklichung – werden aber im tayloristischen
Betrieb nicht befriedigt, sondern bewusst ferngehalten. Das Resultat können Frustra-
tion und Arbeitsunlust sein.
1.1.6.6 Taylor und die Digitalisierung
Heute, in Zeiten, in denen die „Digitale Transformation“ propagiert wird, arbeiten wir
am Arbeitsplatz und im Privatleben den Großteil unserer Zeit an Computern. Diese ver-
gegenständlichen die tayloristische Idee von Standardisierung und Kontrolle geradezu
ideal: Nur wenn wir uns an die Vorgaben des Programms halten, können wir am Sys-
tem, am Netz, teilhaben. Nur wenn wir diejenigen Eingaben machen, die das System
von uns erwartet, wird unser ausgefülltes Formular akzeptiert. Und wir liefern mit jedem
Tastendruck eine Fülle von Daten über unser Verhalten, mit denen unsere Arbeits- und
Lebensprozesse wiederum gesteuert und kontrolliert werden können. Taylor würde das
wahrscheinlich als konsequente Fortsetzung seiner wissenschaftlichen Betriebsführung
ansehen.
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Autor: „Herr Neumann, finden Sie nicht, dass wir trotzdem unheimlich viele Vorteile
durch die Nutzung von Computer und Internet haben? Sollten wir die Taylorismus-
debatte jetzt nicht doch mal begraben und uns den neuen Freiräumen und Chancen
zuwenden, die uns die Digitalisierung bietet?“
1.1 Organisation und Macht – Führungsansätze im Laufe der Geschichte
16
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
Alfred A. Neumann: „Wir? Wen meinen Sie? Sie, die Professoren, die Kreativen,
Berater, Trainer, Coachs, Personaler, Führungskräfte, haben alle sicherlich etwas
davon, außer vielleicht mal einen Virenbefall oder einen kleinen Burn-out. Schauen
Sie doch aber mal in ein Callcenter, oder auch in die unteren Etagen eines der viel
gelobten sozial denkenden Unternehmen, deren Angestellte in den oberen Etagen sich
mit Demokratisierung oder kollaborativer Führung beschäftigen. Dort unten in der
Packerei oder der Änderungsschneiderei, bei den übrig gebliebenen Resttätigkeiten
unserer Dienstleistungsgesellschaft herrscht teilweise Taylorismus in Reinkultur, da
ist die Arbeit hart getaktet und folgt unerbittlich den Vorgaben „des Systems“. Ganz
zu schweigen von unseren verlängerten Werkbänken in Bangladesch oder China, dort
hat tayloristische Arbeitsorganisation immer noch Hochkonjunktur.“
1.1.7
Bürokratie – Taylorismus für die Angestellten
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der bürokratisch-administrative Ansatz – von
Deutschland ausgehend – weltweit verbreitet. Mit seinen Prinzipien und Methoden
wurde versucht, auch die Arbeit der sprunghaft wachsenden Zahl der Angestellten und
Beamten in Unternehmen und staatlichen Verwaltungen zu organisieren. Als Begrün-
der gelten der deutsche Sozialökonom Max Weber (1864–1920) und der französische
Betriebswirt Henri Fayol (1841–1925).
Im Zuge der Durchstrukturierung der Unternehmen nach den Prinzipien der wissen-
schaftlichen Betriebsführung von Taylor waren um den eigentlichen Produktionsprozess
herum Heerscharen von Angestellten entstanden. Diese sollten nun nach ähnlichen Prin-
zipien organisiert werden, wie die Arbeiter im produktiven Bereich. Man kann den büro-
kratisch-administrativen Ansatz damit durchaus als „Taylorismus für die Angestellten“
bezeichnen.
1.1.7.1 Theorie der Bürokratie von Max Weber
Bürokratisch ist eine Organisation, wenn sie größtmögliche Effizienz und legale Herr-
schaft anstrebt. Kennzeichen des Ansatzes von Max Weber (vgl. Weber 1922, 2014) ist
die hohe vertikale Arbeitsteilung, also der Aufbau vielstufiger Hierarchien. Ähnlich wie
der Arbeiter beim Taylor-Ansatz sich keine Gedanken um die eigenen Arbeitszusammen-
hänge machen darf, soll nun der Angestellte und Beamte lediglich in den ihm zugewie-
senen engen Hierarchieebenen agieren können. Von oben nimmt er Weisungen entgegen,
führt diese exakt aus, und nach unten gibt er Weisungen, die ebenfalls genauestens defi-
niert sind. Nur innerhalb der eigenen Hierarchieebene ist der Angestellte/Beamte zustän-
dig. Alles andere interessiert ihn nicht und hat ihn auch nicht zu interessieren.
1.1.7.2 Kennzeichen der Arbeitsorganisation nach dem Bürokratie-
Ansatz
Die streng hierarchische Arbeitsteilung mit klar abgegrenzten Zuständigkeiten führt zu
funktioneller Spezialisierung der Beschäftigten. Die Arbeitsabläufe sind standardisiert,
17
werden schriftlich dokumentiert und sind so vollständig nachvollziehbar. Das nennt man
„Aktenmäßigkeit“. Eine in Stellenbeschreibungen genau fixierte Autoritätshierarchie
beinhaltet ein System von Regeln, das Rechte und Pflichten der Positionsinhaber festlegt.
Man kann in dieser Hierarchie nach definierten Besoldungs- und Altersstufen aufsteigen.
Genau wie im tayloristischen Ansatz müssen die Arbeitsabläufe „unpersönlich“ sein,
menschliche Beziehungen und Gefühle haben am Arbeitsplatz nichts zu suchen.
Dem Bürokratie-Ansatz liegt wie dem tayloristischen Ansatz die Vorstellung einer
umfassenden Planbarkeit von Prozessen und Beziehungen und damit einer unbegrenzten
Kontrollierbarkeit von Menschen zugrunde.
1.1.7.3 Bürokratie heute?
Die reine Lehre der Bürokratie-Theorie wird heute kaum noch vertreten, denn auch in
den Verwaltungen und staatlichen Behörden sind die Aufgaben zeitkritisch und komplex
geworden. Der Ansatz begünstigt aber immer noch ein mechanistisches Denken und ist
nicht geeignet für Organisationen, in denen Probleme kreativ gelöst werden müssen.
Aspekte von Motivation und Arbeitszufriedenheit sind nicht berücksichtigt. Der Büro-
kratie-Ansatz geht davon aus, dass die Unterordnung der Menschen unter eine vorge-
gebene Hierarchie immer funktioniert. Bei zwangmäßiger Unterordnung entsteht aber
ein Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber dem mächtigen Apparat. Es besteht zudem die
Gefahr der Übersteigerung: Präzision wird zu Pedanterie, Stabilität wird zu Starrheit,
schriftliche Dokumentation wird zu Papierkrieg usw.
Obwohl in vielen Fällen noch Optimierungsbedarf besteht, hat sich die Öffentliche
Verwaltung in Deutschland in den letzten Jahren in der Gesamtsicht stark modernisiert
und von vielen Zwängen befreit. Allerdings gibt es aufgabenspezifische Unterschiede
zur Wirtschaft, die eine andere Organisation erfordern: Die Öffentliche Verwaltung ist
rechts- und gesetzesgebunden. Dies erfordert z. B. Aktenmäßigkeit. Die Beschäftigen
des Öffentlichen Dienstes sind in ihrem Handeln der Rechts- und Gesetzesmäßigkeit
unterworfen. In diesem Rahmen erfüllen sie die Aufgaben, die ihnen durch die Politik
vorgegeben sind. Dies können sehr zeitkritische Aufgaben sein, die durch äußere nicht
planbare, durch die Politik zu verantwortende Ereignisse hervorgerufen werden. Ein
schlagendes Beispiel dafür ist die im Jahr 2015 offenbar gewordene sogenannte Flücht-
lingskrise, die die Öffentliche Verwaltung unter einen enormen Druck gesetzt hat.
Behörden sind in relativ durchgängiger Linienstruktur aufgebaut. Die Mitarbeiter sind
in der Regel Beamte, deren Stellenbeschreibungen klare Aussagen zu Aufgabenspektrum
und Hierarchieeinordnung geben. Es gibt, anders als in vergleichbar großen Wirtschafts-
unternehmen, kaum Mehrfachunterstellungen (Matrixorganisation), sodass eine eindeu-
tige Zuordnung von Mitarbeitern zu Vorgesetzten besteht.
Die klare Hierarchie- und Zuständigkeitsstruktur erbringt geordnete Prozesse und eine
verlässliche Aufgabenerfüllung. Die Abgrenzung der Zuständigkeiten bringt aber auch lange
Dienstwege mit sich. Damit können Informationsflüsse zu ebenfalls betroffenen Referaten
und zu Vorgesetzten ins Stocken geraten. Dies kann dazu führen, dass z. B. bei der Bearbei-
tung von Vorgängen wichtige Aspekte nicht berücksichtigt werden und dass Vorgesetzte ihre
Funktion als Zielgeber und Kontrollinstanz nicht mehr reibungslos wahrnehmen können.
1.1 Organisation und Macht – Führungsansätze im Laufe der Geschichte
18
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
Deswegen bemühen sich manche Behördenleiter insbesondere bei der Bearbeitung
komplexer Aufgaben parallel zur hierarchischen Struktur eine flexible ressort- und hie-
rarchieübergreifende Zusammenarbeit herzustellen. Dies stößt aber an tradierte Res-
sortgrenzen, sodass ein übergreifender Austausch meist nur in Ausnahmefällen, z. B. in
Form von „Round-Table“-Veranstaltungen, möglich erscheint.
Aus dem Grundsatz „Aufstieg durch Beförderung“ resultieren mit wachsender Auf-
stiegshöhe – ähnlich wie in großen Unternehmen – immer weniger Möglichkeiten, in die
nächsthöhere Führungsebene aufzusteigen. Es wird deshalb oft versucht, Fachkarrieren
zu kreieren, um Anreize zu schaffen und Demotivation entgegenzuwirken.
1.1.8
Motivationstheorien – Führung und Bedürfnisse
Beim Taylorismus steht der Mensch als schlecht funktionierende Maschine im Mittel-
punkt, die es zu kontrollieren und zu steuern gilt. Führungskraft ist der Manager, der den
Arbeiter im Produktionsprozess zu „managen“ hat. Beim bürokratischen Ansatz ist der
Mensch Aufgabenträger, der als Angestellter oder Beamter nur in seinem Zuständigkeits-
bereich und nur nach vorgegebenen Regeln handeln darf. Führungskraft ist der Vorge-
setzte, in dessen Position man aufsteigen will. In beiden Ansätzen werden Menschen als
Instrumente im Produktions- oder Verwaltungsprozess gesehen und entsprechend behan-
delt.
Mit den Motivationstheorien erfolgt ein radikaler Umbruch im Verhältnis zwischen
Führern und Geführten.
1.1.8.1 Der Mensch als Bedürfnisträger
Zum Ende der 1930er Jahre gewann eine neue Theorie an Bedeutung, die vollständig
im Gegensatz zum Taylor-Ansatz und zum Bürokratiemodell stand. Gingen diese noch
von einem mechanistischen Menschenbild aus, in dem der Arbeiter nur durch Anreize
zu „ehrlicher Tagesleistung“ zu bewegen sei, erkannten Psychologen und Arbeitswissen-
schaftler in den USA den Menschen als Gruppenwesen und Bedürfnisträger.
Die Ansätze wurden von den 1950er Jahren an von Abraham Maslow, Frederick Herz-
berg und Clayton P. Alderfer entwickelt. Die Idee, psychosoziale Bedingungen bei der
Arbeitsorganisation zu berücksichtigen, bestimmt die Führungsforschung bis zum heuti-
gen Tag. Auf den Grundsteinen der damals entwickelten Motivationstheorien fußen auch
die meisten heute bekannten Führungsansätze.
Abraham Maslow wurde 1908 in New York als Kind jüdisch-russischer Immigranten geboren.
Er promovierte 1934 in Psychologie. Maslow ist insbesondere für die Entwicklung der „Hierarchie
menschlicher Bedürfnisse“, oft Maslow’sche Bedürfnispyramide genannt, bekannt geworden.
Hauptwerke:
• Motivation und Persönlichkeit (Erstausgabe: 1954; überarbeitete Ausgabe: 1970),
• Psychologie des Seins (1968),
• Die Psychologie der Wissenschaft. Neue Wege der Wahrnehmung und des Deutens (1971).
19
Frederick Herzberg wurde 1923 in Lynn, Massachusetts, geboren. Von 1972 bis 2000 war er
Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Case Western Reserve University in Salt Lake City
(Utah). Hier errichtete er das „Department of Industrial Mental Health“. Als Arbeitswissenschaftler
und klinischer Psychologe entwickelte er 1959 mit der Zwei-Faktoren-Theorie den wesentlichen
Gedankengang, dass es nicht ausreicht, die „Unzufriedenmacher“ zu beseitigen.
Hauptwerke:
• Job Attitudes: Research and Opinion (1957),
• The Motivation to Work (1959),
• Work and the Nature of Man (1966).
Clayton P. Alderfer wurde 1940 in Sellersville Pennsylvania, geboren. Er war Professor und
Direktor des amerikanischen Programms für Organisationspsychologie. Bekannt wurde Alderfer
durch seine ERG-Theorie, mit der er die Maslow’sche Hierarchie menschlicher Bedürfnisse aus-
differenzierte und weiterentwickelte. Er war Herausgeber des „Journal off Applied Behavioral Sci-
ence“ und Mitglied in verschiedenen, namhaften amerikanischen psychologischen Gesellschaften.
Hauptwerk: Existence, Relatedness, and Growth; Human Needs in Organizational Settings
(1972).
Zu unterscheiden sind zwei motivationstheoretische Ansätze:
• Beim Human-Relations-Ansatz entstand auf der Grundlage der Erforschung der psy-
chosozialen Bedingungen der Arbeiter zunächst die Annahme, die Arbeitsleistung
steige mit subjektiver Arbeitszufriedenheit.
• Beim Human-Resources-Ansatz, der die Grundlage der heutigen Motivationstheorien
bildet, stand die Motivation durch Arbeitsinhalte im Vordergrund. Dieser Ansatz ging
von der Annahme aus, dass die Arbeitsleistung mit der Inaussichtstellung von Benefits
steige.
1.1.8.2 Der Human-Relations-Ansatz (1930er Jahre)
Die berühmt gewordenen „Hawthorne-Studien“, die von 1927 bis 1932 in den Hawthorne-
Werken der Western Electric Company in Chicago durchgeführt wurden, (vgl. Mayo
1987; Roethlisberger 1954) bewiesen, dass die sozialen Beziehungen, die am Arbeits-
platz herrschen, großen Einfluss auf die erbrachte Leistung haben. In der Folge der
Studien entstand ein neues Menschenbild in der Arbeitswissenschaft, welches man als
„social man“ bezeichnet.
Ursprünglich sollte damals nur der Einfluss der Arbeitsbedingungen auf die Leistung
untersucht werden. Überraschend zeigte sich aber, dass Verhalten und Leistung stark
durch soziale Beziehungen (Human Relations) bestimmt werden. Vor allem die infor-
melle Interaktion in Gruppen prägt danach die Arbeitsleistung. Mit diesen Untersuchun-
gen begann weltweit eine Neuorientierung der Arbeitssoziologie.
Es wurden Untersuchungen angestrengt mit der Fragestellung, wie die Arbeitszu-
friedenheit in einer Organisation am besten verbessert werden könne. Es wurden Maß-
nahmen um den Arbeitsprozess herum ergriffen, die für ein gutes Betriebsklima sorgen
1.1 Organisation und Macht – Führungsansätze im Laufe der Geschichte
20
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
sollten. So wurden z. B. Betriebskantinen eingerichtet und Betriebsausflüge organisiert.
Der Arbeitsprozess selbst war noch nicht Gegenstand von Untersuchungen oder Verbes-
serungen.
1.1.8.3 Die Human-Resources-Variante (1950er Jahre)
Mit der wirtschaftlichen Erholung nach dem zweiten Weltkrieg waren in den USA neue
gesellschaftliche Bedingungen entstanden. Mit ihnen hatte sich auch die Art zu arbeiten
verändert, und Psychologen und Soziologen unternahmen weitere Anstrengungen, den
Zusammenhang zwischen psychischen und sozialen Bedingungen im Betrieb und der
erbrachten Leistung zu erforschen.
Abraham Maslow hat hier Pionierarbeit geleistet (vgl. Maslow 1971 sowie Maslow
1981, S. 152 ff.). Er kann als der Begründer der organisationspsychologischen Motiva-
tionsforschung angesehen werden. In ihrem Mittelpunkt steht die Frage, welche inneren
Beweggründe (Motive) zu einer Arbeits- und Leistungsmotivation führen.
Auf der Theorie von Maslow basieren weitere Arbeiten, z. B. von Herzberg et al.
(1959) und Alderfer (1972), die die Motivationstheorien weiter ausarbeiteten.
Ausgangspunkt der neuen Human-Resources-Theorie war das ab den 1950er Jahren
in den USA zu beobachtende wachsende Bedürfnis nach Anerkennung, Status, Entfal-
tung der Persönlichkeit, schöpferischer Betätigung, Verantwortung und Partizipation.
Angesichts dieser veränderten Rahmenbedingungen wurde der Human-Relations-Ansatz
bald als überholt betrachtet.
Stattdessen stand die Erforschung der menschlichen Bedürfnisse und der Zusammen-
hänge zwischen Motivation, Frustration, Zufriedenheit und Leistung im Mittelpunkt.
Resultate waren das 5-Stufen-Motivationsmodell von Maslow (Abschn. 6.1.2) und auf-
bauende Arbeiten, z. B. die Systematisierung von Motivation und Führungsstil durch
Vroom. Nicht die zwischenmenschliche Beziehung im Betrieb, sondern die Befriedigung
in der Arbeit galt von da an als Motivator.
Motivation wird in dieser Theorie als die wahrgenommene Spanne zwischen einem
gegenwärtigen Zustand und einem erreichbaren zukünftigen Zustand definiert. Schluss-
folgerung: Aus Motivation folgt Leistungssteigerung.
1.1.9
Interaktionsansätze – der Mensch als Sinnsucher
Mit den Interaktionsansätzen rückt Führung als machtstrategischer Interaktionsprozess
in den Blickpunkt, bei dem es den Akteuren darum geht, ihre eigenen Interessen im
Unternehmen und mit den Ressourcen des Unternehmens durchzusetzen.
1.1.9.1 Die organisationskulturelle Variante
In den 1970er Jahren wurde offenbar, dass unternehmenskulturelle Bestrebungen in japa-
nischen Unternehmen sehr erfolgreich waren. Die Menschen fühlten sich ihrem Unter-
nehmen zugehörig und erbrachten freiwillig wesentlich mehr Leistung als dies unter den
21
westlichen Führungsprämissen bisher denkbar erschien. Dadurch errang die japanische
Wirtschaft in den 70er Jahren große Wettbewerbsvorteile auf dem Weltmarkt. Unter dem
Eindruck dieses „Japan-Schocks“ wurden nun erhebliche Anstrengungen unternommen,
die erfolgreichen japanischen Führungskonzepte auch im westlichen Kontext anwenden
zu können. Die Frage war: Wie kann eine dem westlichen kulturellen Kontext angepasste
Kultur in Unternehmen aussehen? Unternehmenskultur wurde als wichtiges Führungsin-
strument ausgemacht. Grundlegende Arbeiten haben hierzu Ouchi (1981) sowie Peters
und Waterman (1982) geleistet.
Mit dem Versuch der Übertragung der erfolgreichen japanischen Führungskonzepte
auf die westlichen Bedingungen wurde Unternehmenskultur als grundlegender Füh-
rungsansatz erkannt.
Unternehmenskultur äußert sich in drei Dimensionen:
• Symbolisch: Bestimmte Kommunikationsformen, bestimmte Handlungsweisen sowie
Symbole wie Firmenlogo, Raumausstattung, Statussymbole, Kleidungsnormen u. ä.
werden von den Menschen im Unternehmen geteilt.
• Kognitiv: Die Beschäftigten teilen Interpretationsmuster über das Unternehmen und
seine Produkte.
• Funktionalistisch: „Was sich bisher bewährt hat, ist die richtige Art des Denkens und
Fühlens“.
1.1.9.2 Die mikropolitische Variante
Mit zunehmendem Wohlstand nahm in den 1970er Jahren das Bedürfnisniveau der Men-
schen in den westlichen Industrienationen stark zu. Damit wurden Bedürfnisse nach
Wertschätzung und Selbstverwirklichung auch im Arbeitsleben handlungsrelevant. Die
allseitige Forderung nach mehr Lebensqualität und Gerechtigkeit führte aber auch zu
konfliktären Auseinandersetzungen.
Führung wurde in dieser Epoche zunehmend als machtstrategischer Interaktionspro-
zess aufgefasst, in dem es den Akteuren darum geht, ihre eigenen Interessen durchzuset-
zen. Die handelnden Menschen und die Gruppen, in denen sie sich bewegten, können als
Akteure gesehen werden, die in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Macht-
potenziale und Handlungskompetenzen entwickeln, Allianzen bilden und mit anderen
Gruppen im Unternehmen in Konkurrenz treten (vgl. z. B. Küpper und Ortmann 1992
sowie; Neuberger 1995).
Akteure im Unternehmen haben Macht aufgrund ihrer sozialen Beziehungen, nicht
nur aufgrund ihrer hierarchischen Stellung. Sie schließen Allianzen, treten in Konkurrenz
zueinander, bauen Machtbasen auf und handeln möglichst unvorhersehbar (Ambiguität).
Sie verhalten sich damit strategisch. Akteure sind nicht vollständig durch die Strukturen,
in denen sie sich bewegen, bestimmt (Kontingenz). Sie sind eigensinnig und verfolgen
ihre eigenen Interessen, haben aber auch die volle Verantwortung für ihr Tun.
1.1 Organisation und Macht – Führungsansätze im Laufe der Geschichte
22
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
Mikropolitisches Handeln, in welchem die Menschen quer zu den Hierarchien ihre
individuellen Interessen im Unternehmen und mit dem Mitteln des Unternehmens durch-
setzen, stellt herkömmliches Führungsverständnis infrage. In der Führungstheorie stellt
sich somit die Generalfrage: Wie sind solche machtstrategischen Prozesse analysierbar,
planbar und letztlich steuerbar (ausführlich siehe Kap. 10)?
1.1.9.3 Was bedeuten interaktionsorientierte Ansätze heute?
Generell ist es das Verdienst der interaktionsorientierten Konzepte, den bisher vernach-
lässigten subjektiven Faktor in die Führungstheorie eingebracht zu haben. Damit haben
sie einen wichtigen Beitrag zur Überwindung mechanistischer Menschenbilder geleistet.
Mit interaktionsorientierten Führungsansätzen kommt die Wahrnehmung der sub-
jektiven Interessen der Führungskraft und der Geführten ins Spiel. Sie sind Akteure im
betrieblichen Machtspiel und sind ständig mit der Austragung von Konflikten und der
Entwicklung von Konfliktlösungsverhalten beschäftigt.
Das Verdienst der mikropolitischen Sichtweise ist es, die vorhandenen Wert- und Inte-
ressenkonflikte aufzudecken und damit be- und verhandelbar zu machen. Eine explizite
Auseinandersetzung mit der mikropolitischen Perspektive könnte für Führungskräfte
Möglichkeiten eröffnen, in einen Gestaltungsdiskurs einzutreten, anstatt untergründig
mit Sozialtechnologien zu manipulieren oder Konflikte in der Organisationskultur zu
vernebeln. Damit ergäbe sich die Chance auf eine machtpolitisch legitimierte Organisati-
onsentwicklung.
Schwächen interaktionsorientierter Führungsansätze liegen in der weitgehenden Aus-
blendung der unternehmensübergreifenden politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen,
und sozialen Rahmenbedingungen, die eine Handlungslogik begründen und das Feld,
auf dem die Interaktionen zwischen Führern und Geführten stattfinden, strukturieren und
prägen.
1.2
Was lehrt uns die Geschichte der Führungsansätze?
Die Art und Weise, wie in den Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften geführt
wurde und wird, hat sich im Verlauf der Geschichte, insbesondere in den letzten 100 Jah-
ren, stark verändert und verändert sich weiter. Je nach den gesellschaftlichen Rahmenbe-
dingungen ist die eine oder andere Führungstheorie und -praxis erfolgreich. Wenn sich
die Rahmenbedingungen ändern, entstehen wieder neue Führungsleitbilder.
Die Art zu führen, die man heute in einem Unternehmen vorfindet, ist diejenige, die
sich für dieses Unternehmen in seinem speziellen Marktsegment unter den aktuellen
Bedingungen herausgebildet hat. Jedes Unternehmen verfolgt diejenige Führungsstrate-
gie und -kultur, die dort als erfolgreich angesehen wird. Dabei folgen Unternehmen in
der Regel den Paradigmen und „Management Fashions“, die sich in der jeweiligen Epo-
che gesellschaftlich durchgesetzt haben.
23
Wenn Führungssysteme und -instrumente pauschal übernommen werden, spricht man
von „Best Practices“. Dabei werden manchmal die Gegebenheiten im Unternehmen nicht
genügend beachtet. Gefragt werden sollte: Was passt zu uns? Dies nennt man dann nicht
Best Practice, sondern Best Fit.
Führung als einseitig hierarchisches Vorgehen, wie sie sich im Laufe der Industriali-
sierung bis in die 1960er Jahre mit Taylorismus und Bürokratieansatz auf breiter Front
herausgebildet hat, ist bis heute in vielen Betrieben und öffentlichen Verwaltungen anzu-
treffen. Seit Mitte der 1980er Jahre war öfter vom „Ende des Taylorismus“ die Rede
(vgl. z. B. Kern und Schumann 1984; Baethge und Oberbeck 1986). Im Kern ist taylo-
ristisches Denken und Handeln aber über die „neuen Produktionskonzepte“ (vgl. Malsch
und Seltz 1987) hinaus bis heute noch in vielen Führungssystemen und in den Köpfen
von Führungskräften vorhanden.
Mit grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen kommt es zu Paradigmenwech-
seln in der Führungstheorie. Heute, im Jahr 2017, entsteht im Zuge der Diskussion um
die „Digital Economy“ (Abschn. 3.1) z. B. ein Leitbild von Führung, welches gleich
mehrere verschiedene Paradigmenwechsel postuliert und die Auflösung von Hierarchien
prognostiziert. Erinnern wir uns: Führung und Management sind Antworten auf die Art
und Weise der Arbeitsorganisation. Diese wird immer in den jeweiligen gesellschaftli-
chen Verhältnissen hervorgebracht (Tab. 1.1).
1.3
Menschenbilder – Wie ist der Mensch und wie lässt er sich
am besten führen?
Je nach Epoche und gesellschaftlichen Verhältnissen haben sich Menschen schon immer
ihr Bild über „den Menschen“ gemacht. Unser Menschenbild prägt unser soziales Ver-
halten. Die wirklichen Menschen in unserer Umgebung nehmen wir durch das Raster
unseres Menschenbilds wahr und verhalten uns ihnen gegenüber entsprechend. So beein-
flusst das Menschenbild eines Vorgesetzten auch sein Verhalten zu den Menschen in sei-
ner Führungsspanne.
Unser Menschenbild ist beeinflusst von den gesellschaftlichen Bedingungen, in denen
wir leben und von den Erlebnissen, die wir im Laufe unseres Lebens erfahren haben.
Wesentlich sind dabei die prägenden Ereignisse unserer ersten Lebensjahre: Wie tritt mir
die Welt gegenüber? Bekomme ich, was ich brauche? Fühle ich mich von den Menschen
um mich herum geborgen und aufgehoben? Kann ich den Menschen vertrauen? Daraus
entstehen bildhafte Ableitungen, die wir im Laufe unseres Lebens immer wieder bestä-
tigen und verfestigen. Aus den subjektiven Erfahrungen (ich) werden im Laufe unseres
Lebens Generalisierungen (man). Solche Generalisierungen helfen uns einerseits dabei,
schnell und zielsicher zu agieren. Wir müssen „das Rad ja nicht immer wieder neu erfin-
den“. Die Kehrseite der Medaille ist aber, dass wir uns die Welt mit Stereotypen zustel-
len und uns den Weg zu wirklich neuen Erfahrungen verbauen: Frauen sind so, Männer
sind so, Manager sind so und Betriebsräte sind so, und Beamte sind so…
1.3 Menschenbilder – Wie ist der Mensch und wie lässt er sich am besten führen?
24
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
Tab. 1.1 Managementansätze unter den Bedingungen industrieller Arbeitsteilung
Managementansatz/Protagonist
Kennzeichen
Aufgaben von Managern
Fordismus/Henry Ford
Horizontale Arbeitsteilung, Fließband
Überwachung der Arbeitsleistung
Taylorismus/Frederick Winslow Taylor
Vertikale Arbeitsteilung, Trennung von Hand-
und Kopfarbeit, Enteignung von Arbeitswissen
Arbeitsvorbereitung, Arbeitsanweisung, Pro-
zesskontrolle
Bürokratie/Max Weber, Henry Fayol
Funktionelle Spezialisierung, Aktenmäßigkeit,
Aufstieg in der Hierarchie
Überwachung der Einhaltung des Regelsystems
Human-Relations-Ansatz/Elton Mayo
Mitarbeiterzufriedenheit, Betriebsklima
Herstellung von Mitarbeiterzufriedenheit
Human-Resources-Ansatz/Abraham Maslow,
Frederick Herzberg, Clayton Alderfer
Motivation als Spanne zwischen gegenwärtigem
und erreichbarem zukünftigen Zustand
Herstellung von Leistungsmotivation
Management by Objectives/Peter F. Drucker
Beschreibung der Aufgaben von Managern,
Führen mit Zielen, Zielvereinbarungen
Zielsetzung, Motivierung, Erfolgsmessung,
Personalentwicklung
Systemansätze/Talcott Parsons, Amitai Etzoni,
Michel Corzier, Erhard Friedberg, Niklas
Luhmann
Der Betrieb als Soziales System, Beherrschung
von Komplexität
Sicherstellung von Systemerhaltung und Ziel-
verwirklichung, situatives Denken, Wirkungs-
zusammenhänge analysieren
Interaktionsansätze: Organisationskultur/Tom
Peters, Robert H. Waterman, Edgar H. Schein
Der Mensch als Sinnsucher, Führung als
Interaktionsprozess, Sprachregelungen, Rituale,
Statussymbole, Kleidungsnormen, Interpretati-
onsmuster, kollektive Lernprozesse
Als Interaktionspartner führen, „führen und
geführt werden“, Subjektivität der Wahrneh-
mung anerkennen, Orientierung geben, infor-
melle Führung, soziale Integration
Interaktionsansätze: Mikropolitik/Willi Küpper,
Günther Ortmann, Oswald Neuberger
Der Mensch als Interessenträger, Führung als
Interaktionsprozess, interessengeleitete, eigen-
sinnige Akteure
„Führen und geführt werden“, Subjektivität der
Wahrnehmung anerkennen, Umgang mit Macht
und Konflikten
25
Alle Bemühungen, das Wesen „des Menschen“ zu erklären, sind im Grunde nichts
anderes als Versuche, die Komplexität menschlichen Verhaltens und Erlebens in reduzie-
render Weise zu beschreiben, vorherzusagen und zu kontrollieren. Unser Menschenbild
ist in diesem Sinne immer durch Vor-Urteile bestimmt, welche wir uns aufgrund unserer
bewussten (und auch unbewussten) Erfahrungen von Menschen machen. Sie sind verein-
fachte Aussagen über das Wesen des Menschen, wie wir es empfinden.
1.3.1
Menschenbilder nach Edgar Schein
Die Typologie der Menschenbilder nach Schein (1965) hat in der Literatur weite Verbrei-
tung gefunden. Personalentwickler kennen sie aus dem Effeff. Schein unterscheidet vier
unterschiedliche Hypothesen zum Wesen des Menschen und die daraus abzuleitenden
Konsequenzen für die Organisation bzw. die Führungskräfte (Tab. 1.2).
1.3 Menschenbilder – Wie ist der Mensch und wie lässt er sich am besten führen?
Tab. 1.2 Menschenbilder. (Nach Edgar Schein)
Menschenbild
Führungsverhalten
Der rational-ökonomische Mensch ist in
erster Linie durch monetäre Anreize motiviert,
ist passiv und wird von der Organisation mani-
puliert, motiviert und kontrolliert. Sein Handeln
erscheint äußerlich vernünftig
Klassische Managementfunktionen: Planen,
Organisieren, Motivieren, Kontrollieren; Orga-
nisation und Effizienz stehen im Mittelpunkt;
Organisation hat die Aufgabe, irrationales Ver-
halten zu neutralisieren und zu kontrollieren
Der soziale Mensch ist in erster Linie durch
soziale Bedürfnisse motiviert. Als Folge der
Sinnentleerung der Arbeit wird in sozialen
Beziehungen am Arbeitsplatz Ersatzbefriedi-
gung gesucht. Der Mensch wird stärker durch
soziale Normen seiner Arbeitsgruppe als durch
Anreize und Kontrollen des Vorgesetzten
gelenkt
Aufbau und Förderung von Gruppen; soziale
Anerkennung der Mitarbeiter durch Manager
und Gruppe; die Bedürfnisse nach Anerken-
nung, Zugehörigkeit und Identität müssen
befriedigt werden; Gruppenanreizsysteme
treten an die Stelle von individuellen Anreiz-
systemen
Der sich selbst verwirklichende Mensch
Menschliche Bedürfnisse lassen sich in einer
Hierarchie (Maslow) anordnen. Der Mensch
strebt nach Autonomie und bevorzugt Selbst-
Motivation und Selbst-Kontrolle. Es gibt keinen
zwangsläufigen Konflikt zwischen Selbstver-
wirklichung und organisatorischer Zielerrei-
chung
Führungskräfte sind Unterstützer und Förderer
(nicht Motivierer und Kontrolleure); Dele-
gation von Entscheidungen; Übergang von
Amts-Autorität zu Fach-Autorität; Übergang
von extrinsischer Motivation zu intrinsischer
Motivation; Mitbestimmung am Arbeitsplatz
Der komplexe Mensch ist äußerst vielschich-
tig und wandlungsfähig. Die Dringlichkeit
der Bedürfnisse unterliegt dem Wandel. Der
Mensch ist lernfähig und entwickelt neue
Motive. In unterschiedlichen Systemen werden
unterschiedliche Motive bedeutsam
Führungskräfte sind Diagnostiker von Situatio-
nen; sie müssen Unterschiede erkennen und ihr
Verhalten situationsgemäß variieren können; es
gibt keine generell „richtige“ Organisation
26
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
Je nachdem, wie Führungskräfte das Unternehmen und die Menschen sehen, wer-
den sie ihre Führungsaufgaben wahrnehmen: Wenn die Erwartung besteht, dass sie es
mit „rational-ökonomischen Menschen“ zu tun haben, wird die Führungsaufgabe wahr-
scheinlich darin gesehen, äußere Anreize zu schaffen – z. B. Boni, Prämien usw. –, um
Leistungsmotivation zu erzeugen. Wenn hingegen davon ausgegangen wird, dass die
Menschen eher dazu neigen, sich durch ihre Arbeit zu bestätigen und selbst die Verant-
wortung dafür übernehmen, wird die Führungskraft ihnen Gestaltungsspielräume zuge-
stehen und auf intrinsische Motivation setzen.
1.3.2
Tayloristisches Menschenbild
Tayloristische Arbeitsteilung wurde bereits ausführlich behandelt (Abschn. 1.1.6).
Dazu gehört ein entsprechendes Menschenbild, ohne das sich die Taylor’sche Wissen-
schaftliche Betriebsführung nicht weltweit hätte ausbereiten können. Im Tayloristischen
Menschenbild gilt der Mensch als Unsicherheitsfaktor im maschinisierten Produktions-
prozess. Als Folge davon meint man, Menschen müssten umfassend kontrolliert und
gesteuert werden. Und man glaubt, dass Menschen umfassend kontrollierbar sind (Kon-
trollparadigma). Menschen im Unternehmen werden ausschließlich als Instrumente im
Produktionsprozess gesehen. Ohne die prekäre Lage der Arbeiter im beginnenden Indus-
triekapitalismus zu hinterfragen, wird angenommen, Arbeiter hätten per se nur primäre
Bedürfnisse (motivationale Sicht), sie hätten also überhaupt kein Interesse daran, sich
weiterzuentwickeln und sich womöglich in der Arbeit selbst zu verwirklichen.
Diese geistige Haltung kommt im Begriff „Personalführung“ selbst zum Ausdruck.
Mit diesem Begriff wird unterstellt, dass Arbeiter einer Vormundschaft bedürfen. Nicht
wenige Führungskräfte unterliegen noch heute unreflektiert diesem Menschenbild. Sie
unterstellen, Mitarbeiter hätten das ständige Bestreben, sich vor der Arbeit zu drücken
und die eigene Leistung zurückzuhalten.
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Autor: „Herr Neumann, was meinen Sie dazu?“
Alfred A. Neumann: „Ja, das mag stimmen.“
Autor: „Wie jetzt…?“
Alfred A. Neumann: „Na ja, in meiner Zeit im Senderprüffeld war ich genau in
dieser Situation. Ich musste jeden Tag mindestens fünf Geräte geprüft haben. Wenn
Fehler auftauchten, mussten die Geräte repariert und neu justiert werden. Das konnte
dann manchmal einen ganzen Tag dauern. Es gab die Erfahrung, dass das Soll erhöht
wurde, wenn die Anzahl der fertigen Geräte gewachsen war. Darum hatten die Kol-
legen unter sich ausgehandelt, dass jeder höchstens fünf Geräte fertigstellen durfte.
Wer mehr machte, zog den Unmut der Kollegen auf sich. Jeder hatte seinen geheimen
Platz, an dem fertige Geräte – noch nicht fertiggestempelt – deponiert wurden. Wenn
27
dann mal ein schwieriger Fall auftrat, konnte man die gebunkerten fertigen Geräte
einfach stempeln und abgeben. So konnte jeder sein Soll auch bei länger dauernden
Reparaturen ohne Stress erfüllen. Der Abteilungsleiter saß in einem Glaskasten und
konnte uns bei unserer Arbeit genau beobachten. Da war es dann oft schrecklich stu-
pide für uns, mit dem Schraubendreher in der Hand eifrig an den Geräten zu hantie-
ren, die eigentlich schon längst fertig waren. Um diesem Stress zu entgehen, habe ich
mich dann zur Spätschicht gemeldet, wo wir uns ohne Beobachtung wichtigeren Din-
gen widmen konnten, wenn wir unser Soll erfüllt hatten.
Ich glaube, wir alle im Prüffeld haben uns insgeheim gewünscht, unsere Zeit sinn-
voller verbringen zu können. Was hätten wir alles, auch für unser Unternehmen, tun
können, wenn man uns nicht wie ungehorsame Kinder behandelt hätte.“
Einem solchen Typus von unmotiviertem Arbeiter wird im tayloristischen Menschenbild
ein Vorgesetzter gegenübergestellt, der sich aufgrund eigener Zielsetzungen selbst kont-
rolliert und motiviert (heute „Selbstmanagement“ genannt) und seine persönlichen Ziele
denen der Organisation unterordnet. Er hat die Aufgabe,
• den Produktionsprozess effektiv zu gestalten,
• das Personal zweckentsprechend auszuwählen und auszubilden,
• der ihm verliehenen Positions-Autorität Geltung zu verschaffen und
• durch Kontrolle eine hohe Arbeitsleistung und Konfliktvermeidung zu garantieren.
In der tayloristischen Arbeitsorganisation werden die nicht messbaren menschlichen
Fähigkeiten systematisch unterdrückt. Gefühle haben am Band nichts zu suchen, Befind-
lichkeiten und Krankheiten sind vor den Werkstoren abzugeben. Selbstorganisierte
Arbeit in Gruppen, emotionale Intelligenz und Kreativität, die in den heutigen komple-
xen Arbeitsprozessen unabdingbar sind, haben unter tayloristischen Verhältnissen offizi-
ell keine Chance und machen sich höchstens untergründig in Subkulturen bemerkbar.
Umgekehrt: Überall dort, wo Vorschriften, Überwachung und Kontrolle die Oberhand
haben, muss damit gerechnet werden, dass die Menschen im Unternehmen tatsächlich
Dienst nach Vorschrift tun und gegebenenfalls auch mal gegen das Unternehmen arbeiten
(alltägliche Arbeitszurückhaltung, Reaktanz, Mikropolitik).
1.3.3
Theorien über den Menschen von McGregor
Douglas McGregor (1986) geht davon aus, dass jede Führungsentscheidung auf einer
Reihe von Vermutungen über die menschliche Natur und menschliches Verhalten beruht.
Er hat zwei gegensätzliche Annahmen über Menschen geprägt, die in der Führungsdis-
kussion große Bedeutung erlangt haben. Mit den Theorien X und Y liefert er eine leicht
verständliche Beschreibung, die jedoch die Sachverhalte bildhaft vereinfacht (Tab. 1.3).
1.3 Menschenbilder – Wie ist der Mensch und wie lässt er sich am besten führen?
28
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
1.3.4
Menschenbild der Humanistischen Psychologie
Grundlage produktiver Führungsansätze ist das Menschenbild der Humanistischen Psy-
chologie. Die Humanistische Psychologie entwickelte sich von den 1950er Jahren an. Sie
wurzelt in der Existenzphilosophie, die die Möglichkeiten beschreibt, wie ein Mensch
sein kann.
Schon Goethe riet:
Behandelt die Menschen so, als ob sie schon wären, wie ihr sie haben wollt –, es ist der ein-
zige Weg, sie dazu zu machen.
Die Humanistische Psychologie ermutigt uns, die Welt so wahrzunehmen, wie sie sich
uns aufgrund unserer eigenen Erfahrungen darstellt. Danach gibt es keinen Idealzustand,
dem wir Menschen von unserem Wesen her zustreben. Darum müssen wir uns unsere
Wahlmöglichkeiten tagtäglich bewusst machen, uns ständig aktiv entscheiden und für
die Verwirklichung unserer Ziele engagieren. Wahlspruch ist: Den Weg zu mir finde ich
nicht nur in mir selbst, sondern in der Interaktion mit anderen Menschen. Entscheidun-
gen treffen, handeln und dafür die Verantwortung übernehmen, ist für Menschen von
existenzieller und sinngebender Bedeutung.
Heute besteht in der Führungsliteratur ein weitgehender Konsens darüber, dass das Men-
schenbild der Humanistischen Psychologie – mehr oder weniger explizit so genannt – eine
sinnvolle Grundlage für Führungsansätze bietet (siehe hierzu z. B. Gührs und Nowak 2002).
Tab. 1.3 Theorien über den Menschen von McGregor
Theorie X
Theorie Y
Der Mensch hat eine angeborene Abscheu vor
der Arbeit und versucht, sie so weit wie mög-
lich zu vermeiden
Der Mensch hat keine angeborene Abneigung
gegen Arbeit, im Gegenteil, Arbeit kann eine
wichtige Quelle der Zufriedenheit sein
Deshalb müssen die meisten Menschen kontrol-
liert, geführt und mit Strafandrohung gezwun-
gen werden, einen produktiven Beitrag zur
Erreichung der Organisationsziele zu leisten
Wenn der Mensch sich mit den Zielen der
Organisation identifiziert, sind externe Kon-
trollen unnötig. Er wird Selbstkontrolle und
eigene Initiative entwickeln. Die wichtigsten
Arbeitsanreize sind die Befriedigung von Ich-
Bedürfnissen und das Streben nach Selbstver-
wirklichung
Der Mensch möchte gerne geführt werden, er
möchte Verantwortung vermeiden, hat wenig
Ehrgeiz und wünscht vor allem Sicherheit
Der Mensch sucht bei entsprechender Anlei-
tung eigene Verantwortung. Einfallsreichtum
und Kreativität sind weitverbreitete Eigen-
schaften in der arbeitenden Bevölkerung. Sie
werden jedoch in industriellen Organisationen
kaum aktiviert
29
Das Menschenbild der Humanistischen Psychologie hat vier Säulen (vgl. Völker
1980):
1. Menschen folgen einer Ziel- und Sinnorientierung: Ein Verlust von Sinn und Ziel wird
als Lebenskrise erlebt. Alles Verhalten verfolgt, oft unbewusst, ein bestimmtes Ziel.
Um ein Verhalten zu verstehen, ist es deshalb oft ratsam, nicht nach dem „Warum“ zu
fragen, sondern nach dem „Wozu“. Wenn uns etwas Unangenehmes widerfahren ist,
sollten wir durchaus einmal fragen: „Was ist für mich eigentlich gut daran?“
Beispiel: Ein Vorgesetzter übernimmt immer mehr Arbeit selbst, weil er meint, keiner
seiner Mitarbeiter könne die Aufgaben so exakt ausführen, wie es nötig ist. Er über-
nimmt sich, und seine Gesundheit leidet. Er empfindet sich als Opfer seiner unfähi-
gen Mitarbeiter. Was hat das nun für einen Sinn für ihn selbst? Welches Ziel verfolgt
er (unbewusst) wohl mit seinem Verhalten? Beispielsweise kann er sich wichtig und
unersetzlich fühlen. Dies zu erleben, ist für viele Menschen ja eines der wesentlichen
Bedürfnisse, für dessen Befriedigung fast alles getan wird.
2. Menschen streben nach Autonomie und Interdependenz: Menschen entwickeln die
Fähigkeit und die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung für das eigene Ver-
halten und damit das Bestreben, ein eigenständiges, von anderen unterscheidbares
Individuum zu werden. Gleichzeitig jedoch existiert das Bedürfnis, in einer sozialen
Gemeinschaft aufgehoben zu sein. In diesem Spannungsfeld zwischen Selbstver-
wirklichung und sozialer Bezogenheit gilt es, den eigenen Standort zu finden und zu
akzeptieren, dass dieser durchaus wechseln kann. Dies aber kann nur im ständigen
kommunikativen Austausch mit der Umwelt gelingen.
Beispiel 1: Wir stehen vor einer längeren Auslandsreise und müssen unsere Lieben zu
Hause allein lassen. Einerseits freuen wir uns auf Freiheit und Abenteuer – anderer-
seits plagt uns der Abschiedsschmerz.
Beispiel 2: Wir freuen uns darauf, im nächsten Projekt in einem spannenden Team zu
arbeiten. Nach einiger Zeit der Teamarbeit freuen wir uns dann aber auch, mal wieder
allein am Schreibtisch sitzen zu können.
Das so ständig neu entstehende Spannungsfeld ist der Motor, der uns veränderungsfä-
hig erhält und das Leben lebendig macht.
3. Menschen streben nach Selbstverwirklichung: Wir erleben uns in der Auseinanderset-
zung mit Menschen und Dingen ständig neu als kompetent und fähig. Eine Stärkung
der kommunikativen Kompetenz leistet somit einen wesentlichen Beitrag zur Selbst-
verwirklichung. Selbstverwirklichung ist die Entfaltung der eigenen Möglichkeiten.
Dazu ist es natürlich erst einmal wichtig, diese Möglichkeiten kennenzulernen. Dazu
müssten wir uns Muße gönnen und mutig genug sein, uns neuen Herausforderungen
zu stellen. Ausprobieren und etwas über sich lernen, heißt die Devise.
1.3 Menschenbilder – Wie ist der Mensch und wie lässt er sich am besten führen?
30
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
4. Ganzheitlichkeit: Der Mensch wird als ganzheitliches Wesen gesehen. Als solches ist
er unverwechselbar und einzigartig. Menschen sind biologisch, psychisch und sozial
eine Einheit. Für das Arbeitsleben heißt das z. B., dass Mitarbeiter ihre Gefühle und
auch ihre privaten Beweggründe unweigerlich in den Betrieb mitbringen und somit
gar nicht fähig sein können, „die Dinge sachlich…“ zu sehen. Zu einer ganzheitlichen
Sicht des Menschen gehört auch, dass wir psychosomatische Zusammenhänge ernst
nehmen. Der Volksmund spricht hier weise Worte: „Ich habe die Nase voll“, „Mir ist
eine Laus über die Leber gelaufen“, „Das kratzt mich nicht“, „Das geht mir an die
Nieren“, „Das bereitet mir Kopfzerbrechen“, „Das schlägt mir auf den Magen“.
Wenn wir ein solches Menschenbild akzeptieren und verinnerlichen könnten, wür-
den wir viel über uns lernen, die Beweggründe unserer Mitmenschen besser verstehen
und wir könnten neues Vertrauen „zu den Menschen“ fassen. Im Unternehmen könn-
ten wir in unserem Wirkungskreis eine Vertrauenskultur aufbauen, denn Vertrauen führt
(Abschn. 12.1.5).
1.4
Führungsstile – Wie soll die ideale Führungskraft sein und
wie soll sie sich verhalten?
Zu den im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung entstandenen Führungsansätzen
und Menschenbildern haben sich jeweils passende Bilder idealer Führungseigenschaften
oder idealen Führungsverhaltens herausgebildet. Diese „Führungsstile“ waren und sind
Grundlage von Auswahlverfahren und Führungskräftetrainings. Im Folgenden werden
einige der wichtigsten Führungsstile vorgestellt und kritisch beleuchtet.
Auf der Suche nach messbaren Kriterien für „gute Führung“ wurden in der Manage-
ment- und Führungsforschung in den letzten Jahrzehnten vorwiegend von US-ameri-
kanischen Autoren (vgl. z. B. Mintzberg 1983; Tannenbaum und Schmidt 1973; Blake
und Mouton 1982; Hersey und Blanchard 1988) verschiedene Ansätze entwickelt, die,
„modernisiert“ aber im Kern erhalten geblieben, auch heute noch, in den Führungsmo-
dellen von Unternehmen eine Rolle spielen. Obwohl ihr Erklärungspotenzial meist sehr
gering ist, werden diese Ansätze der Vollständigkeit halber kurz dargestellt:
• Eigenschaftsansatz: Wie ist eine gute Führungskraft?
• Verhaltensansatz: Was tut eine gute Führungskraft?
• Führungsgitter: Führt eine gute Führungskraft eher „karitativ“ oder eher „kooperativ“
oder gar „autoritär“?
• Situatives Führen: Wie angemessen reagiert eine Führungskraft auf wechselnde
Umstände?
• Transformationales Führen: Wie begeistert eine Führungskraft ihre Mitarbeiter?
31
1.4.1
Eigenschaftsansätze – Haben Führungskräfte besondere
Eigenschaften?
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Autor: „Herr Neumann, warum sind Sie keine Führungskraft? Besitzen Sie nicht die
nötigen Führungseigenschaften?“
Alfred A. Neumann: „Also wissen Sie, ich habe viele Eigenschaften. Ob die aber
was damit zu tun haben, wie ich mit Menschen umgehe, weiß ich nicht. Jeder Mensch
hat wohl eine ganz persönliche Mixtur von Eigenschaften. Die bringen ihn dann
dazu, bestimmte Gefühle zu haben und bestimmte Sachen zu machen. Eine Rolle
spielt bestimmt auch, wie man sich gerade fühlt, wie die Menschen um einen herum
sich gerade verhalten, ob man letzte Nacht gut geschlafen hat oder ob die Sonne
scheint… Ich z. B. bin eigentlich von Natur aus friedliebend. Wenn mir aber jemand
krumm kommt und ich sowieso schon wegen anderer Dinge auf 180 bin, dann kann
ich manchmal sehr unangenehm werden. Meine Kollegen kennen mich so und auch
meine Familie hat damit keine Probleme. Ich glaube, es ist wichtig, dass die Leute
wissen, was sie von einem zu halten haben. Ich kenne Chefs, die sind immer freund-
lich, man weiß aber nie genau, was dahinter steckt. Ich nehme an, das liegt bei denen
auch daran, dass sie immer versuchen, besondere Führungseigenschaften zu zeigen.
Sie meinen, sie müssten immer gerecht, ausgeglichen, humorvoll und dynamisch auf-
treten. In manchen Situationen kehren sie dann aber auch den „harten Hund“ heraus.
Dann sind sie willensstark, risikobereit, durchsetzungsfähig, kompromisslos und ein-
schüchternd. Ich glaube, viele Führungskräfte sind gefangen in ihren Schubladen und
haben vergessen, wer sie wirklich sind.“
Die Hypothese, dass Führungskräfte bestimmte Eigenschaften haben müssen, ist weder
durch Theorie noch Praxis verifiziert. Es sind tradierte Annahmen über eine „überlegene
Persönlichkeitsausstattung“, die nahelegen,
dass nur solche Personen nach oben kommen, die sich bereits bewährt haben oder an denen
die Zeichen künftiger Bewährung erkennbar sind (Neuberger 2002, S. 224).
Um dies in der heutigen Zeit nachzuweisen, wendet die Führungsforschung erhebliche
Kräfte auf, indem sie Bewerber für Führungspositionen daraufhin untersucht, welche der
„typischen Führungseigenschaften“ sie aufweisen.
Die Auffassungen darüber, welche Eigenschaften Führungskräfte haben müssen,
haben sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt. Oswald Neuberger (2002, S. 231 ff.) hat
hierzu etliche Quellen angegeben. Die Spanne der Persönlichkeitsmerkmale, die Führern
eigen sein sollen, erstreckt sich von Alter, Körpergröße und Gewicht über Urteilskraft,
Anpassungsfähigkeit und Dominanz bis hin zu Sozialkompetenz und Beliebtheit.
Dass die Geschichte von großen Persönlichkeiten bestimmt wird, ist offenbar noch
immer bei den meisten Personalverantwortlichen unhinterfragt und fest verankert. Dies
geht meist Hand in Hand mit dem Einfluss, den „Diagnostiker“ (Abschn. 5.1) in der
1.4 Führungsstile – Wie soll die ideale …
32
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
wirtschaftspsychologischen Ausbildung unserer Führungskräfte und HR-Manager leider
haben.
Eigenschaftsansätze wurden bereits in den 1950er Jahren scharf kritisiert:
Wenn wir an Männer wie Hitler, Napoleon, John Knocks, Oliver Cromwell, oder an Frauen
wie Mary Baker, die erste Königin Elisabeth und Mrs. P … denken, wird es uns fast grotesk
anmuten, einer Führungspersönlichkeit Eigenschaften wie innere Ausgeglichenheit, Sinn
für Humor oder Gerechtigkeitssinn zuzuschreiben. Einige der erfolgreichsten Führer in der
Geschichte sind Neurotiker, Geisteskranke und Epileptiker gewesen. Waren humorlos, eng-
stirnig, ungerecht und despotisch. Es gab religiöse Führer, die an Schuldgefühl, politische
Führer, die an Größenwahn und Militärdiktatoren, die an Verfolgungswahn krankten. Sollte
man einwenden, dass wir es mit der Industrie zu tun haben und nicht mit Religion, Politik
oder Militärkunde, wäre mit Leichtigkeit nachzuweisen, daß auch die großen Industrieka-
pitäne vielfach der von Psychologen empfohlenen Eigenschaften ermangeln. Männer wie
H. Ford, Carnegie und Morgan waren keineswegs Musterbeispiele an Tugend und innerer
Gesundheit (Brown 1956, S. 132).
Neuere Studien gehen nicht mehr davon aus, dass die Charakteristika, die Führungs-
kräfte beschreiben, bei Bewerbern unbedingt vorhanden sein müssen. Es reicht, wenn bei
ihm/ihr eine bestimmte Menge davon festgestellt wird. Die Charakteristika erhält man
durch Zuschreibungen. Man unterstellt, dass allgemein bestimmte Eigenschaften bei
einer Führungskraft erwartet werden.
Eine Konkretisierung erfährt die Kategorisierungstheorie durch das GLOBE-Projekt
(Global Leadership and Organizational Behaviour Effectiveness). Hier wird versucht,
Prototypen sozial geteilter Vorstellungen über Führungspersonen für 62 Länder zu entwi-
ckeln (vgl. z. B. Quaquebeke und Brodbeck 2008).
Oswald Neuberger bringt die Ambitionen, Idealeigenschaften von Führungskräften
identifizieren zu wollen, treffend auf den Punkt:
Was verbindet das Publikum zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten (Welt-)Region
mit dem Begriff Führung? … Das gibt dann den Maßstab ab, mit dem tatsächliche Vorge-
setzte … gemessen werden können. Jeder würde die Frage nach dem idealen Fisch verwirrt
zurückweisen: ist es der Hai, der Kabeljau, die Scholle oder gar der Walfisch? Je nachdem,
wo und wovon er lebt, kann der ideale Fisch ganz anders aussehen: Wo die Muräne gedeiht,
könnte der Hai nicht überleben und auch der Kugelfisch hat seine Nische. Wie also sieht die
herausragende Führungskraft aus? (Neuberger 2002, S. 257).
1.4.2
Verhaltensansätze – Was tut eine gute Führungskraft?
Verhaltensansätze geben vor, dass eine Führungskraft sich in einer bestimmten Weise zu
verhalten hat, um erfolgreich zu sein, z. B.
Eine gute Führungskraft…
• kontrolliert die Leistungen des Mitarbeiters,
• ist für den Mitarbeiter da,
33
• plant die auszuführenden Arbeiten,
• schließt Zielvereinbarungen ab,
• hält Termine ein,
• motiviert die Mitarbeiter.
Jede dieser Verhaltensvarianten kann für Führungskräfte sinnvoll sein. Es ist aber leicht
erkennbar, dass ein bestimmtes Verhalten nur in bestimmte Situationen passt. Viele die-
ser pauschalen Verhaltensempfehlungen finden sich in der Managementliteratur wieder.
Es gehört beispielsweise zum Standardrepertoire von Management-Ratgebern, Füh-
rungskräfte dazu anzuregen, ihre Mitarbeiter zu motivieren. Wie im Themenbereich
„Motivation“ ausführlich gezeigt wird, gelingt dies meist nur kurzfristig und zeitigt oft
negative Resultate (Kap. 6).
1.4.2.1 Führungsgitter
Es gibt unterschiedliche Kriterien, auf die eine Führungskraft Wert legen kann. So
kommt es der einen eher auf eine strikte Aufgabenerledigung an, während die andere
größeren Wert auf ein gutes zwischenmenschliches Klima legt.
Ein Beispiel ist das Führungsgitter nach Blake und Adams McCanse (1991; Abb. 1.3).
1.4 Führungsstile – Wie soll die ideale …
1,9
9,9
5,5
9
8
7
6
5
4
3
2
1
1,1
9,1
1
2
3
4
5
6
7
8
9
hoch
niedrig
Personenorientierung
hoch
niedrig
Produktivitätsorientierung
Abgespecktes
Management
Aufbringen minimalen
Aufwands zur Erledigung
der Aufgabe reicht aus, um
die Mitgliedschaft in der
Organisation aufrecht zu
erhalten
Autoritätsunterordnung
Effizienz in der
Aufgabenerfüllung resultiert
aus der Gestaltung der
Arbeit in der Art und Weise,
in der menschliche Dinge
den geringsten Einfluss
ausüben
Country Club Management
Sorgsame Aufmerksamkeit für
Menschen und befriedigende
Beziehungen führen zu
angenehmer, freundlicher
Arbeitsatmosphäre und
akzeptiertem Arbeitstempo
Team Management
Arbeitserledigung durch
engagierte Leute; gegenseitige
Abhängigkeit durch gemeinsames
Interesse am Organisationszweck
führt zu vertrauens-und
respektvollen Beziehungen
Angemessene
organisatorische Leistung
wird durch Gleichgewicht
zwischen notwendigem
Arbeitsausstoß und der
Erhaltung des
Arbeitsklimas auf
angemessenem Niveau
erreicht
Middle of the Road
Management
Abb. 1.3 Führungsgitter. (Nach Blake und Adams McCanse 1991)
34
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
Hier wird der Eindruck erweckt, als gäbe es eine beste Art zu führen (z. B. Feld 9/9).
Wie die Ansätze des Situativen Führens zeigen, hängt der Erfolg dieser Patentrezepte
jedoch von den Rahmenbedingungen und der Situation ab.
1.4.2.2 Situatives Führen
„Situatives Führen“ ist heute immer noch einer der in der Managementliteratur favori-
sierten Führungsstile. Dabei wird davon ausgegangen, dass Führungskräfte es zunächst
mit „unreifen“ Mitarbeitern zu tun haben, die unfähig, unwillig und unsicher sind. Diese
müssen angewiesen und kontrolliert werden. Im Laufe der Zeit würden die Mitarbeiter
dann kompetenter und williger werden und schließlich könne man dann als Führungs-
kraft getrost Aufgaben an sie delegieren.
Die in Abb. 1.4 abgebildete „Glockenkurve“ von Hersey und Blanchard (1988) wird
von rechts nach links durchlaufen.
Zu interpretieren ist sie wie folgt:
(S1, R1): Es wird davon ausgegangen, dass ein frisch eingestellter Mitarbeiter wäh-
rend der Einarbeitung zunächst sehr stark trainiert und dirigiert werden
muss, da seine Fachkompetenz niedrig ist.
(S2, R2): Mit zunehmender Zeit wächst die Fachkompetenz. In diesem Stadium muss
die Führungskraft nun vom Trainieren zum Coachen übergehen. Das unter-
stützende Verhalten der Führungskraft nimmt zu.
hoch
niedrig
Beziehungsorientierung
hoch
niedrig
Aufgabenorientierung
Dirigieren
Trainieren
Coachen
Unterstützen
Delegieren
S4
S1
S2
S3
Anweisungen
bereitstellen und
Leistung
überwachen
Entscheidungen
erklären und
Möglichkeiten zur
Verdeutlichung
bereitstellen
Gemeinsame Ideen
entwickeln und
Hilfsmittel zur
Entscheidungs-
findung bereitstellen
Verantwortung für
Entscheidung und
Umsetzung
übertragen
Fähigkeiten/Bereitscha der Mitarbeiter (Readiness)
R4
R3
R2
R1
fähig und willig
oder sicher
fähig aber
unwillig oder
unsicher
unfähig aber
willig oder sicher
unfähig und
unwillig oder
unsicher
Abb. 1.4 Glockenkurve. (Nach Hersey und Blanchard 1988)
35
(S3, R3): Wenn dann das Engagement durch wachsende Erfahrung, Erfolgserlebnisse
und die Fürsorge der Führungskraft ansteigt, kann die Führungskraft die
Unterstützung zurücknehmen. Es muss nun auch weniger dirigiert und fach-
lich angeleitet werden.
(S4, R4): Mit weiter wachsender Fachkompetenz und hohem Engagement des Mitar-
beiters kann sich die Führungskraft immer weiter zurückziehen und immer
vertrauensvoller die Arbeit an den Mitarbeiter delegieren.
1.4.2.3 Transformationale Führung
Im Modell der transformationalen Führung (vgl. Wunderer 2007) entwickelt die Füh-
rungskraft eine Vision über die Fortentwicklung des Unternehmens, die sinnstiftend für
die Mitarbeiter wirken soll. Einbezogen werden dabei auch die Struktur und die Kultur
des Unternehmens. Es geht also nicht nur um die Interaktionsbeziehungen zu den Mitar-
beitern in der eigenen Führungsspanne, wie sie in interaktionalen Führungsansätzen the-
matisiert werden, sondern auch um die Anteile an der „strukturellen Führung“ (Kap. 4).
An der Verwirklichung dieser Vision sollen die Geführten aktiv mitwirken. Dazu müs-
sen sie von der Führungsebene ermächtigt werden, das nennt man „Empowerment“. Auf-
gabe aller Führungskräfte im Unternehmen ist es, die Mitarbeiter bei der Mitgestaltung
des Unternehmens zu unterstützen. Insbesondere sollen die Führungskräfte die Mitarbei-
ter durch charismatisches Auftreten inspirieren und motivieren.
Charisma ist nach Max Weber eine
Qualität der Persönlichkeit …, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder über-
menschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem zugänglichen
Kräften oder Eigenschaften oder als gottgesandt oder vorbildlich und deshalb als ‚Führer‘
gewertet wird (Weber 1922).
Führungspersönlichkeiten sollen ausdrucksstarke moralische Rollenbilder vorgeben,
Kompetenz und Mut ausstrahlen, hohe Erwartungen an die Mitarbeiter zeigen und Ver-
trauen in die Fähigkeiten der Geführten setzen. Sie sollen erreichen, dass die Mitarbeiter
sich mit ihnen emotional identifizieren (vgl. Northouse 2007) und über sie ein starkes
Commitment zum Unternehmen entwickeln. Der Typus der charismatischen Führungs-
kraft ist mit dem Archetypen des „Heilsbringers“ eng verbunden (Abschn. 2.2.3).
Die Elemente transformationaler Führung haben Stippler et al. (2010) in Anlehnung
an Wunderer (2007) zusammengefasst (Tab. 1.4).
1.4 Führungsstile – Wie soll die ideale …
Tab. 1.4 Transformale Führung. (Nach Stippler 2010)
Charisma
Inspiration und Moti-
vation
Intellektuelle Stimu-
lation
Individualisierte
Fürsorge
Enthusiasmus vermit-
teln
Als Identifikationsper-
son wirken
Integer handeln
Bedeutung von Zielen
und Aufgaben erhöhen
Über eine fesselnde
Vision/Mission moti-
vieren
Etablierte Denkmuster
aufbrechen
Neue Einsichten ver-
mitteln
Mitarbeiter individuell
beachten
Mitarbeiter individuell
führen und fördern
36
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
Folgende Leitsätze für transformationale Führungskräfte werden in der Literatur auf-
gestellt (vgl. Yukl 2010):
• Geben Sie eine klare und ansprechende Vision vor!
• Erklären Sie, wie diese Vision erreicht werden kann!
• Handeln Sie optimistisch und selbstsicher!
• Zeigen Sie, dass Sie den Mitarbeitern vertrauen!
• Nutzen Sie dramatische und symbolhafte Aktionen, um Schlüsselwerte zu vermitteln!
• Gehen Sie mit gutem Beispiel voran!
Trotz der postulierten Modernität dieses Führungsstils wurzelt das Modell der trans-
formationalen Führung in der althergebrachten Eigenschaftstheorie, die darstellt, wie
eine Führungsperson sein sollte, um erfolgreich zu führen. Gute Führung wird fast
ausschließlich von der Führungsperson abhängig gemacht. Die komplexen sozialen
Beziehungen zwischen Führen und Geführtwerden bleiben außer Acht. Zudem ist „cha-
rismatische Führung“ durch die „Führer“ des letzten Jahrhunderts (Hitler, Stalin, Mao)
diskreditiert. Viele weitere Probleme entstehen durch die Leitfigur des charismatischen
Führers, z. B.:
• Die Selbstverantwortung der Geführten wird nicht ausgebildet, „denn der Führer
wird’s schon richten“. Charismatische Führungspersonen haben immer Recht, denn
sie sind von „höheren Mächten“ gesandt.
• Führungskräfte können der von diesem Führungsstil verordneten Vorbildrolle in einer
komplexer werdenden Welt kaum noch gerecht werden. Heute benötigt jede wichtige
Unternehmensentscheidung den Sachverstand des Kollektivs/Netzwerks, um strate-
gisch und operativ angemessen zu sein.
• Der Nachfolger einer charismatischen Führungspersönlichkeit hat es schwer, den
Erwartungen seiner Mitarbeiter gerecht zu werden, zumal der „geniale“ Vorgänger
wahrscheinlich kaum belastbare Strukturen geschaffen hat, sodass das Unternehmen
ohne sein Wirken kaum funktionieren kann.
Neuere Ansätze der transformationalen Führung (vgl. z. B. Antonakis et al. 2004; Bennis
und Nanus 1985; Kouzes und Posner 2002) entwickeln einen Mix aus verschiedenen
Führungsstilen, in denen jedoch die charismatische Führungskraft immer noch die zen-
trale Figur bleibt.
Transformationale Führung stellt sich bei näherem Hinsehen also als alter Wein in
neuen Schläuchen heraus. Sie ist eine Neuauflage des guten alten Eigenschaftsansatzes,
nun allerdings aufgeladen durch die „charismatische Führungskraft“. Die Führungsper-
son soll den Geführten Enthusiasmus vermitteln und als Identifikationsperson wirken.
Sie soll die Mitarbeiter durch fesselnde Visionen, düstere Zukunftsprognosen oder Sün-
denbockstrategien aktivieren und motivieren und ihnen so Sinn in ihrem Leben vermit-
teln. Nach diesem Ansatz erscheint Führen wieder einmal allein von der Führungsperson
37
abhängig zu sein. Die Geführten erscheinen als graue Masse, der nur durch die charisma-
tische Führungspersönlichkeit Leben und Leistungswillen eingehaucht werden (weitere
Ausführungen zur charismatischen Führungsperson siehe Abschn. 2.2.3).
1.5
Die Verhältnisse prägen den Menschen – und umgekehrt
Arbeitsorganisation, Menschenbilder und entsprechende Führungsstile sind im Laufe
der gesellschaftlichen Entwicklung gemeinsam entstanden und haben in wechselseitiger
Beeinflussung unsere Lebenswelt auf der Ebene der Unternehmen und Organisationen
gestaltet. Zu fragen ist nun: Welche Art von Unternehmen erfordern welche Mitarbeiter
und wie verändern sich Mitarbeiter in ihrem Unternehmen?
Aus der Organisationswissenschaft kennen wir organisatorische Idealtypen (vgl.
Hill et al. 1994). Damit werden Extreme beschrieben, zwischen denen sich ein reales
Unternehmen bewegt. Die Extremfälle wollen wir hier „Typ A-Unternehmen“ und „Typ
B-Unternehmen“ nennen.
1.5.1
Typ A-Unternehmen
Routinisierungspotenzial In Typ A-Unternehmen ist das Routinisierungspotenzial hoch.
Das Unternehmen ist eingebettet in eine homogene, gleichbleibende Umwelt mit kon-
stanten Anforderungen an Produktion und Geschäftstätigkeit und besitzt deshalb eine
hohe Eigenständigkeit gegenüber seiner Umwelt. Daraus folgt, dass die zu erledigenden
Aufgaben in hohem Maße routinemäßig ausgeführt werden können, da es um die Verar-
beitung immer gleicher Ereignisse geht.
Problemlösungspotenzial In einer solchen Arbeitsumgebung genügen Beschäftigte mit
niedrigem Problemlösungspotenzial. Sie müssen bei ihrer Arbeit nur eine geringe Anzahl
ähnlicher Faktoren berücksichtigen, und diese Faktoren bleiben über längere Zeiträume
hinweg konstant. Dementsprechend sind die Ziele der Arbeit und auch die Maßnahmen
die zur Zielerreichung notwendig sind, allen Beteiligten klar. Von den Menschen wird
über lange Zeiträume kaum die Fähigkeit verlangt, unvorhergesehene Probleme zu lösen.
Dementsprechend bleiben ihr Problemlösungspotenzial und ihre Anpassungsfähigkeit an
neue Situationen gering. Ihre Kenntnisse und Fähigkeiten beschränken sich auf wenige
Sachgebiete. Ihr Denkansatz ist partiell und von Hierarchie- und Sicherheitsdenken
geprägt.
Leitungsfunktionen Die Leitungsfunktionen sind wenig spezialisiert, möglichst einheit-
lich und gegeneinander abgegrenzt gehalten, weil dadurch im Rahmen der stark zentra-
len Struktur klare Kompetenzabgrenzungen möglich erscheinen und die Entscheidungen
langfristig gültig bleiben können. Durch die geringe Komplexität der zu erledigenden
1.5 Die Verhältnisse prägen den Menschen – und umgekehrt
38
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
Aufgaben und die daraus resultierenden Möglichkeiten, Aufgaben detailliert und spezi-
fisch vorzuplanen, können die relevanten Entscheidungen an der Spitze des Unterneh-
mens getroffen werden. Dies hat den Vorteil, dass die Entscheidungen zentral im Voraus
aufeinander abgestimmt werden können. Daraus ergibt sich dann auch ein geringer
Bedarf an qualifizierten Leitungskräften. Die Beschäftigten müssen sich nicht auf neue,
unbekannte Aufgabenstellungen einstellen und Verantwortung für risikoreiche Entschei-
dungen übernehmen.
Führungsstil Es herrscht ein autoritativer Führungsstil. Die Mitarbeiter nehmen an der
Ziel- und Willensbildung der Vorgesetzten kaum teil. Dies ist auch nicht erforderlich,
weil wegen der wenig komplexen Aufgaben dadurch kaum eine Qualitätserhöhung zu
erwarten wäre. Die Beschäftigten werden nicht mit widerstrebenden Meinungen anderer
Beschäftigter konfrontiert, sodass ihre Sicherheit, dass die Vorgesetzte schon das Rich-
tige tut, gesteigert wird.
1.5.2
Typ B-Unternehmen
Routinisierungspotenzial In Typ B-Unternehmen ist das Routinisierungspotenzial nied-
rig. Das Unternehmen muss sich mit einer großen Anzahl heterogener Anforderungen
aus seiner Umwelt auseinandersetzen. Die Anforderungen der Unternehmensumwelt
wechseln rasch und teilweise auch abrupt. Das Unternehmen ist stark abhängig von der
Erfüllung dieser Anforderungen. Bei der Aufgabenerfüllung muss eine Vielzahl unter-
schiedlicher Faktoren berücksichtigt werden, und das Wissen um die einzusetzenden
Verfahren und Problemlösungsstrategien ist sehr begrenzt. Ausnahmefälle treten oft auf,
und ihre Bearbeitung ist schwierig und langwierig. Die Ziele der Aufgabenerfüllung kön-
nen nicht exakt formuliert werden, und über die Wege der Zielerreichung bestehen unter-
schiedliche Auffassungen.
Problemlösungspotenzial Solche Unternehmen brauchen Beschäftigte mit hohem Pro-
blemlösungspotenzial. Dementsprechend werden von den Beschäftigten große Fähig-
keiten zur selbstständigen ganzheitlichen Problemlösung erwartet. Sie verfügen über
intensive Kenntnisse und Fähigkeiten auf mehreren Sachgebieten, sind neuen Erfahrun-
gen gegenüber offen und passen sich leicht neuen Gegebenheiten an. Die Beschäftigten
haben in der Regel eine lange Ausbildung hinter sich und weisen generalistische Fähig-
keiten auf. Sie sind in hohem Maße kommunikationsfähig und bevorzugen Teamarbeit.
Leitungsfunktionen Die Mitarbeiter akzeptieren nur in geringem Maße die positionsbe-
dingte Autorität von Vorgesetzten. Die hohe Komplexität der zu erfüllenden Aufgaben
und deren geringe Vergleichbarkeit erfordern spezialisierte aber auch fachübergreifende
Kenntnisse und eine direkte Verfügbarkeit von Informationen. Eine Mehrfachunterstel-
lung von Mitarbeitern im Rahmen einer Matrixorganisation fördert deren Möglichkeiten,
selbstständig über ihre Arbeit zu bestimmen und sich in Projektteams zu organisieren.
39
Führungsstil Die hohe Komplexität der Aufgaben erfordert die volle Ausschöpfung der
Problemlösungskapazitäten. Die erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten sind so
unterschiedlich, dass sie nicht zentral vorgehalten werden können. Wegen der kurzen
Reaktionszeit, die häufig für Entscheidungen verbleibt, ist es sinnvoll, dass die Mitar-
beiter weitgehend selbst über ihr Verhalten bestimmen und dafür dann auch die Verant-
wortung tragen. Sie nehmen an der Ziel- und Willensbildung im gesamten Unternehmen
teil. Dies ist erforderlich, weil die komplexen Aufgaben die Expertise aller Beschäftig-
ten erfordern. An der Tagesordnung sind teilautonome Teams. Durch diese Mitwirkung
und Selbstverantwortung kommt es zu einer starken Identifikation mit den Belangen des
Unternehmens.
1.5.3
Unternehmen zwischen Typ A und Typ B
Heute wird allgemein davon ausgegangen, dass reale Unternehmen in den entwickelten
Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften sich dem Typ B-Unternehmen annähern.
Dies wird daran festgemacht, dass die Umwelt von Unternehmen angesichts wachsender
Internationalisierung der Märkte und wachsenden Kundeneinflusses komplexer und tur-
bulenter wird.
Weitere Gründe für die Tendenz zum Typ B-Unternehmen werden u. a. im hohen
Technologisierungsgrad der Unternehmen gesehen, die standardisierbare Tätigkeiten
schnell automatisieren, sodass letztlich nur noch komplexe Problemlösungstätigkeiten
übrig bleiben. Auch die Bedürfnisse der Beschäftigten werden heute eher in Richtung
Selbstständigkeit und Selbstverwirklichung gedeutet als dies früher der Fall war.
Vielfach kommen in einem Unternehmen Ausprägungen beider Unternehmenstypen
A und B zum Zuge. So finden sich im Angestelltenbereich des Unternehmens womög-
lich eher Tendenzen eines Typ B-Unternehmens, während in der Logistik sowie in den
produktiven Bereichen eher Faktoren eines Typ A-Unternehmens bestimmend sind.
Während also vielfach in den Führungsebenen eine partizipative Arbeitsgestaltung ver-
folgt und Problemlösungskompetenz und Selbstständigkeit in den Vordergrund gestellt
werden, lassen sich in den produktionsnahen Bereichen eher tayloristische Organisati-
onsformen oder – mit der Tendenz zu Auslagerung und Leiharbeit – sogar vor-tayloristi-
sche Kontraktorenverhältnisse (Abschn. 1.1.6.1) ausmachen.
Auf diese Weise verläuft in den Unternehmen eine teilweise krasse Grenze zwischen
zwei unterschiedlichen Kulturen, die auch unterschiedliche Bedürfnisse der Mitarbeiter
voraussetzen und gleichzeitig reproduzieren.
1.5 Die Verhältnisse prägen den Menschen – und umgekehrt
40
1 Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung …
Literatur
Alderfer, C. (1972). Existence, relatedness, and growth. Human needs in organizational settings.
New York: Free Press.
Antonakis, J., Cianciolo, A. T., & Sternberg, R. J. (2004). The nature of leadership. Thousand
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Babbage, C. (1833). Über Maschinen und Fabrikwesen. Berlin: Stuhr.
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P. Berger, Praxiswissen Führung, https://doi.org/10.1007/978-3-662-50527-4_2
Zusammenfassung
Warum unterwerfen sich erwachsene Menschen freiwillig und oft mit Freuden frem-
den Autoritäten? Sind es besondere Eigenschaften, oder mitreißendes Führungsverhal-
ten? Ist es immer der Stärkste, der sich zum Führer aufschwingt? Ist es die Vaterfigur
oder der Held oder der Erlöser, den wir zum Führer machen? Wie funktioniert dieses
uralte Wechselspiel von Herrschaft und Unterwerfung, das Führer und Geführte mitei-
nander verbindet? Liegt es in der Natur des Menschen, geführt zu werden? Nicht die
Stärksten und Intelligentesten werden Führungskräfte, wie ein Blick in die Geschichte
„großer Führer“ zeigt. Denjenigen, denen es gelingt, die Motive der Menschen zu akti-
vieren, schließen diese sich an. Das können Vaterfiguren, Helden oder Menschen sein,
die als Erlöser wahrgenommen werden. Führungsbeziehungen stabilisieren sich durch
soziale Konstruktion. Führungskräfte und Geführte verfangen sich dabei im Clinch
und in selbsterfüllenden Prophezeiungen. Jeder hat seine eigene Wirklichkeit und kon-
struiert sich seine Welt so, dass möglichst wenig an dieser Konstruktion geändert wer-
den muss. Damit hat jeder Recht – jedenfalls aus seiner Perspektive.
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Alfred A. Neumann: „Lieber Herr Autor, nachdem Sie nun ausführlich erklärt haben,
welche gesellschaftlichen Bedingungen zum Entstehen von Management und Führung
geführt haben, bleibt eines der großen Rätsel für mich übrig, nämlich: Wie kommt es,
dass sich erwachsene Menschen irgendwelchen Führern freiwillig und meist sogar freu-
dig unterwerfen, ob nun in der großen Politik oder in Unternehmen und Behörden?“
Autor: „Herr Neumann, das werden wir jetzt klären.“
Warum die Menschen das mitmachen –
Führung als soziale Konstruktion
2
44
2 Warum die Menschen das mitmachen – Führung …
Nicht der Stärkste oder der Klügste führt, sondern derjenige, dem die anderen – das Volk,
die Wähler, die Kollegen, die Familienangehörigen… – die Macht zum Führen einräumen,
denn Macht hat man nicht, Macht ist eine soziale Beziehung. In dieser sozialen Beziehung
konstruieren sich Führer und Geführte wechselseitig und werden zu „Clinchpartnern“, die
sich im „Double-Bind“ (vgl. Watzlawick et al. 1969, S. 231–241) verfangen.
2.1
Beziehung führt
Die Meinung, die Stärksten und Intelligentesten würden naturwüchsig die Führung über-
nehmen, ist schon seit langem als Ideologie enttarnt. Die „großen Führer“, die wir aus
der Geschichte kennen, waren weder besonders stark noch übermäßig intelligent. Es gab
andere Mechanismen, die ihnen „das Volk“ in die Arme trieb.
Besondere Eigenschaften oder vorbildliches Führungsverhalten, können ebenfalls
nicht ausschlaggebend für erfolgreiche Führung sein, denn allzu oft machen die Führer
alles „falsch“ und die Menschen folgen ihnen trotzdem. Oft sind gerade „Musterbrecher“
als Führer erfolgreich, eben weil sie gegen etablierte Formen und Normen verstoßen
oder das Establishment angreifen. Dies machen gerade die populistischen Bewegungen
in Europa und in den USA deutlich.
Unter welchen Umständen sind wir bereit, anderen Menschen zu folgen? Wir lassen
uns führen, wenn uns die Welt chaotisch und gefährlich vorkommt, wenn wir uns abge-
hängt fühlen, wenn wir ängstlich, unsicher, faul oder verliebt sind, wenn wir auf Wunder
hoffen und beschützt werden wollen, wenn wir weisen Rat oder Erlösung herbeisehnen,
oder wenn uns jemand den Weg zu neuen Abenteuern zeigt. Es geht nicht um „richtig“
oder „falsch“, sondern es geht um Bedürfnisse und Gefühle, die sich eben nicht vermes-
sen und sachlich bewerten lassen.
Im Betrieb lassen wir uns besonders gern führen, wenn wir uns davon Anerkennung
und Sicherheit versprechen. Wir lassen es zu, geführt zu werden, wenn uns dabei die
Erfüllung von tief verwurzelten Wünschen und Bedürfnissen winkt. Wenn es Leuten
gelingt, unsere oft verschütteten Motive zu aktivieren und wir das Gefühl haben, bei
ihnen Erfüllung zu finden, dann lassen wir diese Führungsbeziehung zu oder eilen dem
Führer gleich freudig in die Arme. Führer und Geführte gehen eine Beziehung miteinan-
der ein, die kaum noch von Fakten und rationalen Überlegungen abhängig ist.
Eine zentrale Rolle beim Aufbau von Führungsbeziehungen spielen Archetypen.
Archetypen – der Vater, der Erlöser, die Verführerin, der Weise, die Mutter, der Held,
der Abenteurer, das Mädchen, der Zauberer usw. – werden in der Wirtschaft schon lange
genutzt, um die Menschen zum Konsum zu (ver-)führen und Marken zu etablieren (vgl.
z. B. Petz 2015). Red Bull spielt z. B. auf den Archetypen des „Abenteurers“ an, Mövenpick
zielt eher auf die „Liebhaberin“ oder den „Verführer“ und Hohes C auf den „Vater“, der
uns vor Vitaminmangel schützt.
Archetypen liegen auch der Beziehung zwischen Führer und Geführten zugrunde.
Führung ist eine Beziehung zwischen jemandem, der an der Spitze stehen will und den
45
Menschen in seinem sozialen Umfeld. Der Mensch an der Spitze ist nicht etwa stärker
als die anderen oder klüger oder mutiger. Er erhebt unter passenden äußeren Umständen
zum passenden Zeitpunkt mit dem passenden Habitus den Anspruch auf die Führung.
In unserer vernetzten Gesellschaft hat ein solcher Mensch meist erhebliche Ressourcen
für die Kommunikation seines Führungsanspruchs. Was sich da abspielt, nennen Wissen-
schaftler Soziale Konstruktion (vgl. z. B. Berger und Luckmann 1980) oder Strukturation
(vgl. Giddens 1984) (siehe auch Saum-Aldehoff 1998, BMFSFJ 1998 mit anschaulicher
Formulierung). Zwischen Sozialer Konstruktion und Strukturation bestehen wissen-
schaftlich gesehen zwar Unterschiede, jedoch steht bei beiden das Wechselspiel und die
wechselseitige Bedingtheit von Herrschaft (= legitimierte Machtausübung) und Unter-
werfung im Mittelpunkt. Diesen Handlungsschablonen liegen wiederum unsere Urbilder,
die Archetypen, zugrunde.
2.2
Archetypen
Unsere Beziehungen sind durch Urbilder geprägt, Carl Gustav Jung nennt sie Archetypen.
Sie reichen bis in unsere tierische Vergangenheit zurück und sind bei uns allen auch heute
noch unbewusst wirksam (vgl. Jung 2011; Neuberger 1995, S. 41 ff.).
Führung beutet – meist unbewusst – diese tief sitzenden Programmierungen aus. Füh-
rungsanspruch wird hingenommen, wenn eingeschliffene Beziehungsmuster (…) aktiviert
werden, die kulturelles Allgemeingut sind. Sie gelten als unverbrüchlich und fraglos und
bieten erprobte Handlungsschablonen, die den Umgang miteinander denkentlastet regeln
(Neuberger 2002, S. 107).
2.2.1
DER DA OBEN… der Archetyp Vater
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Autor: „Herr Neumann, haben Sie ihren Vater auch als Führungsperson erlebt?“
Alfred A. Neumann: „Als ich ein kleines Kind war, kam mir mein Vater streng und
überlegen vor. Er hat mich beurteilt, war aber meistens gütig und verständnisvoll.
Anderen kam ihr Vater vielleicht allwissend, allgegenwärtig oder gar allmächtig vor.
Vielen erschien er als Despot, denn er wollte um jeden Preis seine eigenen Vorstellun-
gen durchsetzen. Ich erinnere mich noch an Filme aus den 1950er Jahren, in denen
der „Boss“ jovial – leben und leben lassen – für ‚seine Leute‘ sorgte. Der Vater war
eben das damalige Idealbild des Unternehmensführers.“
Unsere Vorstellungen von Führung sind stark von diesem Vater-Kind-Bild geprägt. Wird
einem Menschen in einem Unternehmen oder einer Behörde, die Leitung einer Abtei-
lung übertragen, so ist er zunächst einmal Leiter. Er hat damit Machtressourcen durch
2.2 Archetypen
46
2 Warum die Menschen das mitmachen – Führung …
seine Leitungsposition, man spricht von positionaler Macht. Zur Führungskraft wird er
dann, wenn er es erreicht, dass die Menschen in seiner Abteilung ihm folgen. Sie werden
zu Geführten, zu „seinen Leuten“. Diese folgen ihm deshalb, weil er ihre Urbilder der
Vater-Kind-Beziehung und damit ihre verdeckten Motive aktiviert.
Je nachdem, wie wenig gefestigt und innerlich erwachsen die Mitarbeiter sind, füh-
len sie sich von ihm beschützt und entlastet von Verantwortung, denn „DER DA OBEN
wird es schon richtig machen“. Sie fühlen sich abhängig und sie lieben und hassen den
„Vater“. Sie rebellieren auch manchmal gegen ihn, denn der Vater sorgt für seine Kin-
der – und entmündigt sie dabei. Der Leiter, nunmehr Führer, ist für seine Mitarbeiter
die Vaterfigur, der „Große Mann“, wenn er deren Bedürfnisse nach einer erfüllten Vater-
Kind-Beziehung durch sein Auftreten aktiviert und befriedigt.
Sigmund Freud hat 1939 eindrucksvoll herausgearbeitet, woher die Sehnsucht nach
Autorität bei uns stammt:
Wir wissen, es besteht bei der Masse der Menschen ein starkes Bedürfnis nach einer Auto-
rität, die man bewundern kann, der man sich beugt, von der man beherrscht, eventuell sogar
misshandelt wird… Es ist die Sehnsucht nach dem Vater, die jedem von seiner Kindheit her
innewohnt… Man muss ihn bewundern, darf ihm vertrauen, aber man kann nicht umhin, ihn
auch zu fürchten (Freud 1986, S. 555 f.).
Der Begriff „Personalführung“ selbst entspringt ja dem Vater-Kind-Verhältnis. Schon im
Jahr 1988 hatte der Organisationswissenschaftler Klaus Türk die Überwindung der Kate-
gorie „Personalführung“ gefordert. Mit diesem Begriff wird nach Türk unterstellt, dass
Mitarbeiter
…offenbar einer Vormundschaft bedürfen, weil sie unwissend, faul, unmotiviert, vielleicht
sogar undiszipliniert seien. Sie müssen belohnt und bestraft, erzogen und gelenkt, motiviert
und angewiesen werden, damit sie das tun, was gefordert wird… (Türk 1988, S. 4, zitiert
nach Neuberger 1995, S. 46).
Wer z. B. meint, Führungskräfte müssten Vorbild sein, ist unbewusst wahrscheinlich
mehr oder weniger einer solchen patriarchalischen Sicht von Führung verhaftet.
Wie wir wissen, kann die Vater-Kind-Beziehung zwischen Führer und Geführten
geraume Zeit stabil bleiben. Es kommt dann allerdings immer wieder auch zu Befrei-
ungsaktionen, die nicht selten durch aufstrebende Führer angeführt werden, die wiede-
rum andere Archetypen ansprechen, z. B. die vom „Helden“ oder vom „Heilsbringer“.
2.2.2
KÄMPFE FÜR UNS… der Archetyp Held
Heldenmythen entstehen aus Kriegserzählungen. Der Held ist der Retter in der Not. Er
kämpft gegen Drachen, besteht schwere Prüfungen, bringt große Opfer, ist, bis auf eine
kleine versteckte Stelle unverwundbar und einsam in seiner Größe (vgl. Neuberger 1995,
S. 46 ff.).
47
Wir kennen Helden aus Märchen und Sagen. George Lucas hat in seiner Star-Wars-
Saga die typischen Stationen der Heldenreise meisterhaft zusammengestellt: Ein junger
unbedarfter Mensch bricht auf, um die Welt zu retten. Er genießt den Rat und den Schutz
von geheimen Mächten, befreit Jungfrauen und überwindet schließlich den Vor-Mann
(den Vater).
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Alfred A. Neumann: „Zum Thema ‚Führungskräfte als Helden‘ möchte ich ein
Erlebnis zum Besten geben: Ich habe mal den Personalchef eines großen Technikun-
ternehmens, nennen wir ihn Hans-Ullrich, auf einer Tagung erlebt. Er hielt einen Vor-
trag zum Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Wie zu erwarten, hob er die
diesbezüglichen Leistungen seines Unternehmens hervor. Ein Betriebskindergarten
und betrieblich finanzierte Betreuungsdienste stünden zur Verfügung, die Arbeitszei-
ten seien flexibler geworden und auch Auszeiten für Väter seien möglich – die ganze
Palette halt.
Als dann zum Schluss eine der Anwesenden fragte, wie er persönlich denn sei-
nen Beruf mit seinem Familienleben vereinbare, antwortete er sinngemäß wie folgt:
‚Sie glauben ja gar nicht, was das für eine Arbeit ist, das ganze Thema ‚Beruf und
Familie‘ zu koordinieren. Ich habe schließlich die Verantwortung für Tausende von
Mitarbeitern. Ich arbeite zurzeit etwa 72 Stunden in der Woche, die Wochenenden
eingeschlossen.‘ Auf die Frage, wie er das denn mit seinen drei Kindern schaffen
könne, kam die Antwort: ‚Na ja, meine Frau ist zu Hause und schmeißt den Laden…
Und, na ja, einer muss das ja nun mal für das Unternehmen machen…‘ Da habe ich
gedacht: Heldenhaft, wie der sich für sein Unternehmen aufopfert.“
Führungskräfte sind zwar meist keine strahlenden Helden, dem die Geführten mit ver-
klärtem Blick folgen. Aber oft verstehen sie sich selbst als Helden, wie Hans-Ullrich,
der sich für „seine Leute“ und das Unternehmen einsetzt und aufopfert. Und sicherlich
bewundern ihn viele seiner Mitarbeiter dafür und wollen mit eigenem Engagement nicht
zurückstehen.
Der Held bietet die Möglichkeit der Identifikation – wenn wir ihm folgen, haben
wir an seiner Größe teil – und er legitimiert unsere Unterordnung. Gegenüber Helden
herrscht Kritikverbot und Gehorsamspflicht. Das wirkt entlastend auf den Denk-und
Reflexionsapparat. Die strahlende Übermenschlichkeit des heldenhaften Führers ist eine
gute Legitimation für die Unterlassung eigener Reflexionsanstrengungen. Für die frei-
willige Unterwerfung und Selbstentmündigung gilt die Überhöhung des Unterwerfers als
Rechtfertigung.
Viele Vorstellungen über gute Führung haben im Bild der heldenhaften Führungskraft
ihren Ursprung. Insbesondere Führungsstile, die den charismatischen Führer in den Mit-
telpunkt stellen, lassen sich wohl auch auf die Sehnsucht nach dem Retter zurückfüh-
ren, der überkommene patriarchalische Strukturen aufbricht und das Unternehmen in die
„Transformation“ führt.
2.2 Archetypen
48
2 Warum die Menschen das mitmachen – Führung …
Übrigens: Helden können auch weiblich sein – Jeanne d’Arc und Lara Croft lassen
grüßen.
2.2.3
ERRETTE UNS… Charismatische Führungskräfte und der
Archetyp Heilsbringer
Verwandt mit dem Helden ist der Heilsbringer. Dieser scheint übernatürliche Kräfte zu
haben, scheint zu schaffen, was sonst kein Mensch schaffen kann und folgt unbeirrt sei-
ner Vision. „Er hat Charisma“, sagen seine Bewunderer von ihm. Der Charismatiker ist
niemandem Rechenschaft schuldig, vielmehr schuldet seine Gefolgschaft ihm Verehrung
und Dankbarkeit. Die Geführten werden zu Jüngern. Angesichts der Größe des Führers
bleibt ihnen nur noch die bedingungslose Hingabe – oft bis zum gemeinsamen Unter-
gang. Die Geführten sind be-geistert und mit-gerissen. Führer und Geführte werden
zu einer „verschworenen Gemeinschaft“. Es wird ein (ewiger) Bund eingegangen. Die
Geführten schätzen sich glücklich, ihrem Führer dienen zu dürfen, gibt er ihnen doch
einen Sinn in ihrem ansonsten als bedeutungslos erscheinendem Leben. Soweit zur The-
orie des „Heilsbringers“.
Wird eine solche Führungsbeziehung im Unternehmen gelebt, so erwachsen daraus
neue „höhere“ Motive in den Geführten und sie stecken sich selbst herausfordernde
Ziele. Materielle Anreize verlieren an Wert, Tatsachen werden von Gefühlen verdrängt
und Inspiration ersetzt die nüchterne Analyse von Leistung und Gegenleistung: „Für
meinen Chef mache ich gern mal Überstunden…“ Wir befinden uns mit charismatischen
Führungskräften in einem „postfaktischen“ Zustand, dem in jüngster Zeit Populisten
wieder ihren Aufstieg verdanken.
Ein solcher totaler Zugriff auf die emotionale Identifikation der Geführten mit der
Führungskraft und damit auf die intrinsische Motivation der Geführten erscheint aus
der Sicht mancher Arbeitgeber verlockend. Auch deshalb entspringen der Führungsfor-
schung immer wieder neue Ansätze, die den „charismatischen Führer“ im Zentrum von
neuen Führungsstilen sehen. Im Jahre 1985 wurde von Organisationswissenschaftlern
die sogenannte Transformationale Führung in die organisationspsychologische Diskus-
sion eingeführt und in verschiedenen Abwandlungen zum Transformationalen Führungs-
stil ausgebaut (siehe z. B. Antonakis et al. 2004; Bennis et al. 1985, eine Übersicht findet
sich in Stippler et al. 2010).
2.3
Führung in Clinch und Teufelskreis
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Alfred A. Neumann: „Lieber Autor, das ist ja alles ganz interessant. Aber ich möchte
doch höflich anfragen, wo die Beantwortung meiner Frage bleibt, nämlich, wie es kommt,
dass sich erwachsene Menschen irgendwelchen ‚Führern‘ freiwillig unterwerfen.“
49
Autor: „Nur Geduld, Herr Neumann, erst einmal müssen wir uns noch mit „Clinch“
und „Teufelskreis“ beschäftigen, damit wirklich klar wird, was in der Führungsbezie-
hung geschieht. Einstweilen sage ich nur so viel: Führer und Geführte spielen sich
aufeinander ein und kommen dann nicht mehr ohne Verluste voneinander los. Irgend-
wann hat die Führungskraft die Mitarbeiter, die sie verdient und die Mitarbeiter haben
die Führungskraft, die sie verdienen. Auch das Unternehmen hat den Vorstand und
den Aufsichtsrat, den es verdient, aber eben auch den Betriebsrat, den es verdient.
Oder einfacher ausgedrückt: ‚Wie es in den Wald hinein schallt, so schallt es auch
wieder heraus‘, oder auch: ‚Zu jedem Topf passt ein Deckel‘“.
Wie wird dieses Wechselspiel von Herrschaft und Unterwerfung, welches damit beginnt,
dass Menschen mit Führungsanspruch es fertig bringen, Urbilder in den Menschen ihrer
Gruppe zu aktivieren, nun auf Dauer aufrecht erhalten und im Laufe der Zeit sogar noch
vertieft?
Beginnen wir mit einer Alltagssituation: Wenn ich Sie auf der Straße im Vorbeigehen
anlächle, lächeln Sie vielleicht zurück oder Sie schauen weg und denken sich „was will
der denn von mir…“ Auf jeden Fall aber beeinflusst Sie mein Lächeln – und Ihr Verhal-
ten hat wiederum Einfluss auf mich: Vielleicht spreche ich Sie an und wir landen beim
Cappuccino im Bistro an der Ecke, vielleicht schaue ich aber auch betreten zu Boden
und denke „wieder jemand, der mich nicht mag…“
Es fängt damit an, dass Menschen nicht ohne andere Menschen sein können. Wir sind
so gemacht, dass wir unweigerlich miteinander in Kontakt treten. Ob wir es nun Fami-
lie, Sippe, Stamm, Volk oder eben Unternehmen nennen – wir gehen immer Beziehun-
gen zu anderen Menschen ein und wir bestärken uns gegenseitig in unserer Sicht der
Dinge, sowohl im Positiven als auch im Negativen. Wir treten in Interaktion, beeinflus-
sen uns also gegenseitig in unserem Verhalten. Bei dem, was wir tagtäglich scheinbar
frei und selbstverständlich entscheiden und tun, sind wir in Wirklichkeit eingebun-
den in ein Geflecht von empfundenen Einflüssen, die andere Menschen, unser soziales
Umfeld, unsere Erziehung und die Kultur in der wir leben, auf uns ausüben. Und wir
sind für andere Menschen wiederum Teil dieses Geflechts. Im Laufe der Zeit stellen
wir uns aufeinander ein und lernen unsere Rolle im Skript unseres Lebens, die wir dann
auch dadurch legitimieren, dass wir nichts verändern. Wir behalten unser Verhalten bei
und bauen es weiter aus, wenn uns nicht Reflexion oder radikale Erschütterungen und
Umbrüche auf neue Wege führen.
Paul Watzlawick (1969) hat für dieses Verhalten den Begriff Teufelskreis eingeführt
(zu Teufelskreisen siehe ausführlich Abschn. 8.1.5). Schulz von Thun (1997) beschreibt
dieses Wechselspiel, am einfachen Beispiel eines Ehepaars: Der Mann fühlt sich von
seiner Frau ausgeschlossen. Er spioniert ihr hinterher. Sie zieht sich daraufhin zurück,
ist einsilbig und hat Heimlichkeiten ihm gegenüber. Dies verunsichert ihn weiter und
führt dazu, dass er verstärkt hinter ihr her spioniert. Watzlawick nennt das die Tücke der
Interpunktion: Sie: „Weil er misstrauisch ist, ziehe ich mich zurück“. Er: „Weil sie sich
2.3 Führung in Clinch und Teufelskreis
50
2 Warum die Menschen das mitmachen – Führung …
zurückzieht, werde ich misstrauisch.“ Beide Seiten interpretieren die Ursache-Wirkungs-
beziehung genau entgegengesetzt.
Man ahnt schon, dass man das auch wunderbar auf Führungsbeziehungen anwenden
kann:
Mitarbeiter: „Weil er uns ständig kontrolliert, legen wir die Füße hoch, wenn er mal
nicht da ist“.
Chef: „Weil meine Mitarbeiter ständig Pause machen, muss ich sie streng kontrollie-
ren.“
Mitarbeiterin: „Mein Chef traut mir gar nichts zu, ich fühle mich schon ganz unsi-
cher“.
Chef: „Dieser Mitarbeiterin muss man ja alles zweimal sagen.“
Mitarbeiter: „Mein Chef ist der Größte, der kann alles, der macht alles, das würde ich
niemals können“
Chef: „Alles muss ich allein machen.“
Auf diese Weise verfangen sich Interaktionspartner im Clinch und „passen“ dann
irgendwann prima zueinander. So funktioniert auch die gegenseitige Eskalation von
Furcht und Angst, die der Soziologe Norbert Elias als „Doppelbinder“ bezeichnet hat
(vgl. Elias 1980).
Es gibt Unternehmen, in denen Personalleitung und Betriebsrat viele Jahre gegenei-
nander gekämpft und sich völlig im „Clinch“ verstrickt haben. Wenn einer der Clinch-
Partner dann allerdings wegbricht, so geht der andere meist auch zu Boden, denn im
Clinch braucht man sich und man stützt sich durch die gegensätzliche Interpretation der
Wirklichkeit.
Führen und Geführtwerden bedingen sich, wie alle zwischenmenschlichen Beziehun-
gen wechselseitig. Eigentlich muss das jedem klar sein. Leider aber konzentriert sich ein
Großteil der Führungsforscher darauf, Führung als objektive, messbare Größe zu behan-
deln, die ausschließlich von den Eigenschaften oder dem Verhalten der Führungskraft
abhängt.
2.3.1
Das Modell menschlichen Verhaltens in Sozialen Systemen
Interaktion und soziale Konstruktion sind die Faktoren, die die Beziehung zwischen
Führern und Geführten begründen. Am Modell „Menschlichen Verhaltens in Sozialen
Systemen“ (vgl. Hill et al. 1994) kann man die komplexen Vorgänge demonstrieren, die
unser Verhalten bei der Interaktion mit anderen Menschen bestimmen (Abb. 2.1). Natür-
lich kann dieses Modell nur eine grob vereinfachte schematische Darstellung liefern, die
wenig über die komplexen Vorgänge aussagt, die sich im menschlichen Gehirn abspie-
len. Das Modell beschreibt aber die Mechanismen gut, die grundlegend für die soziale
Konstruktion sind, der wir hier auf die Spur kommen wollen.
Wie verarbeitet ein Mensch einen von außen auf ihn treffenden Anreiz und legt dann
ein darauf bezogenes Verhalten an den Tag?
51
Ganz vereinfacht, können wir uns das wie folgt vorstellen: Auf ihn trifft ein Anreiz,
den nennen wir Stimulus, und heraus kommt ein bestimmtes Verhalten. Der eintreffende
Stimulus löst zunächst kognitive Prozesse aus, die schnell und meist unbewusst ablaufen.
Das sind Prozesse, mit denen wir unsere Umwelt erkennen – Kognition heißt Erkenntnis.
Doch nicht nur solche Erkenntnisprozesse beeinflussen unsere Reaktion auf den Sti-
mulus. Auch Faktoren, die tief unter der Oberfläche von Vernunft und Entscheidung
liegen, beeinflussen unser Verhalten. Wir wollen dies im Folgenden unter dem Begriff
Psychosystem zusammenfassen.
Kognitive Prozesse
• Wahrnehmen: Der Stimulus trifft zunächst auf unser Wahrnehmungssystem. Dort
wandeln unsere Sinnesorgane den Stimulus in Signale um, die unser Gehirn verarbei-
ten kann. Werden diese Signale an die Ganglienzellen in der Hirnrinde weitergeleitet,
so entstehen dabei, niemand weiß bisher genau wie, „Vorstellungen“ über den Stimu-
lus.
• Interpretieren: Sind Vorstellungen über den Stimulus gebildet worden, wird ihm
durch einen Interpretationsprozess eine bestimmte Bedeutung zugeordnet, die er für
das Individuum hat.
• Suchen: Dann werden verschiedene Verhaltensalternativen ermittelt, mit denen auf
den Stimulus reagiert werden kann. Man kann das als Suchprozess bezeichnen.
Kognitive Prozesse
Psychosystem
Stimulus
Verhalten
Angestrebte
Ziele
Bild der
Situation
. . .
Feedback I
Feedback III
Feedback II = soziales Lernen
Abb. 2.1 Menschliches Verhalten in sozialen Systemen
2.3 Führung in Clinch und Teufelskreis
52
2 Warum die Menschen das mitmachen – Führung …
• Bewerten: Die Vor- und Nachteile der verschiedenen möglichen Verhaltensweisen
werden gegeneinander abgewogen. Die Verhaltensalternativen werden also individuell
bewertet.
• Verhalten: Schließlich entscheiden wir uns für eine bestimmte Verhaltensalternative
und verhalten uns entsprechend.
Psychosystem
Aber so wie in einem Computer entsteht unser Verhalten in der Realität natürlich nicht.
Der Ablauf der soeben beschriebenen kognitiven Prozesse wird maßgeblich durch unser
Psychosystem gesteuert. Das Psychosystem beinhaltet alle Faktoren, die unsere Persön-
lichkeit ausmachen. Wir können uns vorstellen, dass unsere kognitiven Prozesse durch
unser Psychosystem ganz individuell eingefärbt sind, sodass unser Umgang mit einem
Stimulus einzigartig und unverwechselbar abläuft. Durch unser Psychosystem werden
wir zu einmaligen Wesen, zu Individuen eben, mit einer eigenen Persönlichkeit.
• Bedürfnisse: Wenn wir auf einen Stimulus reagieren, folgen wir mit dieser Reaktion
auch ureigenen Bedürfnissen, die durch den Stimulus aktiviert und damit zu Verhal-
tensmotiven werden.
• Einstellungen und Erwartungen: Im Psychosystem sind auch unsere Einstellungen
und Erwartungen verankert. Diese basieren auf unserem persönlichen Wertesystem,
das die Erfahrungen und Prägungen unseres ganzen bisherigen Lebens verarbeitet hat.
Wie sehe ich mich? Wie sehe ich die Welt? Was habe ich von anderen Menschen zu
erwarten? Was darf mir nie mehr passieren? Welches Verhalten war bisher erfolgreich
für mich? Womit konnte ich mich bisher meistens retten? Diese Faktoren steuern
unser Verhalten, meist ohne, dass wir dies merken.
• Fähigkeiten: Auch unsere Kenntnisse und Fähigkeiten sind Bestandteil unseres Psy-
chosystems. Auch sie haben sich im Laufe unseres Lebens entwickelt. Je mehr wir
wissen, desto mehr können wir verstehen. Wissen und Verstehen wachsen deshalb mit
zunehmendem Alter exponentiell an. Im Laufe unseres Lebens haben wir auch einen
großen Schatz an Methodenwissen angehäuft. Wir sind immer kompetentere Prob-
lemlöser geworden. Auch das beeinflusst unsere Reaktion auf den Stimulus erheblich.
Die hier modellhaft dargestellten Elemente des Psychosystems stehen in enger Wech-
selwirkung miteinander. So beeinflussen unsere Einstellungen, unser ganz persönliches
Wertesystem. Sie steuern, welche Bedürfnisse wir uns gestatten und welche wir lieber
verdrängen. In uns allen schlummert der größte Teil unserer Persönlichkeit im Unbe-
wussten und ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Nur ein kleiner Teil des Psycho-
systems steuert die kognitiven Prozesse bei der Verarbeitung eines Stimulus.
Ziele und Bild der Situation
Ziele: Der durch die Situation aktivierte Teil des Psychosystems manifestiert sich in
Zielen, die aktuell angestrebt werden. Durch den Stimulus sind bestimmte Bedürfnisse
53
aktiv geworden. Unsere Ziele werden also darauf gerichtet sein, die aktiv gewordenen
Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn sich z. B. jemand in meiner Gegenwart eine Zigarette
ansteckt – das soll in diesem Beispiel der Stimulus sein –, dann habe ich das Bedürf-
nis, mich dem Qualm zu entziehen. Mein aktuelles Ziel wird es also sein, das Weite zu
suchen. Dabei werde ich aber darauf achten, die Form zu wahren und mein rauchendes
Gegenüber nicht zu verletzen. Wir gehen also immer so vor, dass wir unsere Ziele ver-
wirklichen können, ohne gegen unser inneres Wertesystem zu verstoßen. Wir verhalten
uns gleichzeitig erfolgs- und wertorientiert.
Bild der Situation: Der zweite Faktor, der je nach Stimulus in unserem Psychosystem
aktiv ist und damit unser konkretes Verhalten steuert, ist das Bild der aktuellen Situation,
welches wir uns zu jedem Zeitpunkt machen. Unser Bild der Situation erfasst nicht die
ganze Komplexität unserer Wirklichkeit. Es ist von unseren Einstellungen gefärbt und
geprägt von unseren Kenntnissen über die Umwelt.
Angestrebte Ziele und Bild der Situation sind die Schnittstellen, über die unsere Psy-
che unbewusst unsere Erkenntnisprozesse beeinflusst.
Vererbung, Milieu, Kultur, Rollen und Status
Unser Psychosystem, also Bedürfnisse, Einstellungen, Erwartungen, Kenntnisse und
Fähigkeiten, entsteht im Laufe unseres Lebens unter dem Einfluss von Vererbung,
Milieu, Kultur.
• Vererbung: Das was wir von unseren Eltern geerbt haben, stellt die vorgegebenen
Grundlagen unserer Entwicklung dar.
• Milieu: Zum Milieu, in dem wir aufgewachsen sind, zählen unsere Familie, unser
gesellschaftliches Umfeld, die Schule usw.
• Kultur: In der Kultur, in der wir groß geworden sind, haben wir unser gesellschaftli-
ches Wertesystem, unsere Weltanschauung, herausgebildet.
Weitere Bestimmungsgrößen für unser Psychosystem sind der Status, den wir in unserem
Umfeld einnehmen und die Rollen, die wir glauben, erfüllen zu müssen.
Wir können schon an diesem simplen Modell erkennen, wie komplex und gar nicht
eindeutig wir Menschen gestrickt sind. Ein und derselbe Stimulus kann bei verschiede-
nen Individuen zu völlig unterschiedlichem Verhalten führen, je nachdem, welche Erfah-
rungen wir im Leben schon gemacht haben.
Feedbackschleifen
Noch ein wenig komplizierter wird es, wenn wir berücksichtigen, dass unser Verhalten ja
auch Rückwirkungen hat, die wir hier Feedback nennen wollen. Wir können drei Arten
von Feedbackschleifen unterscheiden.
• Feedback I wirkt auf den Stimulus zurück. Ein störender Anreiz kann so vermindert
oder unterdrückt, und ein angenehmer verstärkt werden.
2.3 Führung in Clinch und Teufelskreis
54
2 Warum die Menschen das mitmachen – Führung …
• Feedback II meldet uns zurück, welche Wirkungen unser Verhalten auf die Umwelt
gehabt hat. Diese Rückmeldung richtet sich an das Psychosystem und bewirkt dort
Veränderungen, die als soziales Lernen bezeichnet werden können. Durch solche
Lernprozesse können sich wiederum Veränderungen z. B. in unserem Bild der Situ-
ation ergeben, welches seinerseits ja unsere Wahrnehmung und unsere übrigen Reak-
tionen auf einen Stimulus beeinflusst. Hier entsteht also ein interessanter Regelkreis,
über den wir weiter nachdenken sollten.
• Feedback III zeigt die Rückwirkungen unseres Verhaltens auf unseren Status und auf
die Rollen an, die wir in unserem Umfeld einnehmen.
Halten wir bis hierher fest: Unser individuelles Verhalten hängt zu jedem Zeitpunkt
von unserem Verhalten zu früheren Zeitpunkten ab. Unsere gesamte Lebensgeschichte
bestimmt damit unser jetziges Verhalten mit. Auch Menschen, die unter den gleichen
Bedingungen aufwachsen, werden durch ständiges soziales Lernen zu einzigartigen
Wesen, deren Bedürfnisse, Einstellungen, Erwartungen, Kenntnisse und Fähigkeiten
individuell gefärbt sind.
Objektivität ist ein Mythos Wir haben unsere eigenen Wahrnehmungsfilter,
eigene Interpretationsschemata, eigene Wertmaßstäbe. All das ist im Laufe
unseres Lebens entstanden und verändert sich weiter. Damit sehen wir die
Welt auf unsere eigene Weise. Wir urteilen immer subjektiv. Objektivität erweist
sich als Mythos, der meist dann beschworen wird, wenn wir anderen unsere
eigenen Einstellungen überstülpen wollen. „Wir müssen das jetzt mal wert-
frei sehen…“, „Bleiben Sie doch objektiv…“, „Sachlich gesehen, brauchen wir
unbedingt…“ Das sind die Killerphrasen, mit denen wir unser Gegenüber auf
unsere Seite ziehen wollen. Das merken wir aber meist gar nicht, denn wir
selbst glauben ja daran, dass unsere Sicht der Dinge die richtige ist. Dabei
handelt es sich nur um unsere Wirklichkeit, die wir uns tagtäglich konstruieren.
Wir befinden uns also ständig in Regelkreisen von „selbsterfüllenden Prophezeiungen“
und konstruieren uns auf diese Weise unsere Welt. So schaffen wir uns unbewusst dieje-
nigen Umstände, die wir in unserer Umwelt voraussetzen und die wir uns immer wieder
in der Wahl unseres Verhaltens bestätigen.
Was wir in unserem Bewußtsein vorfinden, diese einheitliche und wohlgeordnete Welt, ist
das Endergebnis einer langen Wahrnehmungsarbeit des Gehirns. Von dieser Arbeit selbst
wird uns nichts bewußt. Was uns bewußt wird, ist eine Interpretation der Wirklichkeit durch
das Gehirn. Es ist die Welt, wie sie das Gehirn für plausibel hält. Denn das Gehirn bildet
die Welt eben nicht ab – es konstruiert sie. Dazu bedient es sich bestimmter Faustregeln,
die sich in der Evolution als nützlich erwiesen haben: Es versucht, die Welt so einfach,
eindeutig und widerspruchsfrei wie nur möglich darzustellen. Wie die Welt ‘dort draußen’
wirklich aussieht, können wir unmöglich entscheiden, denn wir kennen nur die Welt, die
unser Gehirn uns konstruiert. Alles was wir wissen, ist, daß die Konstruktion des Gehirns
dazu taugt, sich in der ‘realen Welt’ zurechtzufinden – sonst wären wir längst ausgestorben
(Saum-Adelhoff 1998).
55
2.3.2
Führung als Soziale Konstruktion
Wenn ich meinen Chef „großartig“ finde, so ist er nicht etwa großartig, sondern ich inter-
pretiere ihn als „großartig“. Ich folge damit meinen im Laufe des Lebens eingeprägten
Deutungsmustern, die in der Interaktion mit meiner sozialen Umwelt in mir entstanden
und bestätigt worden sind. In unserer Community, in unserem Betrieb teilen wir eine
Menge solcher Deutungsmuster, denn wir leben in derselben Kultur und im selben sozia-
len System, in dem bestimmte „Glaubenssätze“ herrschen, die wir uns täglich aufs Neue
gegenseitig bestätigen. Wir konstruieren uns dann unseren Chef als „großartig“. Diese
Konstruktion hat Folgen für uns: Wir fühlen uns als Mitarbeiter eines „großartigen“
Chefs und kultivieren dieses Gefühl, indem wir immer neue Attribute für seine Großar-
tigkeit finden und untereinander teilen, z. B. „… sorgt für uns…“, „…sagt mutig, wie es
ist…“, „…entwickelt geniale Lösungen…“, „…weiß, wo es langgeht…“ usw. Das wol-
len wir uns nicht mehr wegnehmen lassen, für einen so tollen Chef arbeiten zu dürfen
und uns darüber mit vielen anderen einig zu sein. Also blenden wir Situationen aus, in
denen wir ihn mal nicht so toll finden. Wir beugen uns freudig seiner Autorität. Wenn wir
selbst vor Fragen und Problemen stehen, fragen wir lieber mal erst den Chef, bevor wir
uns für eine Lösung entscheiden. Dies und seine genialen Ratschläge teilen wir mit unse-
ren Kollegen und arbeiten so unermüdlich an der Großartigkeit unseres Chefs.
Mit unserem Verhalten billigen wir unserem Chef also Macht zu und legitimieren
diese Macht, indem wir ihm (bedingungslos) folgen. Legitimierte Macht nennt man
„Herrschaft“. Wenn wir unseren Chef sogar als „charismatisch“ erleben, so übt er nach
Max Weber „charismatische Herrschaft“ über uns aus (Weber 2014).
Unser Chef, der sich ja eigentlich schon immer als „(Besser-)Wissender“ und
„Macher“ empfunden und stilisiert hatte, wird aus unserem Verhalten lernen, dass er
wirklich eine tolle Führungskraft ist und anscheinend immer richtig handelt. Er wird Ver-
haltensweisen und Kompetenzen entwickeln, mit denen er die (Heils-)Erwartungen der
Mitarbeiter befriedigen kann.
Damit haben wir uns einen großartigen Chef, vielleicht sogar einen „charismatischen
Führer“ konstruiert. Beide Seiten, Mitarbeiter und Chef, werden hart daran arbeiten, dass
diese Beziehung bestehen bleibt und immer wieder sozial bestätigt wird. Denn beide Sei-
ten haben ihren Nutzen von diesem Konstrukt.
Wir alle konstruieren uns unsere Welt, und zwar so, dass wir möglichst wenig an
dieser Konstruktion ändern müssen, so, dass für uns alles einheitlich und wohlgeordnet
bleibt.
Wir konstruieren uns gegenseitig – im Betrieb, zu Hause, auf der Autobahn. Und so
bekommen wir dann meist das, was wir sowieso schon vom Gegenüber erwartet haben.
Im Unternehmen heißt das: Der Chef konstruiert sich genau die Mitarbeiter, die er ver-
dient – und umgekehrt.
2.3 Führung in Clinch und Teufelskreis
56
2 Warum die Menschen das mitmachen – Führung …
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Alfred A. Neumann: „Wir entscheiden uns also, einem Chef zu folgen, weil er
unsere versteckten Motive aktiviert und machen ihn damit zur Führungskraft? Wir
arbeiten dann ständig daran, uns und der Welt zu beweisen, dass wir uns richtig ent-
schieden haben? Auch wenn wir uns über unseren Chef beklagen, brauchen wir genau
ihn, wenn auch nur, damit wir uns über ihn beklagen können? Und er braucht uns,
damit er sich seine Unersetzlichkeit beweisen kann. Ist das soweit richtig?“
Autor: „Nun ja, Herr Neumann, etwas holzschnittartig ausgedrückt, aber im Kern ist
das richtig.“
Alfred A. Neumann: „Das ist ja schrecklich! Und wie kommen wir aus diesen ‚Kon-
strukten‘ wieder heraus?“
Autor: „Soziale Konstruktion prägt unser Leben. Das ist auch in Ordnung so, denn
sonst müssten wir ja immerzu das Rad neu erfinden. Was Führungsbeziehungen
betrifft, bin ich mir da aber nicht so sicher. Schließlich ist ‚Führung‘ ja stark mit Ideo-
logie aufgeladen. Ich glaube, es würde schon helfen, wenn wir anerkennen könnten,
dass jeder in seiner subjektiven Wirklichkeit lebt, dass Objektivität ein Mythos ist und
dass somit jeder seine eigenen guten Gründe für sein Handeln hat. Diese sollten wir
zunächst einmal kennenlernen. Wenn wir die Sichtweise des Anderen nicht billigen,
dürfen wir uns zur Wehr setzen. Wenn wir das nicht tun, legitimieren wir sie. Wenn
wir zusammen bleiben wollen, müssen wir verhandeln und uns einigen. Wir sollten
ganz bewusst ab und zu den Kopf aus unseren eigenen Netzwerken herausstecken
und uns andere Meinungen anhören – Perspektivenvielfalt und Perspektivenwechsel
als Mittel gegen den populistischen Einheitsbrei in unseren angestammten Netzwer-
ken. Ich glaube, wir müssen lernen, für unsere Entscheidungen selbst die Verantwor-
tung zu übernehmen und üben, jederzeit die Frage zu stellen: Warum spiele ich das
Spiel eigentlich mit, was nützt es mir und was wäre, wenn ich nicht mehr mitspielen
würde? Bei Misserfolgen ist es nützlich, sich bei all dem Klagen auch mal zu fragen:
‚Was ist eigentlich gut daran?‘ Irgendetwas muss gut daran sein, sonst wären wir aus
dem Spiel ja schon längst ausgestiegen.“
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Zusammenfassung
Mit der fortschreitenden Anwendung von Internet, Telekommunikations- und Compu-
tertechnik zusammen mit Social-Media-Diensten verändert sich das gesellschaftliche
Leben und die Art zu arbeiten. Aber die Triebkräfte hierfür liegen nicht in diesen Tech-
niken, sondern in der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Art zu arbeiten wird sich
drastisch verändern, wenn die kühnen Prognosen der „Digitalisierungs-Verkünder“
wahr werden. Wenn freiberufliche „Click-Worker“ ihre Teilarbeitsergebnisse an ein
„System“ liefern, ist personale Führung tendenziell nicht mehr notwendig. Die Steu-
erung würde dann durch das System übernommen und Taylors Vision wäre vollendet.
Die Führungskräfte-Studie des Projekts „Forum Gute Führung“ bietet eine andere Per-
spektive. Mit dieser Studie wird der Versuch unternommen, Leitlinien für gute Füh-
rung diskursiv zu entwickeln. Dazu steht die Plattform www.forum-gute-fuehrung.de
zur Verfügung. Eine Mehrheit der befragten Führungskräfte sieht die Aufgabe guter
Führung darin, Menschen mit unterschiedlichen Lebensbedürfnissen unter einer
attraktiven Vision zu vereinen und die Komplexität vernetzter Märkte durch eigene
Netzwerke zu bewältigen.
Die Welt dreht sich weiter und die gesellschaftlichen Bedingungen verändern sich. Dies
bringt wiederum neue Formen der Organisation von Arbeit und neue Führungsparadig-
men hervor. Im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung von Führung gab es etliche
„Paradigmenwechsel“. Nun soll, so die Verkünder der „Digital Economy“, ein weiterer
Paradigmenwechsel bevorstehen.
Paradigmenwechsel? Wie geht es nun
weiter mit Führen und geführt werden?
3
60
3 Paradigmenwechsel? Wie geht es nun weiter mit Führen …
3.1
„Digital Economy“
Führung befindet sich zurzeit im Umbruch. Neue Studien (z. B. Accenture und EIU
2014; Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2015a; acatech 2016) prognostizieren –
und forcieren damit – den fundamentalen Wandel der Arbeits- und Führungskultur vor
dem Hintergrund einer neuen Digitalisierungswelle. Ob allein daraus eine Demokrati-
sierung von Führung hervorgeht, wie vielfach postuliert wird, darf bezweifelt werden.
Vermutet werden muss, dass auch künftig die oberen Leitungsebenen in der Mehrzahl
der Unternehmen hierarchisch entscheiden, während sie auf den darunter liegenden Füh-
rungsebenen die Mitarbeiter vermehrt gegeneinander ins Rennen um neue Projekte schi-
cken.
Seit einigen Jahren ist eine neue Kampagne der IT- und Telekommunikationsindust-
rie zusammen mit einschlägigen Beratungsinstituten, Wissenschaftlern und Vorreiterun-
ternehmen zu beobachten, die eine „Digital Economy“ heraufziehen sehen. Unterstützt
wird dies durch Managementstudien, in denen die „Digitalisierung“ als zentraler Trans-
formationstreiber identifiziert wird (vgl. z. B. IBM 2012 oder Accenture und EIU 2014).
In der Tat sind die Entwicklungen von Computer- und Telekommunikationstechniken
zusammen mit Fortschritten der Künstlichen Intelligenz in den letzten Jahren beeindru-
ckend. Deren vermehrte Nutzung wird gravierende Veränderungen in allen Lebensberei-
chen bringen. Wahrscheinlich wird die Lebens- und Arbeitswelt durch die Anwendung
dieser Technologien verändert werden und vielleicht werden auch Führungsbeziehungen
und Führungssysteme dadurch Veränderungen erfahren.
Im Folgenden soll eine Auseinandersetzung mit den Prognosen zur „Digitalisierung“
stattfinden, von denen einige durchaus einleuchtend sind, etliche aber in falscher Kausa-
lität dargeboten werden.
Stellvertretend für viele Veröffentlichungen zum Thema werden einige Beiträge von
Beratungsinstituten sowie Buchveröffentlichungen (vgl. z. B. Petry 2016) näher betrach-
tet. Einschlägig zu diesem Thema sind ebenfalls Lünendonk et al. (2015) sowie acatech
(2016) mit der lesenswerten Replik von Scholz (2016).
3.1.1
Technik als Subjekt?
Unter „Digitalisierung“ wird.
…ein durch technologische Entwicklungen getriebener bzw. ermöglichter Transformations-
prozess von Unternehmen bzw. ganzen Branchen, der weitreichende strategische, organisa-
torische sowie soziokulturelle Veränderungen mit sich bringt (Petry 2016, S. 22).
verstanden. Bereits in dieser einleitenden Definition wird ein Missverständnis deutlich,
dem sich viele Autoren unhinterfragt anschließen und das die gesamte Diskussion um
die „Digitalisierung“ kennzeichnet: Es wird unterstellt, dass technologische Entwick-
lung ursächlich für Veränderungen von Unternehmen und sozialem Zusammenleben sei.
61
Es sind aber die gesellschaftlichen Verhältnisse, die neue Formen von Organisation und
Technologie hervorbringen. Die „Digitalisierung“ kennzeichnet lediglich eine Entwick-
lungslinie, in der seit Jahrzehnten bestimmte technische und organisatorische Möglich-
keiten gebündelt werden. Sie ist nicht naturwüchsig, sondern gesellschaftlich konstruiert.
Die Meinung von Alfred A. Neumann zur gesellschaftlichen Konstruktion der
„Digitalisierung“
Autor: „Herr Neumann, leuchtet Ihnen das mit der gesellschaftlichen Konstruktion
der „Digitalisierung“ ein?“
Alfred A. Neumann: „Erstaunlicherweise ja. Ich will mal versuchen, das aus mei-
ner praktischen Erfahrung wiederzugeben: Vor 25 Jahren hatten wir noch kein Inter-
net und keine Laptops. Unser Außendienst ging los zu den Kunden mit Prospekten
und Broschüren in der Tasche. Die Kunden kauften und das Geschäft lief gut. Der
Außendienst sollte aber schon immer besser an das Unternehmen angebunden wer-
den. Das versprach einfach mehr Effektivität und Effizienz. Und man wollte mehr
Kontrolle haben, damit ein Außendienstmitarbeiter nicht auf einmal mit der Kunden-
kartei zur Konkurrenz überlaufen konnte, was ja oft genug passierte. Als dann die ers-
ten Laptops aufkamen, wurden die für den Außendienst angeschafft und die Kollegen
mussten sich dann abends von unterwegs oder von zu Hause aus per Telefonmodem
einwählen und ihre Daten mit der Zentrale austauschen. Das sparte dann Innendienst-
mitarbeiter, weil die Außendienstmitarbeiter einen Teil von deren Arbeit, z. B. die
Erfassung von Kundendaten, mit erledigten. Durchgängige Datenwege, keine Mehr-
facherfassung waren damals die Stichworte bei uns.
Das Internet und besser werdende Computertechnik ermöglichten dann eine immer
stärkere Anbindung des Außendienstes. Diese Techniken waren aber natürlich nicht
die Ursache davon. Heute sind die Kollegen rund um die Uhr erreichbar und jeder
ihrer Arbeitsschritte ist vom zentralen System her planbar und kontrollierbar.
Also nicht etwa die neuen Techniken haben unser Unternehmen dazu gebracht,
den Außendienst elektronisch anzubinden. Eine enge Anbindung dieser kaum kont-
rollierbaren Spezies wollte man schon immer! Mit den neuen Techniken wurde das
dann Schritt für Schritt möglich, wobei die Begehrlichkeiten immer größer wurden
und immer wieder neue Wellen neuer Techniken diese Begehrlichkeiten befriedigten.
Unsere IT-Leitung ist in einem „Anwenderkreis“ vertreten. Da werden die Damen
und Herren der Computerindustrie auf immer neue Ideen zur Weiterentwicklung ihrer
Techniken gebracht, was natürlich wieder neuere Techniken und „Reorganisationspro-
jekte“ hervorbrachte. Die Herstellerunternehmen konnten in diesen Anwenderkreisen
den Bedarf der Anwenderfirmen aufnehmen und so maßgeschneiderte Angebote für
die ganze Branche machen.“
Es ist also in Wirklichkeit nicht so, dass neue Techniken aus heiterem Himmel über uns
kommen und wir dann verzweifelt versuchen müssen, in dieser Technisierungswelle den
3.1 „Digital Economy“
62
3 Paradigmenwechsel? Wie geht es nun weiter mit Führen …
Kopf oben zu behalten. Eine solche Stimmung wird in Politik und Medien – meist wider
besseres Wissen und ohne groß nachzudenken – verbreitet. Die historische Erfahrung
zeigt, dass der Ausgangspunkt technischer Entwicklung immer die gesellschaftlichen
Verhältnisse sind (vgl. Berger 1991) (Abb. 3.1).
Die Art zu wirtschaften, die Politik, die Kultur, das Finanz- und Rechtssystem und
das soziale Zusammenleben sind die Ausgangspunkte dafür, wie Erwerbsarbeit in einer
Gesellschaft organisiert wird, welche Unternehmensstrategien verfolgt werden, welche
Art der Arbeitsverhältnisse dominiert – z. B. sozialversicherungspflichtige Beschäfti-
gung oder Werkverträge – und letztlich, wie Führung und Management organisiert wer-
den. Auf dieser gesellschaftlichen Basis werden Technik und Wissenschaft entwickelt,
die in Wechselwirkung miteinander stehen. Wie sich neue Techniken in Gesellschaft und
Arbeitsleben durchsetzen, wird nicht zuletzt dadurch entschieden, welcher Bedarf für sie
besteht bzw. mit welchen Strategien Bedarfe geweckt werden. Technische Innovationen,
für die bei den mächtigen gesellschaftlichen Akteuren (noch) kein Bedarf besteht, setzen
sich nicht durch und verschwinden manchmal „auf dem Müllhaufen der Geschichte“.
Dies galt schon für die ersten mechanischen Rechenmaschinen von Charles Babbage und
z. B. auch für den Transrapid. Effiziente Batteriesysteme und Solarzellen mit großem
Wirkungsgrad, wie sie heute schon in den Forschungslaboratorien existieren (vgl. Helm
2017), werden sich nur in dem Maße durchsetzen können, wie dies in den Machtzentren
der Autoindustrie und der fossilen Energien zugelassen wird.
Der Einfluss der gesellschaftlichen Verhältnisse auf technische Innovationen ist kein
monokausaler Vorgang. Natürlich beeinflusst umgekehrt die Anwendung neuer Techni-
ken die gesellschaftlichen Verhältnisse und das Arbeitsleben. Und natürlich verändern
Gesellschaft
Wirtschaft, Politik, Kultur,
Soziales Zusammenleben
Arbeitsleben
Arbeitsorganisation,
Unternehmensstrategien,
Arbeitsverhältnisse,
Führung und Management
Technisierung
Bedarfsdeckung,
Bedarfsweckung, Werbung,
Strategien, Leitbilder
Technikentwicklung
Invention, Innovation,
Wissenschaft, Forschung
Abb. 3.1 Technisierung als Resultat gesellschaftlicher Entwicklung
63
sich beide durch technische Einflüsse ggf. stark. Insofern ist die Vorausschau der Prot-
agonisten der Digitalisierung im Resultat völlig richtig: Durch die Verfügbarkeit neuer
Techniken können vorhandene gesellschaftliche und unternehmerische Bedarfe befrie-
digt werden und neue Bedarfe werden geschaffen. Technik wird optimiert und der gesell-
schaftliche und unternehmerische Bedarf wird befriedigt usw.
Technik und Gesellschaft stehen in ständiger Wechselwirkung miteinander. Die Ver-
fügbarkeit technischer Systeme kann gesellschaftliche Umwälzungen beschleunigen aber
nicht hervorbringen. Menschen und ihre Art zusammenzuleben und zusammenzuarbei-
ten, nicht aber Technologien sind die Subjekte dieser wechselseitigen Strukturationsbe-
ziehungen (vgl. Giddens 1984).
Von den Protagonisten der „Digitalisierung“ wird hingegen der Eindruck erweckt, als
ob uns neue Techniken, die alle Lebensbereiche durchdringen und verändern, quasi über-
fallartig überfluten würden. Es wird so getan, als ob die „Digitalisierung“ ein übermäch-
tiges handelndes Subjekt wäre (Abb. 3.2).
3.1.2
„Evangelismus“
Die „Digitalisierung“ scheint für viele Autoren und Blogger eine merkwürdige Fas-
zination zu haben, in der Endzeit- und Aufbruchstimmung sich miteinander vereinen.
Es scheint darum zu gehen, vor dem „Verschlafen“ der Digitalisierung zu warnen und
damit eine Dringlichkeit des Handelns zu erzeugen, der sich kaum noch jemand entzie-
hen können soll. Und man grenzt sich – ähnlich wie bei früheren Technologiedebatten
um Atomkraft, Transrapid, Bildschirmtext, ISDN und Gentechnik – gegen „Verweige-
rer“ und „Ignoranten“ ab. Entweder mit Jubel in die Digitalisierung oder „zurück in die
Steinzeit“, scheint das Motto zu sein.
Gesellschaft
Wirtschaft, Politik, Kultur,
Soziales Zusammenleben
Arbeitsleben
Arbeitsorganisation,
Unternehmensstrategien,
Arbeitsverhältnisse,
Führung und Management
"Digitalisierung"
Abb. 3.2 Die falsche Darstellung der Digitalisierung als Subjekt
3.1 „Digital Economy“
64
3 Paradigmenwechsel? Wie geht es nun weiter mit Führen …
In dieser schönen neuen Welt gibt es offenbar Menschen, die es schon immer gewusst
haben, die „Digital Natives“. Das sind Leute, die „always on“ sind und die „digitale
Revolution“ begrüßen und befördern, also Protagonisten der IT-Industrie, Berater, Pro-
grammierer.
Daneben stehen die „Digital Immigrants“, also Einwanderer in die digitale Welt:
Auch sehr viele ältere Menschen, die nicht mit digitalen Technologien groß geworden sind,
verschaffen sich regelmäßig einen Nachrichtenüberblick via Smartphone, checken mobil
ihre E-Mails, kommunizieren über WhatsApp oder andere Microblogs, kaufen online ein,
surfen auf sozialen Plattformen oder nutzen Onlinebewertungsplattformen für Kaufentschei-
dungen (Petry 2016, S. 29 f.).
Dann gibt es noch die Gruppe der „Digital Ignorants“, nämlich diejenigen, die die digi-
talen Errungenschaften nicht genug würdigen oder sich ihnen sogar verweigern.
Nicht thematisiert wird meist, dass sich heute kaum noch Menschen den Annehmlich-
keiten von Internet, Telekommunikation und Computertechnik freiwillig „verweigern“,
es sei denn, sie sind aus Altersgründen, aufgrund ihrer persönlichen oder sozialen Situa-
tion oder aus finanziellen Gründen nicht in der Lage, die neuen Techniken zu nutzen. In
vielen Gebieten der Bundesrepublik ist zudem die Netzinfrastruktur noch nicht so weit
ausgebaut, dass eine störungsfreie Nutzung der digitalen Dienste möglich ist.
Manche Verkünder einer „Digital Economy“ umgeben sich mit einem quasi-
religiösen Flair. So nennt man sich z. B. „Chief Innovation Evangelist“, also Chef-
Innovations-Missionar. Dies steht in guter Tradition zu Guy Kawasaki von Apple, der als
erster „Technology Evangelist“ gilt. Marketing-Spezialisten von Technologie-Konzernen –
u. a. Google, Microsoft, Amazon, Telekom – pflegen diese Tradition. Wie wir von Guy
Kawasaki lernen können, bewirkt Evangelismus,
dass sich ein Anliegen im Schneeballsystem ausbreitet, indem immer mehr Leute denselben
Glauben annehmen. Diese neu bekehrten Missionare finden weitere Gläubige und bilden sie
aus (Kawasaki 1997, S. 16).
Ein wenig erinnert die Kampagne um die „Digitalisierung“ an die Kommunikation in
schlecht geplanten Change-Projekten des letzten Jahrhunderts, in denen die Zögerer
unbedingt überzeugt (missioniert) und die Verweigerer diskreditiert wurden. Ähnlich zu
werten ist ein Positionspapier von Personalvorständen aus dem Dax (vgl. acatech 2016).
Die gelungene Replik von Christian Scholz (2016) ist sehr lesenswert.
3.1.3
Veränderung der Arbeit in der „Digital Economy“
Von den Protagonisten der Digital Economy wird eine technologisch induzierte gesell-
schaftliche Umwälzung behauptet.
65
3.1.3.1 Arbeit 4.0
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat im April 2015 ein „Grünbuch Arbei-
ten 4.0“ herausgegeben. Damit soll ein breiter Dialog über die Gestaltungschancen für
Unternehmen, Beschäftigte, Sozialpartner und Politik in Gang gesetzt werden. Gleich in
der Einleitung ist zu lesen:
Die Digitalisierung beflügelt Fantasien und Innovationen, sie überrascht uns mit immer
neuen Produkten und Geschäftsmodellen. Zugleich beginnen wir erst langsam zu verstehen,
wie nachhaltig sie unsere Wirklichkeit bereits verändert hat, mit welcher Geschwindigkeit
sie Medien, Wirtschaft und Alltagskultur durchdringt und völlig neu ordnet (Bundesministe-
rium für Arbeit und Soziales 2015a, S. 6).
Kommt also die „Digitalisierung“ auch für Politik und Staat überraschend? Auch hier hat
die „Digitalisierung“ offenbar Subjektcharakter:
…der digitale Wandel revolutioniert klassische Geschäftsmodelle, krempelt ganze Branchen
um und bringt neue Produktions- und Logistikketten sowie Produkte und Dienstleistungen
hervor (Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2015a, S. 14).
Seit dem Frühjahr des Jahres 2017 – also kurz von den Bundestagswahlen im Septem-
ber – beherrscht das Thema „Digitalisierung“ die Agenda von Wirtschaftsverbänden und
politischen Entscheidungsträgen (siehe Google 15.06.2017). Im „Weissbuch Digitale
Plattformen“ des Wirtschaftsministeriums (vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und
Energie 2017) wird ein neuer rechtlicher Rahmen für die Digitalisierung angekündigt,
der u. a. sowohl den freien Fluss von Daten im europäischen Maßstab als auch eine Stär-
kung des Datenschutzes möglich machen will. Alle politischen Parteien folgen – man-
che mit einigen Bedenken – der These von der Wünschbarkeit und der transformierenden
Wirkung der Digitalisierung.
3.1.3.2 Zukunft der Arbeit – Clickworker und New Work?
Das wichtigste Merkmal der Arbeit unter den Bedingungen einer „Digital Economy“ ist
die Möglichkeit der Entkoppelung von Arbeitsplatz und Arbeitszeit. Man kann tendenzi-
ell über jeden Hotspot Zugang zu seinen Arbeitsinhalten erlangen. Es wird erwartet, dass
demnächst durch „smarte digitale Assistenten“ routinisierte Arbeitsprozesse automa-
tisch übernommen werden. Diese überwachen und steuern dann die weiteren Schritte im
Arbeitsablauf (vgl. z. B. Jäger und Körner 2016, S. 102). Durch diese „Human Automa-
tion“ werden voraussichtlich große Mengen von „Wissensarbeitern“ ihren angestammten
Job verlieren (vgl. Frey und Osbourne 2013).
Dort, wo die durch „Digitalisierung“ ermöglichten neuen Arbeitsformen greifen,
wird es voraussichtlich eine Verlagerung von Normalarbeitsverträgen zugunsten anderer
Beschäftigungsformen geben, z. B. Werkverträge, Arbeitnehmer-Überlassung, Telear-
beit, freie Projektarbeit und sogenanntes „Click- and Crowdworking“. Bei letzterem
„verkauft“ man in virtuellen Teams über Ländergrenzen hinweg kleine Einheiten seiner
Leistung dorthin, wo diese gerade benötigt wird. Dies ist heute schon eine Form, in der
Programmierarbeit erledigt wird.
3.1 „Digital Economy“
66
3 Paradigmenwechsel? Wie geht es nun weiter mit Führen …
Das bietet große Möglichkeiten einer Lohndifferenzierung auf der Mikroebene. Diese
Art zu arbeiten würde die von Charles Babbage schon 1833 mit der beginnenden Indust-
rialisierung beschriebene Lohndifferenzierung nahezu perfektionieren:
…Dass nämlich der industrielle Unternehmer durch Aufspaltung der auszuführenden
Arbeitsgänge, von denen jeder einen anderen Grad an Geschicklichkeit oder Kraft erfordert,
gerade genau jene Menge von beidem kaufen kann, die für jeden dieser Arbeitsgänge not-
wendig ist; wogegen aber, wenn die ganze Arbeit von einem einzigen Arbeiter verrichtet
wird, dieser genügend Geschicklichkeit besitzen muss, um die schwierigste, und genügend
Kraft, um die anstrengendste dieser Einzeltätigkeiten, in welche die Arbeit zerlegt worden
ist, ausführen zu können (Babbage 1833, S. 175).
Wird dies wirklich von den internationalen Märkten in der Digital Economy gefordert?
Entstehen durch eine solche Entwicklung etwa neue Freiheiten für die einen und Arbei-
ten am Existenzminimum für die anderen?
Wenn Arbeit im großen Stil als freie Projektarbeit ohne eindeutige organisatorische
Zuordnung erledigt wird, verschwimmen die internen und externen Organisationsgren-
zen. Abteilungen verschwinden und Prozesse werden kaum noch steuerbar. So fordern
Jäger und Körner denn auch „SAP statt McKinsey“ (Jäger und Körner 2016, S. 109).
Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass in einer voll ausgeprägten Digital Economy
wohl nur noch IT-Systeme in der Lage sein könnten, Arbeit effektiv und effizient zu
strukturieren und an die „Clickworker“ zu verteilen, da herkömmliche Unternehmens-
organisation hier versagt: Alle Prozesse werden durch ein „System“ gesteuert, dem die
Menschen zuarbeiten.
Dies wäre dann die Perfektionierung der Taylor’schen Vision einer vollständigen
Standardisierung der Arbeit durch Vereinheitlichung von Methoden und Normen und
letztlich die Vergegenständlichung von Organisation in Maschinerie. Damit wäre die
Wissenschaftliche Betriebsführung von Taylor in der Realität vollendet – allerdings ohne
Management, dessen Geburtsstunde der Taylorismus vor 120 Jahren ja eingeläutet hatte
(Abschn. 1.1.6). Denn die Managementfunktionen würden durch Software übernommen
werden.
Informatik gestaltet Arbeits- und Lebensbedingungen Informatiker ent-
wickeln nicht nur Technik, sondern sie gestalten Arbeits- und Lebensbedin-
gungen (vgl. Rolf 1992). Softwareentwicklung ist kein neutraler Prozess, wie es
ihr Produkt, der maschinenlesbare Code, suggeriert. Die Art und Weise, wie ein
realer Prozess – z. B. die Vorgänge in der Lagerhaltung eines Unternehmens –
strukturiert und in Softwarebefehle übersetzt wird, beruht auf der Weltsicht
und auf den Interessen und den Wünschen der Beteiligten. Die Vorstellungen
der Auftraggeber, Berater und Softwareentwickler über die betrieblichen Vor-
gänge und Interaktionen in der Welt des Unternehmens werden im Vorgang
der Strukturierung und Programmierung verallgemeinert und in einer forma-
len Sprache, die maschinelle Aktionen steuert, festgeschrieben. Nach ihren
67
Regeln hat dann der automatisierte betriebliche Prozess künftig zu funktio-
nieren. Die Menschen, die in diesem Prozess arbeiten, haben sich an diesen
neuen Prozess anzupassen. Tristan Harris, Programmierer und „Design-Philo-
soph“ im Silicon Valley, fordert deshalb folgerichtig den „hippokratischen Eid“
für Programmierer (vgl. Handelsblatt vom 16. Mai 2017, S. 16)
Arbeit würde in der Digital Economy erstmals genauso mobil sein wie Kapital. Das
„arbeitspolitische Transformationsproblem“ (siehe Abschn. 1.1.4) wäre nicht mehr exis-
tent. In den Unternehmen würde es niemanden mehr geben müssen, der darauf achtet,
dass die Beschäftigten ihr Arbeitsvermögen zum Wohle des Unternehmens in Leistung
umsetzen (personale Führung, HR-Management, Arbeitsvorbereitung etc.), denn die
Arbeitgeber könnten Dienstleistungen per Klick direkt kaufen. Die ehemaligen Arbeit-
nehmer, jetzt Dienstleister per Click, müssten „always on“ sein, um den nächsten Auf-
trag nicht zu verpassen.
Bei „Hiring on Demand“ wäre jeder einzelne Erwerbstätige für seine Selbstver-
marktung zuständig. „Selbstmanagement“ würde als Kernqualifikation eine völlig neue
Bedeutung erlangen. Wenn sich traditionelle Arbeitszusammenhänge auflösen würden,
so gäbe es weder Kollegen noch ein gemeinsames Gesamtwerk, mit dem man sich iden-
tifizieren könnte. Man würde Daten, die Auskunft geben über die eigenen Kompetenzen,
Erfahrungen, Kapazitäten usw., in Datenbanken für den Abruf durch potenzielle Auftrag-
geber hinterlegen und so eine passgenaue Auftragsvergabe ermöglichen.
Aber all das sind noch Visionen und wahrscheinlich auch reine Illusionen. Denn kom-
plexe Systeme funktionieren nie richtig. Wer, z. B. wie der Autor selbst, 2017 als DSL-
Kunde schon einmal umgezogen ist, hat gelernt, dass nichts mehr geht, wenn sich alle
System-Zuarbeiter auf das System verlassen. Tausenden Kunden passiert es, folgt man
den einschlägigen Foren im Internet, dass sie bei einem Umzug monatelang auf ihren
neuen Anschluss warten müssen, weil das „System“ des Anbieters einem „Systemfehler“
unterlegen war. Die Vision technischer Perfektion ist trügerisch, wie auch die beiden gro-
ßen Atomunfälle der Weltgeschichte zeigen. Technische Infrastruktur wird in vernetzten
Systemen für globale Blackouts immer anfälliger (vgl. z. B. Elsberg 2012). Auch deshalb
sind intelligente Lösungen gefordert, die Vielfalt, Redundanz und auch Offline-Varianten
in die Digitalisierung einbringen.
3.1.4
Führung in der „Digital Economy“ – Alter Wein in neuen
Schläuchen!
Man stelle sich vor: Armeen von „Ich-AG’n“ bieten in Konkurrenz zueinander weltweit
ihre Leistungen an, die per Klick im Web abgerechnet werden. Man geht dann nicht
mehr in die Firma, hat keinen Arbeitsvertrag, sondern allenfalls Rahmen-Honorarver-
träge. Es gibt keine Arbeitnehmer-Interessenvertretung und man hat keine Kollegen, son-
dern trifft sich mit immer neuen Unbekannten in Clouds, um seine Arbeit zu erledigen.
3.1 „Digital Economy“
68
3 Paradigmenwechsel? Wie geht es nun weiter mit Führen …
Man kann seine Zeit völlig frei einteilen und dabei dann Arbeit und Familienleben mitei-
nander in Einklang bringen – wenn die erzielten Honorare ausreichen.
Wie soll angesichts einer enormen Ausweitung flexibler und untereinander konkur-
rierender atomisierter Leistungsanbieter nun Führung beschaffen sein? Wenn man die
Vision der Digitalisierung zu Ende denkt, brauchen wir dann weder personale Führung
noch HR-Management, da ja die Unternehmensstrukturen verschwimmen und die Perso-
nalfunktion durch die „Click-Worker“ selbst – „Selbst-Management“ – und durch Soft-
ware übernommen wird.
Nach der emphatischen Beschreibung der Digitalisierung und ihrer Chancen sind
viele Verkünder der Digital Economy beim Thema Führung überraschenderweise
zurückhaltender und empfehlen altbekannte Tugenden guter Führung. Es sei falsch, alle
bewährten Managementansätze und -methoden über Bord zu werfen und man solle den
Bogen nicht überspannen (vgl. Petry 2016, S. 45).
Es wird richtigerweise darauf verwiesen, dass Führung nur erfolgreich sein kann,
wenn die Mitarbeiter mitspielen (vgl. Jäger und Körner 2016, S. 107). Damit schließt
man sich Neuberger an, der vor mehr als 20 Jahren den Gedanken von Führen und
Geführtwerden weiterentwickelt hatte (vgl. Neuberger 1995). Auch die Verkünder der
Digitalisierung empfehlen, die Macht der Mitarbeiter zu respektieren, Informationen zu
teilen, um Vertrauen aufzubauen, bescheiden zu sein, Offenheit einzufordern und Feh-
ler zu vergeben (vgl. Jäger und Körner 2016, S. 107). All dies sind Führungstugenden,
die seit vielen Jahren zum Repertoire der Führungskräfteentwicklung gehören. Spezielle
Bezüge zur „Digitalisierung“ sind nicht zu erkennen. Stattdessen werden bekannte Leit-
bilder von Vertrauen, Offenheit, Agilität und Partizipation in einem Modell „VOPA+“
zusammengefasst (vgl. Petry 2016, S. 43 ff.) und einige Elemente der „transformati-
onalen Führung“ (siehe Abschn. 1.4.2.3) anempfohlen. Führung solle sich mehr an die
emotionale Gehirnhälfte richten. Dabei ist aber wieder nur die Führungsperson im Fokus
(Eigenschafts- und Verhaltensansätze), während die komplexen Prozesse von Führen und
Geführtwerden nicht thematisiert werden.
Auch nicht neu ist eine Methode aus der Softwareentwicklung, die als Weg zum
„Agile Leadership“ führen soll und „Scrum“ genannt wird. Sie stellt sich bei genauerem
Hinsehen als seit langem praktizierte Variante der rollierenden Planung im Projektma-
nagement heraus (vgl. z. B. PMBOK Guide 2004, S. 128 und 376).
3.2
Das Projekt „Forum Gute Führung“ – Diskursive
Erarbeitung von Führungsleitlinien
Was aber kann man in Kenntnis der Geschichte der Führungsansätze (vgl. Kap. 1) und
der Visionen der Digital Economy nun den Führungskräften und den Geführten von
heute mit auf den Weg geben? Welche Art und Weise von Führung bringt Unternehmen
heute voran und ist gleichzeitig nachhaltig und zukunftsweisend?
69
Im Folgenden wird das Projekt „Forum Gute Führung“ als ein Versuch vorgestellt,
Auffassungen von Führungskräften zu guter Führung systematisch zu analysieren und
diese zur diskursiven Erarbeitung von Leitlinien für gute Führung aufzurufen.
3.2.1
Das Projekt
Von 2012 bis 2015 wurde im Rahmen der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) ein
vom Bundesministerium Arbeit und Soziales (2014) gefördertes Projekt durchgeführt,
in welchem künftige Führungstrends analysiert wurden und Tools für die Führungskräf-
teentwicklung entstanden sind. Der Autor dieses Buches war als Projektkoordinator an
diesem Projekt beteiligt und hat an der Entwicklung der Plattform „Forum Gute Füh-
rung“ (www.forum-gute-führung.de) mitgewirkt. Er hat mit seiner Firma professore.de
im Rahmen des Projekts das Programm „Good Leadership Practice“ entwickelt (www.
professore.de/seminare) und setzt dieses in der Führungskräfteentwicklung ein.
Anlass für die Durchführung des Projekts war die Zunahme von Komplexität und
Dynamik durch die weltweite Vernetzung und die dadurch veränderten Rahmenbedin-
gungen von Führung: Scheinbar nebensächliche Ereignisse lösen lawinenartige Verände-
rungen aus. Langfristige Vorhersagen sind nahezu unmöglich. Die Menge zur Verfügung
stehender Information wächst schneller als die Fähigkeit zu ihrer Verarbeitung. Die
Macht der Konsumenten ist gestiegen. Geschäftsmodelle stehen unter Druck. Entschei-
dungsträger in Wirtschaft und Politik „segeln auf Sicht“.
In dieser Situation erscheint es sinnvoll, das Wissen und die Erfahrungen von Füh-
rungskräften zu nutzen, um eine breite Debatte um die Zukunft von Führung aus dem
berufenen Mund der Führungskräfte selber in Gang zu setzen. Zu diesem Zweck wurde
die Plattform „Forum Gute Führung“ aufgebaut und eine Befragung zur Wertewelt von
Führungskräften durchgeführt.
Auf der Plattform werden wesentliche Ergebnisse der Werteweltstudie (vgl. Bundes-
ministerium für Arbeit und Soziales 2015b) aufgegriffen, und mit Bezug auf die aktu-
elle Praxis von Führung diskutiert. Des Weiteren fließen die Ergebnisse der Studie in
Blended Learning Seminare und Coaching-Programme ein. Damit will das „Forum Gute
Führung“ einen Beitrag dazu leisten, dass Führungskonzepte für die Zukunft entwickelt
werden, die den komplexen Anforderungen unserer hoch vernetzten und sich schnell ver-
ändernden Welt gerecht werden.
3.2.2
Die Wertewelt-Studie
Ziel der im Projekt durchgeführten Wertewelt-Studie war es, das implizite Wissen von
Führungskräften sichtbar zu machen und unbewusste Wertemuster aufzuzeigen, die in
Deutschland das Führungshandeln bestimmen. Die Methodik weicht von den üblichen
3.2 Das Projekt „Forum Gute Führung“ …
70
3 Paradigmenwechsel? Wie geht es nun weiter mit Führen …
Befragungen, in denen über Hypothesenbildung und vorgegebene Antwortmöglichkeiten
die Richtung – und verdeckt vielfach auch die Erwünschtheit – der Antworten suggeriert
wird, stark ab. Für die Befragung wurde das speziell für die Erfassung von Kulturmus-
tern entwickelte und in vielen Projekten erprobte Instrument „nextexpertizer“ eingesetzt
(vgl. Kruse et al. 2016, S. 85 ff.).
3.2.2.1 Zehn Kernaussagen
Aus der Befragung gehen zehn Kernaussagen zu guter Führung hervor: (vgl. Bundesmi-
nisterium für Arbeit und Soziales 2015b):
1. Flexibilität und Diversität sind akzeptierte Erfolgsfaktoren: Führungskräfte streben
bewegliche Führungsstrukturen mit flexibler Zeiteinteilung an. Unterschiedlichkeit
wird in den meisten Unternehmen gefördert.
2. Prozesskompetenz ist ein wichtiges Entwicklungsziel: Alle befragten Führungs-
kräfte halten die professionelle Gestaltung ergebnisoffener Prozesse für eine Schlüs-
selkompetenz. Angesichts instabiler Marktdynamik erscheint „Segeln auf Sicht“
erfolgversprechender als die Ausrichtung an längerfristigen Planungen.
3. Selbstorganisierende Netzwerke gelten als Zukunftsmodell: Mit selbstorganisieren-
den Netzwerken wird die Hoffnung auf kreative Impulse, höhere Innovationskraft,
Beschleunigung der Prozesse und Verringerung von Komplexität verbunden.
4. Hierarchisch steuerndem Management wird eine Absage erteilt: Steuerung und
Regelung scheinen der Mehrheit der befragten Führungskräfte in der modernen
Arbeitswelt nicht mehr angemessen zu sein.
5. Kooperationsfähigkeit hat Vorrang: Nur noch rund 30 % der Befragten präferieren
die Verfolgung traditioneller Wettbewerbsstrategien mit dem Ziel der Profitmaximie-
rung. Der Rest ist der Meinung, dass das Prinzip der Kooperation weiter an Bedeu-
tung gewinnen wird.
6. Persönliches Coaching als unverzichtbares Werkzeug für Führung: Einfühlungsver-
mögen und Einsichtsfähigkeit werden für Führungskräfte immer wichtiger. Deshalb
brauchen Führungskräfte mehr Reflexion und intensive Begleitung bei ihrer eigenen
Entwicklung.
7. Motivation und Selbstbestimmung gehen mit Wertschätzung einher: Die Mehrheit
der befragten Führungskräfte geht davon aus, dass die Wirkung von extrinsischen
Leistungsanreizen abnimmt. Das Engagement im Arbeitsleben ist vielmehr verbun-
den mit Wertschätzung, Entscheidungsfreiräumen, Eigenverantwortung und Sinn-
haftigkeit der Arbeit.
8. Gesellschaftliche Themen werden aufmerksamer wahrgenommen: Der Ausgleich
der Interessen und Erwartungen verschiedener Anspruchsgruppen – die Stakeholder-
Perspektive – nimmt bei Führungskräften einen wachsenden Raum ein.
9. Führungskräfte erwarten einen Paradigmenwechsel in der Führungskultur: Drei
Viertel der befragten Führungskräfte sind der Meinung, dass eine grundlegende Ver-
änderung der Führungskultur in Deutschland notwendig ist.
71
10. Die heutige Führungskultur entspricht nicht den Anforderungen an gute Führung:
Viele der befragten Führungskräfte sehen eine deutliche Diskrepanz zwischen den
ihnen wichtigen Anforderungen an gute Führung und der tatsächlichen Führungspra-
xis in Deutschland.
Zusammenfassend konnte man sagen, dass wir von einem Führungsmodell, das durch Per-
sönlichkeit, durch Planung und durch Profitmaximierung (3 Ps) geprägt ist, übergehen in
ein Führungsmodell, das die drei Ps durch drei Is ersetzt: Information ersetzt zunehmend
Persönlichkeit, iteratives Vorgehen löst Planung ab und statt Profitmaximierung gewinnt
Integration an Bedeutung. Das heißt, wir befinden uns in einem Übergang von einem Share-
holdermodell, einer Kultur der schwarzen Zahlen, hin zu einem Stakeholdermodell (Kruse
et al. 2016, S. 89).
3.2.2.2 Fünf Führungstypen
Die Auffassungen davon, was gute Führung tatsächlich ist, gehen naturgemäß weit
auseinander. Aufgrund der inhaltlichen Schwerpunktsetzungen der interviewten Füh-
rungskräfte können fünf Präferenztypen für „gute Führung“ identifiziert werden (vgl.
Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2015b, S. 12 ff.):
Typ 1: „Traditionell absichernde Fürsorge“ (13,5 %)
Führungskräfte dieses Typs empfinden es als ihre Aufgabe, die Arbeitsplätze der Men-
schen und stabile Beziehungs- und Organisationsverhältnisse im Unternehmen zu
sichern. Sie übernehmen dafür die Verantwortung und sehen sich in der Pflicht, persön-
lich als Vorbild zu fungieren.
Typ 2: „Steuern nach Zahlen“ (29,25 %)
Eine gute Führungskraft ist man nach Auffassung dieses Führungstyps, wenn man in der
Lage ist, Menschen so zu organisieren, dass sie maximalen Profit erwirtschaften. Auf
der Basis eines bestehenden Geschäftsmodells wollen diese Führungskräfte die Wettbe-
werbsfähigkeit steigern. Sie setzen dabei Strategien, Zielmanagement und ein kennzah-
lengestütztes Controlling ein.
Typ 3: „Coaching kooperativer Teamarbeit“ (17,75 %)
Diese Führungskräfte wollen nicht steuern, sondern unterstützen und begleiten. Sie orga-
nisieren dezentrale, flexible Teamarbeit und fördern die Verschiedenheit im Unterneh-
men. Sie sorgen für maximale Transparenz und wollen zusammen mit ihren Mitarbeitern
über Zusammenhänge reflektieren. Sie glauben daran, dass Synergiepotenziale im und
zwischen Unternehmen existieren, die sie realisieren wollen.
Typ 4: „Stimulation von Netzwerkdynamik“ (24 %)
Für diese Führungskräfte besteht gute Führung darin, hierarchiefreie Vernetzung zwi-
schen allen Akteuren im Unternehmen zu fördern. Es geht darum, alle Akteure, auch
wenn diese unterschiedliche Lebensentwürfe haben, unter einer attraktiven Vision zu
3.2 Das Projekt „Forum Gute Führung“ …
72
3 Paradigmenwechsel? Wie geht es nun weiter mit Führen …
vereinen. Diese Führungskräfte vertrauen auf die Fähigkeit zur Selbstorganisation. Die
Komplexität der vernetzten Marktverhältnisse ist danach durch eigene Netzwerke zu
bewältigen.
Typ 5: „Solidarisches Stakeholder-Handeln“ (15,5 %)
Diese Führungskräfte vertrauen auf die motivierende Kraft persönlicher Wertschätzung.
Sie bieten ihren Mitarbeitern Freiräume und möchten Sinn in der Arbeit vermitteln. Sie
sind offen für basisdemokratische Teilhabe, empfinden soziale Verantwortung und wol-
len die Interessen aller Stakeholder optimal ausbalancieren.
3.2.2.3 Der Weg in die Zukunft
Im Ergebnis hat die Studie eine Roadmap zu bieten, in der ein möglicher Weg zur Ent-
wicklung guter Führung aufgezeigt wird. Dabei wird von der heutigen Führungspraxis in
Deutschland ausgegangen.
Entwicklungsstufe 1
Hier wechselt der Schwerpunkt des Führungshandelns von Linienhierarchie, Zielverein-
barung und Controlling hin zu flexiblen Organisationsstrukturen in dezentralen Teams.
Es ist auf dieser Stufe wichtiger, Neues zu erfinden und zu realisieren als Bestehendes
zu optimieren. Dabei werden bestehende Geschäftsmodelle auf den Prüfstand gestellt
und Führung konzentriert sich auf unternehmenskulturelle und motivationale Aspekte –
Identitätsbildung, Teamcoaching, Empowerment. Auf dieser Stufe wird aus Management
Leadership.
Entwicklungsstufe 2
Auf dieser Entwicklungsstufe gehen die Teamstrukturen in selbstorganisierende Netz-
werke über. Damit nimmt der direkte hierarchische Einfluss von Führungskräften
ab. Führung hat auf dieser Entwicklungsstufe die Aufgabe, die Rahmenbedingun-
gen von Unternehmen und Beschäftigung neu zu definieren und Sinnzusammenhänge
zu vermitteln, damit trotz Selbstorganisation eine gemeinsame Ausrichtung besteht.
Führungskräfte greifen immer indirekter in die Arbeitszusammenhänge ein und brauchen
eine intensive begleitende Reflexion, um den neuen Anforderungen gerecht werden zu
können.
Entwicklungsstufe 3
An die Stelle der Führungskraft als stabilisierendem Faktor tritt eine stabilisierende Werte
orientierung und solidarisches Stakeholder-Handeln. Solidarität und soziale Verantwor-
tung erhalten dabei dauerhaft die Funktionalität der Netzwerke. „Über Werte wird die
Menge des Möglichen auf das gesellschaftlich Gewünschte reduziert“ (Kruse et al. 2016,
S. 93).
73
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3 Paradigmenwechsel? Wie geht es nun weiter mit Führen …
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Nachdem es in den vorangegangenen Kapiteln um die Entwicklung und die Zukunft
von Führung ging, soll nun die Realität von Führung näher betrachtet werden. Was ist
Führung und was wird von Führungskräften heute erwartet?
Teil II
Führung heute – Was wird
von Führungskräften erwartet?
77
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018
P. Berger, Praxiswissen Führung, https://doi.org/10.1007/978-3-662-50527-4_4
Zusammenfassung
Führung hat viele Gesichter. Menschen im Unternehmen werden zum einen durch das
Führungssystem des Unternehmens (strukturelle Führung) und zum anderen durch
ihre direkten Führungskräfte (personale Führung) geführt. Führungskräfte haben
damit mindestens drei Wirkungsfelder: 1) Sie sind Vorgesetzte, die sagen, wo es lang
geht. 2) Sie sind Partner in sozialen Interaktionsbeziehungen, die sie zu ihren Mit-
arbeitern aufbauen und denen sie damit Orientierung geben. 3) Sie sind Mitgestalter
von Arbeitsstrukturen und Unternehmenskultur. Damit schaffen sie die Voraussetzun-
gen, unter denen die Menschen im Unternehmen arbeiten.
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Autor: „Herr Neumann, was ist eine Führungskraft?“
Alfred A. Neumann: „Führungskräfte sind was Besseres. Sie laufen in einem Anzug
oder einem Business-Kostüm herum und sind stets freundlich. Sie sehen besonders
gut aus und sind unglaublich charmant. Man kann ihnen nicht widersprechen, denn
das würde sie kränken und außerdem wissen sie sowieso alles viel besser als man sel-
ber. Eine Führungskraft arbeitet in einem Büro und trifft sich mit anderen schönen
Menschen ständig in Meetings. Sie sind nie erreichbar, denn sie lenken die Geschicke
des Unternehmens. Führungskräfte wollen sich ständig selbst optimieren, denn sie
sind dem „Innovationsapproach“ verpflichtet und stehen Veränderungen grundsätz-
lich positiv gegenüber. Sie kämpfen für mehr Flexibilität und Eigenverantwortung und
sind ständig bestrebt, die „Mannschaft ins Boot“ zu holen. Einige Führungskräfte sind
Fans der „digitalen Revolution“, die eine neue Führungskultur, Demokratisierung und
optimale Kundenlösungen bringen soll.
Was ist Führung und was ist eine
Führungskraft?
4
78
4 Was ist Führung und was ist eine Führungskraft?
Neulich habe ich eine Führungskraft aus einem dieser modernen Softwareunter-
nehmen kennengelernt, die ganz dicht zu ihren Mitarbeitern herunterkommen wollte,
so wirklich eng auf Augenhöhe. Die wollte als Führungskraft von ihren Mitarbeitern
„gewählt“ werden – stell Dir das mal vor –, weil Führung nun demokratisch wird und
alle in der Firma ja sowieso an einem Strang ziehen. Das war dann schon ein bisschen
unheimlich und einigen der dortigen Mitarbeiter wurde schwindelig, weil man nicht
mehr so richtig wusste, wo oben und unten ist. Aber lange dauerte das nicht, weil man
dann ja doch schnell mitkriegt, dass das immer noch ein Vorgesetzter ist, der Part-
ner spielt und die Kulturkulissen umstellen möchte. Ist ja auch klar, so cool kann gar
keiner sein, dass er freiwillig und mit lachendem Gesicht die eigene Gehaltskürzung
erträgt, wenn er dann blöderweise nicht wieder zum Chef gewählt wird – oder doch?“
4.1
Führung
Führung ist zielgerichtete Einflussnahme und geschieht prinzipiell auf zweierlei Weise
(Abb. 4.1):
Strukturelle Führung
Führung durch Strukturen und
Unternehmenskultur:
Human Resource Management,
Unternehmenspolitik,
Regeln und Normen,
Arbeitsorganisation, Technologie,
Psychologischer Vertrag
Personale Führung
Führung durch
Position
Führung durch
soziale Beziehung
Die Führungskraft als
Vorgesetzter
Die Führungskraft als
Interaktionspartner
Die Führungskraft als Gestalter
von Strukturen und Kultur
Leistung fordern
Top-down
Kontrolle
extrinsische Motivierung
Beurteilung
Amtsautorität
Lob
Zielsetzung
Regelbefolgung
formale Kommunikation
Leistung fördern
Augenhöhe
Vertrauen
intrinsische Motivation
Feedback
Verantwortung
Anerkennung
Commitment
Innovation
informale Kommunikation
Leistung ermöglichen
Führungsinstrumente
Führungskräfteentwicklung
Personal- und
Organisationsentwicklung
Gesundheitsförderung
Changemanagement
Mikropolitik
Compliance
Werte
Individuum
Organisation
Gestaltung
und Wandel
Normen und
Handlungsrahmen
Abb. 4.1 Einflusssphären von Führungskräften
79
Strukturelle Führung
• Das gesamte System von Regeln und Normen sowie die Art und Weise, wie die Arbeit
organisiert ist, bindet die Mitarbeiter in technisch-organisatorische Prozesse ein, die
ihr Verhalten im Unternehmen steuern. Solche sogenannten Führungssubstitute, z. B.
ein Fließband oder eine Software, „sagen“ dem Mitarbeiter ziemlich genau, was er
wie zu tun hat.
• Im Rahmen der ungeschriebenen Regeln der Unternehmenskultur schließen Mitar-
beiter mit ihrem Unternehmen neben dem Arbeitsvertrag mehr oder weniger bewusst
einen „Psychologischen Vertrag“ (Abschn. 12.1.5), der, wenn alles gut läuft, dafür
sorgt, dass sich die Mitarbeiter dem Unternehmen verpflichtet fühlen, also Commit-
ment zeigen.
• Steuernder Akteur, der aber meist nicht direkt mit den Mitarbeitern interagiert, ist das
Human Resource Management (HR-Management), welches das unternehmensweite
Führungssystem entwickelt und etabliert. Das HR-Management hat die Aufgabe, pas-
sendes Personal zu rekrutieren, es in adäquate Arbeitsprozesse einzubinden, es im
Sinne des Unternehmens weiterzuentwickeln und es im Rahmen der geltenden Tarife
zu entlohnen.
Personale Führung
Hier tritt die Führungskraft mit den Mitarbeitern ihrer Führungsspanne direkt in Kontakt.
Man spricht auch von Interaktionaler Führung. Personale Führung bewegt sich zwischen
zwei Polen von Führung:
• Führung durch Position und
• Führung durch soziale Beziehung.
Strukturelle Führung und personale Führung ergänzen sich gegenseitig und sollten kon-
sistent sein. Um dies zu gewährleisten, entwickeln Wissenschaftler und Berater seit
vielen Jahrzehnten weltweit immer neue Führungsmodelle. Eine kritische Zusammenfas-
sung bietet Kähler (2014), der wiederum ein eigenes Führungsmodell „Komplementärer
Führung“ anbietet.
4.2
Führungskräfte
Führungskräfte sind gleichzeitig
1. Vorgesetzte,
2. Partner in sozialen Interaktionsbeziehungen,
3. Mitgestalter von Arbeitsstrukturen und Unternehmenskultur.
4.2 Führungskräfte
80
4 Was ist Führung und was ist eine Führungskraft?
4.2.1
Die Führungskraft als Vorgesetzter
Als Vorgesetzte agieren Führungskräfte im Rahmen der betrieblichen Hierarchie auf
der Basis ihrer positionalen Macht. Sie sind von ihren Vorgesetzten den Mitarbeitern
vor-gesetzt worden und sorgen mehr oder weniger effektiv dafür, dass diese die von ihnen
geforderte Arbeit tun. Fast alle Führungskräfte fangen in der Rolle des Vorgesetzten an,
nicht wenige verharren ein Berufsleben lang in derselben, ohne dass ihnen die Mitarbeiter
freiwillig folgen.
Vorgesetzte sind Teil des unternehmerischen Managements und als solche für den
Unternehmenserfolg mitverantwortlich. Sie sind dafür zuständig, dass die Menschen in
ihrer Führungsspanne die vom Unternehmen geforderte Leistung erbringen. Dazu haben
sie nach traditionellem Managementverständnis Ziele zu setzen, die Leistungserbringung
zu kontrollieren, die Mitarbeiter zu motivieren und zu beurteilen.
Die Vorgesetztentätigkeit basiert nach der herkömmlichen Managementtheorie auf
formalen Vorgaben, z. B. Regeln, Formularen etc. So haben z. B. viele Unternehmen
in ihrem Führungssystem genau festgelegt, wie ein Mitarbeitergespräch abzulaufen hat
und wie Zielvereinbarungen verhandelt und abgeschlossen werden, welche Sanktionen
bei einem unerwünschten Verhalten zu ergreifen sind und welche Kennzahlen verwendet
werden.
Wenn die Steuerung von Prozessen und Mitarbeitern in Systemen vorgegeben ist und
nach einem „Wenn-dann-Muster“ abläuft, werden die zugrunde gelegten Algorithmen zu
„Führungssubstituten“. Der Vorgesetzte wird dann zum „Lückenbüßer“ für Ausnahme-
fälle. Nach dem Bürokratiemodell von Max Weber (Abschn. 1.1.7) wäre es der Idealzu-
stand, wenn alles so präzise geregelt ist, dass der Vorgesetzte unpersönlich und rein nach
Aktenlage entscheiden könnte.
Die Arbeit von Vorgesetzten ist aber in der Realität meist nicht so wohlgeordnet und
rational durchstrukturiert, wie dies in der herkömmlichen Managementtheorie vorausge-
setzt wird. Die Work-Activity-Forschung (vgl. Schirmer 1991) hat u. a. folgende Ergeb-
nisse erbracht:
• Die Tätigkeiten sind extrem fragmentiert und werden meist durch Störungen von
außen unterbrochen.
• Viele der ausgeübten Tätigkeiten sind nicht geplant.
• Es bleibt wenig Zeit für Reflexionen.
• Viele Kontakte sind der Netzwerkbildung und der Mikropolitik (Kap. 10) gewidmet.
• Es wird häufiger auf informelle und spekulative Informationen zurückgegriffen als
auf formale und offizielle.
4.2.2
Die Führungskraft als Partner in sozialen Beziehungen
Vorgesetzte handhaben Sachverhalte, treffen Entscheidungen, schaffen Voraussetzun-
gen, motivieren, kontrollieren, sanktionieren und lenken Prozesse. Dies ist aber nur die
81
eine Seite der Medaille. Führung ist vor allem durch die Führungsbeziehung geprägt, die
Vorgesetzte mit ihren Mitarbeitern eingehen. Auf der Beziehungsebene versuchen Füh-
rungskräfte, dafür zu sorgen, dass die Geführten ihre Arbeit zu ihrem eigenen Anliegen
machen, welches sie engagiert und selbstverantwortlich verfolgen. Menschen sind eigen-
sinnig (und deshalb auch kreativ). Darum lassen sie sich nicht bruchlos in Regeln und
Prozessabläufe integrieren. Führung auf der Beziehungsebene gibt ihnen Orientierung
und fordert und fördert sie darin, ihren Teil an der gemeinsamen Sache zu leisten.
Vorgesetzte werden zu vollwertigen Führungskräften in dem Maße, wie sie es errei-
chen, dass ihre Mitarbeiter, Kollegen, Vorgesetzten und Kunden sie als Partner schät-
zen und anerkennen und mit ihnen konstruktiv an der Verwirklichung gemeinsamer
Ziele arbeiten. In der Führungsbeziehung entsteht eine Wechselwirkung von Führen und
Geführtwerden, die beiden Seiten nützt, sie aber auch voneinander abhängig macht.
Gute Führungskräfte müssen in der Lage sein, produktive formelle und informelle
Beziehungen aufzubauen. Sie müssen vertrauenswürdig sein und Vertrauen zu ihren
Mitarbeitern haben, sie müssen sich selbst weiter entwickeln und die Entwicklung ihrer
Mitarbeiter fördern. Dabei sollten sie achtsam mit ihrer qua Position verliehenen Macht
umgehen, diese aber nicht meiden. Sie sollten den „Wir-haben-uns-alle-lieb-und-unsere-
Arbeit-macht-uns-so-dollen-Spaß“-Schleier lüften und den Realitäten der alltäglichen
Arbeit, die von vielen eben nicht „leidenschaftlich“ geleistet wird, ins ungeschminkte
Auge sehen.
Für die Verantwortlichen der Führungskräfteentwicklung gilt: Die Entscheider sollten
sich ernsthaft anschauen, wie Macht im Unternehmen funktioniert, wie Werte tatsächlich
gelebt werden und wie sich Unternehmen auf soziale und politische Herausforderungen
einstellen. Die Personal- und Führungskräfteentwicklung sollte nicht den „gerade ange-
sagten“ Führungsmodellen hinterherlaufen. Wissen und Erfahrung über gute Führung
sind bei den meisten Führungskräften im Überfluss vorhanden. Was fehlt, sind die Zeit
und die Gelegenheit zum Austausch und Möglichkeiten zum Ausprobieren neuer Wege.
Führungskräfte brauchen für ihre Entwicklung Programme und Ressourcen, die es ihnen
ermöglichen, über ihre (Führungs-)Rolle zu reflektieren und sich den Sichtweisen von
Menschen außerhalb ihrer angestammten Netzwerke zu stellen, z. B. durch regelmäßige
Kollegiale Beratung und ressortübergreifenden Austausch.
4.2.3
Die Führungskraft als Gestalter von Unternehmensstruktur
und -kultur
Führungssysteme, Führungsstruktur und Führungskultur sind Rahmenbedingungen für
die personale Führung und werden zentral vom Human Resource Management gesteu-
ert. Personale Führungskräfte, z. B. ein Abteilungs- oder Projektleiter, bewegen sich im
Rahmen der herrschenden Strukturen sowie der gewachsenen Kultur ihres Unternehmens
und sind aufgefordert, ihr Handeln darauf abzustimmen. Diese Gegebenheiten setzen
ihnen in ihrer Führungstätigkeit manchmal einen engen Handlungsrahmen. Die meisten
4.2 Führungskräfte
82
4 Was ist Führung und was ist eine Führungskraft?
Führungskräfte, passen sich diesem Rahmen an. Für sie gilt es, sich die Unternehmens-
politik zu eigen zu machen, die geltenden Regeln und Normen des Unternehmens (auch
die ungeschriebenen, informalen Regeln) zu akzeptieren und sich in die Unternehmens-
kultur einzupassen.
Es gibt aber auch Führungskräfte, die ihre Gestaltungsoptionen als Akteur wahrneh-
men. Akteure sind selbst – entweder durch aktive Mitwirkung oder auch nur durch Dul-
dung – Mitgestalter ihres Unternehmens. Wie Studien bestätigen, können Führungskräfte
aufgrund ihrer herausgehobenen Machtposition (Vorgesetzter) und ihrer geschulten
sozialen Kompetenzen (Partner in sozialen Beziehungen) hervorragende Change Agents
in ihrer Organisation sein (vgl. Berger et al. 2007). Kein Vorstand kann ein Unterneh-
men allein transformieren und sei er noch so „charismatisch“. Wenn Wandel nachhaltig
werden soll, so muss er in der Breite angegangen und punktgenau umgesetzt werden.
Führungskräfte können gemeinsam mit ihren Mitarbeitern den Wandel treiben und reali-
sieren, ob sie nun in der Linie, in der Matrix oder in Projekten arbeiten.
Dies kann nicht von heute auf morgen in Hau-Ruck-Aktionen geschehen, sondern das
entsteht langsam in ständiger Auseinandersetzung mit dem „alten“ System und durch die
Bildung von Allianzen mit Gleichgesinnten. Erfahrene Führungskräfte haben gelernt,
sich „einzuklinken“ und ihre Botschaften „viral“ zu verbreiten. Für die Personal- und
Organisationsentwicklung wäre es sicherlich interessant, sich mikropolitische Strategien
näher anzuschauen, sie aus der Schmuddelecke herauszuholen und zu lernen, diese pro-
duktiv zu nutzen, anstatt sie nach unten und nach oben hin zu bekämpfen (Kap. 10).
Literatur
Berger, P., Berger-Klein, A., Krüger, D., & Teubert, M. (2007). Human Resource Management in
Veränderungsprojekten. Ansätze – Methoden – Instrumente. Konstanz: Christiani.
Kähler, B. (2014). Komplementäre Führung: Ein praxiserprobtes Modell der organisationalen
Führung. Wiesbaden: Springer Gabler.
Schirmer, F. (1991). Aktivitäten von Managern: Ein kritischer Review über 40 Jahre „Work Acti-
vity“ Forschung. In W. H. Staehle & K. Sydow (Hrsg.), Managementforschung (Bd. 1, S. 205–
253). Berlin: De Gruyter.
Weiterführende Literatur
Rosenstiel, L. v., & Kaschube, J. (2004). Führung. In H. Schuler & U. P. Kanning (Hrsg.), Lehr-
buch der Personalpsychologie (S. 677–721). Göttingen: Hogrefe.
Schuler, H., & Kanning, U. P. (Hrsg.). (2004). Lehrbuch der Personalpsychologie. Göttingen: Hogrefe.
Staehle, W. H., & Sydow, K. (Hrsg.). (1991). Managementforschung (Bd. 1, S. 205–253). Berlin:
De Gruyter.
83
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018
P. Berger, Praxiswissen Führung, https://doi.org/10.1007/978-3-662-50527-4_5
Zusammenfassung
Gute Führung fängt schon beim Eintritt von Führungskräften in das Unternehmen
an. Hier werden verschiedene Phasen von Eignungstests – Assessment- oder Deve-
lopment-Center genannt – durchlaufen. Aber kann man durch Eignungsdiagnostik
wirklich Fehlgriffe in der Führungskräfteauswahl minimieren? Eignungsdiagnostik
verspricht mehr als sie halten kann. Die Aussicht, mit wissenschaftlichen Methoden
die „richtige“ Führungskraft aus der Fülle der Bewerber herausdestillieren zu können,
ist für Personaler im Unternehmen trotzdem noch immer sehr verlockend. Deshalb
hat die Eignungsdiagnostik nach wie vor große Anziehungskraft auf Entscheider.
Jedoch gibt es keine wissenschaftlich fundierten Nachweise, für den Erfolg von
Assessment- oder Development Centern.
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Autor: „Herr Neumann, wie wird man Führungskraft?“
Alfred A. Neumann: „Ich kenne viele Führungskräfte, die sind aber meist nur ein-
fache Mitarbeiter. Sie sind beliebt bei ihren Kollegen und ihr Wort hat Gewicht. Die
werden von unserem Management – wenn sie denn überhaupt bemerkt werden –
„Schlüsselpersonen“ genannt. Das sind Kolleginnen und Kollegen, die einen gewissen
Einfluss in der Belegschaft haben und die Meinung der Leute lenken können. Darum
beneidet sie so manche sogenannte Führungskraft. Wie die das machen? Na ja, die
können was in ihrem Fach und die Kollegen respektieren es, wenn einer kompetent
ist. Das wichtigste ist wohl, dass sie eine Vorstellung von positiven Veränderungen
haben, dass sie gut mit den Leuten reden können und dass sie ihre Arbeit mögen.
Die meisten als Führungskräfte bezeichneten Leute, die ich kenne, sind eher Vor-
gesetzte, die irgendwie und irgendwann mal in diese Position gekommen sind. Wie
sie das geschafft haben? Ja, da wäre zunächst mal die Ausbildung. Die meisten haben
Wie man Führungskraft wird – Das
Casting
5
84
5 Wie man Führungskraft wird – Das Casting
ja studiert. Die bekommen dann in der Firma ziemlich bald „Personalverantwortung“,
wie das so schön heißt. Nach einem Führungskräfteseminar werden sie dann auf die
Leute losgelassen. Das ist für manche ein ziemlicher Praxisschock, denn Führen
haben sie ja nie wirklich gelernt.
Wie man Führungskräfte auswählt? Na, ja, da wäre zunächst mal der beste
Schraubendreher. Das ist eine Fachkraft, der man aufgrund guter Leistungen die Lei-
tung ihrer Kollegen überträgt. Die checken dann aber meist nicht, dass sie nun zum
Management gehören und ganz andere Aufgaben haben. Die machen dann alles
selbst, anstatt zu delegieren und das Ende vom Lied ist, dass das Unternehmen einen
guten Schraubendreher weniger und eine schlechte Führungskraft mehr hat.
Dann wären da noch die besten Aktentaschenträger. Die passen sich ganz
geschmeidig den Wünschen des Chefs an. Wenn der dann eine neue Führungskraft
nach dem Prinzip „Schmidt sucht Schmidtchen“ sucht, haben die die besten Chancen.
Die Folge ist, dass im Unternehmen eine ganze Horde solcher Klone herumläuft und
neue Impulse für notwendige Veränderungen dann natürlich ausbleiben.
Unsere Personalabteilung veranstaltet dann noch solche Wettbewerbe für Leute,
die Führungskraft werden wollen. Development Center nennen die das bei uns. Da
wird dann mit allen möglichen psychologischen Tests geprüft, ob sich die Bewerber
als Führungskraft eignen und wo noch die eine oder weitere Schulung nötigt ist. Die
nennen das dann Eignungsdiagnostik. Das ist ein Fach, das man an der Uni studie-
ren kann. Welche Maßstäbe die da ansetzen, ist mir ein Rätsel, denn für mich ist es
ganz klar, dass man Führungskompetenz nicht messen kann. Auf jeden Fall kommen
sich die Leute aus der Personalentwicklung bei diesem ganzen Zirkus höchst wis-
senschaftlich vor. Die wollen mit sogenannten Persönlichkeitsinventaren tatsächlich
erforschen, wie die Leute innerlich drauf sind, also, ob sie eher Machertypen oder
eher Denker oder vielleicht doch die Gefühlsmenschen sind. Gut, daran kann man
glauben oder nicht, mit Wissenschaft hat das meiner Meinung nach nichts zu tun.“
Führungskräfte werden heute in der Regel mit der Annahme ausgewählt, dass bestimmte
Menschen bestimmte Eigenschaften haben, die sie für eine Führungsfunktion besonders
prädestinieren. Diese Eigenschaften werden in Kategorien gefasst und im Auswahlver-
fahren an den Probanden abgeprüft.
Solchen Auswahlverfahren liegen folgende Hypothesen zugrunde:
• Hypothese 1: Es gibt bestimmte Eigenschaften, die einen Menschen zu einer Füh-
rungspersönlichkeit machen.
• Hypothese 2: Diese Führungseigenschaften sind bekannt und für alle Rahmenbedin-
gungen gültig.
• Hypothese 3: Diese Führungseigenschaften können durch diagnostische Verfahren bei
den Probanden methodisch sauber festgestellt (gemessen) werden.
• Hypothese 4: Menschen, bei denen diese Führungseigenschaften festgestellt worden
sind, werden aufgrund ihrer Führungseigenschaften dem Unternehmen von Nutzen sein.
85
Die Geführten, die speziellen späteren Aufgaben der Führungskraft, die Organisation
und die Umwelt des Unternehmens scheinen bei alldem kaum eine Rolle zu spielen (vgl.
Neuberger 2002, S. 223 ff.).
5.1
Eignungsdiagnostik
Um Führungskräfte auszuwählen, werden vielfach eignungsdiagnostische Verfahren
angewendet. Das sind in der Regel Interviews, psychometrische Testverfahren und Ver-
haltensbeobachtung.
Eignungsdiagnostik hat in Deutschland eine eigene DIN-Norm. Es ist die DIN 33430,
die auf Initiative des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)
im Jahre 2002 verabschiedet wurde (vgl. Deutsches Institut für Normung 2016) und die
Qualitätsstandards bei der Personalauswahl in Deutschland beschreibt. Der Prozess der
Eignungsbeurteilung besteht danach aus folgenden Schritten:
• Arbeits- und Anforderungsanalyse,
• Auswahl der diagnostischen Strategie und diagnostischen Verfahren,
• Durchführung und Auswertung von Verfahren einschließlich der Interpretation der
Ergebnisse,
• Evaluation und Qualitätssicherung.
Die Verantwortlichen und Mitwirkenden solcher diagnostischer Verfahren sollen Kennt-
nisse und Erfahrungen in der Eignungsdiagnostik haben. Dazu hat die Föderation der
Deutschen Psychologenvereinigungen ein zehntägiges Fortbildungsprogramm für alle
in der Personalarbeit Tätigen mit zugehöriger Lizenzprüfung entwickelt (vgl. Föderation
der Deutschen Psychologenvereinigungen 2004).
Der Einsatz eignungsdiagnostischer Testverfahren ist meist nur ein Teil des Aus-
wahlprozesses. In die Entscheidungsfindung fließen auch die Bewertung der Über-
einstimmung mit Unternehmenszielen, den innerbetrieblichen Strukturen, der
Unternehmenspolitik sowie soziale Gesichtspunkte mit ein. Eignungsdiagnostische Test-
verfahren können somit nur Handlungsempfehlungen erbringen.
5.2
Persönlichkeitstests
Persönlichkeitstests gehören zu den psychometrischen Verfahren und basieren auf der
Annahme, dass man psychologische Aspekte von Menschen messen kann. Die Eig-
nungsdiagnostik verwendet Persönlichkeitstests, um geeignete Personen für bestimmte
betriebliche Anforderungen zu finden oder um ein bestimmtes Verhalten unter gleichen
situativen Voraussetzungen vorherzusagen.
5.2 Persönlichkeitstests
86
5 Wie man Führungskraft wird – Das Casting
Zwei Drittel der größten deutschen Unternehmen setzen mit wachsender Tendenz
bei der Personalauswahl von Führungskräften Persönlichkeitstests ein. 2007 waren es
nur 20 % (vgl. Hossiep 2015; Hossiep et al. 2015). Hossiep und sein Forscherteam der
Universität Bochum stellten fest, dass die am häufigsten verwendeten Tests, der Myers-
Briggs-Typenindikator und das Persolog-Persönlichkeits-Profil, aus wissenschaftlicher
Sicht fragwürdig sind.
Darüber, ob sich menschliche Eigenschaften überhaupt messen oder menschli-
ches Verhalten voraussagen lässt, sind die Meinungen geteilt. Teure Fehlbesetzun-
gen aufgrund psychologischer Eignungstests sind häufig nachgewiesen worden. Diese
Fehlschläge werden von den Eignungsdiagnostikern aber meist der mangelhaften Durch-
führung der Tests zugeschrieben.
Eine hohe Validität (der Test misst das, was er messen soll) des Tests sagt allerdings
nichts über die Eignung eines Bewerbers für ein spezifisches Arbeitsfeld aus. Aus die-
sem Grunde hat man Tests entwickelt, in denen der Arbeitsalltag simuliert wird, z. B. das
Postkorbverfahren (vgl. z. B. Sarges 2013).
5.3
Assessment Center und Development Center
Das Ziel eines Assessment Center (AC) ist es, Vorhersagen über das Potenzial und die
zukünftigen beruflichen Leistungen der Kandidaten zu treffen. In einem meist mehrtä-
gigen Workshop stellen die Bewerber in Einzel- und Gruppenaufgaben ihre Fähigkeiten
unter Beweis. Als Verfahren kommen in Betracht: Tests, Fragebögen, Interviews, arbeits-
platzspezifische Simulationsaufgaben (z. B. „Postkorbübung“), Gruppendiskussionen
und Rollenspiele. Die Bewerber werden von mehreren geschulten Beobachtern in den
für erfolgsrelevant erachteten Dimensionen bewertet.
Wenn es sich bei den Bewerbern um Mitarbeiter handelt, die sich bereits im Unter-
nehmen befinden und eine höhere Position anstreben, z. B. Führungskraft werden wol-
len, handelt es sich nicht mehr um Personalauswahl, sondern um Personalentwicklung.
Deshalb spricht man hier von einem Development Center (DC). Dort werden in der
Regel neben Potenzialanalyse und Auswahlempfehlungen auch Hinweise für erforderli-
che Schulungs- und Entwicklungsmaßnahmen gegeben.
Die im AC und DC zu bewältigenden Aufgaben werden meist so gewählt, dass die
Probanden hier Kompetenzen zeigen müssen, die auch bei der zu besetzenden Stelle
erforderlich sind. Dazu ist im Vorwege ein Anforderungsprofil für die Stelle festzulegen.
Daran orientieren sich dann die Beurteilungskriterien, nach denen sich die Beurteiler
richten.
Mit der Güte des Anforderungsprofils und der Stellenbeschreibung steigt die Chance
auf die passgenaue Besetzung der Stelle. In den letzten Jahren werden für die Beschrei-
bung der Anforderungen an eine zu besetzende Führungsposition vermehrt sogenannte
87
Kompetenzmodelle entwickelt. Darin werden die notwendigen Fähigkeiten, Fertigkeiten
und Eigenschaften der künftigen Führungskraft zu einem komplexen Modell zusammen-
gefasst. Beachtet wird beispielsweise der Unternehmenskontext, der ja bestimmt, wie
Kompetenzen gelebt werden und wie sie in ihrer Umgebung wirken. Ein gutes Kompe-
tenzmodell ist mit den Unternehmenszielen verknüpft und berücksichtigt die Perspekti-
ven des Topmanagements sowie die zukünftigen Arbeitsanforderungen.
AC und DC für Führungskräfte erfordern einen hohen Aufwand und verursachen
erhebliche Kosten. Dies wird gerechtfertigt mit dem Umstand, dass Fehlbesetzungen
ebenfalls hohe Kosten verursachen und das Unternehmen nachhaltig schädigen können.
Qualitätskriterien für die Durchführung von Assessment Centern haben verschiedene
Organisationen aufgestellt (vgl. z. B. Arbeitskreis Assessment Center 2004).
Der Nutzen von Assessment Centern ist wissenschaftlich nicht erwiesen (vgl. z. B.
Neuberger 2002, S. 273 ff.). Dennoch stellen sie das bis heute am meisten genutzte Aus-
wahlinstrumentarium für Führungskräfte bereit. Dies liegt sicherlich auch daran, dass sie
für transparente Kriterien und Objektivität stehen und schon durch den Auswahlprozess
selbst zeigen, dass bei der Beförderung eine Bestenauslese stattfindet.
Bei allem bleibt festzuhalten:
Man stellt immer eine ganze Person ein bzw. befördert sie, nicht ein Bündel von einigen
erwünschten Eigenschaften. Das heißt, dass man zu den gewollten auch ungewollte Eigen-
schaften ‚gratis‘ mitgeliefert bekommt. Diese können viel unerwünschter sein als die
gewollten gewollt sind (Neuberger 2002, S. 237 f.).
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Autor: „Herr Neumann, was glauben Sie: Wer trifft letztlich die Entscheidung, ob
jemand Führungskraft wird oder nicht?“
Alfred A. Neumann: „Bei all dem wissenschaftlichen Casting-Getue – Persönlich-
keitstests, Assessment Center – glaube ich, dass die Entscheidung letztlich doch aus
dem Bauch heraus getroffen wird. Ich glaube sogar, dass die Entscheidung für oder
gegen einen Kandidaten in der Mehrzahl der Fälle bereits feststeht, bevor all die Tests
beginnen, teils bewusst und abgekartet, teils unbewusst, weil man ‚die guten Leute‘ ja
sowieso sofort ‚erkennt‘. Wohlgemerkt, ich spreche vom Aufstieg auf der Karrierelei-
ter, also von der Auswahl von Vorgesetzten, nicht von Führungskräften. Die Entschei-
dung, ob man Führungskraft ist oder nur Vorgesetzter, treffen meiner Meinung nach
sowieso allein die Menschen, die man führen will. Im Unternehmen sind das die Kol-
legen, die dann ‚Mitarbeiter‘ genannt werden, wenn man ihr Vorgesetzter geworden
ist. Sie ‚wählen‘ diejenigen, denen sie folgen wollen.“
5.3 Assessment Center und Development Center
88
5 Wie man Führungskraft wird – Das Casting
Literatur
Arbeitskreis Assessment Center e. V., Forum für Personalauswahl und -entwicklung. (2004). Stan-
dards der Assessment Center Technik. http://www.arbeitskreisac.de/index.php?option=com_
content&view=article&id=150. Zugegriffen: 15. Juni 2017.
Deutsches Institut für Normung. (2016). DIN 33430 Version 2016 – Anforderungen an berufsbezogene
Eignungsdiagnostik. Berlin: Beuth.
Föderation der Deutschen Psychologenvereinigungen. (2004). Fortbildungs- und Prüfungsordnung
der Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen zur Personenlizenzierung für berufs-
bezogene Eignungsbeurteilungen nach DIN 33430. http://www.psychologie.de/downloads/
din_33430_fobi_und_pruefungsordnung.pdf. Zugegriffen: 15. Juni 2017.
Hossiep, R. (2015). Häufig werden fragwürdige Persönlichkeitstests eingesetzt. Wirtschaftspsychologie
aktuell, Juni 2015.
Hossiep, R., Schecke, J., & Weiß, S. (2015). Zum Einsatz von persönlichkeitsorientierten Frage-
bogen. Eine Erhebung unter den 580 größten deutschen Unternehmen. Psychologische Rund-
schau, 66, 127–129. Göttingen: Hogrefe.
Neuberger, O. (2002). Führen und Führen lassen. Ansätze, Ergebnisse und Kritik der Führungsfor-
schung (6. Aufl.). Stuttgart: Lucius & Lucius.
Sarges, W. (Hrsg.). (2013). Management-Diagnostik. Göttingen: Hogrefe.
Eine Führungskraft benötigt neben vielen anderen Qualifikationen die Fähigkeit,
Beziehungen produktiv zu gestalten. Dazu gehört es, die eigene Haltung und das eigene
Verhalten zu reflektieren. Nur, wenn wir uns unserer selbst sicher sind, können sich
andere Menschen unserer sicher sein.
Dorthin zu kommen, ist manchmal ein langer Weg und – noch schlimmer – der Weg
ist dann noch lange nicht zu Ende. Denn wir müssen uns als Führungskräfte ständig
reflektieren, weil wir uns in einer sich schnell verändernden Umwelt bewegen, die auf
uns einwirkt, die wir aber gleichzeitig mitgestalten. Deshalb müssen wir uns immer
schneller entscheiden, während unsere Entscheidungsgrundlagen komplexer werden. Für
das „Segeln auf Sicht“, welches wir nun in zunehmendem Maße praktizieren müssen,
helfen uns unsere ausgeklügelten Planungssysteme kaum noch. Wir müssen unseren
inneren Kompass auf Vordermann bringen und lernen, uns selbst zu vertrauen.
Dazu gehört es, Einsichten in grundlegende Triebkräfte menschlichen Zusammenlebens zu
gewinnen. Eine solide Wissens- und Erfahrungsbasis dafür stellen in der Regel grundlegende
Studien bereit. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse werden aber von antiquierten
Glaubenssätzen verstellt, welche in großen Teilen der deutschen Betriebswirtschaftslehre, der
Wirtschaftspsychologie und der Managementlehre immer noch verbreitet und durch eine
Unzahl oberflächlicher Führungstipps zugedeckt werden.
Während es in den Teilen I und II dieses Buches darum ging, Herkunft und Ideologie
heutigen Führungsverständnisses zu hinterfragen und die heutigen Anforderungen an
eine Führungskraft überblicksartig darzustellen, geht es nun in Teil III um die inhaltliche
Auseinandersetzung mit wesentlichen Führungsthemen.
In den folgenden Kapiteln sollen die wichtigsten Dimensionen von Führen und
Geführtwerden für die personale Führung freigelegt und verständlich gemacht werden.
Führungskräfte, die ihre eigene Führungspraxis reflektieren wollen, können sich hier
bedienen und sich eine erweiterte Führungsperspektive erarbeiten. Behandelt werden die
Themen.
Teil III
Motivation, Verantwortung,
Haltung, Kommunikation – Reflexionsfelder
für personale Führung
90
Teil III Motivation, Verantwortung, Haltung, Kommunikation – Reflexionsfelder …
• Motivation und Motivierung,
• Verantwortung und Selbstverantwortung,
• Kommunikation und Gesprächsführung.
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Alfred A. Neumann: „Halt, halt, lieber Herr Autor! Nach all ihrer Kritik an her-
kömmlichen und zukünftigen Führungstheorien hatte ich keine konstruktiven Beiträge
mehr von Ihnen erwartet: Sie haben behauptet, gute Führung könne man nicht mes-
sen, denn diese hänge immer auch von der Beziehung zwischen Führern und Geführ-
ten ab, das entspricht auch meiner Erfahrung. Sie haben uns in die Ursprünge des
Managements eingeführt und ausgiebig erklärt, wie wirtschaftliche, politische, recht-
liche und kulturelle Rahmenbedingungen bestimmte Führungsstile, unsere Menschen-
bilder und letztlich auch unser Führungsverständnis prägen. Sie haben überzeugend
dargelegt, dass wir alle von Archetypen geprägt sind und dass wir uns unsere „Füh-
rer“ auf dieser Grundlage selbst konstruieren. Schließlich haben Sie uns eindringlich
auf die Ungereimtheiten hingewiesen, die die „Evangelisten“ der „Digital Economy“
verbreiten. Sie haben kaum etwas übrig gelassen von all den schönen Tipps und
Tricks der Managementliteratur, mit denen man als Führungskraft erfolgreich sein
soll. Und nun das: Sie wollen Führungskräften etwas an die Hand geben, mit dem
diese doch noch gute Führungskräfte werden können? Werden Sie sich untreu und
favorisieren Sie jetzt doch Patentrezepte?“
Autor: „Lieber Herr Neumann, Missverständnis! Mir ging es in der Tat im ersten
Schritt darum, das Phänomen Führung verständlich zu machen. Das führt mitunter
dazu, mit bestimmten Auffassungen aufzuräumen. Das schafft Platz für neue Gedan-
ken und Raum für die Revision alter Glaubenssätze. Nach wie vor ist aber die Aus-
einandersetzung mit wichtigen Dimensionen des menschlichen Zusammenlebens
wie Motivation, Verantwortung und Kommunikation eben auch unabdingbar für Füh-
rungskräfte. Mir geht es in den folgenden Kapiteln darum, diese Dimensionen für
Führungskräfte handhabbar zu machen und von althergebrachten unproduktiven Inter-
pretationsmustern zu befreien. Daraus resultieren keine Patentrezepte, sondern Pro-
jektionsflächen der jeweils eigenen Führungspraxis meiner Leser.“
91
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018
P. Berger, Praxiswissen Führung, https://doi.org/10.1007/978-3-662-50527-4_6
Zusammenfassung
Ist der hohe Stellenwert, der dem „Motivieren“ von Mitarbeitern zugebilligt wird,
angemessen? Ist es wirklich eine der wichtigsten Führungsfunktionen, Mitarbeiter
zu motivieren? Was lehren uns die wissenschaftlichen Motivationstheorien, und wie
sind die praktischen Erfahrungen von Führungskräften einzuordnen? Festzustellen ist:
Wir sind schon motiviert! Deshalb wirken Motivierungsstrategien auf Dauer demoti-
vierend. Extrinsische Anreizsysteme bewirken oft, dass Arbeit nur zur Erlangung der
Belohnung getan wird. Das Bedürfnis, sinnvolle Leistung zu erbringen, anerkannt zu
werden und sozial eingebunden zu sein, ist ein wesentlicher Antrieb, überhaupt zu
arbeiten. Der Gelderwerb spielt dabei eine vermittelnde Rolle. Nur mit einem ange-
messenen Einkommen kann man sich in unserer Gesellschaft menschliche Bedürf-
nisse – Wohnung, Nahrung, Mobilität, Status, zukunftssichere Bildung, kulturelle
Teilhabe – erfüllen. Für eine Führungskraft gilt es, optimale Leistungsbedingungen im
Unternehmen zu schaffen und die Leistungsfähigkeit der Menschen im Unternehmen,
z. B. durch Qualifizierung und Gesundheitsförderung, zu steigern und zu erhalten.
6.1
Theorien zur Motivation
6.1.1
Begriffsklärungen
„Die Mitarbeiter stehen im Mittelpunkt.“ Managementkonzepte, die sich mit der Hal-
tung von Mitarbeitern und Führungskräften beschäftigen, stehen in den USA und Europa
noch immer im Vordergrund der Managementlehre. Es geht um Leistungssteigerung
durch Motivation, um Loyalität und Bindung wichtiger Mitarbeiter Die Motivations-
forschung hat im Verlauf von hundert Jahren etliche Theorien hervorgebracht. Viele der
Wie funktionieren Motivation und
Motivierung?
6
92
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
heute gängigen Motivationskonzepte bauen auf den bedürfnisorientierten Motivations-
theorien von Maslow und Herzberg auf.
6.1.1.1 Motivation vs. Motivierung
Motivation ist ein Begriff, der häufig mit den Worten Wille, Antrieb oder Lust in Zusam-
menhang gebracht wird. Zu unterscheiden davon ist der Begriff Motivieren. Damit ist
das Ingangsetzen, das In-Bewegung-bringen, das Antreiben gemeint.
Wir sind schon motiviert In der Regel sind die Menschen bereits schon moti-
viert, also in Bewegung gesetzt, allerdings nicht immer in eine für das Unter-
nehmen sinnvolle Richtung. Wer Führen im Sinne von Motivieren, also von
Ingangsetzen und Antreiben versteht, wird eher bremsend wirken. Wir sind
schon motiviert! Wenn das stimmt, heißt Führen, die Bewegungskräfte der
Mitarbeiter in für das Unternehmen zuträgliche Bahnen lenken (Abb. 6.1).
Jeder Mensch hat bereits den Antrieb, Leistung zu bringen (Abschn. 1.3.3).
In dieser Hinsicht befinden wir uns alle – um eine physikalische Metapher
zu bemühen – auf einem mehr oder weniger hohen Energielevel. Die Bewe-
gungsenergie erhalten wir aus dem Bestreben, unsere Bedürfnisse zu befrie-
digen. Diese sind individuell unterschiedlich (Abschn. 2.3.1), sodass wir jeweils
in unsere eigene Richtung unterwegs sind. Die Leistung von Führung besteht
nun darin, „Zentripetalkräfte“ auszuüben und uns auf der Bahn zu halten, die
uns um das Unternehmen kreisen lässt. Bedingung für erfolgreiche Führung
ist dann, dass beim „Kreisen um das Unternehmen“ wesentliche Bedürfnisse
der Mitarbeiter selbst erkennbar erfüllt werden.
Abb. 6.1 Das Atommodell
der Führung
MA
Unternehmen
FK
MA
MA
MA
93
Im Zusammenhang mit dem Modell menschlichen Verhaltens in sozialen Systemen
haben wir gelernt, dass menschliches Verhalten zielgerichtet ist (Abschn. 2.3.1). Mit
unserem Verhalten wollen wir also unsere individuellen Ziele erreichen und unsere
Bedürfnisse befriedigen. Die aktivierten Bedürfnisse, die unsere Entscheidungen für ein
bestimmtes Verhalten steuern, werden als Motive bezeichnet. Das Zusammenspiel ver-
schiedener Motive kann, wenn die Motive von Anreizen aktiviert werden, zu Motivation
führen. Motivationstheorien geben also Anhaltspunkte über die Beweggründe menschli-
chen Handelns.
Wir legen ein motiviertes Verhalten an den Tag, wenn wir in einem nicht befriedig-
ten Bedürfnis getroffen werden. Verläuft die Abschätzung der Chancen positiv, verhalten
wir uns in eine Richtung, von der wir glauben, das bisher unerfüllte Bedürfnis zu befrie-
digen. Je nachdem, ob ein bestimmtes Verhalten uns nun Bedürfnisbefriedigung bringt,
buchen wir es in unserem Erfahrungsschatz als erfolgreiches oder eben nicht erfolg-
reiches Verhalten ab. Diese Erfahrungen haben wiederum Einfluss auf weitere solcher
Abschätzungen, sodass sich ein routinisiertes Verhaltensmuster gelungener Bedürfnisbe-
friedigung herausbildet.
6.1.1.2 Intrinsisch vs. Extrinsisch
Intrinsische Motivierung
Die intrinsische Motivierung beruht auf selbstbestimmten Faktoren, die jeder Einzelne
für sich als wichtig erachtet. Das intrinsische, also das „von innen her“ motivierte Ver-
halten, gehört ausschließlich dem Betroffenen selbst. Verantwortungsvolle und wichtige
Tätigkeiten, Entscheidungsfreiheit, persönliche Entwicklungsmöglichkeiten und inter-
essante Arbeitsinhalte können dazu beitragen, dass Menschen sich für ein produktives
Arbeitsverhalten motiviert fühlen. Die intrinsische Motivierung führt zu eigenständigen,
von der Umwelt des Individuums allenfalls indirekt kontrollierbaren Belohnungen und
Bestrafungen durch den Betroffenen selbst.
Extrinsische Motivierung
Die extrinsischen Motivationsfaktoren werden häufig von Dritten (Vorgesetzte, Perso-
nalabteilung) mit dem Ziel vorgegeben, jemanden zu einem gewünschten Verhalten zu
veranlassen. Zu diesen extrinsischen Faktoren gehören z. B. Boni, Gehaltserhöhungen,
Belobigungen, Beförderungen, aber auch Bestrafungen wie Gehaltsreduzierungen oder
disziplinarische Maßnahmen.
6.1.2
Die Hierarchie der Bedürfnisse nach Maslow: Von Luft und
Liebe in die Selbstverwirklichung
Motive sind die Grundlage von Motivation. Sie werden durch Anreize aktiviert und
führen zu Handlungen, von denen wir uns Bedürfnisbefriedigung erhoffen. Eine
6.1 Theorien zur Motivation
94
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
systematische Kategorisierung von Motiven stellt die Maslow’sche Bedürfnispyramide
dar (vgl. Maslow 1954). Sie ist ein doppelt hierarchisches Modell, an dem sich die
Grundlagen der bedürfnisorientierten Motivationstheorien gut zeigen lassen (Abb. 6.2).
Die Maslow’sche Bedürfnispyramide ist doppelt hierarchisch aufgebaut:
• Von unten nach oben: Erst wenn die Bedürfnisse der aktuellen Ebene voll befriedigt
sind, werden die Bedürfnisse der darüber liegenden Ebene handlungsrelevant.
• Von oben nach unten: Wenn die Bedürfnisse einer Ebene handlungsrelevant sind, kön-
nen die Bedürfnisse der darunter liegenden Ebene nicht handlungsrelevant sein.
Die Hierarchie der Bedürfnisse von Maslow ist eines der verbreitetsten Modelle zur
Erklärung von Motivation. Dabei liegt die Stärke dieses Modells nicht in der wissen-
schaftlichen Absicherung, sondern in der Einfachheit und im heuristischen Nutzen des
Modells.
Potenzialentfaltung für das Unternehmen? Die zentralen Fragen, die sich
für Führungskräfte aus der Anwendung des Modells im betrieblichen Umfeld
ergeben, sind u. a.:
• Wie können die Menschen im Unternehmen ihre verschiedenen Bedürf-
nisse befriedigen?
• Welche Förderung und welche Blockaden gibt es auf dem Weg zur freien
Entfaltung der Persönlichkeit?
• Was muss geschehen, damit das Potenzial der Mitarbeiter auch dem Unter-
nehmen zugute kommt?
Selbstverwirklichung
Entwicklung der eigenen Potentiale und Fähigkeiten,
Erreichen von Lebenszielen
Wertschätzung
Selbstachtung, Respekt der Mitmenschen, Status, Prestige,
Soziale Bedürfnisse
Liebe, Akzeptanz, soziale Kontakte, Gruppenzugehörigkeit
Sicherheitsbedürfnisse
Schutz vor Gefahren, Sicherung des Erreichten
Physische Bedürfnisse
Luft, Nahrung, Kleidung, Sex usw.
Abb. 6.2 Maslow’sche Bedürfnispyramide
95
6.1.2.1 Die Bedürfnisebenen
Physische Bedürfnisse
Die physischen Bedürfnisse stellen die Basis unseres Wollens und Handelns dar. Erst
wenn diese Grundbedürfnisse befriedigt sind, können höhere Bedürfnisse handlungs-
relevant werden. Ein dauerhafter Mangel an Befriedigung dieser für das Überleben des
Menschen kritischen Bedürfnisse nach Sauerstoff, Nahrung, Ruhe, Aktivität usw. führt
zu einer Stresssituation, in der alle anderen Bedürfnisse so lange verdrängt werden, bis
sie durch ein entsprechendes mangelbehebendes Verhalten beseitigt sind. Weil sie immer
wieder von den Sinnesorganen hervorgerufen werden, müssen diese Bedürfnisse wieder-
holt befriedigt werden. Sie können jedoch aus der Sicht des Individuums auch als auf
Dauer quasi-befriedigt gelten, wenn ihre zukünftige Befriedigung durch entsprechende
Vorsorge außer Zweifel steht.
Die Meinung von Alfred A. Neumann zur physischen Bedürfnisebene
Alfred A. Neumann: „Ja, lieber Autor, das leuchtet ein! Wie heißt es doch in Brecht’s
Dreigroschenoper: ‚Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral‘. Wer Hunger hat
und in Not lebt, wird kaum Sinn dafür haben, sich auf höhere Werte einzulassen.“
Autor: „Aber es gibt auch genügend Gegenbeispiele für die Gültigkeit der Regel,
dass erst die physischen Bedürfnisse befriedigt sein müssen, damit die darüber liegen-
den Bedürfnisebenen verhaltensrelevant werden können: Denken Sie doch mal an den
‚mittellosen Künstler‘ aus der Oper ‚La Boheme‘, der nur seiner Kunst lebt, während
seine Liebste hungert und darbt und schließlich an ‚Schwindsucht‘ stirbt. Trotz dieses
Gegenbeispiels gilt aber: Wenn die physischen Bedürfnisse befriedigt sind, können sie
kaum für Motivationsstrategien genutzt werden.“
Sicherheitsbedürfnisse
Sind die physischen Bedürfnisse hinreichend befriedigt, so verlieren sie ihre motivie-
rende Kraft. Eine neue Bedürfnisklasse, die der Sicherheitsbedürfnisse, beginnt dann,
das menschliche Verhalten zu dominieren. Das was erreicht worden ist, gilt es nun zu
schützen. Da werden Zäune und Mauern gezogen und Versicherungen abgeschlossen.
Das Leben soll in geordneten Bahnen ohne Überraschungen verlaufen. Das Gewohnte
und Vertraute, die Sicherheit wird gesucht.
Sicherheitsbedürfnisse sind überall dort verhaltensrelevant, wo die Umwelt unsicher
erscheint und man sich selbst unsicher fühlt. Das kann man in unserer Zeit wieder sehr
anschaulich beobachten. Für viele Menschen geht es heute nicht um Selbstverwirkli-
chung sondern schlicht um die Sicherung der Existenz, um Besitzstandwahrung.
Auch hier gilt: Wenn die Sicherheitsbedürfnisse befriedigt sind, können sie nicht zur
Beeinflussung von Verhalten im Zuge von Motivationsstrategien genutzt werden.
6.1 Theorien zur Motivation
96
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
Die Meinung von Alfred A. Neumann zur politischen Nutzung von
Sicherheitsbedürfnissen
Alfred A. Neumann: „Das gilt ja dann wohl auch, wenn Politiker und Journalisten
Ängste schüren. In Deutschland ist die Anzahl der kriminellen Straftaten rückläu-
fig, aber die Bevölkerung wird durch Berichte über Straf- und Terrortaten, die durch
vernetzte Medien und „Fake News“ potenziert in die Wohnzimmer gelangen, immer
weiter verunsichert. Daraus entsteht meiner Meinung nach ein wachsendes Sicher-
heitsbedürfnis. Gerade in Bundesländern mit den geringsten Flüchtlingsanteilen ist
die Angst vor ‚Überfremdung‘ am größten. Diese Ängste werden dann z. B. in Wahl-
kämpfen aufgegriffen und es werden von den Politikern eine ‚harte Hand‘ und Geset-
zesverschärfungen versprochen. Ziel von Terroristen ist es ja auch, das Gefühl der
Unsicherheit in der Bevölkerung zu steigern, um unsere demokratische Ordnung ins
Wanken zu bringen.“
Autor: „Lieber Herr Neumann, das sehe ich genauso. Auch auf der Unternehmen-
sebene wird Unsicherheit manchmal bewusst geschürt. Wenn Umstrukturierungen
anstehen, fühlen Mitarbeiter sich durch die anstehenden Veränderungen in ihrem
Besitzstand bedroht. Um Zustimmung zu einem Veränderungsprojekt zu erhalten,
wird dann vom Management oft an dieselben Sicherheitsbedürfnisse appelliert, indem
die Unternehmensleitung oder andere einflussreiche Menschen den Untergang des
Unternehmens öffentlich befürchten, wenn ein bestimmtes Veränderungsprojekt nicht
durchgeführt wird –, also: ‚Increase Urgency…‘ (Kotter 2002).“
Soziale Bedürfnisse
Erscheint alles sicher genug, treten soziale Bedürfnisse als verhaltensbestimmende Kraft auf
(Willy Brandt 1969: „Wir wollen mehr Demokratie wagen…“, Angela Merkel 2005: „Lasst
uns mehr Freiheit wagen…“). Auf der Ebene der Sicherheitsbedürfnisse lebte man aus Angst
vor Veränderung isoliert. Durch den Kontakt mit anderen Menschen versucht das Individuum
nun seine Isolierung abzuwerfen und seinen sozialen Bedürfnissen gerecht zu werden. Diese
sozialen Bedürfnisse werden durch Gruppenzugehörigkeit und Geselligkeit, durch Freund-
schaften, Partnerschaft und Liebesbeziehungen ausgedrückt (vgl. Richter 1994).
Soziale Bedürfnisse haben im menschlichen Leben eine zentrale Bedeutung. Sie spie-
len in alle Bedürfnisebenen hinein.
Die Meinung von Alfred A. Neumann zu den sozialen Bedürfnissen
Alfred A. Neumann: „Lieber Herr Autor, genau! Nur wenn man sich auf der Straße
sicher fühlt, traut man sich aus dem Haus, um andere Menschen zu treffen. Aber sag-
ten Sie nicht vorhin mal, dass Menschen soziale Wesen seien und dass kollektives
Handeln ein gattungsspezifisches Merkmal ist?“
Autor: „Lieber Herr Neumann, richtig. Auch hier zeigt sich wieder, dass es Gegenbei-
spiele zur Hierarchie der Maslow’schen Bedürfnispyramide gibt, die in Bezug auf die
97
sozialen Bedürfnisse in der Tat besonders gravierend sind. Bei den kollektiven Treib-
jagden, die die Jäger und Sammler betrieben haben, wurde die Beschaffung von Nah-
rung – physische Bedürfnisse – von der ganzen Sippe auf der Basis einer regen sozialen
Interaktion geleistet. Die Befriedigung physischer Bedürfnisse wurde hier zu einem
sozialen Ereignis. Ähnliches empfinden wir, wenn wir uns ein schönes Essen zusam-
men mit Freunden leisten. Die Hierarchie der Bedürfnisse gilt hier also nur bedingt.
Die gesamte Menschwerdung beruht ja auf dem Bedürfnis und der Fähigkeit, in
Gemeinschaften zu leben und sich sozial zu verhalten. Auch die Sicherung der kollek-
tiven Errungenschaften wird seit jeher in sozialen Gemeinschaften betrieben. Ein Bei-
spiel ist die Polizei und das Verteidigungswesen. Man kann im Gegensatz zu Maslow
davon ausgehen, dass die sozialen Bedürfnisse immer, vielfach auch im Hintergrund,
verhaltensrelevant sind: Menschen sind soziale Wesen und werden immer Sehnsucht
nach anderen Menschen haben.“
Wertschätzungsbedürfnisse
Im Laufe seiner Weiterentwicklung reicht dem Individuum bald auch nicht mehr die Ein-
gebundenheit in eine Gemeinschaft. Es treten Wertschätzungsbedürfnisse auf den Plan.
Das Bedürfnis nach Wertschätzung zielt auf persönliche Reputation, Anerkennung und
Status. Achtung durch andere findet man aber nur, wenn man sich selbst achtet. In der
Selbstachtung hat das Streben nach Leistung, Wissen und Kompetenz seinen Ursprung.
Wird dieses Bedürfnis befriedigt, so entsteht ein Gefühl der Stärke, Fähigkeit, Nützlich-
keit und Notwendigkeit, welches wiederum das Selbstvertrauen entscheidend stärkt.
Die Meinung von Alfred A. Neumann zu den Wertschätzungsbedürfnissen
Alfred A. Neumann: „Da fällt mir einer unserer Chefs ein. Der arbeitet 70 Stunden
in der Woche und möchte andauernd dafür gelobt werden. Mir geht das ja im Prinzip
auch nicht anders: Wenn ich am Geburtstag meiner Frau mit einem Blumenstrauß auf-
kreuze, genieße ich es sehr, wenn meine Frau und meine Kinder mich dafür anlächeln.“
Autor: „Tja, Herr Neumann, Wertschätzung macht stark und man kann nicht genug
davon kriegen. Was würden wir nicht alles tun, damit uns andere Menschen achten
und etwas von uns halten. Wie wichtig uns unsere „weiße Weste“ ist, bemerken wir
u. a. daran, dass wir uns immerfort rechtfertigen müssen, wenn wir kritisiert werden.
Und warum muss sich jemand für die Firma oder für die Familie oder für die Mensch-
heit oder für Gott aufopfern? Weil er oder sie – natürlich unbewusst – das enorme
Ansehen ergattern möchte, welches ‚Helden‘ und ‚Märtyrern‘ zuteil wird.“
Auch Wertschätzungsbedürfnisse können kaum auf Dauer gestillt werden und sind fast
immer verhaltensrelevant. Sie äußern sich in vielen unterschiedlichen Verhaltensvarianten.
6.1 Theorien zur Motivation
98
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
Selbstverwirklichungsbedürfnisse
Selbstachtung bildet den Schlüssel zur Ebene der Selbstverwirklichung: Nur, wer sich
selbst achtet, ist in der Lage, Bedürfnisse nach Weiterentwicklung zu spüren. Selbstver-
wirklichungsmotive, die auf die Erfüllung und Weiterentwicklung des gegenwärtigen
Selbstkonzeptes drängen, sind nach Maslow auf der höchsten Bedürfnisebene angesie-
delt. Menschen, die von Selbstverwirklichungsbedürfnissen bewegt werden, verhalten
sich kreativ, probieren sich neu aus und versuchen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und
so weit wie möglich auch einzusetzen.
Wer sich aber selbst verwirklichen will, muss sein Selbst erst einmal erkennen. Mich
selbst zu verwirklichen heißt z. B., eine Ahnung davon zu haben, was mich eigentlich
ausmacht und mich unverwechselbar macht.
Authentisch sein, also nach außen keine Maskerade aufführen, ist ein wichtiger
Schritt zur Selbstverwirklichung.
Die Meinung von Alfred A. Neumann zu den Selbstverwirklichungsbedürfnissen
Alfred A. Neumann: „Das hört sich aber ziemlich abgehoben an. Sind das denn nur
Leute, die ein Bild malen oder hochvergeistigte Menschen, die sich selbst verwirkli-
chen wollen?“
Autor: „Sich selbst in die Wirklichkeit bringen, ist die Devise. Sich selbst zu ver-
wirklichen, muss nicht immer nur etwas mit Kunst oder Geistigkeit zu tun haben. Ein
Mensch, der sich zu dem, was er tut, berufen fühlt, hat seinen Beruf gefunden. Das
kann z. B. auch ein Gärtner, Tischler, Klempner oder Briefträger sein, der seine Arbeit
mit Liebe tut und ganz in ihr aufgeht. Letztlich heißt, sich selbst verwirklichen, sich
selbst in die Wirklichkeit bringen. Damit ist unser aller ureigenes Bedürfnis gemeint,
praktisch tätig, wirksam und produktiv zu sein und sich selbst in seinem Produkt ‚spie-
geln‘ zu können. Hinzu kommt, dass wir Menschen gemeinsam arbeiten wollen und
ein gemeinsames Produkt herstellen wollen. Da dies in einer höchst arbeitsteiligen
Welt immer schwieriger wird, nehmen die Anforderungen an Führungskräfte zu, den
Menschen in ihrer Führungsspanne das gemeinsame Ziel und das gemeinsame Produkt
zu verdeutlichen, damit diese das Gefühl von Selbstverwirklichung haben können.“
6.1.2.2 Relevanz der Bedürfnistheorie von Maslow für Führungskräfte
Trotz aller Zweifel und Gegenbeispiele kann die Maslow’sche Theorie der Bedürfnisse
nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Beschäftigung mit den Ebenen der Bedürf-
nispyramide bringt uns auf wichtige Ideen und lässt uns viele richtige Fragen stellen.
Für Führungskräfte ist es z. B. wichtig, überhaupt den Gedanken zu denken, dass
Menschen in ein und demselben Betrieb durchaus auf sehr unterschiedlichen Bedürf-
nisebenen anzutreffen sind. Nur wenn das verstanden worden ist, kann überhaupt ein
Bewusstsein darüber entstehen, dass Menschen nicht über einen Kamm geschoren wer-
den können, sondern in ihrer gesamten Vielfalt wahrgenommen werden müssen, wenn
man mit ihnen eine Beziehung der Art „Führen und Geführtwerden“ eingehen will.
99
6.1.3
Alderfer’s ERG-Theorie: Von der Frustrations-Regression zur
Befriedigungs-Progression
Auf der Basis der Maslows’schen Theorie formulierte C. P. Alderfer seine Inhaltstheo-
rie ERG (vgl. Alderfer 1972). Die ERG-Theorie stellt die subjektive Wahrnehmung von
Wünschen und Zufriedenheit in den Vordergrund.
In der ERG-Theorie werden nur drei Kategorien von Bedürfnissen thematisiert, die
nicht zwingend, wie bei Maslow, nacheinander „abgearbeitet“ werden müssen. Die drei
Kategorien von Bedürfnissen nach Alderfer sind
• Existance needs (existenzielle Bedürfnisse). Hierzu gehören z. B. Hunger, Durst, Ver-
fügbarkeit von Geld, grundlegende Arbeitsbedingungen usw.
• Relatedness needs (Beziehungs-/Kontaktbedürfnisse). Dies sind Bedürfnisse, die die
gegenseitigen Interaktionen mit Mitmenschen beschreiben, wie Verständnis, Bestäti-
gung, Akzeptanz und Einfluss.
• Growth needs (Entwicklungsbedürfnisse). Dies sind Bedürfnisse nach kreativer und
produktiver Entwicklung und Selbstverwirklichung.
Diese Bedürfniskategorien können nun je nach Situation des Individuums wirksam wer-
den. Der wichtigste Unterschied zur Maslow’schen Theorie ist, dass wir durchaus von
einer einmal erreichten Bedürfnisebene wieder auf die darunter liegende zurückfallen
können.
6.1.3.1 Die Thesen
Alderfer trifft sieben Aussagen über die Beziehungen seiner drei Kategorien zueinander:
1. Je weniger die Existenzbedürfnisse befriedigt sind, desto stärker werden sie.
Beispiel: das Verlangen nach Essen verstärkt sich, je länger man darauf verzichtet.
2. Je weniger die Beziehungsbedürfnisse befriedigt sind, desto stärker werden die Exis-
tenzbedürfnisse.
Beispiel: Essen aus Langeweile, Frustessen.
3. Je mehr die Existenzbedürfnisse befriedigt sind, desto stärker werden die Beziehungs-
bedürfnisse.
Beispiel: Sind z. B. finanzielle Bedürfnisse befriedigt, so möchte man seine Zufrie-
denheit mit jemandem teilen.
4. Je weniger Beziehungsbedürfnisse befriedigt sind, desto stärker werden sie.
Beispiel: Je länger man alleine ist, desto stärker sucht man die Nähe von Freunden
oder Partnern.
5. Je weniger die Entwicklungsbedürfnisse befriedigt sind, desto stärker werden die
Beziehungsbedürfnisse.
Beispiel: Wenn man wenig Anerkennung für die beruflichen Leistungen erhält, wird
der Wunsch nach sozialen Kontakten größer.
6.1 Theorien zur Motivation
100
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
6. Je mehr die Beziehungsbedürfnisse befriedigt sind, desto stärker werden die Entwick-
lungsbedürfnisse.
Beispiel: Private Zufriedenheit führt zum Streben nach höheren Zielen und Selbstver-
wirklichung.
7. Je mehr die Entwicklungsbedürfnisse befriedigt sind, desto stärker werden sie.
Beispiel: Eine Beförderung schafft neue Ziele und Streben nach weiterer beruflicher
Anerkennung.
Diese Aussagen werden in drei Hypothesen über menschliches Verhalten zusammenge-
fasst:
1. Frustrationshypothese: Dominanz eines Bedürfnisses, welches vernachlässigt wird
und sich somit verstärkt. Dazu gehören also hier die Aussagen 1 und 4.
2. Frustrations-Regressions-Hypothese: Ein unbefriedigtes Bedürfnis führt zu einer
Dominanz des Bedürfnisses auf der darunter liegenden Bedürfnisebene. Dazu gehö-
ren die Aussagen 2 und 5.
3. Befriedigungs-Progressions-Hypothese: Ein befriedigtes Bedürfnis wirkt als Motivator,
ein nächst höheres Bedürfnis zu befriedigen. Dazu gehören die Aussagen 3, 6 und 7.
Alderfer geht wie Maslow davon aus, dass die Entwicklungsbedürfnisse nie vollkommen
befriedigt werden können. Nach dieser Auffassung können wir also von Aktivitäten, die
unserer Selbstverwirklichung dienen, nie genug bekommen.
6.1.3.2 Relevanz der Theorie von Alderfer für Führungskräfte
Die Theorie von Alderfer kann uns dabei helfen, die Mechanismen von Frustrationen zu
erkennen, die Führungskräfte bei Mitarbeitern – oft ungewollt – auslösen (Frustrations-
Regression von der R-Ebene auf die E-Ebene).
Wenn wir von Maslow wissen, dass Anerkennung einer der wichtigsten Motivato-
ren ist, so können wir von Alderfer z. B. lernen, dass unbefriedigte Bedürfnisse nach
individueller Anerkennung unter Umständen zum Ausweichen auf die Befriedigung von
Existenzbedürfnissen führen können. Entlohnungsfragen rücken dann wieder in den
Fokus, Arbeitsbedingungen werden infrage gestellt und gesundheitliche Probleme können
zunehmen.
6.1.4
Bedürfnisse nach McClelland: Leistung, Beziehung, Macht
Menschen arbeiten, weil die zielgerichtete, planvolle Gestaltung der „äußeren Natur“
ein Lebensbedürfnis des Menschen ist. Dies kann man schon bei alten Klassikern nach-
lesen (vgl. MEW 23, S. 192), und auch im Menschenbild von McGregor, Theorie Y
(vgl. McGregor 1986) und im Menschenbild der Humanistischen Psychologie ist diese
Annahme enthalten (Abschn. 1.3.4). Das nach einer derartigen Leistung strebende Indi-
viduum sucht nach Erfolg im Wettbewerb.
101
6.1.4.1 Das Modell
Anhand von Studien über Manager entwickelte McClelland seine Theorie und kam so zu
einer sich von Maslow und Alderfer unterscheidenden Einteilung von Bedürfnissen (vgl.
McClelland 1987).
• Bedürfnis nach Leistung: Dieses Bedürfnis richtet sich auf Erfolge, die sich an den
eigenen Leistungen messen lassen.
• Bedürfnis nach Verbundenheit: Das Bedürfnis nach Verbundenheit richtet sich auf
eine freundliche und einfühlsame Beziehung zu Mitmenschen.
• Bedürfnis nach Macht: Dies ist das Bedürfnis nach Kontrolle. Es schließt Bedürfnisse
nach Überwachung und nach Verhaltenssteuerung von Menschen ein.
6.1.4.2 Relevanz der Theorie von McClelland für Führungskräfte
McClelland zeigte u. a., dass es erfolgsorientierte Menschen und mäßig auf Leistung ori-
entierte Menschen gibt. Persönlichkeiten mit mäßig entwickelter Leistungsmotivation
versuchen eher, Misserfolge zu vermeiden. Von ihrer Furcht vor Misserfolgen geht ein
stärkerer Verhaltensantrieb aus, als von ihrer Hoffnung auf Erfolg. Sie messen ihrem Ver-
halten tendenziell nur geringe Erfolgswahrscheinlichkeit zu und beurteilen die Erreich-
barkeit von Zielen pessimistisch. Als Führungskraft könnte man hier dafür sorgen, dass
gute Erfahrungen gemacht werden können und Erfolge gefeiert werden. Man könnte
weiterhin die Misserfolgswahrscheinlichkeit von Projekten z. B. dadurch senken, dass
man alle für einen Erfolg benötigten äußeren Voraussetzungen schafft – Arbeitsmittel,
Information, Arbeitsbedingungen –, die Mitarbeiter stärkt, indem man ihnen das Ver-
trauen ausspricht und bei einem Misserfolg auf Strafen und Disziplinierungen verzichtet.
6.1.5
Herzberg’s Zwei-Faktoren-Theorie: Motivatoren und
Hygienefaktoren
Bei der Theorie, die der amerikanische Psychologe F. Herzberg 1959 aufstellte, unter-
schied er Faktoren, die Zufriedenheit und Unzufriedenheit auslösen (vgl. Herzberg
1959). Er befragte Mitarbeiter nach den Umständen und der Dauer von Ereignissen in
ihrer Arbeitswelt, welche sie zufrieden und unzufrieden gemacht hatten.
Herzberg gelangte zu der Auffassung, dass bestimmte Faktoren häufiger zur Zufrie-
denheit als zur Unzufriedenheit beitragen. Dazu zählen Erfolgserlebnisse, Anerkennung,
die Arbeit selbst, Verantwortungsgefühl, Beförderung und Entfaltung. Dementsprechend
gibt es natürlich auch Faktoren, die häufiger zur Unzufriedenheit als zur Zufriedenheit
führten, wie Firmenpolitik und Verwaltung, Kompetenz der Vorgesetzten, persönliche
Beziehungen zum Vorgesetzten, Arbeitsbedingungen, Einkommen, Beziehungen zu Kol-
legen, persönliches Leben, Beziehungen zu Untergebenen, Status und Sicherheit.
6.1 Theorien zur Motivation
102
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
6.1.5.1 Das Modell
Die Auswertung der Studien ergab, dass nach zwei Faktoren unterschieden werden kann
(Abb. 6.3):
1. Motivatoren: Das sind Faktoren, die Bedürfnisbefriedigung in Aussicht stellen und
das Individuum zu einem bestimmten Verhalten motivieren. Zumeist sind es Fakto-
ren, die im Zusammenhang mit erfolgreicher persönlicher Entwicklung, wie Anerken-
nung, Erfolg, Verantwortung und Arbeitsinhalt, stehen.
2. Hygienefaktoren: Ebenso, wie Hygiene im Krankenhaus niemanden gesund macht,
aber Krankheit verhindert, schaffen Hygienefaktoren keine Zufriedenheit. Wenn sie
jedoch vernachlässigt werden, so lösen sie Unzufriedenheit aus. Hygienefaktoren
sind in der Regel Faktoren, die im Zusammenhang mit der direkten Arbeitsgestaltung
stehen, wie Arbeitsmittel, Entlohnung, Überwachung und Kontrolle und der Verwal-
tungsprozess.
Herzberg beobachtete weiter, dass die Hygienefaktoren nach kurzer Zeit als selbstver-
ständlich angesehen werden, wenn sie befriedigt sind. Sie bewirken daher keine Motiva-
tion, sondern lediglich eine „Nicht-Unzufriedenheit“. Wenn „Motivatoren-Bedürfnisse“,
wie Erfolg, Anerkennung, persönliches Wachstum usw. nicht befriedigt sind, führt dies
nicht zu Unzufriedenheit, sondern zu einer „Nicht-Zufriedenheit“.
6.1.5.2 Relevanz der Zwei-Faktoren-Theorie von Herzberg für
Führungskräfte
Herzberg lehrt uns, dass wir als Führungskräfte zwischen Motivatoren und Hygienefak-
toren zu unterscheiden haben. Ein Bonus oder eine bessere Büroausstattung bringt nicht
unbedingt einen Schub an Leistungsmotivation, weil es sich dabei um Hygienefaktoren
handelt. Ein Feedback, mit dem Interesse, Wertschätzung und Anregungen zur persönli-
chen Weiterentwicklung verbunden sind, kann demgegenüber als starker Motivator wir-
ken, der die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter steigert.
Benefits nicht wieder wegnehmen! Besonders wichtig: Einmal zuge-
standene Vergünstigungen (Hygienefaktoren) wieder wegzunehmen, ist
gefährlich, denn das kann zu Unzufriedenheit mit der Folge von Leistungs-
zurückhaltung führen. So können sich z. B. Verschlechterungen von Arbeits-
zeitregelungen oder das Kappen von „freiwilligen sozialen Leistungen“
kontraproduktiv auf die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter auswirken.
Hygienefaktoren
Nicht-
Zufriedenheit
Zufriedenheit
Nicht-
Unzufriedenheit
Unzufriedenheit
Motivatoren
Abb. 6.3 Motivatoren und Hygienefaktoren
103
Auch die motivatorische Wirkung von Geld kann mit der Zwei-Faktoren-
Theorie beschrieben werden: Geld gilt in dieser Theorie einerseits als Hygie-
nefaktor, also als nicht motivierend. Andererseits sind Gehalt und Boni immer
auch mit dem Empfinden von Wertschätzung verbunden. Damit werden
materielle Anreize mittelbar zu Motivatoren.
Faktoren, die heute oft noch als „bloße Hygienefaktoren“ gelten, können in ein paar Jah-
ren zu starken Motivatoren werden. So wurden vor ein paar Jahren betriebliche Rege-
lungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie von Personalverantwortlichen noch
als Hygienefaktoren bezeichnet, die als nicht weiter wichtig für die betriebliche Leist
ungserbringung angesehen wurden. Heute erkennen Unternehmen unter dem Eindruck
des demografischen Wandels vermehrt, dass ohne diesen wichtigen Faktor weder qua-
lifizierte Männer noch Frauen als Arbeitnehmer zu gewinnen sind. Heute suchen sich
immer mehr junge, qualifizierte Menschen solche Unternehmen aus, die flexible Arbeits-
zeitregelungen anbieten und die Karriere auch für Frauen und Männer mit Kindern mög-
lich machen.
6.1.6
Prozesstheorien: Erwartungen, Ziele, Reaktanz und
Gerechtigkeit
Prozesstheorien gehören zu den kognitiven Motivationstheorien. Sie befassen sich mit
der Frage, wie Menschen ihre Arbeitsumgebung wahrnehmen, verstehen und interpre-
tieren. Der Grundgedanke ist, dass Menschen höher motiviert sind, wenn sie die Mittel
und Wege zur Erreichung ihrer Ziele kontrollieren können. Zu den Grundlagen der kog-
nitiven Motivationstheorien zählt die Auffassung, dass das Verhalten von Menschen von
vorweggenommenen Zielzuständen geleitet wird („goodlike metapher“).
Folgende Prozesstheorien spielen in der modernen Führungslehre eine Rolle:
• Erwartungstheorien (vgl. z. B. Vroom 1964)
• Zieltheorien (vgl. z. B. Locke und Latham 2002)
• Reaktanztheorie (vgl. Fischer und Wiswede 1997, S. 314)
• Gleichheitstheorie (vgl. Adams 1963)
6.1.6.1 Erwartungstheorien
Erwartungstheorien führen das Handeln der Menschen auf die Erwartung zurück, dass
bestimmte Handlungen und Aktivitäten zu bestimmten Ergebnissen führen. Die Stärke
dieser Erwartungen wird meist durch frühere Erfahrungen bestimmt. Demnach kann
Motivation nur erreicht werden, wenn zwischen einer bestimmten Leistung und einem
Ergebnis, das zur Befriedigung von Bedürfnissen als relevant angesehen wird, eine klare
Beziehung besteht.
6.1 Theorien zur Motivation
104
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
Damit lassen sich u. a. auch Motivationsverluste in Change-Prozessen besser erklä-
ren: In der neuen, veränderten Situation kann kaum noch auf frühere Erfahrungen
zurückgegriffen werden, sodass Mitarbeiter nicht mehr sicher abschätzen können, ob und
welche Aktivitäten für sie zu einem gewünschten Ergebnis führen.
Erwartungstheorien begründen auch – ähnlich wie die zwei-Faktoren-Theorie – die ein-
geschränkte Motivationswirkung von Geld: Höhere Bezahlung wird nur dann zu höherer
Motivation führen, wenn eine eindeutige Beziehung zwischen Leistung und Entgelt besteht
(z. B. Leistungszuschläge für das Erreichen konkreter Ziele) und wenn die zusätzliche
Bezahlung den Mehraufwand an Leistung aus der Sicht des Beschäftigten rechtfertigt.
Das Engagement von Mitarbeitern in ihrem Job wird in den Erwartungstheorien durch
zwei Faktoren bestimmt:
• Nutzen der Gesamtergebnisse für den Einzelnen in Bezug auf die Erfüllung seiner
eigenen Bedürfnisse,
• Erwartungen des Einzelnen an eine konkrete Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen
seinem Engagement und den Gesamtergebnissen.
6.1.6.2 Zieltheorien
Zieltheorien gehen davon aus, dass Motivation und Leistung höher sind, wenn den Mit-
arbeitern spezifische Ziele gesetzt werden. Diese Ziele müssen zwar ehrgeizig sein,
aber von dem jeweiligen Mitarbeiter auch akzeptiert werden. Daher ist die Teilnahme
des Mitarbeiters an der Zielsetzung ebenso von Bedeutung wie ein regelmäßiges Feed-
back. Zieltheorien fanden in den 1950er Jahren ihren Eingang in das „Management by
Objectives“ und in die in vielen Unternehmen auch heute noch praktizierten Zielverein-
barungen. Solche Maßnahmen können jedoch nur dann zu den gewünschten Ergebnis-
sen führen, wenn sie entsprechend qualifiziert ausgeführt werden und nicht zu einer rein
bürokratischen Übung verkommen.
In vielen Unternehmen geht man heute von den vier Postulaten der Zielsetzungstheo-
rie aus:
• Schwierige und spezifisch vereinbarte Ziele, führen zu höherer Leistung als leichte,
keine oder unklar formulierte Ziele.
• Je höher das Ziel, desto höher die Leistung, vorausgesetzt, dass die Fähigkeiten angepasst
werden können und das Commitment des Mitarbeiters für diese Ziele vorhanden ist.
Die Anpassung der Fähigkeiten wird in der Regel im Rahmen von Weiterbildung ver-
sucht. Das Commitment soll durch Mitarbeitergespräche und Zielvereinbarungssysteme
hergestellt werden. Solche instrumentellen Einzelmaßnahmen reichen aber erfahrungsge-
mäß nicht aus. Um eine positive Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter zu unterstützen,
müssen Unternehmenskultur und personale Führung gut aufeinander abgestimmt sein.
• Die in anderen Motivationstheorien vorhandenen Faktoren wie Lob, Feedback, Beteili-
gung an Entscheidungen usw. beeinflussen das Verhalten nur insoweit, als sie zur Ver-
einbarung eines schwierigen Ziels betragen und letztlich das Commitment erhöhen.
105
• Durch das Vereinbaren von Zielen und ein damit verbundenes Commitment mit dem
Ziel können neue Motive aktiviert und neue Wege zur Zielerreichung entdeckt werden.
Klassische Zieltheorien gehen davon aus, dass Menschen vorwiegend zweckhaft han-
deln. Um dennoch die individuellen, bedürfnisorientierten Faktoren wirken zu lassen,
werden in modernen Ansätzen folgende Voraussetzungen für erfolgreiche Zielvereinba-
rungsprozesse geschaffen:
• Die Ziele müssen herausfordernd und spezifisch sein.
• Es muss ein Feedback über die erzielten Fortschritte mit Bezug auf das Ziel gegeben
werden.
• Das Commitment gegenüber dem Ziel muss im Zielerreichungsprozess erhalten werden.
• Zum Erreichen des Ziels müssen Ressourcen bereitgestellt und Hindernisse beseitigt
werden.
6.1.6.3 Reaktanztheorie
Menschen benötigen eine Reihe von Freiheiten, um ihre Bedürfnisbefriedigung zu maxi-
mieren. Wenn diese Freiheiten eingeschränkt werden, reagieren die Menschen in einer
Weise, die eine weitere Einschränkung ihrer Freiheiten verhindert. Das bedeutet, dass
die Mitarbeiter bestrebt sind, ihr Umfeld so zu beeinflussen, dass sie eine größtmögliche
Freiheit und Bedürfnisbefriedigung erreichen.
Gegen Kontroll- und Überwachungsaktivitäten des Unternehmens oder des unmittel-
baren Vorgesetzten werden etliche Mitarbeiter sehr viel Energie dafür aufwenden, diese
Maßnahmen außer Kraft zu setzen oder zu umgehen. So laden z. B. Zeiterfassungssys-
teme geradezu dazu ein, sie zu manipulieren oder mit der Hilfe von Kollegen zu umgehen.
Mit der Reaktanztheorie lassen sich auch die Mühen erklären, die Hacker auf sich
nehmen, um Sicherheitssysteme zu manipulieren. Es gilt, „dem System“ zu beweisen,
dass man selbst und nicht das System die Kontrolle hat.
Ein schlagendes Symbol für Reaktanz aus der Geschichte der Industrialisierung ist
der Holzschuh. Arbeiter warfen während der industriellen Revolution ihre Holzschuhe
(Sabot) in die Maschinen, um diese zu blockieren und damit gegen die fortschreitende
Mechanisierung der Arbeit zu protestieren (vgl. Gurley 1917).
What’s in for me? Alle noch so ausgefeilten Motivierungs- und Kontrollkon-
zepte des Vorgesetzten und des Personalmanagements sind zum Scheitern
verurteilt, sofern sie für die Mitarbeiter keinen Sinn in Bezug auf deren eigene
Werte und Ziele ergeben. Führungskräfte sollten sich darüber im Klaren sein,
dass ihre Mitarbeiter ihre Arbeitsaufgaben – ob bewusst oder unbewusst –
immer auch unter dem Gesichtspunkt „What’s in for me?“ beurteilen. Sie
wenden viel Energie zur Umgehung von Beschränkungen ihrer Freiheitsgrade
auf, die in die Erledigung der Arbeitsaufgaben gesteckt werden könnte.
6.1 Theorien zur Motivation
106
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
6.1.6.4 Gleichheitstheorie
Menschen nehmen den Umgang, der mit ihnen gepflegt wird, immer auch im Vergleich
zur Behandlung anderer Menschen wahr. Dabei beinhaltet das Verständnis von Gleich-
heit subjektive Wahrnehmung, Gefühle, Beurteilungen und Vergleiche. Nach der Gleich-
heitstheorie sind Mitarbeiter dann höher motiviert, wenn sie sich im Verhältnis zu (selbst
gewählten) Vergleichspersonen fair behandelt fühlen (vgl. Adams 1963).
Obwohl der Faktor Gleichbehandlung nur ein Aspekt von Motivation und Arbeits-
zufriedenheit ist, kann er einen erheblichen Einfluss auf die Arbeitsmoral haben. Der
Aspekt der Gleichheit wird weiter unten unter der Überschrift „Gerechtigkeit“ noch ein-
mal aufgegriffen (Abschn. 9.5.1).
6.2
Anreizsysteme
Viele Vorgesetzte sehen ihre Mitarbeiter tendenziell als Leistungsverweigerer, die aus
eigenem Antrieb nicht das von ihnen Verlangte tun würden. Also muss man sie dazu
motivieren (in Bewegung setzen). Mitarbeiter „richtig“ zu motivieren, wird oft noch
immer als wichtige Führungsqualifikation angesehen. Wenn die erbrachte Leistung ein-
mal nicht den Erwartungen des Vorgesetzten entspricht, wird gemutmaßt, dass „zu wenig
motiviert“ wurde. Als Anreizsystem wird die Summe aller auf die Leistungsbereitschaft
der Mitarbeiter einwirkenden Maßnahmen bezeichnet (vgl. Gabler Wirtschaftslexikon).
Dazu gehören z. B. Lohngestaltung, Boni für besondere Leistungen, Karrieremöglichkei-
ten, Mitarbeiterbeteiligung und Weiterbildungsmöglichkeiten.
Aus der unüberschaubaren Menge von Motivierungsstrategien sollen hier grundsätzli-
che Verfahrensweisen der extrinsischen Motivierung beleuchtet werden:
• Belohnung und Bedrohung,
• Anreizsysteme und
• Lob.
6.2.1
Belohnung und Bedrohung
6.2.1.1 Belohnung
Die Selbstbestimmungstheorie (vgl. Deci und Ryan 1993) geht davon aus, dass Men-
schen dreierlei angeborene Bedürfnisse haben:
nach Kompetenz und Wirksamkeit,
nach Autonomie
und nach sozialer Zugehörigkeit.
107
Wer sich frei fühlt in der Auswahl und Durchführung seines Tuns, handelt intrinsisch
motiviert. Die Gestaltung der äußeren Natur in gemeinschaftlichen Arbeitsprozessen ist
ein Lebensbedürfnis, das keine Anleitung oder Anreize benötigt.
In vielen empirischen Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass extrinsische
Anreize negative Effekte auf die zuvor vorhandene intrinsische Motivation haben. Dieser
„Korrumpierungseffekt“ wird darauf zurückgeführt, dass durch extrinsische Anreize die
Autonomie, die die Grundlage der intrinsischen Motivation bildet, vermindert wird. Dies
wurde auch in einer aktuellen Studie zu Managergehältern festgestellt (vgl. Osterloh
et al. 2008). Weitere empirische Studien bestätigen den Verdrängungseffekt von intrin-
sischer Motivation durch extrinsische Anreizsysteme (vgl. Krapp und Ryan 2002, S. 60;
Ariely et al. 2009, oder auch Pink 2010).
Sprenger (2002) weist darauf hin, dass Belohnung „verfällt“. Durch Incentives wer-
den Mitarbeiter zu neuer und zusätzlicher Leistung „verführt“. Dadurch arbeiten sie aber
meist nicht besser, und spätestens nach einigen Tagen ist die Belohnung auch schon wie-
der vergessen. Wehe, die Belohnung fällt beim nächsten Mal geringer oder sogar ganz
aus. Nach jeder Belohnung sinkt die Motivation auf null, da das Bedürfnis nach der
Belohnung befriedigt ist. Die Motivation steigt dann wieder an, wenn eine neue Beloh-
nung winkt. Wird immer die gleiche Belohnung in Aussicht gestellt, so sinkt die Motiva-
tion des Mitarbeiters im Laufe der Zeit. Will man zumindest gleichbleibende Motivation
erzeugen, muss der Wert der Belohnung jedes Mal erhöht werden. Bleibt die Belohnung
aus oder fällt sie hinter die Erwartungen zurück, droht Demotivation.
Ein Beispiel von Alfred A. Neumann zu Belohnungssystemen
Alfred A. Neumann: „Unsere Vertriebler treffen sich einmal im Jahr zu einem Event.
Ziel ist es, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und die Wertschätzung des Unterneh-
mens gegenüber den Vertriebsleuten zu dokumentieren. Dabei werden dann auch die
besten Verkaufsgebiete prämiert und ansonsten lässt man es krachen. Dabei steigen
die Ansprüche von Jahr zu Jahr. Im vorletzten Jahr waren es zwei Tage in Hannover,
im letzten Jahr dann zwei Tage in Berlin und in diesem Jahr werden es drei Tage auf
Mallorca.“
6.2.1.2 Bedrohung
Neurobiologische Erkenntnisse belegen, dass Druck, Kontrolle oder Angst kontrapro-
duktiv auf die Potenzialentfaltung von Menschen wirken (Abschn. 13.1.2.2). Die Ver-
haltensreaktionen werden im Falle einer Bedrohung auf „archaische Notfallprogramme“
heruntergefahren (vgl. Hüther 2013). Wenn also ein Vorgesetzter einem Mitarbeiter mit
Sanktionen droht, wenn die Leistung nicht stimmt oder auch in allgemein bedrohlichen
Situationen – absehbarer Arbeitsplatzverlust, Kurzarbeit etc. – sind logische und kreative
Problemlösungen unwahrscheinlich.
6.2 Anreizsysteme
108
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
6.2.2
Leistungsabhängige Vergütung
In vielen Unternehmen und in etlichen Bereichen der deutschen Öffentlichen Verwaltung
hat das Gehalt leistungsabhängige Anteile, die nach unterschiedlichsten Kriterien ver-
teilt werden. Dem liegt die (tayloristische) Auffassung zugrunde, dass Menschen gene-
rell Leistungsverweigerer sind und nur durch extrinsische Anreize dazu gebracht werden
können, eine „ehrliche Tagesleistung“ zu liefern (siehe zu Taylorismus Abschn. 1.1.6).
In Abbildung Abb. 6.4 ist die typische Struktur eines Anreizsystems für Führungs-
kräfte dargestellt.
Zum Grundgehalt können drei ergebnisabhängige Anteile dazuverdient werden:
• eine Leistungsprämie aufgrund individueller Zielerreichung,
• ein Ergebnisbonus aufgrund der Ergebnisse der eigenen Einheit (z. B. Abteilung,
Bereich) und
• ein Strategiebonus aufgrund der Unternehmensergebnisse.
Je nach Führungsebene fallen die Anteile unterschiedlich aus:
• Angehörige des Lower Management werden hauptsächlich an der Erreichung ihrer
individuell vereinbarten Ziele gemessen werden.
Leistungsprämie
• Basis: Individuelle Zielvereinbarungen =
Vereinbarung und Gewichtung messbarer Ziele
zu Beginn des Geschäftsjahres,
• Bemessungsgrundlage: Zielerreichung,
festgestellt zum Jahresende
Strategiebonus
Ergebnisbonus
Leistungsprämie
Grundgehalt
Ergebnisbonus
• Basis: Erreichung des jährlichen Ergebnisziels für
die organisatorische Einheit (z.B. Abteilung /
Bereich)
• Bemessungsgrundlage: z.B. Spartenergebnis,
Gewinn vor Steuern
Strategiebonus
Basis: Verwirklichung strategischer Ziele
•
• Bemessungsgrundlage: Wertzuwachs des
Unternehmens (EVA = economic value added)
• weitere Faktoren: Marktanteile, Innovationen,
Personalentwicklung etc.
Abb. 6.4 Leistungsabhängige Vergütung für Führungskräfte
109
• Das Middle Management hat typischerweise seinen Schwerpunkt beim Ergebnisbo-
nus für den eigenen Bereich.
• Top-Manager erhalten nach diesem Modell noch zusätzlich einen Strategiebonus, der,
meist gemessen am „economic value added“, die Steigerung des Unternehmenswerts
widerspiegelt.
6.2.2.1 Steigerung des Unternehmenserfolgs durch
leistungsabhängige Vergütung?
Im Folgenden soll nun betrachtet werden, ob und wie der Unternehmenserfolg durch eine
leistungsabhängige Vergütung für Führungskräfte gesteigert werden kann (Abb. 6.5).
Ein Anreizsystem hat immer drei Ziele:
• Attraktion,
• Leistungsmotivation,
• Retention.
Es geht somit darum, gute Führungskräfte für das Unternehmen zu gewinnen, diese zu
einer zielgerichteten Erbringung von Leistung zu bewegen und sie an das Unternehmen
zu binden.
Leistungs-
motivation
Attraktion
Retention
• …zieht Menschen an, die auf kurzfristige
persönliche Vorteile bedacht sind.
• keine langfristige Erhöhung des
Unternehmenswerts durch Führungskräfte, für
die andere Faktoren wichtig sind.
• …zielt nur auf die Leistungsbereitschaft.
• Finanzielle Anreize nutzen sich ab.
• Führungskräfte sind intrinsisch motiviert!
• Intrinsische Motivationsfaktoren werden durch
extrinsische Faktoren verdrängt.
• …erhöht die Verbundenheit mit dem
Unternehmen nicht.
• …spricht das Misstrauen gegenüber den
Beschäftigten aus.
• …fördert Manipulationen
Anreizsystem mit
dem Ziel der...
Abb. 6.5 Unternehmenserfolg durch leistungsabhängige Managementvergütung?
6.2 Anreizsysteme
110
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
Attraktion
Durch leistungsabhängige Gehaltsanteile werden Menschen angezogen, denen ein hohes
Einkommen am wichtigsten ist. Dieser Typus von Führungskräften hat eher wenig Inter-
esse am Unternehmen selbst und an langfristigem Unternehmenserfolg.
Leistungsmotivation
Leistungsbereitschaft ist neben Leistungsbedingungen und Leistungsvermögen eine
von drei Voraussetzungen, unter denen Menschen im Unternehmen Leistung erbringen
(Abschn. 6.3.1). Heute wissen wir, dass vor allem intrinsische Faktoren wie Freude an
der Arbeit, Verbundenheit mit dem Unternehmen und die Beziehung zu Kollegen direk-
ten Vorgesetzten maßgebend für Leistungsbereitschaft sind. Leistungsorientierte Ver-
gütung wirkt als extrinsischer Anreiz. Viele Führungskräfte sind bereits intrinsisch
motiviert. Sie wollen ihre Arbeit als sinnvoll erleben, selbstständig entscheiden, Heraus-
forderungen meistern und Arbeit und Leben miteinander vereinbaren.
Die Motivationstheorien lehren uns, dass extrinsische Motivierungsversuche bei
intrinsisch motivierten Menschen einen Verdrängungswettbewerb zustande bringen
können: Intrinsische Motive können durch extrinsische Anreize verdrängt werden. Dies
haben viele Studien der letzten 50 Jahre nachgewiesen. Im Jahr 2008 haben Weibel, Rost
und Osterloh in ihrer Untersuchung zum „Crowding out of Intrinsic Motivation“ (vgl.
Osterloh et al. 2008) entsprechende Ergebnisse vorgelegt. Finanzielle Anreize können
dazu führen, dass sich Menschen nur auf diejenigen Aufgaben konzentrieren, für die es
finanzielle Belohnungen gibt.
Retention
Wenden wir uns nun der dritten Zielgröße von Anreizsystemen zu, der erhofften Bindung
der Mitarbeiter an das Unternehmen.
Vertrauen und Commitment sind die wichtigsten Faktoren, die Mitarbeiter an ihr
Unternehmen binden. Dies können wir auf der Ebene von Kooperation auch aus der
Spieltheorie lernen: Langfristige Kooperation zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer
lohnt sich. Die goldene Regel hierzu heißt „tit for tat“ (Wie Du mir, so ich Dir) und kann
in vier Einzelregeln zusammengefasst werden (vgl. Axelrod 2005).
Der Aufbau einer Vertrauenskultur (Abschn. 12.1.5) ist also das Beste, was man tun
kann, um gute Mitarbeiter im Unternehmen zu halten. Das kann auch ökonomisch erklärt
werden: Aus der Transaktionskostenanalyse wissen wir, dass sich entscheidende Bin-
dungswirkungen aus dem gegenseitigen Engagement von Arbeitgeber und Arbeitnehmer
für das betreffende Beschäftigungsverhältnis ergeben (vgl. z. B. Baron und Kreps 1999).
Diese „Investitionen“ verfallen für beide Seiten mit Beendigung des Arbeitsvertrages.
Mit wachsender Dauer lohnt es sich für beide Seiten also immer weniger, sich zu tren-
nen, vorausgesetzt, die Transaktionspartner ziehen Nutzen aus dem Vertrag (Return on
Investment) und verhalten sich rational.
111
Ein weiterer Bindungsfaktor ist natürlich gerade in Krisenzeiten die Sicherheit des
Arbeitsplatzes und persönliche Bindungen zu Personen im Unternehmen. Ein sehr wichtiger
Bindungsfaktor ist weiterhin eine als sinnvoll empfundene Arbeitsaufgabe. Menschen brau-
chen das Gefühl, etwas zum Gelingen der Gesamtaufgabe beizutragen.
Fazit
Leistungsorientierte Managementvergütung ist nicht dazu geeignet, den Unternehmens-
erfolg langfristig zu steigern. Ihre Attraktionswirkungen sind eher kontraproduktiv, da sie
Menschen anzieht, die Eigennutz und nicht Unternehmenswertsteigerung in den Mittel-
punkt stellen. Ihre Motivationswirkungen sind marginal und können ebenfalls zu nega-
tiven Auswirkungen führen, etwa durch die Verdrängung intrinsischer Leistungsmotive.
Ihre Retentionswirkungen können kontraproduktiv sein, da sie eine Misstrauenskultur
sowie Manipulationsneigungen fördert.
Wie sollte dann ein Vergütungssystem für Führungskräfte aussehen?
Führungskräfte sollten entsprechend ihrer Führungsspanne und der damit einherge-
henden Verantwortung für das Unternehmen mit einem marktfähigen Festgehalt vergütet
werden. Langfristiger Unternehmenserfolg muss honoriert werden. Wenn variable Anteile
vorhanden sein sollen, sollten sie an der langfristigen Steigerung des Unternehmenswerts
gemessen werden. Manager sollten dann auch an den Risiken beteiligt werden.
6.2.3
Lob vs. Anerkennung – Das Prinzip Augenhöhe
6.2.3.1 Wer lobt, schwingt sich auf
Wer lobt, beansprucht das Interpretationsmonopol. Es liegt im Wesen des Lobens, dass
dem Lob eine Bewertung des gelobten Verhaltens vorausgeht. Wer lobt, sagt, was gut
und richtig ist. Damit setzt Lob Hierarchie voraus: Der, der lobt, steht oben und lobt
nach unten. Umgekehrt beobachten wir ständig, dass Lob ein oft genutztes Mittel zur
Selbsterhöhung ist: Weil ich lobe, stehe ich oben. Dies funktioniert aber nur, wenn das
Gegenüber mitspielt.
Das Herr-Knecht-Verhältnis
Wir haben es beim Loben mit einer dialektischen Beziehung zu tun, dem „Herr-Knecht-Verhält-
nis“. Lob und auch Anerkennung begründen und festigen ein Herrschaftsverhältnis. Es gilt:
Erst der Knecht macht den Herren! Dieser jeden Tag im Betrieb zu beobachtende Vorgang der
Entstehung von Herrschaft hat schon Hegel zu Beginn des 19. Jahrhunderts in seiner Reflexion
über das Herr-Knecht-Verhältnis beschäftigt (vgl. Hegel 1986) Oswald Neuberger hat 1995 in sei-
nen Beiträgen zur Mikropolitik einen Fundus von Klassikern zusammengetragen, die sich mit der
Herr-Knecht-Problematik auseinandersetzen (vgl. Neuberger 1995b). Eine einprägsame Interpreta-
tion der Gedanken Hegels bietet Jessica Benjamin:
Vor allem das Bedürfnis nach Anerkennung lässt ein Paradoxon entstehen (…). Solche
Anerkennung kann uns nur von einer oder einem Anderen zu Teil werden, die oder den wir
wiederum als eine eigenständige Person anerkennen. Dieser Kampf, von anderen anerkannt
6.2 Anreizsysteme
112
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
zu werden und damit uns selbst zu bestätigen, bildet, wie Hegel zeigte, den Kern von Herr-
schaftsbeziehungen … So führt das Bedürfnis nach Anerkennung zu einem elementaren
Paradoxon: In dem Augenblick, da wir unsere Unabhängigkeit erreichen, sind wir davon
abhängig, sie uns gegenseitig zu bestätigen … Die ideale Lösung des Anerkennungsparado-
xons wäre, wenn es als konstante Spannung erhalten bliebe … Wenn der Konflikt zwischen
Abhängigkeit und Unabhängigkeit allzu intensiv erlebt wird, flüchtet sich das Individuum
aus dem Paradoxon der Gegenseitigkeit in eine einfache Entgegensetzung der beiden Seiten.
Damit tritt Polarisierung an die Stelle von Balance … Der Zusammenbruch der notwendi-
gen Spannung zwischen Selbstbehauptung und Anerkennung der anderen ist ein entschei-
dender Ausgangspunkt zum Verständnis von Herrschaft (Benjamin 1990, S. 16 ff.).
Das Anerkennungsparadoxon und das Prinzip Augenhöhe Wer sich
gegenseitig anerkennt, hält die Spannung des Anerkennungsparadoxons aus:
Beide wollen unabhängig vom Anderen sein, brauchen aber gegenseitig die
Anerkennung dieser Unabhängigkeit durch den Anderen. Damit wäre das
Prinzip Augenhöhe brilliant beschrieben. Augenhöhe lässt sich nur dann ver-
wirklichen, wenn wir die Spannung des Anerkennungsparadoxons aushalten.
Angewendet auf Loben ergibt sich folgendes: Wer jemanden lobt, lässt die
Spannung des Anerkennungsparadoxons zusammenbrechen und bildet Pole.
Er schwingt sich auf und übt Herrschaft aus: „Ich bin hier oben, weil ich weiß,
was gut und richtig ist.“ Wer sich loben lässt und mit konformem Verhalten
reagiert, der unterwirft sich und erkennt damit die Herrschaft des Anderen an:
„Ich bin hier unten, weil ich von deinem Lob abhängig bin.“ Doch nun tritt ein
neues Paradoxon auf: Der, der oben ist, hat nun nichts mehr von der Anerken-
nung desjenigen, der unten ist. Denn uns ist Anerkennung um so mehr wert,
je mehr wir den „Anerkenner“ selbst anerkennen. Je mehr wir uns aber über
ihn erhoben haben, desto weniger ist für uns seine Anerkennung wert. (siehe
z. B. das Theaterstück „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ von Berthold Brecht
aus dem Jahr 1948).
Wir alle kennen Lob von unseren Eltern, die uns gütig gesagt haben, was wir wieder gut
gemacht haben. Im Schulterklopfen drückte sich auch körperlich dieses von-oben-nach-
unten des Lobens aus.
Bei Kindern mag das in Ordnung sein. Aber ein Vorgesetzter, der lobt, setzt dieses
Eltern-Kind-Verhältnis für uns als erwachsene Menschen wieder in Szene. Reinhard
Sprenger argwöhnt, dass auf diese Weise ganze Legionen unselbstständiger, „lobsüch-
tiger Kinder“ (Sprenger 1995, S. 89) in den Unternehmen herangezüchtet werden. Von
solchen Menschen ist dann aber auch kaum Selbstvertrauen, Verantwortung, Elan und
Risikobereitschaft zu erwarten. Genau dies sind jedoch die Eigenschaften, die Mitar-
beiter haben müssen, wenn sie für ihr Unternehmen Innovationen schaffen und Wettbe-
werbsfähigkeit sichern wollen.
113
6.2.3.2 Loben ist kontraproduktiv
Lob wird meist instrumentell genutzt, d. h. mit Lob wollen wir Menschen dazu bringen,
ein bestimmtes Verhalten zu wiederholen. Mit Lob manipulieren wir also unsere Mit-
menschen. Lob fordert konforme Reaktionen: Wer seine Mitarbeiter lobt, erhält in den
meisten Fällen Reaktionen wie „…war doch selbstverständlich“ oder „…war doch meine
Aufgabe“. Das sind aber genau die Reaktionen, mit denen sich das Gegenüber für das
nächste Mal zu ähnlicher Leistung verpflichtet.
In manchen Unternehmen und Behörden fordern Mitarbeiter und ihre Interessenver-
tretungen tatsächlich heute noch die Einführung einer „Lob-Kultur“. Wenn es stimmt,
dass wir alle ganz wild auf Lob sind, dann tun wir wahrscheinlich auch viel, um welches
zu bekommen. Ähnlich wie bei Belohnungen steht dabei nicht mehr unsere Tätigkeit im
Mittelpunkt, sondern der schnelle, leichte Erfolg. Wir werden dann Wege einschlagen,
die schon immer erfolgreich waren und Erfolgsmeldungen am laufenden Band produzie-
ren. Ausprobieren, aus Fehlern lernen, werden dabei auf der Strecke bleiben.
6.2.3.3 Anerkennung ist ein Grundbedürfnis
Das Bedürfnis nach Anerkennung ist wohl eine der mächtigsten Triebfedern menschli-
chen Handelns. Anerkennung äußert sich z. B. durch „bestätigen“, „akzeptieren“, „ver-
stehen“, „mitfühlen“, „wertschätzen“. In philosophischen und psychologischen Theorien
spielt „Anerkennung“ eine herausragende Rolle bei der Entstehung von Selbstbewusst-
sein (vgl. z. B. Hegel 1986, S. 146 ff.; Adorno 1988; Benjamin 1990).
Erst dadurch, dass andere Menschen uns anerkennen, können wir uns selbst erkennen
und unsere Fähigkeiten entfalten. Kein Mensch kann auf Anerkennung und Zuwendung
verzichten. Deshalb holen wir uns Anerkennung, wo wir können, z. B. auch durch Sym-
bole. Solche Symbole können z. B. auch die Gehaltserhöhung oder der größere Dienst-
wagen sein.
Materielle Anreize haben immer eine Komponente, die Anerkennung heißt! Wenn wir
das höhere Gehalt eines Kollegen als ungerecht empfinden, so liegt das auch daran, dass
wir meinen, dieser Kollege erhielte mehr Anerkennung durch den Boss als wir selbst.
An dieses Grundbedürfnis nach Anerkennung knüpfen subtile Motivierungsstrate-
gien an. Reinhard Sprenger spricht hier von einer „Anerkennungs-Ökonomie“ und einer
„Streichel-Bewirtschaftung“: Obwohl Anerkennung uns nichts kostet, gehen wir sehr
sparsam damit um. Wir vergeben „Streichel-Einheiten“ und „spenden“ Lob, so als ob es
sich dabei um knappe Güter handeln würde (vgl. Sprenger 1995).
6.2.3.4 Anerkennung statt Lob
Jemanden anzuerkennen beinhaltet auch, den anderen wahrzunehmen, sich ihm zuzuwen-
den, aufmerksam zu sein und ihm Feedback zu geben.
Wahrnehmen
Das Gegenüber wahrzunehmen, es überhaupt zu bemerken, fällt uns nicht immer leicht.
Wir sollten uns fragen, was denn so viel unserer Energie verbraucht, dass wir so wenig
6.2 Anreizsysteme
114
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
„für-den-anderen-übrig“ haben. Jemanden wahrnehmen, heißt, ihn als wahres Gegen-
über zu begreifen. Das heißt auch, ihn so zu lassen wie er ist. Das ist schwer, weil wir
ständig mit unseren Bildern vom Menschen, wie er unserer Meinung nach sein sollte,
umherlaufen und kaum neue Eindrücke zulassen, die unseren Vorurteilen widersprechen.
Zuwendung und Aufmerksamkeit
Wenn wir jemanden als eigenständige Person wahrgenommen haben, dann sollten wir
uns dieser Person zuwenden, d. h. wir sollten uns für sie interessieren und Eindrücke
aufnehmen. Wer nicht zugewandt ist, kann nichts vom anderen erkennen. Hier gilt es
besonders, unsere Zuwendung nicht zu instrumentalisieren. Wenn wir uns jemandem
zuwenden, sollten wir nicht versuchen, etwas damit zu erreichen – auch nicht, dass es
mit unserer Zuwendung dem Anderen besser geht.
Feedback geben
Erst wenn wir jemanden aufmerksam betrachten, können wir herausfinden, was wir an ihm
gut oder nicht so gut finden. Diesen Eindruck sollten wir dem Gegenüber spiegeln, wenn er
dies wünscht. Dieses Verfahren wird Feedback genannt. Ein Feedback besteht immer aus Ich-
Botschaften. Wir sagen und zeigen dem Anderen dabei, wie er und sein/ihr Verhalten auf uns
wirken und welche Konsequenzen wir daraus ziehen wollen. Ob dieses Feedback nun eher aus
positiven oder negativen Botschaften besteht, sollte uns nicht davon abbringen, unser Gegen-
über als Menschen voll anzuerkennen. Dazu gehört z. B. auch, dass wir ihm zutrauen, mit ggf.
unangenehmem Feedback umgehen zu können. Wichtig ist, dass Feedback „in Augenhöhe“
gegeben wird, also ohne den Anderen auf irgendeine Weise auf- oder abzuwerten.
6.3
Was können Führungskräfte tun?
Die vielen verschiedenen Motivationstheorien, die an Bedürfnissen und kognitiven
Faktoren ansetzen, werden in der betrieblichen Praxis sehr unterschiedlich verstan-
den, interpretiert und gewichtet. Zeitweise sind die Bedürfnistheorien gegenüber den
Prozesstheorien etwas in den Hintergrund getreten. Insbesondere Zieltheorien haben zu
ausgefeilten Instrumenten der Gestaltung von Zielvereinbarungsprozessen geführt.
In komplexen, mehrdeutigen Arbeitssituationen ist vor allem der innere Antrieb des
Individuums entscheidend. Menschen handeln eben nicht nur zweckrational, sondern
sind vorwiegend von unbewussten Faktoren wie Streben nach Anerkennung, Zuneigung,
Macht und dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung (auch in der Arbeit) bestimmt.
Sehr wichtig für die Motivation eines Menschen ist darüber hinaus, in welchem Maße
er über „Selbstwirksamkeit“ (vgl. Bandura 1997) verfügt. Damit ist gemeint, dass Men-
schen davon überzeugt sind, Fähigkeiten zu besitzen, mit denen sie eine bestimmte Auf-
gabe bewältigen können. Menschen mit einem hohen Grad an Selbstwirksamkeit wählen
sich schwierigere Ziele als andere und haben für diese Ziele ein stärkeres Commitment.
115
6.3.1
Leistungsverhalten verbessern
Entscheidend für den praktischen Umgang mit Motivation und Motivierung ist ein
Bewusstsein über die tatsächlich wirksamen Bestimmungsgrößen von Leistungsverhal-
ten (vgl. Abb. 6.6), nämlich
• Leistungsbedingungen,
• Leistungsfähigkeit und
• Leistungsbereitschaft.
6.3.2
Leistungsbedingungen verbessern
Hier geht es um die Bedingungen, die ein Unternehmen bereitstellt, um die volle Leis-
tung der Mitarbeiter zu erhalten. Dazu haben Volpert et al. (1993) umfangreiche
empirische Grundlagenarbeit geleistet, der auch heute noch große Relevanz für die
Arbeitsgestaltung zukommt.
Es liegt im wohlverstandenen Interesse eines Unternehmens, die Leistungsbedingun-
gen so zu gestalten, dass die Arbeitnehmer ihre Arbeit möglichst reibungsarm erledi-
gen können und sich dabei wohlfühlen. Die Charakteristika einer Arbeitswelt, die gute
Bedingungen für hohe Leistungen der Mitarbeiter bereitstellt, sind z. B.
Arbeitsmittel /
Informationen
Arbeitsorganisation,
Arbeitszeiten
angemessenes Entgelt
Mitentscheiden können
Leisten dürfen
Unternehmenskultur
Führungsstruktur
Recruitment
Personalentwicklung
Qualifizierung
Beratung / Coaching
Gesundheitsmanagement
Age Management
Freude an Arbeit und
Leistung
Führung / Verhältnis zum
direkten Vorgesetzten
Verbundenheit mit dem
Unternehmen
Berufliche und
persönliche Perspektiven
Vereinbarkeit von
Leben und Arbeit
Leistungs-
bedingungen
Leistungs-
fähigkeit
Leistungs-
bereitschaft
Leistungsverhalten
Abb. 6.6 Leistungsverhalten
6.3 Was können Führungskräfte tun?
116
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
• angemessene und faire Bezahlung,
• sichere und gesunde Arbeitsumwelt,
• garantierte Grundrechte,
• Möglichkeiten des Vorankommens und Beförderung,
• soziale Integration,
• Vereinbarkeit der Arbeit mit den Aktivitäten außerhalb des Arbeitstages (z. B. Verein-
barkeit von Arbeits- und Familienleben),
• betriebliche Umwelt, die menschliche Beziehungen fördert,
• Sinn in der Arbeit, (z. B. Unternehmen mit sozialer Relevanz) und
• Mitspracherecht an Entscheidungen.
Von Führungskräften können insbesondere die im Folgenden näher betrachteten Fakto-
ren (mit)gestaltet werden:
• Arbeitsmittel und Informationen,
• Arbeitsorganisation und
• Innovative Unternehmenskultur.
Arbeitsmittel und Informationen
Teams benötigen je nach Arbeitsaufgabe unterschiedlichste Arbeitsmittel. Das sind
Werkzeuge und Maschinen, Materialien, Räume, Telekommunikationseinrichtungen,
Energie, Rohstoffe etc. Wichtig ist, dass diese Arbeitsmittel aufgabenangemessen sind.
Das Gleiche gilt für die erforderlichen Informationen, die das Team braucht, um die
Arbeitsaufgabe optimal erledigen zu können:
• Woher kommt das Vorprodukt der zu erledigenden Arbeit? Der Informationsfluss und
die Kooperationen mit den „Lieferanten“ des Vorprodukts muss arbeitsorganisatorisch
bewältigt werden.
• Wohin gehen die Arbeitsresultate? Informationen über und Kooperationen mit den
„Kunden“ der Arbeitsergebnisse des Teams müssen gewährleistet werden.
• Welche Anforderungen an die Arbeitsresultate werden in qualitativer, quantitativer
und zeitlicher Hinsicht gestellt? Mengen und Qualität müssen mit internen und exter-
nen Kunden und Lieferanten verbindlich vereinbart werden, damit die Teamleistung
messbar wird.
Der Informationsfluss sollte zielgruppengerecht funktionieren. Es sollten zielgruppenrele-
vante Informationskanäle und Kommunikationstechniken verwendet werden. Mitarbeiter
sollten Zugriff zu funktionsübergreifende Nachrichten haben und sich aufgrund der ver-
fügbaren Informationen ein Bild von der Bedeutung ihrer Arbeit im Gesamtkontext des
Unternehmens machen können.
117
Arbeitsorganisation
Für die Organisation der Arbeit gibt es keine Patentrezepte. Je nach Produktspektrum
und Unternehmensstrategie können sehr unterschiedliche Formen der Arbeitsorganisa-
tion erfolgreich sein.
Teamarbeit – die zurzeit vorherrschende Art der Zusammenarbeit – ist durch folgende
arbeitsorganisatorischen Merkmale gekennzeichnet (vgl. Hill et al. 1994, S. 389 ff.)
(Abschn. 1.5):
• Niedriges Rationalisierungspotenzial: Die Arbeitsaufgabe ist in der Regel komplex –
es müssen viele Faktoren miteinander verknüpft werden, die nicht konstant sind, son-
dern sich ständig verändern.
• Hohes Problemlösungspotenzial: Die Teammitglieder müssen angesichts der sich
ständig verändernden Aufgaben und Rahmenbedingungen vielfältige Kenntnisse und
Fähigkeiten besitzen und sich neuen Gegebenheiten anpassen können.
• Selbstständigkeit: Die Mitarbeiter erwarten, dass sie ihr hohes Problemlösungspo-
tenzial im Unternehmen nutzen können und dass sie ihr Arbeitsverhalten weitgehend
selbst bestimmen dürfen (leisten dürfen).
Damit Teamarbeit ihre leistungssteigernde Wirkung voll entfalten kann, sollten folgende
arbeitsorganisatorischen Instrumente – an die konkreten Erfordernisse des Unternehmens
angepasst – eingesetzt werden:
• Hoher Dezentralisierungsgrad: Entscheidungen und Steuerungsaktivitäten sollten so
weit wie möglich dezentral angesiedelt sein.
• Hoher Funktionalisierungsgrad: Mit einer Matrix-Organisation können Mehrfach-
unterstellungen der Mitarbeiter realisiert werden, mit denen die Mitarbeiter mehr
Möglichkeiten haben, selbst über ihre Arbeit zu bestimmen.
• Hoher Delegationsgrad: Bei Teamarbeit müssen die Mitarbeiter in der Regel rela-
tiv unabhängig – weil zeitnah – nach eigenem Ermessen über die Art der Erledigung
ihrer Aufgaben entscheiden. Nur so kann das hohe Problemlösungspotenzial der Mit-
arbeiter voll genutzt werden.
• Hoher Partizipationsgrad: Teammitglieder mit hohem Problemlösungspotenzial
arbeiten mit ihrer Teamleitung meist in Augenhöhe zusammen. Sie identifizieren sich
stark mit den Teamzielen und mischen sich in die Willensbildung auf den überge-
ordneten Hierarchieebenen ein. Diese Freiheitsgrade sollten Teams gewährt werden.
Einschränkungsversuche führen in der Regel zu Widerstand (Reaktanz) und zu einem
Absinken der Produktivität.
• Niedriger Standardisierungsgrad: Es sollten keine Versuche unternommen wer-
den, die vielfältigen Arbeitsabläufe von Teams von außen zu standardisieren. Die
Teammitglieder organisieren sich ihre Arbeit in der Regel selbstständig und können
damit optimal auf kurzfristige Veränderungen reagieren. Wenn unternehmensweite
6.3 Was können Führungskräfte tun?
118
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
Standardisierungs- oder Automatisierungsvorhaben (z. B. SAP, Big Data) geplant
sind, die auch Teamarbeit betreffen, sollten diese sorgfältig und unter Einbeziehung
der Teammitglieder geplant und projektiert werden.
• Niedriger Grad der Arbeitszerlegung: Aus denselben Gründen sollten auch die
Arbeitsabläufe nicht ohne Beteiligung der Teammitglieder zerlegt werden. Die hohe
Identifikation mit den Team- und Unternehmenszielen resultiert nicht zuletzt aus der
Befriedigung, sich im eigenen Arbeitsprodukt bestätigt zu sehen. Deshalb sollten die
Möglichkeiten vielfältig sein, ein „ganzes Produkt“ herzustellen.
Unternehmenskultur
Unternehmenskultur bezieht sich auf Werte, Normen, Beziehungen sowie auf mikropoli-
tische Allianzen und Konkurrenzen. Sie ist abhängig von den gesellschaftlichen Normen,
die an dem betreffenden Unternehmensstandort herrschen. Auch innerhalb eines Unter-
nehmens können verschiedene „Subkulturen“ vorhanden sein, die nicht unbedingt ver-
einheitlicht sondern integriert und miteinander verträglich gemacht werden müssen.
Entscheidend ist, in welchem Maß egalitäre oder hierarchische Werte und Normen
gelten. Wird Arbeit als Freude und Lebensbedürfnis oder als Last und notwendiges Übel
empfunden? Ist im Unternehmen Konformität oder Eigeninitiative gefragt? Herrscht im
Unternehmen eine lange Tradition, der sich die Mitarbeiter verpflichtet fühlen?
Durch die konkrete Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen kann ebenfalls Einfluss auf
die Kulturbildung im Unternehmen genommen werden. Ist z. B. das kooperative Arbei-
ten in Teams ein erklärtes Ziel, so harmoniert dies kaum mit einer strikten individuel-
len Leistungskontrolle. Ein stark differenzierendes Lohnsystem lässt sich nicht mit einer
egalitären Unternehmenskultur vereinbaren, und in einer auf Konformität ausgelegten
Arbeitsorganisation wird individuelle Kreativität der Mitarbeiter eher als Störfaktor emp-
funden.
6.3.3
Leistungsfähigkeit entwickeln
Im Folgenden werden die Möglichkeiten einer Führungskraft beschrieben, die Leis-
tungsfähigkeit, welche die Mitarbeiter ins Team mitbringen, weiterzuentwickeln. Die
Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen der Mitarbeiter sowie ihre körperliche und
psychische Leistungsfähigkeit können durch Entwicklungsmaßnahmen gefördert, unter-
nehmensspezifisch angepasst und verbessert werden. Dazu kann das Unternehmen sei-
nen Anteil beitragen, jedoch müssen auch die Mitarbeiter die Bereitschaft mitbringen, an
Weiterbildungsmaßnahmen teilzunehmen und sich gesund zu halten.
Um die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu entwickeln, sind Maßnahmen im
gesamten Unternehmen erforderlich, die zum Strategischen Human Resource Manage-
ment gehören:
119
• Resourcing: Qualifizierte Mitarbeiter erhält ein Unternehmen durch den geziel-
ten Aufbau der Belegschaft. Dafür sind Personalplanung und Personalbeschaffung
zuständig (Abb. 6.7).
• Personalentwicklung und Qualifizierung: Um vorhandene Beschäftigte – orientiert an
den Unternehmenszielen – weiterzubilden und zielorientiert einzusetzen, benötigt ein
Unternehmen eine ausgereifte Personalentwicklung, in die vielfach das Aus- und Wei-
terbildungswesen des Unternehmens integriert ist (Abb. 6.8).
• Gesundheitsmanagement und Age Management: Die Basis für eine gute Performance
der Mitarbeiter ist ihre körperliche und psychische Gesundheit. Hierfür gibt es in gut
geführten Unternehmen vielfältige Aktivitäten, die in einem konsistenten Gesund-
heitsmanagement zusammenlaufen (Kap. 13).
Resourcing
Personalbeschaffung ist aus unternehmensstrategischer Sicht dafür da, einen Personal-
stamm zu schaffen, der mit der Unternehmensstrategie im Einklang steht. Personalpla-
nung, Personalbeschaffung und Personaleinsatz fügen sich in die übrigen strategischen und
Policies
Resourcing
Development
Rewarding
Administration
Strategie
Andere
strategische
Faktoren des
Unternehmens
Andere
strategische
Faktoren des
Unternehmens
Planung
Maßnahmen
Strategisches Human Resource Management
Personalplanung
Andere
Bereiche der
Unternehmens-
planung
Andere
Bereiche der
Unternehmens-
planung
Personalbeschaffung
Personaleinsatz
Personal
anfordern
Beschaffungs-
wege
auswählen
Bewerber
auswählen
Mitarbeiter
einstellen
Bewerbungen
bearbeiten
Personal-
beschaffung
Abb. 6.7 Personalbeschaffung im Strategischen Human Resource Management
6.3 Was können Führungskräfte tun?
120
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
operativen Aktivitäten des Unternehmens ein und sind horizontal und vertikal mit ihnen
verbunden (Abb. 6.7).
Personalentwicklung
Personalentwicklung hat im Strategischen Human Resource Management die Aufgabe,
den „Humankapitalstock“ für das Unternehmen zu sichern und zu steigern. Dabei ist sie
in einen Zyklus eingebunden, an dessen Anfang Investitionen in das Humankapital zu
leisten sind und an dessen Ende ein Return on Investment steht (Abb. 6.8).
Die kontinuierliche Anpassung von Kenntnissen und Fähigkeiten der Teammitglieder
im Rahmen der Personalentwicklung ist aufgrund des ständigen Wandels der Arbeitsauf-
gaben notwendig. Der Teamleitung obliegt die manchmal schwierige Aufgabe, hierfür
Ressourcen einzuwerben, bzw. das eigene Budget hierfür zu öffnen.
Um die erforderlichen Kompetenzen zur qualitätsorientierten und qualitätsfördernden
Mitarbeiterführung zu erwerben, sollten sich auch die Führungskräfte selbst einem Qua-
lifizierungsprozess unterziehen. Hierfür müssen eigene Schulungskonzepte und Lernstra-
tegien im Rahmen der Führungskräfteentwicklung zur Verfügung stehen.
Transfer
Development
Zyklus der
Personal-
entwicklung
Policies
Resourcing
Administration
Individuelle
Bedarfsanalyse
Anforderungen
Qualifikation
Motivation
Potenziale
Strategische
Bedarfsanalyse
künftige
kritische
Tätigkeits-
felder ???
Lern- und
Entwicklungsziele
Lerninhalte
Ressourcen
Instrumente
Techniken Methoden
Rewarding
Strategisches Human Resource Management
Quali-
fizierung
PE-
Konzep-
tion
Bedarfs-
analyse
Eva-
luation
Praxisorientierung
des Lernfeldes
Gestaltung des
Transferklimas
Anwendung des
Gelernten
im Arbeitsalltag
Ziel-und Leistungs-
erreichung
Vermehrung des
Humankapitals
Verbesserung der
Beschäftigungs-
fähigkeit
Konzeptanalyse
Ziel- und
Umfeldanalyse
Lernprozessanalyse
Wirksamkeitsanalyse
Effizienzanalyse
Investitionen in das
Humankapital
E v a l u a t i o n
Abb. 6.8 Personalentwicklung im Strategischen Human Resource Management
121
Gesundheitsförderung und Gesundheitsmanagement
Das Ziel betrieblichen Gesundheitsmanagements ist es, über den Erhalt und die Förde-
rung der Gesundheit der Mitarbeiter hinaus, eine integrative Gesundheitsförderung zu
entwickeln und nachhaltig zu organisieren (ausführlich Kap. 13). Dies schließt auch die
Betreuung und Beratung zu Fragen außerbetrieblicher Probleme und Beschwerden ein.
Gesundheitsorientierte Führung hat Aufgaben, die über die Reduzierung von Fehl-
zeiten weit hinausgehen. Sie beinhaltet z. B. die Aufgabe, die Beschäftigten in gesund-
heitsorientierte Handlungsabläufe einzubeziehen und deren Handlungsspielräume zu
erweitern. Dazu wäre es notwendig, entsprechende Leitbilder und Führungsgrundsätze
in der betrieblichen Routine des Unternehmens zu verankern. Dies ist eine originäre Auf-
gabe des HR-Managements.
Age Management
Infolge des demografischen Wandels wird es in den kommenden Jahrzehnten in
Deutschland für die Unternehmens- und Personalpolitik zu bedeutenden Umbrüchen
kommen. Belegschaften werden zukünftig in der Mehrheit aus Mitarbeitern bestehen, die
45 Jahre alt und älter sind. Auch höhere Altersgruppen werden stärker als heute vertre-
ten sein. Insofern werden Unternehmen vor neuen Herausforderungen in der Personal-
entwicklung, Weiterbildung und in der betrieblichen Gesundheitsförderung stehen. Im
EU-Vergleich werden die Belegschaften in Deutschland zu den ältesten gehören. Leis-
tungsfähigkeit, Lernchancen und Gesundheit älterer Beschäftigter werden einen zuneh-
mend wichtigen Produktivitätsfaktor im Unternehmen darstellen. Betriebe müssen, um
unter diesen Bedingungen zukunftsfähig zu bleiben, entsprechende Personal- und Orga-
nisationsentwicklungskonzepte implementieren, die die Fähigkeiten älterer Mitarbeiter
mit denen anderer Beschäftigtengruppen in einer neuen diversitätsorientierten Arbeits-
kultur verbinden.
Für die Personalrekrutierung bedeutet dies, dass in zunehmendem Maße der interne
Arbeitsmarkt genutzt werden muss und dass es die Personalverantwortlichen mit älter
werdenden Bewerbern zu tun haben werden, nachdem der „Jugend-Hype“ zwangsläufig
abgeklungen sein wird. Es ist zu erwarten, dass die Kriterien und Methoden der Perso-
nalrekrutierung sich radikal verändern werden, wenn das Ausmaß der arbeitspolitischen
Folgen des demografischen Wandels in den Unternehmen in seiner Tragweite voll erfasst
worden ist. Rekrutierungsaktivitäten von Unternehmen werden sich in Zeiten des demo-
grafischen Wandels noch viel stärker auf das Werben um Fach- und Führungskräfte kon-
zentrieren müssen (siehe auch Ilmarinen 1999).
6.3 Was können Führungskräfte tun?
122
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
6.3.4
Leistungsbereitschaft fördern
Neben den vom Unternehmen zu gewährleistenden Leistungsbedingungen und der
gemeinsam zu entwickelnden Leistungsfähigkeit ist die Leistungsbereitschaft der Mitar-
beiter der dritte Bestimmungsfaktor für die Leistungserbringung im Unternehmen.
Nur hier setzen die herkömmlichen Motivierungsstrategien an. Wenn der Arbeitsplatz
allerdings keine optimalen Voraussetzungen bietet, wenn die Arbeit schlecht organisiert
ist, wenn Arbeitsmittel fehlen oder defekt sind, wenn der Vorgesetzte seine Rolle als
Führungskraft schlecht wahrnimmt, wenn Mitarbeiter für ihren Job schlecht ausgebildet
sind, wenn sie krank sind oder die Arbeit zu hohe oder zu niedrige Anforderungen an
sie stellt, in all diesen Fällen werden auch die modernsten und ausgeklügeltsten Moti-
vierungsstrategien nichts nützen und wohl eher zu Demotivation und innerer Kündigung
führen.
Jede Führungskraft sollte sich überlegen, ob sie ihre Energie in die Motivierung ihrer
Mitarbeiter stecken oder ob sie für optimale Arbeitsbedingungen sorgen will.
Hier werden drei Erfolg versprechende Motivationsfaktoren näher betrachtet:
• Motivationsfaktor 1: Sinnhafte Arbeit
• Motivationsfaktor 2: Bedürfnisse der Mitarbeiter richtig einschätzen
• Motivationsfaktor 3: Vertrauenskultur
Motivationsfaktor 1: Sinnhafte Arbeit
Sinn in der Arbeit finden wir, wenn wir unsere persönlichen Bedürfnisse und Werte in
der Arbeit verwirklichen können und Sinn entsteht, wenn wir uns gebraucht fühlen.
Wenn wir keinen Sinn in unserer Arbeit erkennen können, dann empfinden wir sie als
notwendiges Übel für den Broterwerb und wollen sie mit möglichst wenig Anstrengung
hinter uns bringen. Nicht Müßiggang ist also das „Reich der Freiheit“, sondern eine
Arbeitswelt, in der Menschen ihre angeborenen Bedürfnisse nach Anerkennung, Wirk-
samkeit, Produktivität, Leistung, Innovation und Lernen voll ausleben können. Nur
dadurch, dass sinnentleerte Arbeit für die Masse der Menschen an der Tagesordnung ist,
konnte die Auffassung von einer „Motivationslücke“ entstehen (Sprenger 1995), die der
Arbeitgeber mit Leistungsanreizen schließen muss.
Führungskräfte sollten wissen, dass die Bereitschaft von Mitarbeitern, ihre Kraft
und ihre Fähigkeiten im Unternehmen zu verausgaben, sehr viel mit den Bedingungen
und Möglichkeiten zu tun hat, die das Unternehmen bereitstellt (vgl. z. B. Griffin und
McMahan 1994; Hackmann und Oldham 1976; Hogan et al. 1996). Die Art und Weise,
wie Aufgaben in einer Stelle oder Arbeitsrolle zusammengefasst sind, der Grad an
Flexibilität und das Vorhandensein oder Fehlen von unterstützenden Systemen im
Unternehmen beeinflussen in direkter Weise die Leistungsmotivation der Beschäftigten.
In komplexen, mehrdeutigen Arbeitssituationen ist vor allem der innere Antrieb des
Individuums maßgebend. Menschen handeln nicht nur zweckrational, sondern sind
123
vorwiegend von unbewussten Faktoren wie Streben nach Anerkennung, Zuneigung,
Macht und dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung (auch in der Arbeit) geleitet.
Sinn empfinden Menschen in ihrer Arbeit, wenn sie das Gefühl haben, mit ihrer Tätig-
keit einen gesellschaftlich sinnvollen Beitrag zu leisten und wenn sie davon überzeugt
sind, Fähigkeiten zu besitzen und einer bestimmten Aufgabe gewachsen zu sein („Selbst-
wirksamkeit“, vgl. Bandura 1997).
Motivationsfaktor 2: Bedürfnisse der Mitarbeiter richtig einschätzen
Eine Führungskraft sollte versuchen, systematisch einzuschätzen, auf welcher Bedürf-
nisebene sich die Menschen im Unternehmen befinden. Es empfiehlt sich für eine Füh-
rungskraft, im täglichen Umgang und in Mitarbeitergesprächen genau hinzuschauen
und zuzuhören, was die Mitarbeiter zu sagen haben. Die Q 12 des Gallup-Instituts (vgl.
Buckingham 2005) können Führungskräften als Anhaltspunkte dazu dienen, ihre eigene
Motivation und die ihrer Mitarbeiter für die Arbeit im Unternehmen auf den Prüfstand zu
stellen:
Die Q 12 des Gallup-Instituts
1. Ich weiß, was bei der Arbeit von mir erwartet wird.
2. Ich habe die Materialien und die Arbeitsmittel, um meine Arbeit richtig
zu machen.
3. Ich habe bei der Arbeit jeden Tag die Gelegenheit, das zu tun, was ich
am besten kann.
4. Ich habe in den letzten sieben Tagen für gute Arbeit Anerkennung
bekommen.
5. Mein Vorgesetzter oder eine andere Person bei der Arbeit interessiert
sich für mich als Mensch.
6. Bei der Arbeit gibt es jemanden, der mich in meiner Entwicklung för-
dert.
7. Bei der Arbeit scheinen meine Meinungen zu zählen.
8. Die Ziele und die Unternehmensphilosophie meiner Firma geben mir
das Gefühl, dass meine Arbeit wichtig ist.
9. Meine Kollegen haben einen inneren Antrieb, Arbeit von hoher Quali-
tät zu leisten.
10. Ich habe einen sehr guten Freund innerhalb der Firma.
11. In den letzten sechs Monaten hat jemand in der Firma mit mir über
meine Fortschritte gesprochen.
12. Während des letzten Jahres hatte ich bei der Arbeit die Gelegenheit,
Neues zu lernen und mich weiter zu entwickeln.
Motivationsfaktor 3: Vertrauenskultur, Kooperation und „Tit for Tat“
Wie entsteht Vertrauen? Über den Erfolg einer Vertrauenskultur (Abschn. 12.1.5) sind
viele Bücher geschrieben worden. Auch in diesem Buch wird davon ausgegangen, dass
6.3 Was können Führungskräfte tun?
124
6 Wie funktionieren Motivation und Motivierung?
„Vertrauen führt“. Ein wesentlicher, in der Literatur bisher nicht so intensiv thematisier-
ter Faktor, der zu Vertrauen führt, ist das Bewusstsein der gegenseitigen Abhängigkeit.
Die diesbezüglichen Überlegungen stammen aus der Spieltheorie. „Vertrauensspiele“
haben u. a. Buskens und Raub (2004) und Wiens (2013) beschrieben.
Guter Wille, Ethik und kulturelle Normen sowie gesetzliche Regelungen und betrieb-
liche Vereinbarungen liefern den äußeren Rahmen für die Beziehungen von Arbeit-
geber und Arbeitnehmer und zwischen Führungskraft und Geführten. Innerhalb dieses
Rahmens haben beide Parteien bestimmte formale Rechte und Garantien. Diese sind hilf-
reich, reichen aber nicht aus, um das Vertrauen in eine beiderseitig nützliche Kooperation
entstehen zu lassen. Dazu gehören lange gute Erfahrungen miteinander und ein Gefühl
der Sicherheit, vom Gegenüber nicht „über den Tisch gezogen“ zu werden. Dies wiede-
rum kann man nur dann haben, wenn man sicher ist, dass sich das Gegenüber rational
verhält.
Diese Sicherheit, die ganz wesentlich für das Entstehen von Vertrauen ist, erwächst
oft durch die Erkenntnis, voneinander abhängig zu sein. Welche Faktoren hierbei eine
Rolle spielen, darüber kann uns die Spieltheorie Hinweise geben (vgl. hierzu Rieck
2008; Axelrod 2005; Baron und Krebs 1999):
Voraussetzungen für die Entstehung von Vertrauen aus der Sicht der Spieltheorie:
• Prinzip Tit for Tat: Jede Seite erwartet von der anderen Seite, dass sie Gutes mit
Gutem und Schlechtes mit Schlechtem vergeltet. Auf beiden Seiten muss die Gewiss-
heit vorhanden sein, dass das Gegenüber seine Macht nicht missbraucht und dass,
wenn die eine Seite dies tut, Vergeltungsmechanismen verfügbar sind.
• Investitionen in die Arbeitsbeziehung: Je höher die „Investitionen“ von Arbeitge-
ber und Arbeitnehmer in diese Arbeitsbeziehung bisher waren, desto höher sind die
Bedrohungspotenziale, welche beide aufeinander ausüben können. Der Arbeitnehmer
kann kündigen und dem Arbeitgeber damit schweren Schaden zufügen, z. B. wenn er
Firmenwissen mit zu einem Wettbewerber nimmt. Umgekehrt kann der Arbeitgeber
den Arbeitnehmer entlassen und diesem damit schaden. Mit wachsender gegenseitiger
Abhängigkeit, sinkt damit aber auch der Anreiz, diese Arbeitsbeziehung zu beenden,
denn dabei würden alle bisherigen „Investitionen“ in sie verloren sein.
• Balance of Power: Wenn die Bedrohungspotenziale gleich groß sind, also der mögli-
che Schaden einer Beendigung des Arbeitsverhältnisses für beide Seiten gleich groß
ist, ist „Balance of Power“ hergestellt, die beiden Seiten Sicherheiten gibt.
• Reputation: Die Behandlung eines einzelnen Arbeitnehmers bzw. einer Gruppe von
Arbeitnehmern beeinflusst die Reputation als Arbeitgeber bei allen anderen Arbeit-
nehmern.
• Erwartungen: Negative Erwartungen an den Transaktionspartner sind mächtige Effi-
zienzkiller und die häufigste Ursache für ineffiziente Arbeitsbeziehungen. Die Wert-
schätzung des Gegenübers ist effizienzfördernd!
125
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Zusammenfassung
Wer übernimmt im Unternehmen eigentlich die Verantwortung und wenn, dann
wofür und für wen? Können wir Verantwortung delegieren? Was bedeutet es, die
Verantwortung für die eigenen Handlungen, Gedanken und Gefühle zu übernehmen?
Hierarchische Strukturen schaffen verantwortungsscheue Menschen, und verant-
wortungsscheue Menschen legitimieren hierarchische Strukturen. Und so hat jedes
Unternehmen die Mitarbeiter und auch die Führungskräfte, die es verdient. Selbstver-
antwortung hingegen bedeutet, zuständig für die eigenen Anliegen zu sein. Aufgabe
einer Führungskraft ist es, ihre Mitarbeiter in die Selbstverantwortung zu führen und
zu lernen, mit selbstverantwortlichen Mitarbeitern umzugehen.
Die Meinung von Alfred A. Neumann
Autor: „Lieber Herr Neumann, beschreiben Sie doch mal, wie das wäre, wenn Sie
der Chef wären und Sie hätten es mit verantwortlichen Mitarbeitern zu tun.“
Alfred A. Neumann: „Na, ja, meine Mitarbeiter arbeiten dann im Idealfall aus eige-
nem Antrieb und geben ihr Bestes, weil sie ihre Arbeit als spannend und befriedigend
empfinden. Wenn unvorhergesehene Schwierigkeiten auftreten, lösen sie diese selbst,
ohne mich als Führungskraft dabei zu beanspruchen. Solchen Menschen muss ich
dann auch nicht sagen, was sie als nächstes tun sollen, sie wissen es selbst, weil sie
den Arbeitsprozess kennen und weil sie sich dafür verantwortlich fühlen. Wenn ihnen
mal ein Werkzeug fehlt, dann besorgen sie sich dieses eigenständig.
Meine Mitarbeiter sind natürlich hervorragende Spezialisten für ihren eigenen
Bereich, und sie tauschen sich über ihre Arbeit ständig aus, sie reden miteinander
über die erforderlichen Arbeitsschritte und stimmen diese aufeinander ab, sodass
letztlich ein exzellentes Produkt entsteht, das die Kunden begeistert. Und mich und
die Mitarbeiter selbst auch.
Was bedeuten Verantwortung
und Selbstverantwortung für eine
Führungskraft?
7
128
7 Was bedeuten Verantwortung und Selbstverantwortung …
Aber, was habe ich dann noch als Führungskraft zu tun? Bin ich nicht überflüs-
sig geworden? Wen gilt es denn da noch zu motivieren? Wen muss ich denn da noch
beurteilen und kontrollieren?“
Autor: „Gute Frage, die ich einstweilen noch nicht beantworten will, Herr Neumann.
Das, was für Frederick Winslow Taylor der Albtraum des Unternehmers war, selbst
denkende, umfassend kompetente Mitarbeiter, die ihre Arbeitsprozesse selbst effektiv
steuern, wäre mit Ihren verantwortlichen Mitarbeitern Realität geworden: Die (Mit-)
Arbeiter als die Herren des Arbeitsprozesses. Hand- und Kopfarbeit wieder vereint,
Arbeiten ohne Kontrolle durch das Management…“
Alfred A. Neumann: „Ja, ja, faszinierender Gedanke! Meine Mitarbeiter würden für
sich selbst sorgen können. Sie würden zwar Fehler machen, aber eben nicht denselben
Fehler mehrmals, weil sie aus jedem Fehler lernen könnten. Sie würden untereinander
klare Vereinbarungen treffen, und sie würden zu ihren Vereinbarungen stehen. Darauf
kann ich mich als Führungskraft dann hundertprozentig verlassen. Meine Mitarbei-
ter würden auch neue Impulse in den Arbeitsprozess bringen, ständig alles um sich
herum verbessern und die notwendigen und vereinbarten Abläufe verlässlich ausfüh-
ren. Solche Mitarbeiter würden die Suppe auslöffeln, die sie sich selbst einbrocken.
Sie würden nicht jammern, sondern handeln…“
Autor: „Genug geträumt, Herr Neumann! Tatsächlich regiert, wie Sie ja wissen, die
Unverantwortlichkeit überall. Das liegt zum einen an den Verhältnissen in den meis-
ten Unternehmen –Hierarchie- und Ressortdenken, überalterte Menschenbilder, platte
Shareholder-Value-Strategien. Zum anderen liegt es an den Menschen selbst – kon-
trollbesessene Vorgesetzte und als Gegenstück jammernde, obrigkeitshörige Mit-
arbeiter, Angst vor Verantwortung. Menschen und die Strukturen, in denen sie sich
bewegen, bedingen sich wechselseitig. Hierarchische Strukturen schaffen verantwor-
tungsscheue Menschen, und verantwortungsscheue Menschen fühlen sich in hierar-
chischen Strukturen wohl. So passt alles prima zusammen.“
7.1
Verantwortung
Verantwortungslose Grundhaltungen Mangelnde Bereitschaft, Verantwor-
tung zu übernehmen, zeigt sich u. a. in zwei Grundhaltungen:
• Infantilisierung: Ich habe große Ansprüche, Wünsche und Erwartungen,
bin aber nicht bereit, die Verantwortung für deren Realisierung zu über-
nehmen. Das macht mein Chef, „die da oben“, oder eben der edle Ritter auf
dem weißen Ross – auf den ich mein Leben lang warte.
129
• Viktimisierung: Ich bin immer das Opfer, Schuld sind immer die anderen.
Weil ich immer das Opfer bin, sind die Anderen immer die Täter. So behalte
ich meine weiße Weste und mache mir die Hände nicht schmutzig. Ich
kann ja selbst nichts ändern, weil ich so schwach bin.
Verantwortung zu haben bedeutet, dass ich gegenüber einer Instanz – z. B. mir selbst,
meiner Familie, meinem Arbeitgeber, der Menschheit, Gott – für mein Handeln Rechen-
schaft abzulegen habe (vgl. Gabler Wirtschaftslexikon 2017). Wenn ich Aufgaben über-
nommen habe, so bin ich in der Verantwortung, diese vereinbarungsgemäß zu erfüllen.
Dabei habe ich die Belange der von meinen Handlungen Betroffenen zu berücksichtigen.
Verantwortung setzt Folgendes voraus:
• Handlungsfreiheit: Verantwortung kann man nur selbst übernehmen. Sie kann nicht
delegiert oder aufoktroyiert werden.
• Die Fähigkeit, die Folgen des eigenen Tuns abschätzen zu können: „Wir hätten es
wissen können…“ Vielfach entsteht Verantwortungslosigkeit dadurch, dass zu lange
abgewartet wird, bis man möglichst umfassendes Wissen über die möglichen Folgen
einer Intervention erlangt hat. Dann kann es für Entscheidungen aber schon zu spät
sein. Verantwortliches Handeln beinhaltet klare Entscheidung und beherzte Abwä-
gung der Folgen, denn wir werden niemals vollständige Gewissheit erlangen können.
In der Praxis wird Verantwortung mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen belegt. Ver-
antwortung wird gern mit „Schuld“ gleichgesetzt, die einem vorgeworfen wird und für
die man büßen muss. Verantwortung wird gern abgeschoben, auf den Mitarbeiter, auf
den Chef, auf „die da oben“ usw.
Führungskräfte tragen nicht die Verantwortung für ihre Mitarbeiter! Allzu
oft hört man: „Ich kann ja nicht anders, ich trage schließlich die Verantwortung
für meine Mitarbeiter.“ Das ist aber falsch, denn die Verantwortung hat jeder
Mensch für sich selbst. Man kann also nur die Verantwortung für Menschen
übernehmen, die dies nicht selbst können, z. B. für Kinder. Wer sich anmaßt, die
Verantwortung für andere Menschen zu haben, zeigt damit gleichzeitig, dass er
diese nicht für fähig hält, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
7.2
Selbstverantwortung
Selbstverantwortung ist das Zauberwort, welches im Unternehmen allenthalben leicht aus-
gesprochen aber kaum eingelöst wird. Das liegt zum Teil auch an dem Unvermögen von
Shareholdern, Unternehmenslenkern und Führungskräften, von ihrem Kontrollparadigma
7.2 Selbstverantwortung
130
7 Was bedeuten Verantwortung und Selbstverantwortung …
abzulassen – ohne die Steuerung von Unternehmen und Mitarbeitern durch das Manage-
ment bräche schließlich das Chaos im Unternehmen aus, meint man. Und: Man hat die
latente Angst, überflüssig zu werden, wenn klar wird, dass die Menschen im Prinzip auch
mit weniger Führung auskommen könnten.
Mit der Unverantwortlichkeit in Unternehmen und mit dem Gegenbild, dem „Prinzip
Selbstverantwortung“ hat sich der Autor des Bestseller „Mythos Motivation“, Reinhard
K. Sprenger, beschäftigt (vgl. Sprenger 1994 sowie Sprenger 2002). Sprenger ist bekannt
dafür, dass er gleichermaßen altehrwürdige wie modern daher kommende Führungsthe-
orien und -instrumente radikal kritisiert. Es gibt Unternehmen, in denen die Bücher von
Sprenger Pflichtlektüre für angehende Führungskräfte sind. Deshalb darf eine Auseinan-
dersetzung mit seinen Thesen auch hier nicht fehlen.
In diesem Kapitel geht es um die Verantwortung für sich selbst. Als selbstverantwort-
licher Mensch übernimmt man Verantwortung für die eigenen
• Handlungen,
• Gedanken und
• Gefühle.
Nur ich trage die Verantwortung für mich! Niemand ist verantwortlich
dafür, dass ich bestimmte Dinge tue und niemand ist verantwortlich dafür,
dass ich mich gut oder schlecht fühle. Dies ist ziemlich simpel und liegt
eigentlich auf der Hand. Allerdings verhalten wir uns im Alltag völlig anders:
Jemand beleidigt uns, jemand bringt uns zum Weinen oder provoziert uns.
Immer sind es die Anderen, die in unserer Wahrnehmung die Verantwortung
für unsere Handlungen und Gefühle haben.
In Wirklichkeit liegt es aber in meiner eigenen Verantwortung, ob es mir
gut geht oder schlecht. Selbstverantwortung zu übernehmen heißt, selbst dafür
zu sorgen, dass es mir gut geht.
Ich selbst habe dafür zu sorgen, dass das Unternehmen so ist, dass ich mich
darin gut fühlen kann (niemand anders wird mich erretten).
Wenn es stimmt, dass Menschen von Natur aus Leistung bringen wollen und ihre Leis-
tungsmotivation in sich tragen, wenn es weiterhin stimmt, dass Menschen in ihrer Arbeit
einen Sinn erkennen und sich selbst verwirklichen wollen, dann bringen Menschen die
besten Leistungen, wenn sie ihre Arbeit lieben. Wie müssen Leben und Arbeit also aus-
sehen, damit wir sie „lieben“ können?
Sprenger hat einen Dreischritt der Selbstverantwortung eingeführt, der sich für die
Erklärung der tief greifenden Implikationen selbstverantwortlichen Handelns gut eignet
(vgl. Sprenger 1994):
1. Wählen,
2. Wollen,
3. Antworten
131
7.2.1
Wählen: Unsere guten Gründe erkennen
Wählen ist unabhängiges, freiwilliges Handeln. „Freiwillig“ bedeutet, die freie Wahl zu
haben. Aus dieser Perspektive betrachtet, haben die meisten Menschen ihre jetzige beruf-
liche Situation „gewählt“. Sie sind damit auch für die Konsequenzen dieser Wahl selbst
verantwortlich. Wir könnten viele Situationen, in denen wir stecken, jederzeit abwählen.
Wir könnten Situationen beenden, sie verlassen. Nur, wir müssten dann natürlich mit den
Konsequenzen leben, die sich aus unserer Entscheidung ergeben.
Die Konsequenzen können so hart sein, dass sie uns als Zwänge erscheinen. Aber,
es ist zweckmäßig anzuerkennen, dass wir grundsätzlich wählen, wo wir leben, was wir
arbeiten, wie wir Karriere machen usw. Nur mit dieser Erkenntnis eröffnet sich für uns
die Freiheit, uns von ungeliebten Lebensumständen zu trennen, sie also „abzuwählen“ –
oder sie als bewusste Wahl zu würdigen.
„Sachzwänge“
Wenn wir z. B. mit unserer beruflichen Situation nicht zufrieden sind, dann zwingt
uns niemand, in diesem Unternehmen zu bleiben. Meist haben wir aber unsere guten
Gründe, die uns Angebote eines Unternehmens aus einer anderen Stadt ausschla-
gen lassen und uns zum Bleiben veranlassen: Die Kinder fühlen sich in der Schule
so wohl, die Nachbarn sind auch nett, das Haus könnte nur mit Verlusten verkauft
werden, und wer weiß, was uns in einer anderen Stadt erwarten würde. Da bleiben
wir halt „drin“ und ertragen unsere Arbeit weiter. Wir empfinden das als unglückliche
Umstände, als Zwang, dem wir nicht entrinnen können. Was bleibt uns denn übrig!
Wenn wir so denken und fühlen, werden wir Ausgleich nach Feierabend suchen.
Aber täglich acht oder zwölf Stunden unseres Lebens vertun wir mit einem unge-
liebten Job. Das lassen wir unsere Familie dann manchmal spüren. Wir opfern uns
schließlich für sie auf, wir tun, was getan werden muss, wir bringen das Geld nach
Hause, und keiner kann ermessen, wie tapfer wir dieses Los ertragen. Wir haben
schließlich die Verantwortung für die Familie. Dafür erwarten wir Lob und Anerken-
nung.
Wenn unser Leidensdruck zu stark wird, kann es passieren, dass wir unserer Fami-
lie und allen, die sonst noch von uns etwas erwarten, die Schuld für unsere Misere
geben. Es kann auch sein, dass wir unser Unglück unbewusst so weit vorantreiben,
dass wir dann gar nicht mehr anders können als den Job aufzugeben. Das ist dann die
Zeit, in der wir krank werden. Irgendwie entlastet uns eine solche plötzliche Unfähig-
keit dann ja auch von den vielen zu treffenden Entscheidungen und von den Ansprü-
chen, die die anderen an uns haben. Wenn wir dann sagen, „Ich kann ja nicht anders
als den Job aufzugeben…“, sind wir genauso verantwortungslos wie vorher, als wir
sagten „Ich kann den Job ja nicht aufgeben.“ Wir haben Angst, die Verantwortung
für unser Leben zu übernehmen. Darum fantasieren wir uns ein blindes Schicksal
zurecht, dem wir ausgeliefert sind.
7.2 Selbstverantwortung
132
7 Was bedeuten Verantwortung und Selbstverantwortung …
Sicher gibt es viele wichtige Gründe, um in einem ungeliebten Job zu bleiben. Aber dies
sind keine Zwänge. Wir sollten uns klar machen, dass wir den Preis für das Verlassen des
Jobs nicht zahlen wollen. Dann erkennen wir nämlich unsere guten Gründe, die Situation
unverändert zu lassen. Wir wählen dann das Drinbleiben.
Wenn wir das nicht tun, verstecken wir uns hinter Sachzwängen. Die sind bequem,
denn wir müssen selbst nichts ändern.
Wir wollen im Job bleiben, weil wir uns nicht trauen zu kündigen und weil wir Angst
vor der Ungewissheit haben. Das ist in Ordnung so, dazu haben wir ein Recht und eben
unsere guten Gründe. Zu ihnen sollten wir stehen. Diese guten Gründe sollten wir uns
aber bewusst machen und hoch einschätzen, denn sie machen uns deutlich, was uns an
der Situation neben all ihren Schwächen auch wichtig und wertvoll ist.
7.2.2
Wollen: Change it, leave it or love it
Unser Handeln, welches wir bewusst gewählt haben, sollten wir auch wirklich selbst
wollen. Das ist zweckmäßig, aber gar nicht so einfach, weil wir da in unserem Bewusst-
sein etliche Barrieren aufgebaut haben.
Drinbleiben und leiden gilt nicht! Wir haben genau drei Möglichkeiten, mit
einer Situation, die uns nicht gefällt, umzugehen. Nach Sprenger sind das
Change it, leave it or love it
• Change it: Wir können versuchen, die Situation so zu verändern, dass sie
uns gefällt.
• Leave it: Wir können die Situation verlassen.
• Love it: Wir können die Situation lieben, oder sie zumindest als gewählt
akzeptieren.
Eine vierte Möglichkeit: drinbleiben und leiden, gibt es für einen erwachsenen
Menschen eigentlich nicht. Und dennoch ist es dieses Verhalten, welches wir
alle mehr oder weniger häufig an den Tag legen. Dafür vergeuden wir tagtäg-
lich enorm viel Zeit und Energie.
Change it
Ändern heißt, die Initiative zu übernehmen. Solange sich kein Widerstand regt, kann
jeder Chef davon ausgehen, dass die Mitarbeiter mit den getroffenen Entscheidungen
einverstanden sind. Macht ist eine soziale Beziehung, die hat man nicht, die geht man
mit seinem Gegenüber ein. Zur Machtausübung gehören immer zwei: jemand, der Macht
ausübt und jemand, der dies zulässt. Nicht nur der Diktator macht die Verhältnisse. Auch
die Verhältnisse machen den Diktator.
133
Wir sollten für unsere Interessen aktiv eintreten: Unsere Arbeitsprozesse sind nicht
von Natur aus so wie sie sind. Sie sind Resultat von Entscheidungen. Wir könnten und
sollten uns da bewusst einmischen. Das kann für unsere Vorgesetzten unbequem sein.
Aber wir sind ja nicht aus Prinzip gegen alles. Wir wollen unsere Arbeit so gestalten,
dass wir sie gern machen. Dabei könnten wir Leuten auf die Zehen treten. Aber letztlich
kann dies die Voraussetzung dafür sein, dass wir einen guten Job machen, und das sind
wir unserem Unternehmen schuldig.
Leave it
Es gibt Verhältnisse, in denen sind Veränderungen nur schwer möglich. Es könnte der
Zeitpunkt kommen, wo uns der Aufwand und die Anstrengung einfach zu groß sind und
wir aufgeben. Dann gibt es die Möglichkeit, das Unternehmen zu verlassen.
Es gibt ja noch andere Unternehmen und auch andere schöne Wohnorte. Niemand
hat etwas davon, wenn wir zähneknirschend einen ungeliebten Job tun. Wenn wir jetzt
sagen: „Wir können aber nicht gehen, weil…“, dann sollten wir ehrlich sein und zuge-
ben, dass wir nicht gehen wollen. Da gibt es offenbar für uns viele gute Gründe, warum
wir dann doch im Unternehmen bleiben. Das ist durchaus in Ordnung so, nur wir sollten
uns das klar machen, sonst verschwenden wir viel Energie mit Leiden und Durchhalten.
Love it
Wenn wir meinen, eine unerfreuliche Situation nicht verändern zu können, und wenn wir
trotz der widrigen Umstände gute Gründe haben, noch im Unternehmen zu bleiben, dann
können wir immer noch unsere Einstellung dazu ändern. Wir müssen das Unerfreuliche
nun nicht gleich „lieben“, wie Sprenger es uns empfiehlt. Was wir aber tun können, ist,
uns damit einzurichten. Das ist praktischer als in der Opferpose zu verharren. Sprenger
zitiert ein schönes Beispiel aus der aktiven Fußballerzeit von Jürgen Klinsmann, der bei
einem Spiel von den Faustschlägen eines Gegners niedergestreckt wurde. Vom empörten
Reporter dazu befragt antwortete Klinsmann entspannt und nüchtern: „Das passiert mir
auf dieser Position immer wieder. Es wäre unsinnig, mich darüber aufzuregen. Ich finde
das auch nicht gut, aber es gehört heute einfach zum Spiel dazu“ (zitiert nach Sprenger
1994, S. 72).
Ich kann das Spiel jederzeit abwählen! Wer also, aus welchen Gründen
auch immer, im Unternehmen noch weiter „mitspielen“ will, sollte sich mit den
damit verbundenen nicht änderbar erscheinenden Situationen arrangieren,
denn wir haben das gesamte „Spiel“ ja gewählt, und wir könnten es jederzeit
abwählen.
Sprenger empfiehlt: Arbeit macht Spaß oder krank. Wir können es uns
gesundheitlich nicht leisten, einen Job zu behalten, den wir hassen.
7.2 Selbstverantwortung
134
7 Was bedeuten Verantwortung und Selbstverantwortung …
7.2.3
Antworten: Unsere Sicht der Dinge
7.2.3.1 Konstruierte Wirklichkeit
Wie wir bereits aus der Auseinandersetzung mit dem menschlichen Verhalten in sozia-
len Systemen wissen (Abschn. 2.3.1), entsteht aus unserer Wahrnehmung der Außenwelt
nicht das Abbild der Wirklichkeit. Wir schaffen uns stattdessen auf der Basis dessen, was
aus der Welt auf uns zukommt, unsere eigene Wirklichkeit. Das ist eine Reaktion auf die
Reize aus der Außenwelt. Wir „antworten“ auf die Außenwelt, wenn wir unsere eigene
Wirklichkeit konstruieren. So entsteht bei uns allen eine höchst individuelle Perspektive,
aus der wir auf die Welt schauen.
Es gilt: Alle haben Recht – jedenfalls aus ihrer Perspektive! Das bedeutet keinesfalls,
dass wir eine Sicht der Dinge, die unserer zuwider läuft, einfach hinnehmen müssen. Im
Gegenteil, wir können und wir dürfen – und manchmal müssen wir sogar – diese Diskre-
panz konfrontieren und uns zur Wehr setzen. Nur, dann geht es nicht darum, wer Recht
hat, sondern darum, dass ich z. B. mit der Perspektive des Anderen nicht leben kann.
Nehmen wir diese Erkenntnis ernst, so können wir schlagartig viele Konflikte und
offene Auseinandersetzungen verstehen. Es gibt niemanden mehr, der wirklich Unrecht
hat. Wir haben eben nur eine verschiedene Sicht auf ein und dieselbe Sache, jeder hat
seine guten Gründe dafür und wir kämpfen um die Durchsetzung der eigenen Perspek-
tive.
Wirklichkeitskonstruktion am Beispiel einer SAP-Einführung
Im Folgenden wird dies anhand eines Beispiels aus der Forschungspraxis verdeutlicht
(vgl. Berger et al. 2007). Es handelt sich um ein Projekt zur Einführung eines SAP-
Systems, in dem alle Beteiligten aufgrund ihrer Sichtweise Recht haben, ihre indivi-
duelle Perspektive aber als die absolute Wahrheit ansehen (Abb. 7.1).
So ein Projekt denken sich einflussreiche Leute aus und bringen es auf den Weg.
Da spielen Vorstände zusammen Golf, da ist ein Geschäftsführer auf einer Industrie-
messe, da wird ein Management-Bestseller gelesen. Es wird ein Projektteam einge-
richtet und oft wird ein Beratungsunternehmen verpflichtet. Wahrscheinlich wird noch
ein Lenkungsteam gebildet, welches an bestimmten Meilensteinen Richtungsentschei-
dungen trifft.
Es entsteht eine eigene Welt der Macher. Da es sich um die Einführung eines tech-
nischen Systems mit vorangehender Reorganisation von Produktions- und Geschäfts-
prozessen handelt, sind meist Ingenieure und Betriebswirte am Werke. Also hat die
Projektwelt den Charakter von Vernunft und Sachlichkeit, so glauben jedenfalls die
Beteiligten.
Ihr gegenüber befindet sich die Welt der Anwender und Betroffenen. Zu ihnen
gehören die internen Anwender, diejenigen also, die später im Betrieb mit dem neuen
System arbeiten sollen. Ebenfalls zu dieser Welt gehören auch die externen Anwen-
der, z. B. Kunden und Außendienstmitarbeiter. Mitarbeiter, die später nicht mit dem
neuen System arbeiten, können zu den Betroffenen gehören, z. B. Mitarbeiter im
135
Innendienst, deren Arbeit sich stark verändert, wenn Angebote an Kunden nicht mehr
von Hand, sondern auf der Basis des SAP-Systems gemacht werden. Auch externe
Anspruchsgruppen, wie Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Politik und Behör-
den gehören zu dieser Welt der Betroffenen, wenn z. B. durch die Systemeinfüh-
rung Arbeitsplätze in Gefahr sind oder Arbeitsgerichtsverfahren angestrengt werden.
Natürlich gehören Geschäftsleitung und Betriebsrat zu dieser Welt der Anwender.
Die Macher machen das Projekt. Dabei gelten für sie die Regeln von Vernunft
und Sachlichkeit. Im Einzelnen heißt das, sie planen den Betrieb durch wie eine
Maschine. Menschen sind dabei Stelleninhaber. Um die Anwenderperspektive einzu-
bringen, werden einige Abteilungsleiter hinzugezogen. Die Endanwender, also Sach-
bearbeiter und Assistenzkräfte, bleiben fast immer unberücksichtigt.
Aber die Endanwender haben dennoch vielfältigen Einfluss auf den Projektverlauf.
Es wird blockiert, behindert, intrigiert, man hat Angst vor Veränderungen der eigenen
Arbeit und Angst vor Überbeanspruchung, Gerüchte kochen, und es bilden sich, je
nach Gruppe und dort herrschender Kultur eigene Sichtweisen auf das Projekt.
Das hört nach dem Echtstart des SAP-Systems nicht auf. Im Gegenteil, jetzt wer-
den die Ängste real. Das System stürzt öfter ab, die Arbeit bleibt liegen, es müssen
Überstunden gemacht werden, die Kunden sind sauer und springen ab, das Berech-
tigungssystem ist noch nicht eingestellt, und mein Kollege darf Dateien sehen, die
Welt der
Macher
Welt der
Anwender
und
Betroffenen
Initiatoren
Projektteam
Promotoren
interne
Anwender
externe
Anwender
betroffene
Mitarbeiter
externe
Anspruchs-
gruppen
Geschäfts-
leitung
Projekt
Projektergebnisse
Betriebsrat
Schuldzuweisungen
an Macher
Schuldzuweisungen
an Anwender
Kommunikations-
Barriere
Systemgestaltung
Auswirkungen des Systems
Abb. 7.1 Wirklichkeitskonstruktion am Beispiel einer SAP-Einführung
7.2 Selbstverantwortung
136
7 Was bedeuten Verantwortung und Selbstverantwortung …
meinem Blick verwehrt sind. Die Mitarbeiter werden Akteure in einem akuten mikro-
politischen Spiel. Sie schließen sich zusammen, treten in Konkurrenz zueinander und
jeder macht gemäß seiner eigenen Sicht der Dinge seine eigene Politik. Man zeigt mit
Fingern aufeinander und weist einander die Schuld an Misserfolgen zu.
Dringend notwendig wäre hier eine systematische Kommunikation zwischen den Wel-
ten der Macher und der Anwender und Betroffenen. Studien zeigen, dass dies fast nie
beherzigt wird. Dabei kann nur ein Austausch der Perspektiven, unter denen das Projekt
von den verschiedenen Stakeholdern gesehen wird, überhaupt verhindern, dass ein sol-
ches Projekt zum dramatischen Misserfolg wird. Die Vermutung besteht, dass die meis-
ten IT-Projekte sich betriebswirtschaftlich als große Misserfolge herausstellen würden,
wenn man Reibungsverluste, die Demotivation und die innere Kündigung der Mitarbeiter
mit in die Berechnung des „Return on Investment“ einbeziehen würde. Es kursiert die
sarkastische Redewendung, dass man von einem Erfolg eines SAP-Systems reden kann,
wenn nach zwei Jahren die Produktivität wieder so hergestellt ist wie sie sich vor der
Systemeinführung darstellte.
Mindestens ebenso wichtig wie Kommunikation wäre die systematische Beteiligung
der Endanwender in allen Projektschritten. Eine solche Beteiligung auf der operativen
Ebene wird meist aus Kostengründen vermieden. Aber gerade hier könnte wesentli-
ches Prozesswissen für das neue System akquiriert werden. Nur die Mitarbeiter vor Ort
wissen, wie die Prozesse im Einzelnen ablaufen. Viele kostentreibende Fehler und Sys-
temabstürze könnten vermieden werden. Außerdem könnte durch eine systematische
Beachtung der Mitbestimmung und durch umfassende Beteiligung der Endanwender
ein Commitment erzielt werden, wie es durch nachträgliche (teure) Anreizsysteme nie
erreichbar wäre.
7.2.3.2 Verstehen ist unwahrscheinlich
Wenn es stimmt, dass wir tatsächlich unterschiedliche Perspektiven einnehmen und die
Welt mit unseren subjektiven Wahrnehmungsfiltern sehen, dann ist Verstehen unwahr-
scheinlich. Umso mehr sollten wir uns anstrengen, uns und unsere Sicht der Dinge
verständlich zu machen. Jeder Mensch ist für seine „Antwort“ auf die Welt selbst verant-
wortlich.
Information entsteht beim Empfänger (Abschn. 8.1.1). Was von unserer Nachricht
auf welche Weise wahrgenommen und nach welchen Kriterien interpretiert wird, ist aus-
schließlich Sache des Empfängers.
7.2.3.3 Verantwortung für die Interaktionen übernehmen
Wenn mich z. B. jemand eines Fehlers beschuldigt, so kann ich wählen, wie ich darauf
reagiere. Ich könnte mich rechtfertigen, oder ich könnte nachfragen, oder ich könnte
eine Gegenbeschuldigung aussprechen, ich könnte weggehen oder losbrüllen, ich könnte
anfangen zu weinen oder mein Gegenüber auslachen. All das ist möglich. Je nachdem,
wie meine Antwort ausfällt, wird wiederum mein Gegenüber „antworten“. Wir sind also
137
untrennbar miteinander in Interaktionen verbunden. Wenn ich mich auf eine Beschul-
digung hin rechtfertigen würde, müsste ich wahrscheinlich mit weiteren Anschuldigun-
gen rechnen, die wiederum weitere Rechtfertigungen und Richtigstellungen meinerseits
nach sich ziehen würden (siehe hierzu auch die Ausführungen zur Transaktionsanalyse
Abschn. 8.3.3).
Verantwortung für die eigenen Gefühle übernehmen Unter diesen Vor-
aussetzungen ist es eigentlich nicht möglich, jemanden zu ärgern: Wenn mich
jemand ärgert, so ist der Ärger bei mir. Nur ich habe für diesen Ärger die Ver-
antwortung. Zwar ist mein Gegenüber vielleicht kein netter Mensch, wahr-
scheinlich hat er etwas gegen mich. Ich hätte aber seinen Versuch, mich zu
ärgern nicht „annehmen“ müssen. Wenn ich mich aufgrund seiner Äußerun-
gen ärgere (und sei es nur über seinen Versuch, mich zu ärgern), dann hat er
sein Ziel erreicht, und ich habe zusätzlich noch die Verantwortung für meinen
Ärger – und dafür, dass es mir wieder besser geht.
7.3
Commitment
Unternehmen treiben großen Aufwand, um qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen und
deren Leistungsbereitschaft zu erlangen. Dabei wird viel falsch gemacht, denn in den
meisten Unternehmen sind die Mechanismen nicht bekannt, unter denen Commitment
entsteht – oder verspielt wird. Commitment bedeutet „Bekenntnis“ und wird in der
Managementliteratur meist gebraucht, um das Maß der Mitarbeiterbindung an ein Unter-
nehmen zu beschreiben.
Das Commitment, welches die Menschen ihrem Unternehmen entgegenbringen,
speist sich aus vielen unterschiedlichen Quellen. Dabei spielen Unternehmenskultur und
gutes Arbeitsklima ebenso eine Rolle wie eine angemessene Entlohnung und gute Auf-
stiegschancen (Abb. 7.2).
Ein Unternehmen macht in der Regel rationale und emotionale Commitment-Ange-
bote. Diese können sehr unterschiedlich wahrgenommen werden.
7.3.1
Rationale Angebote
Zu den rationalen Angeboten gehören neben einem sichereren Arbeitsplatz vor allem
materielle Vorteile wie z. B. eine attraktive Entlohnung, aber auch immaterielle Anreize
wie die Möglichkeit, Beruf und Privatleben miteinander zu vereinbaren – z. B. durch
Hilfe bei der Kinderbetreuung. Besonders attraktive Aufstiegsmöglichkeiten gehören
ebenfalls zu den rationalen Angeboten.
Mit den Angeboten des Unternehmens machen die Mitarbeiter ihre ganz individuel-
len Nutzenerfahrungen. Daraus entsteht – wenn sie positiv ausfallen – im besten Fall
Commitment. Wenn sie negativ ausfallen, sind Frustration und Demotivation die Folge.
7.3 Commitment
138
7 Was bedeuten Verantwortung und Selbstverantwortung …
Wie die Nutzenerfahrungen ausfallen, hängt von vielen Faktoren ab, über die im Unter-
nehmen natürlich auch gesprochen wird. So entsteht eine bestimmte geteilte positive
oder eben negative Meinung über diese Angebote.
Unterschiedlicher Nutzen rationaler Angebote
Beispiel 1: Mein Unternehmen gewährt mir ein Home Office. Damit habe ich die
Möglichkeit, die Betreuung meiner Kinder mit meiner Arbeit in Einklang zu bringen.
Mein Unternehmen und mein Vorgesetzter zeigen mir damit auch, dass man mir ver-
traut. Also werde ich mich anstrengen, um dieses Vertrauen zu rechtfertigen.
Beispiel 2: Mein Unternehmen bietet mir einen höheren Bonus, wenn ich mehr
Kundenbesuche mache. Da ich aber gerade einen Großkunden betreue, möchte ich
meine ganze Energie auf diesen Kunden konzentrieren. Es gibt Auseinandersetzungen
mit meinem Vorgesetzten, der meine Leistung an der Anzahl meiner Kundenbesuche
misst. Daraus folgend wird mein Commitment zu dem Unternehmen abnehmen, in
dem solche Vorgesetzten bestehen können.
7.3.2
Emotionale Angebote
Emotionale Angebote zielen auf die Entstehung von affektivem Commitment. Hier wer-
den innere Erwartungen und Bedürfnisse angesprochen. Man möchte zu einem erfolgrei-
chen Unternehmen gehören und Produkte herstellen, die gesellschaftlich hoch angesehen
sind. Ein starkes menschliches Bedürfnis besteht ja nach Anerkennung. Handlungsleitend
ist das Empfinden von Gerechtigkeit und der Wunsch, zu einem erfolgreichen Team zu
gehören.
positiv
Leistungsbereitschaft
aufgrund von Vorteilen
Rückzug
Leistungszurückhaltung
Innere Kündigung
Angebote des Unternehmens
Perspektive der Mitarbeiter
Leistungsbereitschaft
aus innerem Antrieb
Emotionale Angebote
(Beispiele)
Unternehmenskultur
Gerechtigkeit
Guter Ruf
Attraktive Marke
Herausforderung und
hohe Ziele
Sinnvolle Arbeit
Gute Führung
Anerkennung
Beteiligung
Verantwortung
negativ
positiv
negativ
Rationales Commitment
Verbleib im Unternehmen
Sicherer Arbeitsplatz
Work-Life-Balance
Entlohnung und
Sozialleistungen
Handlungsspielraum
Aufstiegsmöglichkeiten
Gesunde Arbeit
Rationale Angebote
(Beispiele)
Frustration
Demotivation
Nutzen-
erfahrung
Nutzen-
erfahrung
Affektives Commitment
Identifikation und Engagement
Resultate
Verstärkung
Verstärkung
Abb. 7.2 Der Commitment-Kreislauf
139
7.3.2.1 Commitment entsteht in den Herzen der Mitarbeiter
Womit ein Unternehmen seine Mitarbeiter tatsächlich erreicht, ist gar nicht so ein-
fach auszumachen. Es genügt nicht, möglichst viele Angebote zu machen, in der Hoff-
nung, die Mitarbeiter würden dies honorieren. Studien zeigen, dass Angebote, die auf
das affektive Commitment zielen, eine große Wirkung haben, also zu Verbundenheit und
Leistungsbereitschaft oder eben zur Ablehnung des Unternehmens führen. Commitment
entsteht also vorrangig in den Herzen der Menschen. Je nach deren Erfahrungen, Vorlie-
ben und Erwartungen werden die Angebote des Unternehmens mehr oder weniger wert-
geschätzt. Dadurch laufen oft teure Angebote ins Leere, während dringender Bedarf an
anderer Stelle nicht erkannt wird.
7.3.2.2 Commitment – Tue es mit ganzem Herzen!
Die Arbeit „mit ganzem Herzen“ tun, oder „sich brennend dafür interessieren“, sind
Metaphern, die den Kern treffen. Sprenger führt den „Becker-Faktor“ an, um zu zeigen,
was vollkommenes Commitment ist. Boris Becker sagte in einem Interview, nach dem
Sieg der US Open in Flushing Meadows: „Du musst dieses Turnier lieben, wenn Du hier
gewinnen willst. Du musst es lieben trotz des Fluglärms über Dir, Du musst es lieben
trotz der hysterischen Zuschauer, trotz des Betonkessels und trotz der Affenhitze (…)
Wenn Du es nicht lieben kannst, gehst Du besser vom Platz“ (zitiert nach Sprenger 1994,
S. 71).
7.3.2.3 Wir tun es für uns!
Wir meinen, vieles was wir tun, tun wir für Andere. Anderen mag unser Handeln zwar
nutzen, aber wir handeln, weil wir es für richtig halten. Das deckt sich mit unseren
Erkenntnissen über menschliches Verhalten in sozialen Systemen. Daraus haben wir
gelernt, dass unser Handeln immer darauf gerichtet ist, unsere unerfüllten Bedürfnisse zu
befriedigen. Alles was wir tun, ist also auf die Befriedigung unserer eigenen Bedürfnisse
gerichtet. Wie oft weisen wir den anderen die Verantwortung dafür zu, dass wir etwas
„ihretwegen“ getan haben. Wenn wir jemandem helfen, dann tun wir es, weil wir es wol-
len, weil es unser Bedürfnis ist, diesen Menschen zu helfen. Darum ist es das Beste, was
wir für uns und auch für andere tun können, für unser Handeln selbst die Verantwortung
zu übernehmen. Wir müssen uns entscheiden und dann auch zu unseren Entscheidungen
stehen.
7.4
Was können Führungskräfte tun?
7.4.1
Mitarbeiter in die Selbstverantwortung führen!
Wesentliche Führungsaufgabe ist es, die Mitarbeiter in die Selbstverantwortung zu füh-
ren. Voraussetzung ist natürlich, dass Führungskräfte selbst die Verantwortung für ihr
Verhalten übernehmen können und wollen.
7.4 Was können Führungskräfte tun?
140
7 Was bedeuten Verantwortung und Selbstverantwortung …
Die Führungskraft kann zwar den Weg in die Selbstverantwortung ebnen, aber in die
Verantwortung gehen müssen die Mitarbeiter selbst. Keine noch so fähige Führungskraft
kann ihnen dies abnehmen.
7.4.1.1 Führungsaufgabe: Loslassen
Viele Vorgesetzte dominieren Besprechungen, produzieren Lösungsansätze am laufenden
Band, treffen alle Entscheidungen selbst und schauen ihren Leuten regelmäßig zur Kont-
rolle über die Schulter. Sie halten damit ihre Mitarbeiter wirksam davon ab, Aufgaben als
ihre eigenen Aufgaben wahrzunehmen.
Verantwortung kann nicht delegiert werden!
Der Chef delegiert die Aufgaben an seinen Mitarbeiter und sagt: „Jetzt haben Sie mehr
Verantwortung!“ Aber der Mitarbeiter kann in Wirklichkeit erst mehr Verantwortung
haben, wenn er sie selbst übernommen hat.
Auch Selbstverantwortung kann nicht übertragen oder delegiert werden. Man kann
niemanden in die Verantwortung für sich selbst ziehen, schieben oder sie ihm zuteilen.
Man kann Selbstverantwortung nur selbst übernehmen. Aber das geht nicht von heute
auf morgen. Dem geht meist ein langer Lernprozess voraus, denn Selbstverantwortung
übernimmt man aufgrund der Einstellungen, die man zum Leben hat. Diese zu ändern ist
ein manchmal schmerzhafter Prozess sozialen Lernens.
Verantwortung lassen! Führungskräfte sollten den Mitarbeitern die Verant-
wortung lassen. Sie sollten nichts zu tun, was diese selbst tun können.
7.4.1.2 Führungsaufgabe: Machen lassen
Aufgabe der Führungskraft ist es, den Arbeitsprozess zu moderieren:
• Die verschiedenen Meinungen und Sichtweisen werden dargestellt.
• Dann wird ein Konsens über das weitere Vorgehen hergestellt.
• Schließlich werden Maßnahmen mit den Mitarbeitern konkret vereinbart.
Durch solche Ziel- und Maßnahmenfindungsprozesse sind „alle in einem Boot“ und füh-
len sich selbst verantwortlich für die Erreichung der vereinbarten Ziele.
Um in dieser Weise vorgehen zu können, sollten tiefer gehende Kenntnisse und Fähig-
keiten bei Gesprächsführung und Konfliktmanagement vorhanden sein, die die Füh-
rungskräfte erwerben sollten (Abschn. 8.4), anstatt ihre Zeit mit eigener Facharbeit und
Kontrolle der Mitarbeiter zu vertun. Dort, wo die Arbeit gemacht wird, soll auch die Ver-
antwortung sein. Wenn Mitarbeiter also eine Arbeit übernehmen, dann sind sie möglichst
verantwortlich für Folgendes:
141
• Beschaffung der Werkzeuge und Ressourcen, die sie für die Erledigung der Arbeit
benötigen.
• Art und Weise der Zielerreichung. Dazu gehört – natürlich im Rahmen der geltenden
Prozesse und betrieblichen Regeln und Normen – die Wahl der Methoden und Verfah-
ren ebenso, wie die Einteilung der erforderlichen vereinbarten Zeit.
Wenn sie Hilfestellung brauchen, können sie sich an ihre Führungskraft wenden, die ist
dafür zuständig, den Weg zu exzellenter Aufgabenerfüllung zu ebnen.
7.4.1.3 Führungsaufgabe Rahmenbedingungen schaffen
Wie soll die Führungskraft dann mit dem Bedarf an Hilfestellung umgehen? Sie sollte
generell zeigen, dass die Lösung des Problems in der eigenen Macht des Mitarbeiters
steht. Es geht grundsätzlich darum, die Handlungsalternativen und die Konsequenzen
seiner Entscheidung zu beleuchten. Die Führungskraft sollte nicht Problemlösungen vor-
schlagen, sondern z. B. nach folgenden Sachverhalten fragen:
• Wo liegen aus Ihrer Sicht Vor- und Nachteile?
• Welche weiteren Informationen brauchen Sie?
• Was ist Ihr Vorschlag?
• Was geschieht, wenn Sie nichts tun?
Führung ist in einem solchen Arbeitszusammenhang dafür verantwortlich, einen Rah-
men zu schaffen, der jeden Mitarbeiter ermutigt und befähigt, seine Arbeit im Sinne des
Unternehmens hervorragend zu leisten. Zu einem solchen Ermöglicher-Rahmen gehört
z. B. die Bereitstellung umfassender Informationen über die einzelnen Arbeitsprozesse.
7.4.1.4 Führungsaufgabe Fehlerkultur
Bei selbstverantwortlichem Handeln werden Fehler gemacht. Das ist ganz natürlich, so
lernen und vervollkommnen sich Menschen seit jeher. Führungskräfte müssen eine feh-
lerfreundliche Arbeitsorganisation und -umgebung schaffen, wenn sie selbstverantwortli-
che Mitarbeiter wollen. Fehler sind dazu da, dass man aus ihnen lernt. Die Arbeit sollte
also möglichst fehlertolerant organisiert werden. Was das konkret heißt, muss im Einzel-
fall entschieden werden. Grundsätzlich sollte folgendes beachtet werden:
• Einbau von Redundanz in fehlerkritische Prozesse.
• Aus Fehlern lernen. Ein Fehler sollte nicht zweimal gemacht werden. Der Verursacher
sollte grundsätzlich für die Beseitigung der Fehlerursache verantwortlich sein. Infor-
mationen über gemachte Fehler sollten allen Menschen im Unternehmen offen stehen.
Dazu gehört, dass Fehler nicht vertuscht werden. Dazu wiederum gehört, dass Fehler-
machen nicht als Schande angesehen und nicht negativ sanktioniert wird.
7.4 Was können Führungskräfte tun?
142
7 Was bedeuten Verantwortung und Selbstverantwortung …
7.4.2
Vorbildfunktion?
In vielen Unternehmen herrscht die Vorstellung, dass Führungskräfte sowohl fachlich
wie auch menschlich Vorbild für ihre Mitarbeiter sein sollten.
7.4.2.1 Fachliches Vorbild
In den heutigen komplexen Arbeitsprozessen, kommt es sehr oft vor, dass Mitarbeiter
fachlich wesentlich kompetenter sind als ihre Führungskraft. Das ist auch in Ordnung
so, denn die Führungskraft soll ihre Zeit für Führungsarbeit nutzen. Es ist für eine
Führungskraft heute nicht mehr leistbar, die vielen Arbeitsgänge im eigenen Bereich
genauso perfekt zu beherrschen wie die Spezialisten vor Ort. Ebenso wenig ist die stän-
dig erforderliche Weiterbildung in den unterschiedlichen Facetten der Fachtätigkeiten
von der Führungskraft zu bewältigen.
Die Erfahrung zeigt, dass in einer „Vorbild-Kultur“ die Verbesserungsidee eines Mit-
arbeiters oft an „Majestätsbeleidigung“ grenzt, weil der Vorgesetzte seine Fachautorität
um jeden Preis wahren will. Aus diesem Grunde ist dann eine Führungskraft, die Vorbild
sein will, manchmal gar nicht an der Weiterentwicklung der eigenen Mitarbeiter interes-
siert.
7.4.2.2 Menschliches Vorbild
Wenn eine Führungskraft menschlich Vorbild sein will, so wird dies von den Mitarbei-
tern mitunter als Anmaßung gedeutet werden, da ist Sprenger zuzustimmen. Nur, weil
jemand als Vorgesetzter eine höhere Position in der Hierarchie erhalten hat, muss er noch
lange kein besserer Mensch sein. Menschliches Vorbild zu sein, heißt, die Definitions-
macht darüber zu haben, was erstrebenswert und was zu unterlassen ist. Menschliche
Vorbilder leben Werte vor, die „von oben“ gesetzt worden sind. Sprenger bezeichnet dies
als „Managing as Parenting“ (vgl. Sprenger 1994, S. 144 ff.). Wenn also Führungskräfte
sich wie Eltern benehmen, die ihre Kinder zu erziehen haben, bedeutet das gleichzeitig
die Entmündigung der Mitarbeiter. Zumindest aber wird ihnen mit einem solchen Verhal-
ten der Führungskräfte implizit das Misstrauen ausgesprochen.
Als menschliches Vorbild wird ein Vorgesetzter sich genau die „Kinder“ heranzie-
hen, die eben nicht selbstverantwortlich handeln und die ihn ständig als Vorbild brau-
chen. Aber sind das die Mitarbeiter, die ein Unternehmen braucht? Ein Unternehmen
braucht Originale, die selbst kreativ sind und aus den eigenen Erfahrungen lernen. Was
ein Unternehmen nicht braucht, sind Kopien eines „Vor-Bildes.“
7.4.3
Umgang mit selbstverantwortlichen Mitarbeitern
Wer selbstverantwortliche Mitarbeiter haben will, sollte ihnen auf eine Art und Weise
gegenüber treten, die Wertschätzung und Vertrauen signalisiert.
143
7.4.3.1 Belohnung und Bestrafung vermeiden
Kinder werden belohnt und bestraft. Wer Mitarbeiter belohnt und bestraft, entwürdigt
sie. Sie werden dann wahrscheinlich irgendwann tatsächlich ein kindhaftes, unverant-
wortliches Verhalten an den Tag legen.
Eine Führungskraft sollte sich stattdessen folgendes fragen: Welche Bedingungen
muss ich schaffen, damit meine Mitarbeiter bereit sind, in die Selbstverantwortung zu
gehen?
7.4.3.2 Feedback und Konfrontation statt Kritik
Kritik
Kritik setzt die Existenz einer objektiven Wahrheit voraus. Wer andere kritisiert, geht
davon aus, er hätte diese objektive Wahrheit auf seiner Seite. Weil er „Recht hat“, ver-
sucht er, dem Gegenüber die eigene Meinung als einzig richtige aufzudrängen. Kritik
schafft eine klare Machthierarchie und zwingt den Kritisierten zur Unterwerfung. Um
seine Würde zu erhalten, wird dieser aber zumindest innerlich die Kritik ablehnen oder
aber (weitaus bedenklicher) es dem Kritiker zurückzahlen wollen. Die Folgen: Produk-
tivitätsverlust, Anstieg des Krankenstandes, Eröffnung von „Jammerzirkeln“. Der Kri-
tisierte wird versuchen, sich zu rechtfertigen, und zwar so, dass er in besserem Licht
dasteht. Tatsachen werden verzerrt wiedergegeben.
Man kann zwar ein Problem ansprechen, ob sich der Mitarbeiter dann allerdings wirk-
lich ändert, liegt völlig in seiner eigenen Entscheidung. Ein Veränderungsziel wird nur
dann ernsthaft verfolgt, wenn es sich um ein von innen kommendes Lernziel handelt,
nicht um ein von außen herangetragenes Lehrziel. Kritik und Lernen können somit nie
miteinander einhergehen.
Feedback
Feedback gibt das eigene Erleben wieder (Abschn. 8.5.2). Feedback hat nicht die Bot-
schaft: „So bist Du“, sondern „So empfinde ich Dich“. Feedback gibt Ich-Botschaften
und gibt zu erkennen, dass es subjektiv ist. Es lässt dem Gegenüber die Wahl, sich nach
den Vorstellungen des Feedback-Gebers zu richten, oder dessen Sicht als nicht zutreffend
anzusehen. Feedback erhebt nicht den Anspruch, die Wahrheit zu sein.
Konfrontation
Natürlich kann es vorkommen, dass ein Mitarbeiter beständig mangelhafte Leistungen
erbringt oder sich aus Sicht der Führungskraft ungehörig benimmt. Wenn dann die Situ-
ation untragbar zu werden droht, kann es nicht mehr nur um Feedback gehen, sondern
darum, dass die Sachlage für alle befriedigend geändert wird. Man spricht in diesem
Zusammenhang von Konfrontation.
Kritik wendet sich vor allem an die Person. Konfrontation ist hingegen auf das Prob-
lem fixiert. Sie konzentriert sich auf ein konkretes Handeln. Kritik neigt zur Verallgemei-
nerung. Meistens erwächst die Kritik aus einer längeren Beobachtungsphase. Die Kritik
7.4 Was können Führungskräfte tun?
144
7 Was bedeuten Verantwortung und Selbstverantwortung …
beginnt dann mit „Immer…“, „Nie…“ oder „Typisch, dass…“. Konfrontation erfolgt
ohne große zeitliche Verzögerung, vermeidet Verallgemeinerungen und bleibt bei dem
spezifischen Problem.
Kritik will beschuldigen. Es geht ihr hauptsächlich darum, einen „Verantwortlichen“
zu präsentieren. Konfrontation hält sich nicht mit Schuldzuweisungen auf, sie will den
unbefriedigenden Zustand ändern.
Kritik beschäftigt sich mit der Vergangenheit. Die Geschichte des Problems wird zum
Gegenstand der Diskussion: „Wie konnte es soweit kommen?“. Konfrontation beschäf-
tigt sich mit der Zukunft: „Wie kann das Problem künftig gelöst werden?“.
Kritik zielt durch ihre Anschuldigungen auf den Nachteil des Anderen. Konfrontation
beachtet die Beziehung zwischen den Partnern aus der Perspektive: „Wie finden wir zu
einer Lösung, die für beide voll zustimmungsfähig ist?“
Beurteilungen
Führungskräfte haben in vielen Unternehmen die Aufgabe, ihre Mitarbeiter in bestimm-
ten Abständen formell zu beurteilen. Jede Beurteilung ist natürlich ein Stück Selbstbio-
grafie, das sollte jede Führungskraft wissen. Die Beurteilung eines Menschen illustriert
vorrangig die Eigenschaften und Sichtweisen des Beurteilers selbst. Trotzdem werden in
vielen Unternehmen Mitarbeiterbeurteilungen durchgeführt. An ihnen werden Aufstiegs-
möglichkeiten, Gehalt und vieles mehr gemessen. Aus diesem Grunde sollten Beurtei-
lungen, wenn sie denn stattfinden müssen, fair verlaufen. Zur Fairness gehört, dass die
Beurteilung nach einem unternehmensweit festgelegten, ethisch verträglichen Verfahren
durchgeführt und dem Beurteilten das Prozedere offengelegt wird.
Der Beurteiler sollte sich seiner Subjektivität bewusst sein, seine Sicht nicht für die
Wahrheit halten und die Sicht der Beurteilten nicht abwerten. Das Urteil sollte erklärt,
aber nicht gerechtfertigt werden. Niemand muss sich wegen seiner Sicht der Dinge
rechtfertigen. Vielleicht hat der Beurteilte die Sachverhalte anders erlebt. Er hat eben
seine Sicht der Dinge. Der Beurteiler sollte die von ihm getroffene Beurteilung auch als
Gelegenheit wahrnehmen, um mehr über die eigene Sicht der Dinge herauszufinden.
Literatur
Berger, P., Berger-Klein, A., Krüger, D., & Teubert, M. (2007). Human Resource Management in
Veränderungsprojekten. Ansätze – Methoden – Instrumente. Konstanz: Christiani.
Gabler Wirtschaftslexikon: Springer Gabler Verlag (Hrsg.). (2017). Stichwort: Verantwortung.
http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/3798/verantwortung-v9.html. Zugegriffen: 15. Juni 2017.
Sprenger, R. K. (1994). Das Prinzip Selbstverantwortung. Frankfurt: Campus.
Sprenger, R. K. (2002). Mythos Motivation. Wege aus einer Sackgasse (17. Aufl.). Frankfurt: Campus.
145
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018
P. Berger, Praxiswissen Führung, https://doi.org/10.1007/978-3-662-50527-4_8
Zusammenfassung
Ohne Kommunikation keine Beziehung! Beziehung ist aber die Grundlage von Füh-
rung. Deshalb spielen Kommunikation und für Führungskräfte eine zentrale Rolle.
Wir können nur Nachrichten abgeben und empfangen. Die Informationen entstehen
beim Empfänger. Deswegen ist Verstehen unwahrscheinlich und aus diesem Grunde
sollten wir alle menschlichen Möglichkeiten nutzen, um uns verständlich zu machen.
Als Werkzeuge zur Untersuchung unseres Kommunikationsverhaltens stehen uns
Modelle der Kommunikationswissenschaft zur Verfügung – vom einfachen Sender-
Empfänger-Modell über Teufelskreis-Schemata und Kommunikationsstile bis hin
zur Transaktionsanalyse. Führungskräfte haben formalisierte Gespräche mit Mitar-
beitern zu führen. Dabei ist es nützlich, den optimalen Ablauf eines Mitarbeiterge-
sprächs zu kennen. Gespräche verlaufen oft nicht konfliktfrei ab, sodass es ratsam ist,
Grundregeln produktiver Gesprächsführung zu kennen, optimal zu argumentieren und
rhetorische Tricks und „Killerphrasen“ zu durchschauen. Mit Feedback anstelle von
Kritik geben Führungskräfte ihren Mitarbeitern Anstöße zur Verbesserung ihrer Per-
formance.
8.1
Grundlagen der Kommunikation
Was ist Kommunikation? Warum ist es so schwer, verstanden zu werden? Und warum
müssen wir uns mit aller Kraft bemühen, uns verständlich zu machen?
In diesem Kapitel werden in Anlehnung an Schulz von Thun (vgl. Schulz von Thun
1997) zunächst zwei einfache Werkzeuge zum besseren Verständnis von Kommunikati-
onsprozessen vorgestellt:
Kommunikation und Gesprächsführung
8
146
8 Kommunikation und Gesprächsführung
• Das Nachrichtenquadrat stammt aus der Humanistischen Psychologie. Es zeigt uns,
welche Botschaften wir an andere übermitteln und mit welchen „Ohren“ wir die Bot-
schaften der anderen hören.
• Das Teufelskreisschema verbindet Ansätze der Humanistischen Psychologie mit Sicht-
weisen der Systemischen Psychologie. Im Teufelskreisschema wird deutlich, wie sehr
wir in unserem Kommunikationsverhalten von den Aktionen und Reaktionen unseres
Gegenübers abhängig sind. Der Ausweg aus manchen zwischenmenschlichen Katast-
rophen kann einfach darin bestehen, „horizontal“ zu kommunizieren, das heißt: über
die eigene „Innerung“ zu reden, kurz, „sich zu zeigen“.
8.1.1
Was ist und wie funktioniert Kommunikation?
Wenn wir kommunizieren, dann teilen wir uns einander mit. Wie aber geschieht das im
Einzelnen. Übermitteln wir „Informationen“ oder gar „Wissen“, wenn wir kommuni-
zieren? Dies legen jedenfalls Begriffe wie „Informationstechnik“, „Informationsgesell-
schaft“, „Wissensmanagement“ usw. nahe. Wenn wir mit dem Handy telefonieren, dann
nutzen wir Informationstechnik, manche sagen auch Kommunikationstechnik. Wenn wir
ein Buch lesen, kommunizieren wir dann, oder ist nur der Dialog mit anderen Menschen
Kommunikation?
Schon lange wird versucht, Kommunikation zu klassifizieren und mit Modellen zu
beschreiben. Paul Watzlawick hat in seinen Untersuchungen zur sozialen Interaktion die
Inhaltsebene von der Beziehungsebene in Kommunikationsprozessen unterschieden (vgl.
z. B. Watzlawick et al. 1969). Dies war ein bedeutender Schritt, der sich auch auf die
Auffassung von Kommunikation in der Führungslehre auswirkt.
Im allgemeinen Sprachgebrauch unterscheiden wir – wenig trennscharf – zwischen
„Information“ und „Kommunikation“. Wo es im Betrieb z. B. ausschließlich um Ansa-
gen und Mitteilungen an die Mitarbeiter geht, da wird informiert. Damit ist die einseitig
gerichtete Übermittlung von Botschaften gemeint, z. B. auch die „rechtzeitige und umfas-
sende Information“, die dem Betriebsrat in mitbestimmungsrelevanten Angelegenheiten
zuteil wird (Abschn. 12.2.6). Wo aber ein Austausch stattfinden soll, da sprechen wir von
Kommunikation. Im Rahmen von Zielvereinbarungsgesprächen z. B. kommunizieren wir
unsere Vorstellungen von den zu erreichenden Zielen. Im Rahmen der Regelkommunika-
tion sprechen wir mit unseren Mitarbeitern, um deren Sichtweisen kennenzulernen und
unsere Vorstellungen zu verdeutlichen.
Kommunikation spielt sich zwischen einem Sender und einem Empfänger verbal und
nonverbal ab. Kommunikation enthält immer Kombinationen von verbalen und nichtver-
balen Elementen. Dabei entsteht ein Mix aus unterschiedlichen Botschaften, die oft zu
Missverständnissen führen.
Dazu ein kleines Beispiel:
Schauen wir uns einmal das junge Paar in Abb. 8.1 an. Sie sind gerade in der neuen
Wohnung angekommen, und nun geht es ans Auspacken. Sie sagt zu ihm: „Trag mir mal
die Kiste hier ins Schlafzimmer.“
147
Er antwortet: „Laut Plan kommt diese Kiste aber ins Arbeitszimmer.“
Was wird hier ausgetauscht? Sind das Informationen? Zunächst einmal sind es Sig-
nale. Schallwellen dringen an das Ohr, setzen das Trommelfell in Schwingungen, und
über mehrere Instanzen werden dann Impulse erzeugt, die im Gehirn weiter verarbeitet
werden. Das gilt auch für visuelle Reize, die durch Lichtwellen erzeugt werden sowie
für Berührungen. Aber ist es das, was wir wissen wollen? Nein, wir wollen über die
Bedeutung des Ganzen mehr erfahren. Was wird da auf der Ebene der Bedeutungen aus-
getauscht?
Das sind Nachrichten. Wir können nur Nachrichten abgeben und empfangen. Aber
wo sind dann die Informationen? Die Informationen entstehen beim Empfänger. Ebenso
wie Kunst im Auge des Betrachters entsteht, entstehen Informationen beim Empfänger.
Der Empfänger von Nachrichten entscheidet, mehr oder weniger bewusst, was an der
Nachricht für ihn einen Informationswert besitzt. Das sind in der Regel all die Nachrich-
tenanteile, die entweder neu für den Empfänger sind oder die aus irgendeinem Grunde
von ihm als wichtig, als bedeutungsvoll erachtet werden. In diesem Fall könnte es z. B.
sein, dass der Empfänger für sich als Hauptinformation „heraushört“: „Sie will sich ein-
fach nicht an meinen Umzugsplan halten.“ Es kann sein, dass für sie wiederum an sei-
ner Äußerung die wichtigste Information ist, dass er ihr Vorurteil wieder einmal bestätigt
hat: „Bei allem muss er sich erst ’ne Zeichnung machen.“
Wir übermitteln nur Nachrichten – Informationen entstehen beim Emp-
fänger Leider tauschen wir also keine Informationen aus, sondern nur Nach-
richten. Unser Gegenüber macht sich daraus seine eigenen Informationen, ob
Information A
Information B
"Laut Plan kommt diese Kiste
aber ins Arbeitszimmer."
Nachricht
"Trag mir mal die Kiste
hier ins Schlafzimmer."
Nachricht
"Bei allem muss er sich
erst ´ne Zeichnung
machen."
"Sie will sich einfach nicht
an meinen Umzugsplan
halten."
Abb. 8.1 Missverständnisse beim Kommunizieren
8.1 Grundlagen der Kommunikation
148
8 Kommunikation und Gesprächsführung
wir wollen oder nicht. Missverständnisse sind vorprogrammiert. Verstehen ist
also in der Tat unwahrscheinlich! Aus dieser Erkenntnis resultiert, dass wir uns
alle Mühe geben sollten, wenn wir verstanden werden wollen.
8.1.2
Das Nachrichtenquadrat
Ein Grundmodell der Allgemeinen Kommunikationspsychologie hat sich einen besonde-
ren Namen gemacht: Das Nachrichten-Quadrat von Friedemann Schulz von Thun (vgl.
Schulz von Thun 1997). Er hat die Grundannahme von Watzlawick, dass in jeder Nach-
richt viele Botschaften gleichzeitig enthalten sind, konkretisiert. Um diese verschiedenen
Botschaften zu ordnen, beschränkt sich Schulz von Thun auf vier „seelisch bedeutsame
Seiten“ (Abb. 8.2).
Sachinhalt – Worüber ich informieren will: Eine Nachricht enthält eine Sachbotschaft.
Diese ist überprüfbar und belegbar.
Selbstoffenbarung – Was ich von mir selbst kundgebe: In diesem Aspekt der Nach-
richt zeigt der Sender etwas über die eigenen Werte und Befindlichkeiten.
Beziehungsbotschaft – Was ich von Dir halte und wie wir zueinander stehen: In die-
sem Aspekt der Nachricht zeigt der Sender, wie er zum Empfänger steht, was er von ihm
hält (Ich-Botschaften) und wie er die Beziehung zwischen den beiden sieht (Du- und
Wir-Botschaften).
Appellbotschaft – Wozu ich Dich veranlassen möchte: Damit will der Sender Einfluss
auf den Empfänger nehmen und diesen veranlassen, etwas zu tun, zu unterlassen, zu
sagen, zu denken oder zu fühlen.
Abb. 8.2 Das Nachrichtenquadrat
Sachinhalt
Selbstkundgabe
Beziehungsbotschaft
Appell
149
8.1.3
Der vierohrige Empfänger
Der Zuhörer hört die verschiedenen Seiten der Nachricht mit speziell auf sie ausgerich-
teten „Ohren“ (Abb. 8.3). Je nach Gefühlslage ist das eine oder das andere Ohr empfäng-
licher für die gesendete Botschaft. Diese löst in dem Gesprächspartner, unterstützt durch
Gestik und Mimik des Sendenden, bestimmte Emotionen aus. Je nachdem, für welches
Ohr sich der Empfangende – meist unbewusst – entschieden hat, kann das Gespräch in
Richtungen abdriften, die der „Sender“ nicht beabsichtigt hat.
Das Sach-Ohr – Worüber erzählst Du mir gerade etwas: Das Sach-Ohr des Empfän-
gers ist für die sachliche Botschaft einer Nachricht zuständig. Wenn keine akustischen
Störungen vorliegen, dürfte es keine Missverständnisse geben. Allerdings werden „Sach-
fragen“ oft vorgeschoben, um Auseinandersetzungen auf der Beziehungsebene zu provo-
zieren.
Das Beziehungs-Ohr – Was hältst Du von unserer Beziehung: Über das Beziehungs-
Ohr interpretiert der Empfänger, was der Sender von ihm hält und wie der Sender die
Beziehung zwischen beiden sieht. Dementsprechend fühlt er sich auch behandelt
(bevormundet, beschuldigt, geliebt, geachtet). Bei manchen Empfängern ist das auf die
Beziehungsseite gerichtete Ohr so ausgeprägt, dass sie in eigentlich beziehungsneutrale
Nachrichten und Handlungen eine Stellungnahme zu ihrer eigenen Person hineinlegen
oder übergewichten. Sie beziehen alles auf sich.
Das Selbstkundgabe-Ohr – Was sagst Du mir gerade über Dich: Mit dem Selbstkund-
gabe-Ohr diagnostiziert der Empfänger, wie sich der Sender gerade fühlt und was er von
sich selbst hält.
Das Appell-Ohr – Was willst Du von mir: Das Appell-Ohr hört in der Nachricht eine
Aufforderung, etwas zu tun oder zu lassen und sich in bestimmter Weise zu verhalten.
Dadurch kann sich der Empfänger unter Druck gesetzt fühlen.
Ohr der
personalen
Diagnostik:
Was ist das für
eine?
Beziehungs-
Ohr: Wie steht
sie zu mir?
Appell-Ohr:
Was soll ich
tun, denken,
fühlen?
Sach-Ohr:
Was sagt sie?
Abb. 8.3 Das Vier-Ohren-Modell
8.1 Grundlagen der Kommunikation
150
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Die Reflexionen von Alfred A. Neumann über das Nachrichtenquadrat und den
vierohrigen Empfänger
Alfred A. Neumann: „Wenn ich das jetzt mal auf meine Erfahrungen mit meiner
Frau anwende, wenn ich koche, dann komme ich auf Folgendes:
meine Frau zu mir – Sachbotschaft: Die Kartoffeln kochen!
meine Frau – Selbstkundgabe: Ich bin hier ja wohl die Einzige, die den Durchblick hat.
ich – Selbstkundgabe-Ohr: Ich diagnostiziere: Sie hält sich für die beste Köchin.
meine Frau – Appellbotschaft: Gieß doch endlich die Kartoffeln ab, die werden ja
sonst ganz matschig!
ich – Appell-Ohr: Sie will, dass ich die Kartoffeln abgieße!
meine Frau – Beziehungsbotschaft: Ohne mich würdest du doch in der Küche
nichts zustande bringen!
ich – Beziehungs-Ohr: Ich fühle: Sie traut mir in der Küche überhaupt nichts zu.“
8.1.4
Das Modell der Kommunikationspsychologie
Das kommunikationspsychologische Modell (vgl. Schulz von Thun 1997, S. 22) fasst
die Botschaften des Nachrichtenquadrats und die vier Ohren zu einem Gesamtmodell
zusammen. Es ermöglicht eine Scharfeinstellung sowohl auf den Sender als auch auf den
Empfänger. Innere Verfassungen und Persönlichkeitsprägungen führen zu einer Bevor-
zugung bestimmter „Ohren“. Nach humanistisch-psychologischer Auffassung wäre es
ideal, wenn es
• dem Sender gelingen würde, eine weitgehende Entsprechung von Innerung und Äuße-
rung (Glaubwürdigkeit, Echtheit) zu erzielen und
• wenn es dem Empfänger gelingen würde, die hinter der Äußerung liegende Innerung
aufzuspüren und so zu einem tieferen Verständnis zu gelangen.
Zur Gestaltung einer bewussten Äußerung sollte im Idealfall zunächst ein Bewusstsein
über den eigenen Zustand, über die eigene Innerung also, vorhanden sein. Wem dies
gelingt, dem ist die wirksame Einflussnahme, das Ändern des Anderen nicht so wichtig
und sogar verpönt.
Was tue ich mit mir selbst, wenn der andere nicht so ist, wie ich ihn haben
will? Der einzige Mensch, den ich ändern kann, bin ich selbst. Aus dieser Hal-
tung resultiert dann die für eine Führungskraft so wichtige Einsicht, dass man
andere Menschen zunächst einmal so zu respektieren hat, wie sie sind (oder
wie sie einem vorkommen). Wenn mir das Verhalten des Gegenübers nicht
gefällt, so kann ich hierzu ein Feedback geben, ich kann das auch konfrontieren.
Aber letztlich muss ich mich selbst dazu entscheiden, wie ich mit diesem Men-
schen umgehen möchte. Das kann natürlich auch dazu führen, dass ich mich
151
von ihm trenne, wenn sein Verhalten mir unerträglich erscheint. Es geht aber
immer um das eigene Verhalten und nicht darum, den Anderen zu verändern.
Wie überzeuge ich Andere? Wenn ich andere Menschen von einer Idee oder
einem Projekt überzeugen möchte, dann stellen sich zwei Kardinalfragen:
• Kardinalfrage 1: Bin ich selbst von der Sache überzeugt? Merke: Nur was
mich selbst erglüht, kann andere entzünden!
• Kardinalfrage 2: Was kann ich tun, um gehört, verstanden und als überzeu-
gend wahrgenommen zu werden? Merke: Nur wenn ich die anderen dort
abhole, wo sie gerade stehen, kann ich sie mitnehmen!
8.1.5
Das Teufelskreis-Schema
8.1.5.1 Das System Zweierbeziehung
Mit dem Teufelskreis-Schema erweitert Schulz von Thun den Blick vom Individuum
auf die Interaktion zwischen Menschen. Die Interaktion beschreibt das Hin und Her von
Äußerung und Innerung, von Aktion und Reaktion zweier Menschen. Angelehnt ist die-
ses Schema an Erkenntnisse der Systemischen Psychologie, die das Verhalten und Erle-
ben des Menschen nicht nur aus seiner innerseelischen Dynamik begreift, sondern die
Gegebenheiten des sozialen Systems einbezieht, innerhalb dessen er seinen Platz hat. Im
einfachsten Fall handelt es sich bei diesem System um eine Zweierbeziehung.
In der Humanistischen Psychologie geht es hauptsächlich um die Persönlichkeit des
Einzelnen und um die Möglichkeit seiner Weiterentwicklung. In der Systemischen Psy-
chologie geht es um die Gesetzmäßigkeiten, mit denen die „Elemente“ des Systems
aufeinander reagieren und Einfluss nehmen. Beides wird hier im Teufelskreis-Schema
zusammen betrachtet. Die „Systemtherapie“ geht davon aus, dass die Ursachen von
Kommunikationsschwierigkeiten nicht (in erster Linie) beim einzelnen Menschen zu
suchen sind, sondern im (Fehl-)Funktionieren des ganzen Regelsystems.
8.1.5.2 Der einfache Teufelskreis
Diese Sichtweise kann man auf ein einfaches Modell übertragen, das Teufelskreis-
Schema (Abb. 8.4).
Die Äußerungen eines Menschen, die er aufgrund seiner Innerungen (Gefühle und
Empfindungen) von sich gibt, wirken auf die Innerungen des anderen Menschen, der sich
daraufhin wiederum äußert und damit die Innerungen des ersten beeinflusst usw. Man
kann sich diesen Regelkreis also mit vier Stationen vorstellen. Dabei werden in die ecki-
gen Kästen die äußerlich sichtbaren und wirksamen Verhaltensweisen (Äußerungen) bei-
der Partner eingetragen und in die Kreise ihre inneren Reaktionen (Innerungen).
8.1 Grundlagen der Kommunikation
152
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Beispiel: Misstrauischer Chef
Der Vorgesetzte beobachtet, dass einer seiner Mitarbeiter sich in den Mittagspausen
oft mit einer Kollegin aus einer anderen Abteilung trifft (Abb. 8.5). Er argwöhnt,
dass hier Interna an den Leiter der anderen Abteilung gelangen, zu der eine gewisse
Konkurrenz besteht. Er fragt seinen Mitarbeiter und ermahnt ihn wiederholt, keine
Informationen aus der Abteilung weiterzutragen. Dieser fühlt sich daraufhin aus-
gefragt und verfolgt, mit der Konsequenz, dass er sich nun mit der Kollegin in der
Mittagspause nicht mehr in der Kantine, sondern in einem Restaurant außerhalb der
Firma trifft.
Innerung des Vorgesetzten: „Weil du deine Kontakte vor mir verheimlichst, werde
ich unruhig und versuche dementsprechend in Erfahrung zu bringen, was hinter den
Kulissen gespielt wird!“
Innerung des Mitarbeiters: „Weil du mich andauernd verhörst, mir sogar nachspio-
nierst, fühle ich mich überwacht und eingeschränkt. Dann ziehe ich mich weiter zurück!“
Solche Teufelskreise tendieren zur Eskalation, die durch horizontale Kommunika-
tion gebremst werden kann.
Abb. 8.4 Der einfache
Teufelskreis
Innerung
Innerung
Äußerung
Äußerung
Person 1
Person 2
Abb. 8.5 Beispiel:
Misstrauischer Chef
ist miss-
trauisch
fühlt sich
verfolgt
ermahnt
Mitarbeiter
versteckt
sich
Vor-
gesetzter
Mit-
arbeiter
153
8.1.5.3 Horizontale Kommunikation
Zur Entspannung der Situation sollten die Partner versuchen, ihre typische vertikale
Kommunikation (Äußerung zu Äußerung, Du-Botschaften, Vorwürfe von oben nach
unten und umgekehrt) durch eine horizontale Kommunikation (Ich-Botschaften, über
Innerungen reden) zu unterbrechen (Abb. 8.6). Sie sollten über ihre Ängste und Befürch-
tungen reden und „sich zeigen“.
Im geschilderten Beispiel könnte z. B. der Vorgesetzte beginnen:
Vorgesetzter zeigt seine Innerung: „Ich fühle mich bedroht, wenn Du mir nicht sagst,
was Du mit Frau X beredest. Sie gehört zur Abteilung von Z, der mich schon seit langem
beim Chef anschwärzt“.
Dies wird den Mitarbeiter wahrscheinlich betroffen machen. Er könnte dann z. B. wie
folgt reagieren:
Mitarbeiter zeigt seine Innerung: „Das tut mir leid, ich hinterbringe Z hinter Deinem
Rücken gar nichts. Ich mag Frau X mittlerweile sehr und wir treffen uns auch nach Fei-
erabend. Aber ich fühle mich durch Dich verfolgt und eingeschränkt und ich bin sauer,
dass Du an meiner Loyalität zweifelst.“
Auf dieser Basis gäbe es dann wohl gute Chancen für eine Einigung.
Wichtig für Führungskräfte ist die Einübung in das systemische Denken, das durch
die Zirkularität dieses Schemas, welches keinen Anfang und keine Ursache, sondern nur
Wechselwirkungen kennt, angeregt wird.
8.2
Kommunikationsstile – Wer passt zu wem?
Der Begriff „Kommunikationsstil“ beschreibt Typen der Kontakt- und Beziehungsge-
staltung, wie sie in der Humanistischen Psychologie definiert sind. Die Erkenntnisse
aus dem Nachrichtenquadrat und dem Teufelskreis-Schema machen uns deutlich, dass
das Thema Kommunikation nicht allgemein und für jeden gleich zu behandeln ist. Viel-
mehr ist hier eine differenzierte Betrachtung notwendig, denn jeder Mensch entwickelt
einen eigenen Stil, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und Beziehungen zu
Abb. 8.6 Horizontale
Kommunikation
Innerung
Innerung
Äußerung
Äußerung
Person 1
Person 2
horizontale
Kommunikation
8.2 Kommunikationsstile – Wer passt zu wem?
154
8 Kommunikation und Gesprächsführung
gestalten. Schulz von Thun hat das in acht Kommunikationsstilen zusammengefasst (vgl.
Schulz von Thun 1997, S. 57 ff.; Abb. 8.7).
Jeder Stil ist mit einer bestimmten inneren Verfassung (Ich-Zustand) verbunden.
Diese Bedürfnisse, Gefühle, Stimmungen und Absichten erreichen den Kommunikati-
onspartner über Worte und nonverbale Botschaften. Dabei gilt, dass ein Mensch nicht
nur mit einem Stil kommuniziert.
Alle Menschen können alle Kommunikationsstile einnehmen. Die Stile schließen sich
gegenseitig nicht aus, man findet sich mehr oder weniger in allen Stilen wieder. Welcher
Stil auf welche Weise und mit welcher Intensität zutage tritt, ist von der inneren Verfas-
sung der Kommunikationspartner und von dem jeweiligen Gegenüber und der jeweiligen
Situation abhängig.
Die Kommunikationsstile sind komplementär zueinander Nicht nur die
Summe meiner eigenen Erfahrungen, Bedürfnisse und Einstellungen prägt
die Art und Weise, in welcher ich in Kontakt zu meinen Mitmenschen trete. Im
Laufe des Lebens haben sich bestimmte Färbungen ergeben, die mich einen
bestimmten Kommunikationsstil gegenüber einem anderen, komplementä-
ren Stil einnehmen lassen. Der Hilfsbedürftige braucht den Helfer, wie auch
der Helfer den Hilfsbedürftigen braucht.
Die Kommunikationspsychologie will das Bewusstsein für das eigene Kommunikati-
onsverhalten entwickeln. Deshalb ist es nützlich zu hinterfragen, was der jeweilige Stil
ermöglicht, erspart oder vielleicht auch verbaut. Auch hier kann die Frage: „Was ist gut
daran?“ erstaunliche Erkenntnisse zutage fördern.
Bedürftig-abhängiger Stil
Sich beweisender Stil
Bestimmend-
kontrollierender Stil
Sich distanzierender Stil
Helfender Stil
Selbstloser Stil
Aggressiv-entwertender Stil
Mitteilungsfreudig-
dramatisierender Stil
Abb. 8.7 Kommunikationsstile
155
Im Folgenden werden die acht Kommunikationsstile von Schulz von Thun beschrie-
ben und kommentiert.
8.2.1
Der bedürftig-abhängige Stil
Der Hilfsbedürftige vermittelt einen hilflosen oder auch überforderten Eindruck. Diese
Personen fühlen sich zu den nach außen stark Wirkenden hingezogen. Allein das Gefühl,
beschützt zu werden, kann als treibende Kraft bei dem dargestellten Miteinander ange-
sehen werden. Dadurch entsteht ein Kontaktmuster, das oft auf der nonverbalen Ebene
(Mimik, Gestik) ausgeführt und durch den Tonfall und der Auswahl der Formulierungen
intensiviert wird.
Nachrichtenquadrat
Selbstoffenbarung: „Alleine schaffe ich es nicht, ich bin dem nicht mehr gewachsen!“
„Ich kann das nicht, wie sollte ich das auch mit meinen schwachen Kräften.“
Beziehungsbotschaft: „Du bist stark und kompetent.“ Durch diese Botschaft fühlt sich
der Angesprochene aufgewertet. Er spürt durch den Kontakt mit dem Hilfsbedürftigen
eine Seite an sich, die ihn aufwertet und sich gut anfühlt: fähig zu sein und gebraucht zu
werden. Die Botschaft kann explizit sein „Du hast so eine gute Art!“ oder auch implizit
gesendet werden (durch die Art der Gesprächsführung).
Appellbotschaft: „Hilf mir, du musst für mich sorgen, lass mich bloß nicht im Stich!“
Der Appell wird manchmal explizit ausgesprochen „Das kannst Du nun wirklich mal für
mich tun!“, oft aber implizit „Der Blick kann einem das Herz erweichen.“
Teufelskreis 1
Äußerung des Hilfsbedürftigen: „Du musst mir helfen!“
Innerung des Helfers: Überlegenes Gefühl
Äußerung des Helfers: „Ich mach das schon“
Innerung des Hilfsbedürftigen: Erleichterung, sich weiterhin schwach fühlen
Die Kommunikationspartner provozieren beim Partner das immer wieder gleiche Ver-
halten. In diesem Verhaltensmuster würden die Beteiligten nicht bleiben, wenn es nicht
auch Vorteile bringen würde: Der Vorteil für den Bedürftig-Abhängigen besteht darin,
dass eigenständiges Handeln erspart bleibt, denn genau davor hat er wahrscheinlich
Angst. Der Vorteil für den Helfer liegt darin, sich stark und überlegen zu fühlen.
Auf der anderen Seite hat ein solcher Kreislauf natürlich auch Nachteile: Er verewigt
die Entwicklungsrückstände beider Beteiligten, indem er jeweils nur die ohnehin gut ent-
wickelten Seiten zulässt. Er bedeutet eine immer neue Kränkung des Selbstwertgefüh-
les bei dem Bedürftig-Abhängigen und verursacht bei ihm latente Wut über die eigene
Angewiesenheit auf Hilfe. Diese Wut richtet sich auch auf den „Helfer“, denn dieser ist
in den Augen des Abhängigen oft Schuld an der Situation.
8.2 Kommunikationsstile – Wer passt zu wem?
156
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Teufelskreis 2
Ist der Partner eher verweigernd oder distanzierend, ergibt sich folgende Konstellation:
Äußerung des Hilfsbedürftigen: „Du musst mir helfen!“
Innerung des Helfers: Gefühl, belästigt zu werden
Äußerung des Helfers: „Lass mich in Ruhe“
Innerung des Hilfsbedürftigen: Sich schwach fühlen
In diesem Fall wird die Bedürftigkeit des Abhängigen durch die abweisende Haltung
des Partners immer mehr gesteigert. Dies wiederum führt zu einer noch stärkeren Distan-
zierung beim Helfer.
Die beiden Teufelskreise können in derselben Beziehung wirksam werden, z. B. wenn
der Partner zunächst fürsorglich reagiert, aber irgendwann, wenn er sich verausgabt hat,
in eine distanzierende Haltung „kippt“.
8.2.2
Der helfende Stil
Dies ist der Komplementärstil zum bedürftig-abhängigen Stil. Es entsteht eine starke
Wechselbeziehung zwischen den beiden extremen Charakteren.
Die Grundhaltung der „helfenden“ Person könnte lauten: „Keine Sorge! Ich bin ganz
für Dich da! Du brauchst es mir nur sagen, dann helfe ich Dir.“ Diese Ausstrahlung wirkt
auf vermeintlich „hilflose“ Menschen wie ein Magnet. Es gibt aber auch Menschen, die
dagegen allergisch sind, wenn sich ihnen jemand mit einem fürsorglichen Blick nähert.
Nachrichtenquadrat
Selbstoffenbarung: „Ich bin stark und belastbar. Ich selbst brauche niemanden!“
Beziehungsbotschaft: „Du Armer, du bist wirklich zu bedauern und brauchst Hilfe!“
Die Hilfsbedürftigkeit des Anderen wird hier deutlich betont. Dies ist wichtig für den
Helfenden, da er vermutlich mit seinen eigenen schwachen und hilfsbedürftigen Anteilen
auf Kriegsfuß steht.
Appellbotschaft: „Sag, wo drückt der Schuh?!“ Die Appelle enthalten hier meistens
Empfehlungen für andere, jedoch keine eigenen Bedürfnisse oder Wünsche.
Teufelskreise
Schon beim bedürftig-abhängigen Stil haben wir gesehen, wie der Teufelskreis mit
einem helfenden Partner aussehen kann. Dabei erspart es der Helfende dem Bedürftigen,
sich verantwortungsvoll und erwachsen mit seinem eigenen Leben auseinanderzusetzen.
Es kommt zu einem Doppelkreislauf: Es entsteht ein Außenkreis von Fürsorge und
Dankbarkeit und ein meist wenig bewusster Innenkreis, in dem es um Enttäuschung und
Kränkung, um Aggression und Sabotage geht.
Der Hilfsbedürftige spürt mit seinen feinen Antennen immer auch, dass der Helfer,
seine Situation auskostet und sich selbst „groß“ fühlt. Um diesem seine Unzulänglichkeit
nachzuweisen, „stürzt“ er seinen Helfer von dessen „Thron“ und bezeichnet seine Rat-
schläge als untauglich („Hat ja alles nichts genützt“). Damit rächt er sich einerseits für
157
die empfundene (aber selbst provozierte) Demütigung und spornt ihn andererseits weiter
an, in seinen Anstrengungen nicht nachzulassen. Wird dieser „Köder“ erneut geschluckt,
verschärft sich die Spirale und die Ratschläge werden zu gereizten Rat-„Schlägen“.
Diese „Schläge“ produzieren in dem Hilflosen umso stärker das Gefühl, ein Versager zu
sein, wovor er sich ohnehin schon fürchtet.
Wer sich innerlich gut gegen die Kontaktaufnahme aus dem hilfsbedürftigen Kommu-
nikationsstil abgrenzen kann, hat eine schroffe Abwehr nicht nötig. Er kann mitfühlen
und helfen, ohne sich innerlich aufzugeben.
8.2.3
Der selbstlose Stil
Das Grundmuster besteht ebenfalls darin, für Andere da zu sein. Während der Helfer das
jedoch von oben herab tut, gibt sich der Selbstlose unterwürfig. Charakteristisch ist die
tiefe Überzeugung, selbst bedeutungslos zu sein. Daraus folgt dann das Bedürfnis, die
eigene Wertlosigkeit durch den Einsatz für Andere zu kompensieren. Wer für Andere da
ist, wird zumindest wahrgenommen.
Nachrichtenquadrat
Selbstoffenbarung: „Ich bin unwichtig!“, „Ich bin nichts!“ Hier wird die eigene Bedeu-
tungslosigkeit, das fehlende Selbstwertgefühl in starken Worten formuliert. Sätze wie
„Leider bin ich schrecklich ungebildet…“, „Bestimmt bin ich Ihnen schon die ganze Zeit
lästig…“ „Es tut mir leid, dass ich Ihre kostbare Zeit mit diesen unwichtigen Dingen
stehle…“ zeigen deutlich die Tendenz zur Selbstentwertung. Der Selbstlose will sich
nicht selbst offenbaren, um nicht im Mittelpunkt zu stehen, um sein Gegenüber nicht zu
belasten, um den anderen nicht zu belästigen. „Ich kann mich Dir nicht zumuten!“ ist die
innere Überzeugung des Selbstlosen, der alles aus der Selbstoffenbarung ausspart, was
andere enttäuschen, verletzen und wütend machen könnte.
Beziehungsbotschaft: „Maßgeblich bist du!“ Charakteristisch ist die Aufwertung des
anderen – die Beziehungsbotschaft ist gekennzeichnet durch eine starre Hierarchie zwi-
schen dem Anderen (oben) und dem Selbst (unten).
Appellbotschaft: „Sag mir, wie du mich haben willst!“
Teufelskreise
Trifft nun ein Mensch, bei dem der selbstlose Kommunikationsstil dominiert, auf eine
andere Person, die ihre Angst vor der eigenen Minderwertigkeit hinter zur Schau gestellter
Stärke versteckt, hat er sein passendes Pendant gefunden. Aus systemischer Sicht gehen die
beiden eine seelische Arbeitsteilung ein, die für jeden im ersten Moment nur Vorteile hat:
Der Selbstlose hat Angst, seine großartige Seite auszuspielen und zeigt seine „Nicht-
O.K.-Seite“. Er fühlt sich zwar unterlegen aber sicher.
Beim stark erscheinenden Partner leistet der Selbstlose „narzisstische Aufbauarbeit“.
Dieser ist dankbar für jede Bestätigung der eigenen Person. Seine eigenen Schattenseiten
kann er leicht auf den Selbstlosen projizieren.
8.2 Kommunikationsstile – Wer passt zu wem?
158
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Damit muss keiner der Partner seine unterentwickelten Teile weiterentwickeln:
Scheinbar passen die beiden wie „Topf und Deckel“ zusammen.
Auch hier entsteht ein Teufelskreis, der aggressiv ausufern kann, z. B., wenn sich der
„Starke“ im Lauf der Zeit von der ständigen Selbstentwertung des Selbstlosen gestört
fühlt und als Reaktion seine eher herablassende Haltung verstärkt. Dies treibt den Selbst-
losen dann immer weiter an, sich noch kleiner zu machen. Daraus kann ein Selbstbild
entstehen welches den Selbstlosen als „Märtyrer“, als Opfer oder selbstlosen Engel sti-
lisiert. Auf der anderen Seite entwickelt der ehemals Starke seine aggressiv-entwertende
Seite weiter.
8.2.4
Der aggressiv-entwertende Stil
Der Aggressiv-Entwertende entdeckt ständig Fehler im Anderen und prangert diese
offen oder versteckt an. Er befindet sich dabei in dem Glauben, der Andere habe es nicht
anders verdient. Dieses Verhalten tritt besonders dann zutage, wenn man sich selbst
keine Blöße geben und keine Angriffspunkte bieten will.
Nachrichtenquadrat
Selbstoffenbarung: „Ich bin oben!“, „Mir kann keiner!“ Die Selbstdarstellung konzent-
riert sich auf Stärke und Unverletzlichkeit.
Beziehungsbotschaft: „Du bist schuld!“, „Du bist erbärmlich!“, „Du bist dumm!“,
„Du bist krankhaft!“ Die Beziehungsbotschaft ist grundsätzlich herabsetzend. Dieser
Mensch hat ein misstrauisches Beziehungsohr, wittert ständig Widersacher (bei anderen
Menschen oder in bestimmten Gruppen, z. B. Migranten, Erwerbslosen) und befindet
sich oft in einer aggressiven Lauerstellung.
Appellbotschaft: „Gib klein bei!“, „Bekenne dich schuldig!“.
Teufelskreise
Aus systemischer Sicht kann es zwei Typen von „Mitspielern“ geben. Ist der Partner ein
Selbstloser, sprechen wir von einem „komplementären Kreislauf“: In seiner Reaktion
gibt der Selbstlose die passende Ergänzung zum aggressiv-entwertenden Stil.
Ein „symmetrischer Kreislauf“ entsteht, wenn beide Partner aggressiv, verletzend und
wütend reagieren. Da der Partner die gleiche Absicht hat, kriegen sich beide schnell in
die Haare und können nicht voneinander lassen. Meist sind die Wunden nachher größer
als vorher, und es kommt zu keiner Problemlösung.
8.2.5
Der sich beweisende Stil
Der sich-beweisende Stil präsentiert sich in der Öffentlichkeit selbstbewusst und möchte
kompetent erscheinen. Menschen, bei denen dieser Stil dominant ist, reißen Arbeit und
159
Aufgaben an sich. Sie versuchen, durch große Anstrengung Lob zu erhalten. Sie möch-
ten keine Fehler machen und sich keine Blöße geben.
Nachrichtenquadrat
Selbstoffenbarung: „Ich bin ohne Fehl und Tadel!“
Beziehungsbotschaft: „Du wirst mich beurteilen oder mit mir konkurrieren!“ Auf
der Beziehungsebene erscheinen andere Personen dem sich beweisenden Menschen als
Richter oder Rivalen.
Appellbotschaft: „Erkenne mich an!“
Symmetrischer Teufelskreis
Begegnen sich zwei Personen, die beide hohe Ansprüche an den eigenen Kompetenz-
nachweis stellen, eröffnet sich ein Kreis aus Konkurrenz und Beweisnot bzw. Selbstpro-
filierung. Eine andere mögliche Reaktion wäre der Beginn des Wetteiferns – „Mein Auto,
mein Haus, mein Boot…“
Äußerung des Sich-Beweisenden: „Ich bin ohne Fehl und Tadel“
Innerung des Partners: Druck, Wetteifer
Äußerung des Partners: „Seht her, so gut bin ich schon lange“
Innerung des Sich-Beweisenden: Druck, „Ich muss mithalten“
Komplementärer Teufelskreis
Ein anderer Teufelskreis entsteht, wenn der sich-beweisende Stil an Personen gerät, die
widerwillig auf die Lobaufforderungen des Gegenübers reagieren. Der beweisende Stil
fühlt sich infrage gestellt und gerät weiter in Beweisnot für seine Leistungen.
Äußerung des Sich-Beweisenden: „Ich bin ohne Fehl und Tadel“
Innerung des Partners: unwirsch, verdrossen, widerwillig
Äußerung des Partners: negative, abwertende Reaktion
Innerung des Sich-Beweisenden: Beweisnot
8.2.6
Der bestimmend-kontrollierende Stil
Dem bestimmend-kontrollierenden Stil ist es sehr wichtig, die Dinge und Menschen so
zu lenken, dass sie unter seiner Kontrolle bleiben. Die Angst vor dem Kontrollverlust bei
diesen Personen ist oft so groß, dass sie zwanghafte Züge entwickelt und ihr Leben so
gestalten, dass alles vorausschaubar, planbar und lenkbar bleibt.
Nachrichtenquadrat
Selbstoffenbarung: „Ich weiß, was richtig ist!“
Beziehungsbotschaft: „Du bist ein Risikofaktor, man muss Dich kontrollieren und anleiten.
Sonst geht alles schief.“ „Wenn man Dich Dir selbst überlassen würde, dann würde es nicht
gut ausgehen!“ Die Entwertung in diesen Aussagen hat bei dem bestimmend-kontrollierenden
8.2 Kommunikationsstile – Wer passt zu wem?
160
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Stil die Absicht den anderen zu ändern, ihn zu formen und zu kontrollieren. (Beachte: im
aggressiv-entwertenden Stil war es das Ziel, den anderen herabzusetzen!)
Appellbotschaft: „Das macht man so und so! …Es gehört sich nicht, dass…“ Der
Appellcharakter ist bei diesem Kommunikationsstil am stärksten ausgeprägt. Jeman-
dem, dem man nichts zutraut, will man immer eine Art Anleitung auf den rechten Weg
mitgeben. Regelmäßig wird somit die Grenze des Anderen überschritten. Die eigenen
Wünsche treten dabei aber nicht offen zutage: Die Appelle sind normativ, als Regel for-
muliert, sozusagen im Namen eines höheren Gesetzes. Darauf weist allein die Sprach-
wahl hin: „Man-Formulierungen“ anstelle von Ich-Botschaften werden gesendet.
Teufelskreis der Erleichterung
Äußerung des bestimmend-Kontrollierenden: „Alles hört auf mein Kommando“
Innerung des Partners: Erleichtert, von der Last der Verantwortung befreit
Äußerung des Partners: „Du musst sagen, wo es langgeht“
Innerung des bestimmend-Kontrollierenden: Mächtig, zuständig, maßgebend
Der positive Aspekt ist, dass dieser Kommunikationsstil dem Anderen durch seine
Bestimmtheit einen gewissen Halt bietet. Es ist in vielen Situationen sehr hilfreich, wenn
einer weiß, was zu tun (und zu lassen) ist. Auch in vielen Führungssituationen ist diese
Orientierung wesentlich klarer und handhabbarer für Mitarbeiter. Es gibt Mitarbeiter, die
ein solches Verhalten regelrecht einfordern – Sicherheit, Geborgenheit, Orientierung sind
die positiven Treiber (seitens der Partner) für dieses Verhalten.
Teufelskreis der Empörung
Empörung tritt beim Anderen dann ein, wenn die Maßregelungen zu intensiv werden und
der Wunsch nach einer eigenen Lebensgestaltung sich zu melden beginnt. Die ständigen
Appelle und gut gemeinten Ratschläge werden mehr und mehr als Fesseln empfunden,
gegen die es zu rebellieren gilt.
Ein gutes Beispiel ist der Eltern-Kind-Konflikt in der Pubertät: Die Reaktionen sind
hier nicht mehr Dankbarkeit oder Erleichterung, sondern Genervtheit. Daraus resultiert
dann bockiges Verhalten. Die Eltern erhöhen Ihrerseits den Druck, um das Schlimmste
abzuwenden. Schließlich zieht der Jugendliche aus und lebt sein eigenes Leben.
Äußerung des Bestimmend-Kontrollierenden: Anweisungen, strikte Verbote
Innerung des Partners: unterdrückt, bevormundet, unverstanden
Äußerung des Partners: Trotzige Missachtung, heimliche Lebensführung
Innerung des Bestimmend-Kontrollierenden: missachtet, besorgt
8.2.7
Der sich distanzierende Stil
Der sich distanzierende Mensch tritt förmlich und unpersönlich mit anderen Menschen
in Kontakt und wird häufig als arrogant und abweisend wahrgenommen. Seine Mitmen-
schen haben das Gefühl, dass sie schwer an ihn heran kommen. Der Distanzierte will
161
die Dinge mit Verstand und Vernunft bewältigen. Er erscheint innerlich abwesend oder
gereizt, zudem blockt er die Gefühle Anderer ab. Die Sprechweise des sich distanzieren-
den Menschen will Abstand halten. Er verwendet Substantive, und generalisiert (keine
„Ich“ Botschaften, sondern „Man sagt“) und abstrahiert.
Nachrichtenquadrat
Selbstoffenbarung: „Was in mir vorgeht, tut nichts zur Sache – außerdem geht nichts in
mir vor!“.
Sachinhalt: „Es zählen die Fakten.“ Der Sachinhalt hat bei diesem Stil die Oberhand –
jede Schwingung aus den anderen Bereichen wird auf die Sachebene gezogen.
Beziehungsbotschaft: „Du bist mir zu anhänglich und zu emotional“ Die Beziehungs-
ebene ist schwach ausgeprägt bzw. nicht gewollt.
Appellbotschaft: „Komm mir nicht zu nahe.“
Abrückender Teufelskreis
Beim abrückenden Kreislauf ist es die Frage, wer mit der Abweisung angefangen hat –
der Distanzierte oder der Partner. Positiv herauszustreichen ist hier, dass der Distanzierte
sich nicht „verdreht“, um anderen zu gefallen, er kann seinen Sonderling-Status sehr gut
aushalten. Dies schreckt Andere allerdings manchmal so ab, dass sie sich abwenden und
sich ebenfalls distanzieren. Innerlich fragen sie sich, was denn mit diesem Eigenbrötler
los sein könnte und projizieren alles Mögliche in diese Person hinein. Anlass dazu gibt
der Distanzierte dadurch, dass er sich kaum selbst offenbart. So beginnt ein Kreislauf der
Bestätigung der Angst, nicht willkommen zu sein, der in einem innerseelischen Schne-
ckenhaus endet.
Nähe/Distanz-Teufelskreis
Nach einer ersten Phase der Verliebtheit, in der beide Partner viel Nähe wollen, regt sich
wieder der Wunsch nach einem eigenen Bereich, eigenen Freunden, den eigenen vier
Wänden – nach Distanz zum Partner.
Einer der beiden startet seinen „Ausflug in die Ferne“, weil er sich mehr und mehr
vom Nähe-Partner bedrängt fühlt. Es entsteht eine innere Abwehr: der Partner wird als
unattraktiv wahrgenommen. Es können schon ganz banale Dinge sein, wie z. B. das Ver-
halten beim Essen oder beim Fernsehen, die den Distanz-Partner nerven. Dieser wirft
dem Nähe-Partner sein Verhalten dann vor.
Nun versucht der Nähe-Partner sein Verhalten zu verändern, um dem Distanz-Partner
wieder zu gefallen. Doch diese Veränderung will der Distanz-Partner gar nicht, er will
nicht, dass sich jener ihm anpasst, er möchte, dass der Nähe-Partner sich mehr mit sich
selbst beschäftigt, sich unabhängig von ihm macht und wieder mehr auf seine eigenen
Wünsche eingeht.
Typisch für den Distanz-Partner ist es, dass er nicht darüber reden will, warum er sich
häufig so distanziert verhält. Wird er nun vom Nähe-Partner ständig darauf angespro-
chen, so reagiert er gereizt und abweisend, was den Nähe-Partner noch mehr verletzt und
in seinem eigenen Verhalten verunsichert.
8.2 Kommunikationsstile – Wer passt zu wem?
162
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Der Nähe-Partner versucht nun mit allen Mitteln, eine Klärung herbeizuführen und
belagert den Distanz-Partner mehr und mehr – der Teufelskreis setzt sich fort.
8.2.8
Der mitteilungsfreudig-dramatisierende Stil
Die Menschen mit diesem Kommunikationsstil fühlen sich wohl, wenn sie von Publikum
umringt sind, das ihnen gebannt zuhört und an ihren Lippen hängt. Jeder Tag ist ein Tag
wie auf einer Bühne – der Vorhang geht auf, und sie setzen sich in Szene – die Auffüh-
rung kann beginnen. Sie sind sehr offen – sogar bis in die kleinsten Details des Lebens.
Teufelskreis
Selbstoffenbarung: „Hört, hört, so bin ich!“ Der Schwerpunkt der Kommunikation liegt
auf der Selbstkundgabe. Dabei gibt es zwei Strömungen: In der bedürftig-abhängigen
Strömung äußert sich die Person eher dramatisch-hilflos und unter Tränen: „Ich bin völ-
lig am Ende!“ In der sich-beweisenden Strömung geht es eher in die Richtung: „Ich bin
derart außergewöhnlich…!“
Beziehungsbotschaft: „Du bist mir wichtig – als willkommenes, aber austauschbares
Publikum!“ Der Gesprächspartner bekommt das Signal, wie wichtig er für den mittei-
lungsfreudig-Dramatisierenden ist, andererseits merkt er nach einer gewissen Zeit sehr
wohl, dass sich alles nur um diesen dreht. Er fühlt sich nicht persönlich angesprochen
und muss schon regelrecht dafür kämpfen, seine eigenen Themen einbringen zu können.
So wird schnell klar, dass er als Publikum austauschbar ist.
Appellbotschaft: „Wende dich mir zu und bestätige meine Selbstdarstellung!“ Auch
hier wird wie oben deutlich, dass sich alles nur um den mitteilungsfreudig-Dramatisie-
renden dreht. Die eigene Selbstdarstellung fordert ihr Publikum zum Applaus auf.
Der harmonische Teufelskreis
Meistens fühlen sich die tendenziell gehemmten und kontrollierten Beziehungspart-
ner zum Mitteilungsfreudig-Dramatisierenden hingezogen, weil er „Leben in ihre Bude
bringt“. Sie sind fasziniert von dessen Ausdrucksstärke. Die Kontaktarmut wird zum
Dauerbrenner, es geht immer nur um den Bewunderten, was in Enttäuschung und Unge-
duld mündet.
Der komplementäre Teufelskreis
Faszination und Genervtheit liegen eng beieinander. In dem Maße, wie sich der genervte
Partner vom Mitteilungsfreudigen abwendet, wird sich dieser wieder dazu angeregt füh-
len, noch mehr Eigenwerbung zu betreiben. Der Teufelskreis beginnt und verstärkt sich.
163
8.3
Transaktionsanalyse – Entscheiden Sie selbst, ob Sie das
Angebot annehmen
Die Transaktionsanalyse wird hier als ein Werkzeug zur Analyse von Kommunikations-
prozessen vorgestellt. Anhand von Beispielen wird veranschaulicht, dass die Art und
Weise der Kontaktgestaltung als ein „Angebot“ aufgefasst werden kann, welches man
annehmen oder auch ablehnen kann.
Die Transaktionsanalyse ist ein Modell der beiden Psychiater Thomas A. Harris und
Eric Berne. Sie basiert auf der Zerlegung von Interaktionen in kleine Schritte (vgl. Berne
2001).
Wir kennen den Begriff „Transaktion“ aus dem Geschäftsleben. Wenn wir etwas kau-
fen wollen, dann machen wir Angebote oder nehmen Angebote an. Ein Angebot kann als
Aktion und die Annahme des Angebots als Reaktion betrachtet werden. Bei einer Trans-
aktion sendet eine Person einen Reiz (Stimulus) aus, auf den eine andere Person reagiert
(Response): Wenn ich zu jemandem etwas sage, so ist dies – im Sinne der Transakti-
onsanalyse – ein Angebot, mit mir auf eine bestimmte Weise zu kommunizieren. Mein
Gegenüber kann nun darauf eingehen, es also annehmen oder es ablehnen und mir in
seiner Reaktion eine andere Ebene der Kommunikation anbieten. Man kann nun Kom-
munikationssituationen in dieser Weise Schritt für Schritt untersuchen und ist dann in
der Lage, Störungen besser zu verstehen. Grundlage ist dabei die Einsicht, dass jeder
Mensch fähig ist zu denken, über sein Schicksal selbst zu entscheiden und eigenständig
Veränderungen vorzunehmen.
Um Transaktionen analysieren zu können, benötigen wir wieder ein Modell über das
menschliche Verhalten in Kommunikationsprozessen. Wir haben bereits mehrere solcher
Modelle kennen gelernt, z. B. das Modell menschlichen Verhaltens in sozialen Systemen
(siehe Abschn. 2.3.1) und das kommunikationspsychologische Modell mit dem Nach-
richtenquadrat und dem Teufelskreis-Schema (siehe Abschn. 8.1.4).
Der Transaktionsanalyse liegt ein weiteres einfaches Modell, das „Modell der Ich-
Zustände“, zugrunde. Dieses wird zunächst vorgestellt und an etlichen Beispielen erklärt.
Dann werden typische Transaktionen, die sich zwischen den Ich-Zuständen abspielen
können, erläutert und interpretiert. Die Art und Weise, wie wir uns zwischen unseren
Ich-Zuständen bewegen, wird in einem gesonderten Abschnitt herausgearbeitet. Als ver-
tiefende Literatur wird das Buch „Das konstruktive Gespräch“ von Manfred Gührs und
Claus Nowak empfohlen (vgl. Gührs und Nowak 1995, 2002).
8.3.1
Die Ich-Zustände
Eric Berne und Thomas A. Harris haben sich von der Überzeugung leiten lassen, dass
jeder Mensch alles Erlebte originalgetreu „abspeichert“. Während diverser psychiatri-
scher Behandlungen fiel Berne auf, dass Menschen schlagartig ihr gesamtes Verhalten
8.3 Transaktionsanalyse – Entscheiden Sie selbst, ob Sie das Angebot annehmen
164
8 Kommunikation und Gesprächsführung
ändern können. Es ändert sich dann der Gesichtsausdruck, die Mimik, die Gestik und die
Sprache. Aus den darauf aufbauenden Erkenntnissen entwickelte er ein Modell von Ich-
Zuständen, die drei Personen symbolisieren (Abb. 8.8).
Wir können uns modellhaft vorstellen, dass diese drei Personen in jedem von uns
stecken. Es handelt sich nicht um „Rollen“, die gespielt werden, sondern diese Persön-
lichkeiten werden als Realität wahrgenommen. Jeder dieser Ich-Zustände verfügt über
ein bestimmtes „Verhaltensprogramm“, das den Ablauf unserer Kommunikation steuert.
Aus einem Ich-Zustand heraus machen wir unserem Gegenüber unser „Angebot“ für die
weitere Kommunikation. Je nachdem, in welchem Ich-Zustand sich nun mein Gegenüber
befindet, nimmt er mein Angebot an oder lehnt es ab. Wir wechseln also ständig zwi-
schen verschiedenen Ich-Zuständen, je nachdem, welche Stimuli aus der Außenwelt auf
uns zukommen.
8.3.1.1 Das Eltern-Ich
Das Eltern-Ich besteht aus Einstellungen, Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen, die
von Vorbildern, vor allem Eltern, übernommen werden. Hier ist alles gespeichert, was
von diesen wichtigen Personen wahrgenommen wurde. Aus dem Eltern-Ich heraus geben
wir meist Regeln, Grundsätze, Prinzipien und Wertvorstellungen wieder, die wir im Rah-
men unserer Persönlichkeitsbildung als wichtig empfunden haben. Sie sind uns in unse-
rer eigenen Kindheit durch Ge- und Verbote, gut gemeinte Ratschläge, Anweisungen
aber auch Lob und Ermutigung vermittelt worden.
Abb. 8.8 Die Ich-Zustände
Eltern-
Ich
EL
Erwachsenen-
Ich
ER
Kindheits-
Ich
K
165
Diese „Aufzeichnungen“ im Eltern-Ich wurden ohne kritische Auswahl vorgenom-
men, da das Kind nicht in der Lage war, die mächtigen Figuren infrage zu stellen, von
denen es in jeder Hinsicht abhing. Sie sind routinisiert und permanent abrufbar, um uns
bei entsprechendem Bedarf zu einem bestimmten Handeln und zu bestimmten Reaktio-
nen anzuleiten. Wir denken nicht mit dem Eltern-Ich, wir spielen es nur ab.
Das Eltern-Ich verhilft Eltern dazu, ihr Kind zu schützen, da das Kind noch nicht in
der Lage ist, durch Erklärungen Zusammenhänge zu verstehen und Verantwortung für
sich zu übernehmen. Andererseits erspart es uns die Zeit, die wir unnötig verschwenden
würden, um banale Entscheidungen im Alltag zu treffen.
8.3.1.2 Das Kindheits-Ich
Das Kindheits-Ich verkörpert all die Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle, die der Mensch
von Natur aus hat. Außer diesen natürlichen Gefühlszuständen ist im Kindheits-Ich auch
all das gespeichert, was das Kind erfahren und empfunden hat, sowie seine Reaktion auf
das Erlebte.
Zum Zeitpunkt der Geburt existiert nur das Kindheits-Ich und entwickelt sich bis zum
fünften Lebensjahr. Das Kindheits-Ich ist die „Aufzeichnung“ der inneren Ereignisse,
die in Reaktion auf die äußeren Ereignisse innerhalb dieses Zeitraums stattfinden. Häufig
werden diese Gefühle in der Gegenwart aufgerufen, wenn wir in eine ähnliche Situation
wie in der Kindheit geraten (z. B. ungerechte Beschuldigungen, Abhängigkeit). Wir füh-
len uns zurückversetzt in diese Zeit, also hilflos und abhängig, und reagieren meistens
genau so, wie wir es von damals kennen.
Das Kindheits-Ich enthält die Welt unserer ursprünglichen Gefühle, mit der wir
gegenüber anderen reagieren. Neugier, Freude, Trotz und Wut sind unterschiedliche Aus-
prägungen dieses Ich-Zustandes. Es ist der wertvollste Zustand, wenn wir ihm genug
Freiraum lassen, denn in ihm sind wir kreativ und spontan. Bedürfnisse und Motive lie-
gen im Kindheits-Ich.
8.3.1.3 Das Erwachsenen-Ich
Das Erwachsen-Ich versucht, objektiv die Realität zu ermitteln. Dazu sammelt, spei-
chert und verwendet es Informationen aus anderen Ich-Zuständen, und aus „der Welt
draußen“, Das Erwachsenen-Ich wertet diese Eindrücke nüchtern und nach logischen
Gesichtspunkten aus.
Auf dieser Handlungsebene findet kein automatisches, sondern ein überlegtes Han-
deln statt. Das Erwachsenen-Ich drängt sich gewissermaßen im Laufe des Lebens immer
mehr zwischen das Eltern- und das Kindheits-Ich.
Erwachsensein hat nicht unbedingt etwas mit dem Lebensalter zu tun Je
mehr wir über uns Bescheid wissen, desto erwachsener sind wir. Je erwach-
sener wir werden, desto weniger sind wir abhängig von dem, was wir in der
Kindheit erlebt haben. Wir verdrängen dann das Eltern- und das Kindheits-
Ich hoffentlich nicht, aber wir können selbst entscheiden, wann wir uns bei
8.3 Transaktionsanalyse – Entscheiden Sie selbst, ob Sie das Angebot annehmen
166
8 Kommunikation und Gesprächsführung
unseren spontanen kindlichen Gefühlen aufhalten und wann wir uns in den
Normen und Werten bewegen, die aus dem Eltern-Ich stammen.
8.3.2
Das funktionale Ich-Zustandsmodell
Das funktionale Ich-Zustandsmodell (Abb. 8.9) differenziert nach sechs Ich-Zuständen
(vgl. Gührs und Nowak 1995, S. 81 ff.):
8.3.2.1 Kritisches Eltern-Ich
Das kritische Eltern-Ich zeichnet sich durch Ermahnen, Belehren, Kritik, Kontrolle,
Vorurteile, Drohungen und Verbote aus. Man kann damit durch Einschüchterung die
Menschen auf Distanz halten und kontrollieren. In diesem Ich-Zustand neigen wir zu
abwertenden Urteilen. Das kritische Eltern-Ich kann auch sehr nützlich sein. In diesem
Ich-Zustand achten wir bei uns und bei anderen auf die Einhaltung von gesellschaftli-
chen Normen und Regeln, die das Zusammenleben vereinfachen und uns in komplexen
und unüberschaubaren Situationen weiterhelfen.
Die Einstellung des kritischen Eltern-Ichs kann man als überlegen, moralisch, for-
dernd, autoritär, rigide bezeichnen.
Abb. 8.9 Das funktionale
Ich-Zustandsmodell
nährendes
Eltern-Ich
nEL
freies
Kindheits-Ich
fK
rebel-
lisches
Kindheits-Ich
rK
ange-
passtes
Kindheits-Ich
aK
kritisches
Eltern-Ich
kEL
Erwachsenen-ich
ER
167
8.3.2.2 Nährendes Eltern-Ich
Das nährende Eltern-Ich beinhaltet Verhaltensweisen von fürsorglichen Eltern wie Lob,
Ermutigung, Besänftigung, Hilfe und Schutz. Die Botschaften im nährenden Eltern-Ich
sind angenehmer und sympathischer als die des kritischen Eltern-Ichs. Dennoch sind
die unterstützenden Botschaften nicht immer angemessen und manchmal manipula-
tiv. Wenn wir im nährenden Eltern-Ich sind, dann geht es uns auch um Normen, die wir
dann manchmal dazu nutzen, andere klein zu halten oder abhängig zu machen. Im näh-
renden Eltern-Ich sind wir immer die Überlegenen, die sich jovial und gönnerhaft geben.
Im nährenden Eltern-Ich wollen wir Konflikte vermeiden und die Situation harmonisieren.
Genauso, wie wir uns in der Pubertät auch von unseren bemutternden Eltern im Konflikt
lösen, kann uns als Reaktion auf unser nährendes Eltern-Ich die volle Wucht des rebelli-
schen Kindheits-Ichs unseres Gegenübers treffen.
Die Einstellung des nährenden Eltern-Ichs kann man als zugewandt, verständnisvoll,
fürsorglich und gönnerhaft bezeichnen.
8.3.2.3 Freies Kindheits-Ich
Das freie Kindheits-Ich bezeichnet die ursprünglichsten und natürlichsten Anteile
unserer Persönlichkeit. Wenn wir im freien Kindheits-Ich sind, dann sind wir spontan,
kreativ, offen, geradlinig und initiativ. Wir folgen unseren Impulsen und unseren unmit-
telbaren Bedürfnissen, ohne nach den Folgen zu fragen. Im freien Kindheits-Ich sind wir
deshalb auch egoistisch, rücksichtslos und undiszipliniert. Motto: „Ich will Spaß und
zwar sofort!“
Die Einstellung des freien Kindheits-Ichs kann man als spontan, neugierig, genieße-
risch, gefühlsbetont bezeichnen.
8.3.2.4 Angepasstes Kindheits-Ich
Das angepasste Kindheits-Ich will sich typischerweise schnell unterordnen, bereitwil-
lig verzichten und sich so verhalten, wie andere es erwarten. Wenn wir in diesem Ich-
Zustand sind, dann wollen wir die Erwartung anderer erfüllen oder uns zumindest nicht
erwischen lassen. Wir schränken unsere vitalen Impulse ein, um unser Überleben bzw. die
für uns lebensnotwendige Zuwendung zu sichern. In diesem Ich-Zustand agieren wir nicht,
sondern wir reagieren auf die Impulse von außen. Wir stellen unser eigenes Licht unter den
Scheffel und verbergen unsere wahren Bedürfnisse. Wie alle Ich-Zustände hat auch das
angepasste Kind besondere Stärken. Diese liegen in der Befähigung, sich anderen Men-
schen anzupassen. Ohne diese Fähigkeit ist ein soziales Zusammenleben kaum möglich.
Die Einstellung des angepassten Kindheits-Ichs kann man als willfährig, beschämt,
schüchtern, ängstlich bezeichnen.
8.3.2.5 Rebellisches Kindheits-Ich
Auch im rebellischen Kindheits-Ich orientieren wir uns an den Forderungen anderer.
Nur tun wir gerade das Gegenteil von dem, was andere von uns erwarten. In diesem
Ich-Zustand orientieren wir uns also auch an Kommunikationsangeboten, die aus dem
Eltern-Ich kommen. Das rebellische Kind reibt sich ständig an Autoritäten, stampft mit
8.3 Transaktionsanalyse – Entscheiden Sie selbst, ob Sie das Angebot annehmen
168
8 Kommunikation und Gesprächsführung
dem Fuß auf und ballt die Faust. Dabei wird viel Energie frei, die auch produktive Pro-
zesse in Gang bringen kann.
Die Einstellung des rebellischen Kindheits-Ichs kann man als sich weigernd, aufbe-
gehrend bezeichnen.
8.3.2.6 Erwachsenen-Ich
Im Idealfall findet im Erwachsenen-Ich nach einem inneren Dialog zwischen dem
Eltern-Ich und dem Kindheits-Ich ein Entscheidungsprozess statt. Hier werden die
aktuellen Informationen gesammelt, die Situation wird aus verschiedenen Perspektiven
betrachtet und es wird versucht, die widerstrebenden Gesichtspunkte aufzunehmen und
abzuwägen. Schließlich kommt es zu einer Entscheidung.
Die Einstellung des Erwachsenen-Ichs kann man bezeichnen als aufgeschlossen, inte-
ressiert, beobachtend, prüfend, konzentriert.
Der Dialog der inneren Stimmen – Alle Ich-Zustände haben im täglichen
Leben und auch am Arbeitsplatz ihre Berechtigung Das freie Kindheits-Ich
verkörpert Lebensfreude und ist kreativ und engagiert. Am Arbeitsplatz ist die-
ser Ich-Zustand wichtig, wenn es um Verbesserungen und Innovationen geht.
Das rebellische Kindheits-Ich wendet sich gegen Autoritäten und ist bereit,
sich von veralteten Normen loszusagen. Am Arbeitsplatz kann eine solche Hal-
tung wichtig sein, wenn es gilt, hinderliche Normen zu überwinden.
Das angepasste Kindheits-Ich achtet darauf, dass die guten Sitten gewahrt
bleiben. Dies ist wichtig, wenn es z. B. darum geht, die Contenance gegenüber
Kunden zu wahren.
Das kritische Eltern-Ich weist auf die Folgen unseres Tuns hin. Am Arbeits-
platz hilft dieser Ich-Zustand dabei, Regeln und Normen zu respektieren.
Das nährende Eltern-Ich sorgt für uns und gibt uns gut gemeinte Rat-
schläge. Dieser Ich-Zustand hilft Führungskräften dabei, ihre Fürsorgepflicht
gegenüber ihren Mitarbeitern wahrzunehmen.
Das Erwachsenen-Ich schließlich wägt alle inneren Stimmen gegeneinander
ab und ist dann für eine rationale Entscheidung zuständig.
Es ist also abwegig, Führungskräften zu empfehlen, „möglichst im Erwach-
senen-Ich“ zu bleiben. Leider wird dies in vielen Seminaren und in Teilen der
Managementliteratur immer wieder empfohlen.
Vielmehr ist es auch für Führungskräfte essenziell, die anderen Ich-Zustände
in sich wahrzunehmen und deren positive Qualitäten in ihre Arbeit zu integ-
rieren. Nur so kann eine Führungskraft zu einer ausgewogenen Persönlichkeit
heranreifen, die dann, nachdem sie die anderen „inneren Stimmen“ gehört und
abgewogen hat, im Erwachsenen-Ich die besten Entscheidungen trifft.
169
Wie man als erwachsener Mensch mit seinen Ich-Zuständen umgehen sollte, zeigt ein
Beispiel für den Dialog der inneren Stimmen
• Freies Kindheits-Ich: „Oh ja, toll, ich werde an die See fahren, surfen, in der
Sonne liegen, faulenzen, ganz egal, was heute im Büro los ist!“
• Kritisches Eltern-Ich: „Das kommt überhaupt nicht infrage! Wenn das einmal ein-
reißt…! Beiß‘ gefälligst die Zähne zusammen! Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“
• Rebellisches Kindheits-Ich: „Pah, wenn ich an die Kollegen denke, die tun doch
auch nichts! Und der Chef, wie der mich letzte Woche wieder angemacht hat – da
mache ich nicht mit, für die lege ich mich doch nicht krumm. Die sollen gefälligst
selbst sehen, wie sie klar kommen.“
• Angepasstes Kindheits-Ich: „Aber wenn mich nun zufällig jemand sieht oder
anruft, das könnte schlimme Folgen haben! Vielleicht sollte ich doch lieber zur
Arbeit gehen. Ich werd’s schon irgendwie hinter mich bringen!“
• Nährendes Eltern-Ich: „Allerdings hast du in letzter Zeit wirklich zu viel gera-
ckert! Denk an deine Gesundheit! Es ist wichtig, dass du dir auch mal Ruhe und
Entspannung gönnst! Du hast es verdient!“
• Erwachsenen-Ich: „Das stimmt tatsächlich! Wenn ich allerdings heute nicht hin-
gehe, laufen so viele Sachen auf, dass ich hinterher umso mehr Mühe habe. Wenn
ich’s mir recht überlege, könnte ich mir den Freitag ganz frei schaufeln und mich
ein verlängertes Wochenende lang erholen!“ (Gührs und Nowak 1995, S. 79 f.)
8.3.3
Transaktionen
Der Begriff „Transaktion“ bezeichnet hier das Angebot, in einer bestimmten Art und
Weise zu kommunizieren und die Annahme (bzw. die Ablehnung) dieses Angebots. Eine
Transaktion ist eine kleine Kommunikationseinheit, die analysiert werden kann.
Man unterscheidet drei verschiedene Transaktionsarten:
• Komplementäre Transaktionen
• Gekreuzte Transaktionen
• Verdeckte Transaktionen
Diese Transaktionsarten werden im Folgenden anhand von Beispielen erläutert.
8.3.3.1 Komplementäre Transaktionen
Bei einer komplementären Transaktion verlaufen die Vektoren von Stimulus und Reak-
tion parallel. Eine komplementäre Transaktion muss zwei Kriterien erfüllen:
1. Die Reaktion kommt aus demselben Ich-Zustand zurück, an den der Stimulus gerichtet ist.
2. Die Reaktion ist an denselben Ich-Zustand gerichtet, von dem der Stimulus ausgegan-
gen ist.
8.3 Transaktionsanalyse – Entscheiden Sie selbst, ob Sie das Angebot annehmen
170
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Komplementär-Transaktionen können unendlich fortgesetzt werden Kenn-
zeichen von komplementären Transaktionen: Solange bei einer Transaktion die
Vektoren parallel bleiben, kann die Kommunikation unbegrenzt weitergehen.
Beispiel 1: Es sitzen zwei Führungskräfte in der Mittagspause zusammen und unterhal-
ten sich (Abb. 8.10):
A: „Meine Mitarbeiter kriegen in dieser Woche wieder nichts auf die Reihe.“
B: „Ach ja, da sagen Sie was, ich habe zurzeit wieder Ärger mit unserem Betriebsrat.“
Komplementäre Transaktionen auf der Eltern-Ich-Ebene befassen sich mit äußeren
Vorgängen, die weder einen selbst noch das Gegenüber wirklich betreffen. Man redet
über Andere und gibt allgemeine Statements ab. Zweck ist es, sich durch die Äußerun-
gen gegenseitig zu versichern, dass man sich auf der gleichen Ebene befindet, ohne auf
die Inhalte des Gegenübers weiter einzugehen. So verlaufen auch Stammtischgespräche.
Man redet aneinander vorbei, ohne inhaltlich miteinander zu kommunizieren.
Beispiel 2: Zwei alte Freunde treffen sich nach 20 Jahren zufällig wieder (Abb. 8.11):
A: „Los, lass uns mal ’ne Runde mit meinem neuen Wagen drehen!“
B: „Au ja, und dann machen wir ’nen Abstecher zu meinem Boot!“
Abb. 8.10 Komplementäre
Transaktion zwischen Eltern-
Ich-Zuständen
EL
ER
K
K
ER
EL
Abb. 8.11 Komplementäre
Transaktion zwischen freien
Kindheits-Ich-Zuständen
EL
ER
K
K
ER
EL
171
Beispiel 3: (Abb. 8.12)
A: „Wie spät ist es?“
B: „Kurz vor zwei“
Komplementärtransaktionen können auch „schräg verlaufen“.
Beispiel 4: Der Chef kommt morgens ins Büro, in dem seine Sekretärin bereits am
Werke ist (Abb. 8.13):
A: „Guten Morgen Frau Schmidt. Ich fühle mich heute nicht besonders. Können Sie
mir einen Fencheltee machen?“
B: „Gerne, Herr Maier-Schulenburg. Schonen Sie sich heute ruhig mal. Ich kann ja
ein paar Termine umlegen und dafür sorgen, dass Sie nicht gestört werden.“
8.3.3.2 Gekreuzte Transaktionen
Durch Kreuzen kann die Transaktion beendet werden Sobald ein Transak-
tionsangebot gekreuzt wird, ist diese Interaktion beendet.
Abb. 8.12 Komplementäre
Transaktion zwischen
Erwachsenen-Ich-Zuständen
EL
ER
K
K
ER
EL
8.3 Transaktionsanalyse – Entscheiden Sie selbst, ob Sie das Angebot annehmen
Abb. 8.13 Komplementäre
Transaktion zwischen
Kindheits-Ich und nährendem
Eltern-Ich
EL
ER
K
K
ER
EL
172
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Beispiel 5: Treffen sich zwei Kollegen auf dem Flur im Betrieb (Abb. 8.14):
A: „Na, wohin geht es denn dieses Jahr in den Urlaub?“
B: „Ich wüsste nicht, was Sie das wohl angehen sollte!“
Beispiel 6 zur selben Transaktion
A: „Wie spät ist es?“
B: „Schon reichlich spät.“
Beispiel 7: Zwei Personen in einem Zimmer, es läuft Musik im Hintergrund (Abb. 8.15):
A: „Wie heißt der Künstler, der dieses Bild gemalt hat?“
B: „Wieso, gefällt es dir nicht?“
Beispiel 8 zur selben Transaktion
A: „Wie spät ist es?“
B: „Oh, Entschuldigung, ich habe meine Uhr nicht um.“
Abb. 8.14 Gekreuzte
Transaktion: Erwachsenen-Ich
wird von Eltern-Ich gekreuzt
EL
ER
K
K
ER
EL
1
2
Abb. 8.15 Gekreuzte
Transaktion: Erwachsenen-
Ich wird von Kindheits-Ich
gekreuzt
EL
ER
K
K
ER
EL
1
2
173
Wie geht es nach der gekreuzten Transaktion weiter?
Die Frage ist, wie man mit Kreuzungen des eigenen Transaktionsangebots umgeht.
Typisch ist ja folgendes: Man spricht jemanden an, um eine Information einzuholen und
erhält daraufhin eine schnodderige, aggressive oder anpasserische Antwort:
Beispiel 9 (Abb. 8.16)
A (1): „Was hast Du denn bei der zweiten Aufgabe herausbekommen?“
B (2): „Das war alles viel zu schwer – wie sollte ich das denn schaffen?“
Das ist ein Angebot an den Fragenden, den Dialog zwischen Kindheits-Ich und
Eltern-Ich fortzusetzen. Wenn nun der Fragende das Angebot annimmt, dann hört sich
das etwa so an:
A (1): „Was hast Du denn bei der zweiten Aufgabe herausbekommen?“
B (2): „Das war alles viel zu schwer – wie sollte ich das denn schaffen?“
A (3): „Da hättest Du eben letzte Woche besser aufpassen müssen!“
Wie man sieht, ist eine Komplementär-Transaktion entstanden, die nun wieder bis
in alle Ewigkeit (oder bis zum Tumult) fortgesetzt werden kann – es sei denn, sie wird
erneut gekreuzt. Dann könnte eine neue, vielleicht produktivere, Transaktion beginnen.
Ganz anders, aber ähnlich unproduktiv kann dieses Gespräch verlaufen, wenn der
Befragte sich zum Richter über den Fragenden aufschwingt (Abb. 8.17):
Beispiel 10: Der Befragte reagiert nun aus dem Eltern-Ich und bietet dem Fragenden
damit an, die Kommunikation aus dem Kindheits-Ich fortzusetzen. Der Fragende nimmt
das Angebot des Befragten an und beginnt, sich zu rechtfertigen.
A (1): „Was haben Sie denn bei der zweiten Aufgabe herausbekommen?“
B (2): „Die Aufgabenstellung war völlig daneben. Sie müssen erst mal lernen, Aufga-
ben richtig zu formulieren.“
A (3): „Oh, das tut mir leid. Ich dachte nicht…Waren die anderen Fragen etwa auch
so unverständlich?“
Damit haben wir wieder eine Komplementär-Transaktion, nur diesmal mit veränder-
ten Vorzeichen.
Abb. 8.16 Gekreuzte
Transaktion: Erwachsenen-
Ich wird von Kindheits-
Ich gekreuzt und als
Komplementär-Transaktion
fortgesetzt
EL
ER
K
K
ER
EL
1
2
3
8.3 Transaktionsanalyse – Entscheiden Sie selbst, ob Sie das Angebot annehmen
174
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Beispiel 11: Man kann mit einer solchen Kreuztransaktion aber auch produktiv umge-
hen. Das würde in diesem Fall bedeuten, beharrlich im Erwachsenen-Ich zu bleiben.
Der Fragende nimmt das Angebot, künftig zwischen Eltern-Ich und Kindheits-Ich zu
kommunizieren, nicht an. Er beharrt auf seiner ursprünglichen Frage und präzisiert sie.
Transaktionsanalytisch bedeutet das, dass der Fragende die Reaktion kreuzt und damit
das Kommunikationsangebot des Gefragten ablehnt (Abb. 8.18).
A (1): „Was haben Sie denn bei der zweiten Aufgabe herausbekommen?“
B (2): „Das war alles viel zu schwer – wie sollte ich das denn schaffen?“
A (3): „Wo genau lag das Problem? Gibt es etwas, was Sie herausbekommen haben?“
Beispiel 12: Hier ein weiteres Beispiel dafür, wie man durch Nachfragen unangenehme
Transaktionen beenden kann (Abb. 8.19):
A (1): „Was haben Sie denn bei der zweiten Aufgabe herausbekommen?“
B (2): „Die Aufgabenstellung war völlig daneben. Sie müssen erst mal lernen, Aufga-
ben richtig zu formulieren.“
A (3): „Also, Sie sind mit der Aufgabenstellung nicht klargekommen. Was genau war
Ihre Schwierigkeit?“
Abb. 8.18 Gekreuzte
Transaktion: Erwachsenen-
Ich wird von Kindheits-Ich
gekreuzt und durch erneutes
Kreuzen im Erwachsenen-Ich
fortgesetzt
EL
ER
K
K
ER
EL
1
2
3
Abb. 8.17 Gekreuzte
Transaktion: Erwachsenen-Ich
wird von Eltern-Ich gekreuzt
und als Komplementär-
Transaktion fortgesetzt
EL
ER
K
K
ER
EL
1
2
3
175
A (später): „Wenn Ihnen künftig etwas unklar ist, dann fragen Sie mich doch bitte
gleich.“
Lästige Transaktionen durch Nachfragen stoppen Wenn man einen unan-
genehmen Gesprächsverlauf bzw. unangemessene Transaktionsangebote
stoppen will, verfahre man nach folgendem Prinzip: Kreuzen des „schrägen“
Transaktionsangebots z. B. durch interessiertes Nachfragen aus dem Erwach-
senen-Ich: Wer fragt, führt!
8.3.3.3 Verdeckte Transaktionen
Verdeckte Transaktionen enthalten Botschaften, die verdeckt übermittelt werden. Sie
sind für das Gegenüber aber meist durch nonverbale Signale erkennbar. So funktioniert
z. B. Ironie.
Beispiel 13: (Abb. 8.20)
Tochter (1a): „Hast Du heute was gekocht?“
Vater (2): „Nein, wieso?“
Tochter (1): „Ach nichts, ich frage bloß.“
Vater (1b) fängt an Kartoffeln zu schälen
Hier wird an der Oberfläche zwischen den Erwachsenen-Ichs kommuniziert. Verdeckt
spielt aber die Vater-Tochter-Beziehung eine Rolle. Im Dialog wird deutlich, dass der
Vater die Erwartungen der Tochter nicht erfüllt hat und nun schnell nachbessern will.
Beispiel 14: (Abb. 8.21)
Kollege (1a): „Es ist ja gar kein Kaffe mehr da!“
Kollege (1b): Tadelnd
Kollegin (2): „Oh, tut mir leid, ich hole schnell welchen.“
Hier wird an der Oberfläche eine Botschaft von Erwachsenen-Ich zu Erwachsenen-Ich
abgegeben. Es wird aber deutlich, dass dahinter ein Vorwurf steckt. Die Kollegin hört
Abb. 8.19 Gekreuzte
Transaktion: Erwachsenen-Ich
wird von Eltern-Ich gekreuzt
und durch erneutes Kreuzen im
Erwachsenen-Ich fortgesetzt
EL
ER
K
K
ER
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1
2
3
8.3 Transaktionsanalyse – Entscheiden Sie selbst, ob Sie das Angebot annehmen
176
8 Kommunikation und Gesprächsführung
diesen Vorwurf genau, und schlagartig bekommt sie ein schlechtes Gewissen. Das heißt,
sie nimmt das Angebot des Kollegen an und reagiert aus dem angepassten Kindheits-Ich.
Damit ist eine Parallel-Transaktion entstanden, die nun wieder in alle Ewigkeit zwischen
dem kritischen Eltern-Ich und dem angepassten Kindheits-Ich ablaufen kann, z. B.:
Kollege: „Dann bringen Sie doch gleich noch ein paar Kekse mit, die sollten wir auch
immer vorrätig haben.“
Viele Menschen können mit verdeckten Transaktionen schwer umgehen. Und doch
enthält ein Großteil unserer Interaktionen solche Doppelbotschaften. Viele solcher Dop-
pelbotschaften sind auch in den Abschnitten zur Abwehr von verbalen Angriffen enthal-
ten (Abschn. 8.5.4).
Ein Meister der verdeckten Transaktion ist Loriot. Hören Sie sich doch mal den
Sketch „Berta, das Ei ist hart“ an. Versuchen Sie, zumindest die ersten Dialoge mit den
Mitteln der Transaktionsanalyse zu untersuchen.
EL
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K
K
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1a
1b
2
EL
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1
1b
Abb. 8.20 Verdeckte Transaktion: Offen wird auf der Ebene des Erwachsenen-Ichs kommuni-
ziert, verdeckt wird im Hintergrund ein Eltern-Kind-Angebot gemacht
Abb. 8.21 Verdeckte
Transaktion: Frage aus dem
Erwachsenen-Ich, verdeckt ein
Eltern-Kind-Angebot das wird
angenommen wird
EL
ER
K
K
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EL
1a
1b
2
177
8.3.4
Grundpositionen
Die Lebensanschauungen eines Menschen, auch existenzielle Grundpositionen genannt,
sind, nach den Ich-Zuständen und den Transaktionen, das dritte wichtige Element zum
Verständnis der Transaktionsanalyse.
8.3.4.1 Bezugsrahmen, Grundbotschaften und Grundüberzeugungen
Bei welchen Anlässen wir in welchen Ich-Zustand wechseln, hängt von unseren inne-
ren Prägungen ab, die wir im Laufe unseres Lebens erfahren haben. Diese Prägungen
lassen sich zu einem Bezugsrahmen zusammenfassen. Dieser Bezugsrahmen entsteht,
indem wir die vielfältigen komplexen Eindrücke, die auf uns in den ersten Lebensjahren
einstürmen, zu einer überschaubaren Struktur ordnen. Eine solche Struktur ist einfach
und verlässlich, und dient dazu, dass nicht ständig eine Neuorientierung stattfinden muss.
Auf diese Weise erwerben wir unbewusst eine klare Orientierung für zwischenmenschli-
che Beziehungen, Sinn und gültige Normen. Wir verfestigen so unsere ganz persönliche
Sicht der Welt und dessen, was wir von der Welt zu erwarten haben.
Je nachdem, wie die ersten Erfahrungen mit der Welt und den Bezugspersonen der ers-
ten Monate verlaufen, entwickelt das Kind Annahmen darüber, wie Menschen sind und
wie es selbst ist. Diese Erfahrungen werden dann im Bezugsrahmen verallgemeinert. Sol-
che ersten Erfahrungen mit der Welt werden als Grundbotschaften wahrgenommen, die
sowohl positiv – fürsorglich, nährend – als auch negativ – feindselig, gewalttätig – sein
können. Wenn diese Grundbotschaften häufig und nachdrücklich empfangen werden, ent-
wickelt das Kind ein Bild von sich selbst (Selbstbild) und zieht Schlussfolgerungen für
sein eigenes künftiges Verhalten.
Es entstehen Grundüberzeugungen, die sich in Einstellungen und Erwartungen kon-
kretisieren. Auf der Basis dieser Grundüberzeugungen haben wir alle für bestimmte
Beziehungssituationen bestimmte Reaktionsmuster gebildet. Sie sind die „Gebrauchsan-
weisungen“, mit denen wir unser Denken und Fühlen vorstrukturieren.
8.3.4.2 Das Modell der vier Lebensanschauungen
Ein Modell, welches diese vielen möglichen Grundüberzeugungen bündelt, ist das
Modell der vier Lebensanschauungen, welches im Folgenden näher erläutert wird. Es
unterscheidet die folgenden grundlegenden Lebenspositionen:
Ich bin okay, Du bist okay
Ich fühle mich weder über- noch unterlegen. Aus diesem Grunde brauche ich andere
nicht zu unterdrücken oder zu anderen aufzuschauen. Ich gestehe mir und anderen Fehler
zu und achte mich und andere.
Diese Position könnte auch mit dem christlichen Gebot „Liebe Deinen Nächsten, wie
Dich selbst“ beschrieben werden. Eine solche Haltung fördert produktive Kommuni-
kation und ist eine ideale Arbeitshaltung. Allerdings ist es eine Idealposition, die kaum
vollständig anzutreffen ist.
8.3 Transaktionsanalyse – Entscheiden Sie selbst, ob Sie das Angebot annehmen
178
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Jemand, dessen Grundüberzeugungen nahe dieser Lebensposition liegen, kann sich
frei zwischen den Ich-Zuständen bewegen und die positiven Aspekte jedes einzelnen Ich-
Zustandes auskosten. Alle Ich-Zustände sind voll ausgeprägt und es gibt keine Bevorzu-
gung eines bestimmten Ich-Zustandes.
Ich bin okay, Du bist nicht okay
Diese Position wird von Psychologen als „paranoid“ bezeichnet. Wenn ich diese Lebens-
position einnehme, dann habe ich ein Gefühl von Macht und Überlegenheit, welches
allerdings nicht den wirklichen Gegebenheiten entspricht. Diese selbstüberschätzende
Haltung muss ich mir einreden, weil ich eigentlich wenig Selbstwertgefühl besitze.
Menschen mit dieser Grundhaltung reißen leicht Aufgaben an sich. Wenn sie Andere
kritisieren, dann geschieht dies meist, indem die Person selbst herabgewürdigt wird.
Betrachtet man, wie solche Menschen kommunizieren, so finden wir den bestimmend-
kontrollierenden und den aggressiv-entwertenden Kommunikationsstil bei diesen Men-
schen vor.
Bei Menschen mit dieser Grundorientierung ist das kritische Eltern-Ich besonders
ausgeprägt und bestimmt in vielen Facetten das Interaktionsverhalten. Es kann aber auch
das rebellische Kindheits-Ich bei diesen Menschen dominieren. Das sind dann Men-
schen, die im ewigen Kampf gegen Autoritäten ihr Selbstwertgefühl aufbessern müssen.
Ich bin nicht okay, Du bist okay
Diese Position wird von Psychologen als „depressiv“ bezeichnet. Menschen mit dieser
Grundposition fühlen sich oft überfordert und nehmen alle Schuld auf sich. Wenn ich
diese Lebensposition einnehme, dann habe ich ein Gefühl der Ohnmacht und der Unter-
legenheit.
Diese Menschen stellen die direkte Gegenposition zur zweiten Grundposition dar.
Beide Positionen treten deshalb oft gemeinsam in einer Konstellation auf, die eine Täter-
Opfer-Beziehung nahe legt. Beiden Positionen ist gemeinsam, dass sie den Anderen oder
sich selbst im Vergleich abwerten.
Betrachtet man, wie solche Menschen kommunizieren, so dominieren bei ihnen der
bedürftig-abhängige und der selbstlose Kommunikationsstil.
Bei Menschen mit dieser Grundorientierung ist das angepasste Kindheits-Ich beson-
ders ausgeprägt und bestimmt in vielen Facetten deren Interaktionsverhalten. Es kann
aber auch das nährende Eltern-Ich bei diesen Menschen dominieren. Das sind dann Men-
schen, die sich für ihre Umwelt aufopfern und so auf ihre Weise an ihrem Selbstbewusst-
sein arbeiten.
Ich bin nicht okay, Du bist nicht okay
Diese Position wird von Psychologen als „schizoid“ bezeichnet. Menschen mit dieser
Grundposition haben ein Gefühl von tiefer Sinnlosigkeit. Wenn ich diese Lebensposition
einnehme, dann sehe ich weder an mir noch an anderen etwas Positives. Ich muss dann
manchmal positive Grundeinstellungen von anderen heruntermachen. Deshalb wirke ich
oft ironisch oder zynisch.
179
Oft entwickelt diese Position sich aus der dritten Grundposition: „Ich tauge zwar
nichts, aber ich werde Dir schon beweisen, dass Du auch nicht in Ordnung bist“.
Betrachtet man, wie solche Menschen kommunizieren, so finden wir Ähnlichkeiten mit
dem aggressiv-entwertenden Kommunikationsstil.
Bei Menschen mit dieser Grundorientierung ist das rebellische Kindheits-Ich oder das
kritische Eltern-Ich besonders ausgeprägt und bestimmt deren Interaktionsverhalten.
8.3.4.3 Umgang mit den Grundpositionen
Wir alle sind zwischen diesen weltanschaulichen Grundpositionen mit unseren eigenen
Sichten auf die Welt irgendwo verortet. Diese Grundpositionen sind nach den ersten
Lebensjahren relativ fest geworden und lassen sich nur noch in kleinen Schritten ver-
ändern. Wir könnten eine Menge an Energie frei machen, wenn wir überlegen würden,
ob wir diejenigen Verhaltensmuster, die für uns als Kind vielleicht überlebenswichtig
waren, und uns heute aber in unserer Entfaltung behindern, als Erwachsener eigentlich
noch brauchen.
Wir tun ja einiges dafür, in unserem eigenen, althergebrachten Weltbild zu verhar-
ren: Wir bewegen uns in einem Umfeld, welches unserem Weltbild entspricht und haben
Kontakt zu Menschen mit ähnlichem Weltbild. Dadurch fühlen wir uns bestätigt und
sicher. Andere Meinungen verunsichern uns und lösen damit Gegenwehr aus. Wir wollen
möglichst andere von unserem Weltbild überzeugen, also in unseren Bezugsrahmen hin-
einziehen.
Dies geschieht oft unbewusst auf unterschiedliche Weise: Wir versuchen, das Gegen-
über offen von unserer eigenen Grundposition zu überzeugen und wir versuchen, das
Gegenüber in unsere Grundposition hinein zu manipulieren. Zu den „Techniken“ hierfür
gehören: Re-Definieren und psychologische Spiele.
8.3.4.4 Re-Definieren
Die nicht in das eigene Bezugssystem passenden Aussagen werden in der Regel entwe-
der ignoriert oder umgedeutet, also re-definiert.
Re-Definieren bedeutet, den anderen das Wort „im Munde herumdrehen“.
Beispiel: Erhält ein Mensch mit der Überzeugung „Mich mag sowieso niemand…“,
die Botschaft „Aber ich mag Dich doch…“, so wird diese positive Zuwendung oft inner-
lich umgedeutet. Typische Reaktionen können sein (Gührs und Nowak 1995, S. 60):
• „Der kennt mich eben nicht richtig!“
• „Der hat bestimmt Hintergedanken!“
• „Der muss schön blöd sein!“
• „Der lügt!“
• „Na ja Duu…(was besagt das schon)!“
8.3 Transaktionsanalyse – Entscheiden Sie selbst, ob Sie das Angebot annehmen
180
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Beispiele für Re-Definieren
(A): „Dieses Ergebnis ist nicht richtig.“
(B): „Ich weiß, ich mache immer alles falsch.“
B verallgemeinert den Hinweis von A, der sich auf ein Ergebnis „hier und heute“
bezieht, in doppelter Hinsicht durch „immer und alles“.
(A): „Wie fühlst du dich jetzt?“
(B): „Ich denke, dass ich darüber hinwegkommen werde.“
B geht nicht auf die Frage nach dem Gefühl ein, sondern wechselt zum Denken und
von der Gegenwart in die Zukunft.
(A): „Ruhe dich ruhig eine Stunde aus.“
(B): „Ich kann doch nicht den ganzen Tag rumhängen, wie stellst du dir das eigentlich vor.“
B deutet „ausruhen“ zu „rumhängen“ um, übertreibt die von A vorgeschlagene Zeit-
angabe und greift A auf der Basis dieser Unterstellung sogar an.
(A): „Du könntest die Kinder ruhig ab und zu mal mitbestimmen lassen.“
(B): „Die können doch nicht ständig machen, was sie wollen.“
B verallgemeinert „ab und zu“ zu „ständig“ und deutet „Mitbestimmung“ zu „Belie-
bigkeit“ um.
(A): „Was willst du tun?“
(B): „Man könnte versuchen ….“
B wechselt von „du“ zu „man“, von „wollen“ zu „können“ und von „tun“ zu „versuchen“.
(A): „Ich möchte jetzt gern etwas allein sein, um in Ruhe nachzudenken.“
(B): „Ich wusste gar nicht, dass es für dich so unerträglich ist, mit mir zusammen zu sein?“
B deutet das „für sich sein wollen“ von A um, in ein „gegen mich sein“ und verbindet
das mit einer übertriebenen Bewertung, unerträglich.
(A): „Was möchtest du heute Abend denn gerne unternehmen?“
(B): „Bloß nicht wieder so was langweiliges wie gestern.“
B wechselt von „heute“ zu „gestern“ und von „gern“ zu „nicht gern“.
(A): „Die Art deiner Kritik hat mich verletzt.“
(B): „Ich werde doch mal irgendwas sagen dürfen.“
B wechselt von der Art einer bestimmten Kritik zu „irgendetwas“ und geht auf das
Gefühl von A nicht ein.
(A): „Wann wirst du es tun?“
(B): „Morgen nicht.“
B wechselt von „tun“ zu „nicht tun“ (weitere Beispiele siehe Gührs und Nowak 1995,
S. 154 ff.).
181
8.3.4.5 Psychologische Spiele
Psychologische Spiele sind ganze Folgen von Re-Definitionen und wechselseitig beding-
ter Versuche, den anderen in den eigenen Bezugsrahmen zu integrieren.
Man kann das Ganze dann so auffassen, als ob jemand mich einlädt, in ein „Spiel“
einzusteigen. Dabei hat die Metapher „Spiel“ nichts mit „lustig sein“ zu tun. Das Ver-
halten folgt aber gewissen „Spielregeln“, die eben ein bestimmtes Muster ergeben, dem
wir dann unbewusst folgen. Sind wir zum Einstieg bewogen worden, so ergibt sich eine
Folge von Interaktionen, deren innere Struktur, manchmal auch deren Ergebnis, vorher-
sagbar ist.
Diese Spiele werden unbewusst von uns allen in vielen Varianten gespielt. Sie schei-
nen existenziell notwendig für uns zu sein. Die Spiele werden von den Beteiligten immer
wieder neu inszeniert („warum passiert mir das immer wieder!“) und erhalten so den
Anschein der Schicksalhaftigkeit.
Wichtig ist es zu beachten, dass psychologische Spiele immer einen Nutzen für alle
Beteiligten haben. Wenn kein psychischer Nutzen besteht, steigt der Beteiligte aus dem
Spiel aus, bzw. steigt erst gar nicht ein.
Jeder Spieler hat einen Nutzen Wenn Spiele mit uns gespielt werden, dann
können wir jederzeit aussteigen. Oder anders: Wenn wir merken, dass Spiele
mit uns gespielt werden, und wir bleiben drin, dann müssen wir wohl einen
Nutzen davon haben.
Auch hier gilt wieder die gute alte Regel: Wenn Dir etwas Unangenehmes
„passiert“, dann frage Dich, warum Du Dich in diese Situation hinein manöv-
riert hast und noch „drin“ bist: Was ist gut daran?!
Das psychologische Spiel, das Alfred A. Neumann neulich erlebt hat
Alfred A. Neumann:
„Neulich kam eine langjährige Kollegin zu mir und klagte
mir ihr Leid:
Kollegin:
‚Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Mein Mann,
der kommt immer später nach Hause. Der macht sich noch
kaputt für seine Firma‘.
Ich:
‚Hast Du denn mal mit ihm darüber gesprochen?‘
Kollegin:
‚Dafür hat der doch gar keine Zeit, kommt nach Hause und
fällt todmüde ins Bett.‘
Ich:
‚Dann solltest Du es mal am Wochenende versuchen. Macht
doch mal einen Spaziergang und klärt das.‘
Kollegin:
‚Du hast gut reden, am Wochenende muss ich ja schließlich
putzen und kochen.‘
Ich:
‚Dann nimmst Du Dir eben mal Zeit für dieses Gespräch, ich
dachte, das ist Dir wichtig.‘
8.3 Transaktionsanalyse – Entscheiden Sie selbst, ob Sie das Angebot annehmen
182
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Kollegien:
‚Ja, das stimmt schon. Aber ich will mich auch nicht so stark
in seine Karriere einmischen.‘
Ich:
‚Wie wäre es denn, wenn Du einfach mal einen gemeinsa-
men Ausflug über das ganze Wochenende vorschlägst. Putzen
kannst du ja dann zwischendurch in der Woche.“
Kollegin:
‚Ja, ein gemeinsames Wochenende wäre schon schön.
Das möchte ich dann aber auch nicht mit einem so ernsten
Gespräch verbinden.‘
Ich:
‚Tja, dann kannst Du wohl gar nichts machen.‘
Kollegin:
‚Ich glaub auch. Aber schön, dass du mir wenigstens zuge-
hört hast.‘
Mir kam es so vor, als ob die Kollegin sich nur bestätigen lassen wollte, dass da wohl
nichts zu machen sei. Ich kam mir als Ratgebers ziemlich unfähig vor. Ich war in der
Rolle des frustrierten Retters, da sich das Opfer nicht retten lassen wollte.
Ich habe mir dann überlegt, wie das Gespräch wohl ausgegangen wäre, wenn ich
gleich gemerkt hätte, was hier eigentlich abläuft. Das hätte dann vielleicht so ausge-
sehen:
…
Kollegin:
‚Ja, ein gemeinsames Wochenende wäre schon schön.
Das möchte ich dann aber auch nicht mit einem so ernsten
Gespräch verbinden.‘
Was ich hätte sagen können: ‚Dann musst Du eben selbst damit fertig werden. Du
lehnst ja jeden meiner Vorschläge ab.‘
Was die Kollegin wahrscheinlich darauf entgegnet hätte: ,Eigentlich hätte ich wis-
sen müssen, dass du mich nicht verstehst. Mach mir wenigstens nicht noch Vorwürfe.‘
Damit wäre ich aber wahrscheinlich auch nicht besser dran gewesen, denn ich
hätte sofort Schuldgefühle bekommen.“
Für psychologische Spiele gibt es „Spiele-Breviers“, die meist auf eine Arbeit von Paul
und Sally Edwards zurückgehen (vgl. Edwards und Edwards 1975). Seit den 1980er Jah-
ren kommen sogenannte mikropolitische Spiele hinzu (vgl. Neuberger 1995b, S. 192 ff.),
die die machtpolitische Seite des menschlichen Verhaltens in den Vordergrund stellen und
nicht minder interessant und erhellend für die Analyse von betrieblichen Situationen sind.
Bekannte psychologische Spiele (vgl. Gührs und Nowak 1995, S. 117 ff.)
„Gerichtssaal“ (Spielthese: Die anderen sollen mir sagen, dass ich Recht habe…)
„Hab ich Dich, Du Schweinehund“ (Spielthese: Ich kann machen, dass Du Dich schlecht fühlst…)
„Ist es nicht schrecklich“ (Spielthese: Elend liebt Gesellschaft…)
„Makel“ (Spielthese: An allem gibt es Fehler, auch an Dir…)
„So habe ich das nicht gemeint“ (Spielthese: Die anderen haben nur immer sich selbst im Blick…)
„Sieh nur, was Du angerichtet hast“ (Spielthese: Ich habe keine Schuld, sondern ich habe nur
getan, was die anderen wollten…)
183
„Tumult“ (Spielthese: Wenn wir uns genügend angeschrien haben und damit genügend Distanz
zwischen uns aufgebaut haben, dann brauchen wir nicht an die Lösung unseres Problems zu gehen…)
„Ich versuche ja nur, Dir zu helfen“ (Spielthese: Niemand macht das, was ich ihm rate…)
„Du Ärmster“ (Spielthese: Die anderen sind ohne mich nicht richtig lebenstüchtig…)
„Therapie“ (Spielthese: Ich weiß besser als Du, was Du denkst, fühlst und warum Du etwas tust…)
„Tritt mich“ (Spielthese: Warum muss mir das immer passieren…)
„Dumm“ (Spielthese: Solange ich dumm bin, sind alle zufrieden…)
„Holzbein“ (Spielthese: Was kann man schon von jemandem erwarten, der …)
„Ich Ärmster“ (Spielthese: Ich bin hilflos, und die anderen sollen meine Probleme lösen; Nie-
mand kann mir helfen…)
„Überlastet“ (Spielthese: Ich bin unersetzlich…)
„Schlemihl“ (Spielthese: Ich kann alles durcheinander bringen, und mir wird dennoch verziehen…)
„Wenn Du nicht wärst“ (Spielthese: Da ist immer jemand, der mich hindert, genau das zu tun,
was ich will…)
„Ja, aber“ (Spielthese: Biete mir Lösungen an, und ich werde Dir beweisen, dass sie nichts taugen…)
Spiele in Organisationen nach Mintzberg (vgl. Mintzberg 1983, S. 183–216, zitiert von Neu-
berger, Mikropolitik 1995b, S. 192 ff.), z. B.
„Widerstands-Spiele“
„Spiele gegen den Widerstand“ (Konterrevolutionäre Spiele)
„Spiele zum Aufbau von Macht“ (Sponsor-Protégé-Spiel, Bündnis-Spiel, Reichsgründungs-
Spiel, Budget-Spiel, Expertise-Spiel, Dominanz-Spiel…)
„Spiele zur Bekämpfung von Rivalen“ (Linie-gegen-Stab-Spiel, Rivalisierende-Lager-Spiel…)
„Spiele zur Realisierung organisationalen Wandels“ (Das Strategische-Kandidaten-Spiel, Ver-
pfeifen-Spiel, Jungtürken-Spiel…)
8.4
Gesprächsführung verstehen
Der Alltag von Führungskräften ist geprägt von Gesprächen mit unterschiedlichsten
Menschen. Grundvoraussetzung für erfolgreiche Gesprächsführung ist die innere Hal-
tung dem Gesprächspartner gegenüber und die grundsätzliche Fähigkeit, sich verständ-
lich zu machen.
In der Praxis benötigen wir dafür Instrumente und Methoden. Da ist es hilfreich,
Grundregeln der Gesprächsführung zu kennen, die die Grundsätze der Kommunikation
für die Praxis auf den Punkt bringen. Es ist wichtig zu lernen, wie man sich in einem
konkreten Gespräch am besten verständlich macht, wie man aktiv zuhört und wie man
eine sichere Körperhaltung einnimmt.
Eine Führungskraft muss auch in einer speziellen Art von Gesprächen – den Mitarbei-
tergesprächen – geübt sein. Hier kommt es ganz besonders darauf an, die Form und die
Formalien zu wahren, die in dem betreffenden Unternehmen verwendet werden sowie
das Gespräch in die gewünschte Richtung zu lenken, ohne die Mitarbeiter zu überfahren.
8.4 Gesprächsführung verstehen
184
8 Kommunikation und Gesprächsführung
8.4.1
Grundregeln wertschätzender Gesprächsführung
In der Praxis benötigen wir neben einer wertschätzenden inneren Haltung gegen-
über unseren Gesprächspartnern Instrumente, Anregungen und Tipps für konstruktive
Gesprächsführung. Die hier referierten Grundregeln der Gesprächsführung sind grund-
legend für eine konstruktive Gesprächsführung (vgl. Gührs und Nowak 2002, S. 29 ff.).
Regel 1: Mich auf das Gespräch vorbereiten
Manchmal wird eine Führungskraft spontan auf dem Flur von einem Mitarbeiter ange-
sprochen, ohne dass eine Vorbereitung auf ein Gespräch möglich war. In dieser Situation
kann es wichtig sein, eine Bedenkzeit einzufordern und das Gespräch auf einen anderen
Termin zu verschieben.
Beide Seiten sollten sich dann auf das Gespräch vorbereiten.
Vor Beginn des Gesprächs sollte jeder Gesprächspartner z. B. folgende Fragen für
sich klären:
• Was geht mich das Thema an?
• Bin ich ein geeigneter Gesprächspartner?
• Bin ich motiviert, dieses Gespräch zu führen?
• Kann ich den Zeitaufwand leisten?
• Was ist mein Ziel bei diesem Gespräch?
• Welche Einstellung und welches Gefühl habe ich zu meinem Gesprächspartner?
• Welche Schwächen und Stärken werde ich in diesem Gespräch voraussichtlich haben?
Regel 2: Dem anderen respektvoll gegenübertreten
Dieser Punkt ist nicht als Regel, sondern vielmehr als generelle innere Haltung zu ver-
stehen, die wir anstreben sollten. Dem anderen Respekt entgegenzubringen bedeutet,
den anderen ernst zu nehmen, da nur so ein Klima für konstruktive und somit weiterfüh-
rende, hilfreiche Gespräche und Lösungen entstehen kann. Voraussetzung für ein konst-
ruktives Gespräch ist also die eigene innere Überzeugung, dass kein Mensch von Grund
auf destruktiv ist. Nur mit dieser Haltung kann ich selbst offen für positive Entwicklun-
gen sein. Falls es nicht möglich ist, diese Grundhaltung aufrecht zu erhalten, wenn man
sich beispielsweise über den Gesprächspartner geärgert hat oder sich verletzt fühlt, kön-
nen zwei Verhaltensalternativen gewählt werden:
1. Wir können uns auf klare Anweisungen oder auf die Äußerung von Wünschen
beschränken.
2. Wir können das Gespräch ablehnen.
185
Anderen Menschen respektvoll gegenübertreten heißt z. B. Folgendes:
• den Gesprächspartner so akzeptieren, wie er ist, ihn also nicht verändern wollen,
• echtes Interesse an dem Gesprächspartner haben (auch an Menschen, über die wir uns
aufregen, haben wir ja auf diese negative Weise Interesse),
• das Gegenüber nicht verächtlich oder herablassend behandeln,
• die Äußerungen des Gegenübers nicht bewerten (wer eine Frage stellt, sollte die
Antwort nicht bewerten, z. B. „richtig“ oder „Sie wollen damit doch bloß deutlich
machen, dass…“),
• in „Augenhöhe“ miteinander reden, sich also weder groß noch klein machen,
• den Gesprächspartner nicht „über den Tisch ziehen wollen“ (auf Manipulationstechni-
ken bewusst verzichten!).
Regel 3: Kontakt herstellen
Wenn kein Kontakt zum Gesprächspartner besteht, hat dieser entweder „auf Durchzug“
gestellt und oft nonverbal schon längst den Abbruch des Gespräches signalisiert. Oder er
ist nur darauf bedacht, die eigene Meinung loszuwerden und hält einen Monolog.
Eine falsche Reaktion auf den Verlust des Kontakts bei Gruppen sind ungerichtete
Ermahnungen. Wenn der Vortragende in den Raum droht: „Hier hört mir ja wohl kei-
ner zu!…“, aber nur zwei Personen „quatschen“, werden diese beiden sich wahrschein-
lich nicht angesprochen fühlen (weil sie nicht zugehört und somit nichts mitbekommen
haben) und der Rest der Gruppe fühlt sich ungerecht behandelt.
Der Blickkontakt ist die wichtigste Art des Kontakts. Er signalisiert volle Aufmerk-
samkeit. Bei Verlust des Blickkontakts kann durch direktes Auffordern (oder auch
Schweigen) und durch Nachfragen die Aufmerksamkeit wieder hergestellt werden. Ein
permanentes Anstarren ist natürlich nicht wünschenswert.
Beim Herstellen von Kontakt sind zu beachten:
• freundliche Hinwendung,
• offene Körpersprache,
• Blickkontakt herstellen und halten (ohne den Gesprächspartner anzustarren),
• in Dialog treten durch Nachfragen (wer fragt, führt!)
Regel 4: Erwartungen klären
Wenn diese Regel beherzigt wird, können unrealistische Hoffnungen relativiert und
heimliche Erwartungen aufgedeckt werden. Damit können Enttäuschungen und Vor-
würfe vermieden werden. Zu Beginn eines wichtigen Gesprächs empfiehlt es sich also,
zunächst nach den Erwartungen der Gesprächspartner zu fragen.
8.4 Gesprächsführung verstehen
186
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Im Idealfall sprechen alle Beteiligten ihre Erwartungen aus und am Ende steht ein
klares Ziel, dem alle zustimmen können. Die Fragen „worum geht es?“ und „was wollen
wir voneinander?“ sollten hierbei im Vordergrund stehen.
Regel 5: Informationen zum Thema einholen
Für eine differenzierte Problembeschreibung sollten sich die Gesprächsteilnehmer Zeit
nehmen. Vorschnelle Lösungsvorschläge nach dem Motto „Ja, ja, ich weiß schon, wo
dein Problem liegt….“ sind unvorteilhaft.
Die eingeholten Informationen sollten strukturiert werden. Die Nachfrage: „Mit wel-
chem Aspekt wollen Sie beginnen?“ kann weiterführend sein. Wenn jedoch zu viele
Teilprobleme beschrieben werden und der Überblick verloren geht, hilft es, wenn die
Informationsflut gestoppt wird.
Ein weiteres Problem können zu wenige oder unklare Informationen sein, z. B. wenn
ein Mitarbeiter der Führungskraft berichtet: „Da ist immer so eine seltsame Fehlermel-
dung am PC.“ Will man das Problem wirklich lösen, sollte man konkretere Fakten einho-
len, z. B.: „Wie genau lautet diese Fehlermeldung?“
Es empfiehlt sich, öffnende Fragen (Was, Warum, Wie, Wer …) zu stellen, um Infor-
mationen einzuholen.
Regel 6: Im Hier und Jetzt arbeiten
Die Gesprächsteilnehmer sollten nicht in negativen Gefühlen aus der Vergangenheit ver-
sinken. Es sollten Entscheidungen getroffen werden, die zwar Erfahrungen aus der Ver-
gangenheit mit einbeziehen, die aber auch für eine bessere Zukunft geeignet sind. Der
Gesprächsfokus sollte auf der Gegenwart liegen.
Die wichtigste Frage lautet hier: „Was bedeutet das heute für dich, und was willst du
künftig anders machen?“
Regel 7: „Ich“ statt „Man“ und „Wir“ benutzen
„Man“ und „Wir“ wird oft dazu eingesetzt, die Verantwortung für eigene Wünsche und
Entscheidungen auf die Gruppe abzuwälzen. Diese Verallgemeinerung wird zudem oft
für gezielte Manipulation einer Person verwendet.
Allen Anwesenden wird zugeschrieben, die gleiche Meinung zu haben: „Wir sind
doch sicherlich alle der Meinung…“ Damit wird die Möglichkeit, einen konstruktiven
anderen Vorschlag zu machen, von vorn herein ausgeschlossen.
Ich-Botschaften geben! Damit die Subjektivität der eigenen Sichtweise unterstreichen
und die Verantwortung für das Gesagte übernehmen.
Regel 8: Wichtige Gesprächsinhalte paraphrasieren
Der Sinn des Paraphrasierens liegt darin, besser zu verstehen und dem Gesprächspartner
gleichzeitig Aufmerksamkeit zu signalisieren, indem das von ihm Gesagte nochmals mit
eigenen Worten zusammenfasst wird.
187
Beispiele für Paraphrasieren
„Habe ich Sie richtig verstanden, Sie meinen also…“
„Ich habe jetzt von Ihnen gelernt, dass man die Sache wie folgt sehen sollte…“
Allerdings besteht hier die Gefahr, den Gesprächspartner gezielt zu manipulieren –
ihn zu „parafrisieren“.
Regel 9: Körperausdruck und Gefühlsinhalte beachten
Auch mit dem eigenen Körperausdruck wird Kontakt hergestellt (oder eben verhindert).
Wenn eine Diskrepanz zwischen Fühlen und Verhalten besteht, kann dies zu einer Irrita-
tion des Gesprächspartners führen.
Beispiel: Jemand schildert traurige Ereignisse und kichert oder grinst dabei ständig.
Körperausdruck, also Gestik und Mimik, sollten zu den besprochenen Inhalten pas-
sen. Es gibt keinen „Knigge“ des Körperausdrucks. Beine dürfen übereinander geschla-
gen, Arme dürfen verschränkt und Hände dürfen in die Hosentasche gesteckt werden,
wenn diese Körperhaltung zu den Gesprächsinhalten passt und diese unterstreicht.
Regel 10: Interpretationen sparsam verwenden und kennzeichnen
Das intuitive Erfassen von Personen und Situationen ist für uns alle sehr wichtig, da es
uns ermöglicht, schnell auf neue Situationen zu reagieren. Es ist jedoch möglich, dass
aus einem solchen Vor-Urteil Fehleinschätzungen resultieren. So wäre es z. B. denkbar,
dass ein Teilnehmer eines Meetings oft aus dem Fenster schaut. Eine mögliche Inter-
pretation wäre: „Tja, er scheint sich nicht sehr für meinen Beitrag zu interessieren…“
Genauso gut wäre es aber auch denkbar, dass der Teilnehmer beim Blick aus dem Fens-
ter über meine Ausführungen nachdenkt.
In einem konstruktiven Gespräch ist es wichtig, zuzuhören und unser Gegenüber ggf.
zu fragen, ob wir mit unseren Vermutungen und Interpretationen richtig liegen.
Regel 11: Authentisch und selektiv miteinander reden
Authentisch miteinander reden, heißt, sich nicht zu verstellen und deshalb in der Argu-
mentation glaubhaft zu sein.
Was aber tue ich, wenn ein Gespräch mit jemandem ansteht, gegen den ich schlechte
Gefühle habe? Wenn ich hier authentisch sein würde, müsste ich ja meine schlechten
Gefühle offenbaren. Dies würde wahrscheinlich dazu führen, dass unser Gespräch unpro-
duktiv verliefe, und wahrscheinlich würde ich mein Gegenüber verbal auch verletzen.
Authentizität muss in der professionellen Gesprächsführung ihre Grenzen haben.
Diese Grenzen werden dadurch gezogen, dass selektiv miteinander geredet wird. Das
bedeutet, das Gespräch hat ausschließlich das zu klärende Problem zum Gegenstand.
Eigene Gefühle müssen dabei in den Hintergrund treten (lassen sich aber natürlich nicht
völlig unterdrücken und werden das Gespräch immer im Hintergrund beeinflussen).
Die goldene Regel lautet: „Alles was ich sage, muss wahr sein. Aber ich muss ja nicht
alles sagen, was wahr ist.“
8.4 Gesprächsführung verstehen
188
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Regel 12: 50 %-Regel beachten
Mindestens die Hälfte der Lösung eines Problems sollte vom Gesprächspartner über-
nommen werden. Man sollte versuchen, die Verteilung der Aktivität während des
Gespräches und beim Lösen des Problems zu bewerten:
• Hat jeder seinen Teil zur Lösung des Problems beigetragen oder gab es starke Unge-
rechtigkeiten?
• Wie fühle ich mich danach?
• Wurde ich ausgenutzt oder wurde die Arbeit fair verteilt?
• Wie ist das Ergebnis des Gesprächs im Nachhinein zu beurteilen?
Regel 13: Bilanz ziehen
Um eine Unterredung zu einem weiterführenden Abschluss zu führen, sollte man am
Ende des Gesprächs genug Zeit für eine Bilanz einplanen. Dabei fasst man noch einmal
zusammen, was im Gespräch geklärt werden sollte (siehe auch „Erwartungen klären“),
wie der gegenwärtige Stand der Dinge ist und wie weiter vorgegangen werden soll.
Bilanz zu ziehen führt zum einen dazu, dass man sich noch einmal den Gang des
Gesprächs vergegenwärtigt und zum anderen, dass jedem die weiteren Arbeitsschritte
klar sind.
Die wichtigsten Fragestellungen, die gemeinsam am Ende des Gesprächs reflektiert
werden sollten, sind:
• Was wollten wir? Was war das Ziel?
• Inwieweit haben wir die anstehenden Fragen geklärt?
• Was bleibt zu tun?
• Haben wir neue Lösungsansätze oder auch neue Probleme gefunden?
• Welches sind die nächsten Schritte?
8.4.2
Leitfaden Mitarbeitergespräche
Führungskommunikation in Augenhöhe Führungskommunikation, so wie
sie hier verstanden wird und in Mitarbeitergesprächen zum Ausdruck kommt,
geht immer davon aus, dass
• in Augenhöhe miteinander geredet und verhandelt wird,
• Win-win-Situationen möglich und erreichbar sind,
• Mitarbeiter eigene Motive für ihr Verhalten haben und diese geachtet werden,
• die volle Leistung des Mitarbeiters nur zu erhalten ist, wenn dieser mit den ver-
einbarten Arbeitszielen auch nachhaltig eigene Bedürfnisse befriedigen kann.
Mitarbeitergespräche sind mehr oder weniger durchstandardisierte Gespräche zwischen
Führungskraft und Mitarbeiter. Für die Gestaltung des Gesprächsprozesses haben die
189
meisten Unternehmen ihre Prozesse, Verfahren und Checklisten erstellt, die – auch aus
Gründen des Arbeitsrechts und der Mitbestimmung – eingehalten werden sollten. Im
Folgenden wird ein grober Überblick über die typischen Phasen des Gesprächsprozesses
und die wichtigsten Merkposten der Gesprächsführung gegeben. Enthalten sind Anre-
gungen dafür, wie eine positive Gesprächsbeziehung grundsätzlich aufgebaut wird und
wie Kommunikationssperren verhindert werden können.
Professionell geführte Mitarbeitergespräche erstrecken sich über bestimmte Statio-
nen und münden in der Regel in Vereinbarungen über das weitere Vorgehen und die zu
ergreifenden Maßnahmen (Abb. 8.22).
8.4.2.1 Vorbereitung auf das Mitarbeitergespräch
Führungskraft und Mitarbeiter sollten genügend Zeit zur Vorbereitung des Gesprächs
haben. Bereits in der Einladung sollten die Punkte benannt sein, die Gegenstand des
Gesprächs sein werden. Auch sollte klar sein, was bei dem Gespräch herauskommen soll
(bloßer Gedankenaustausch, Beratung oder verbindliche Vereinbarung über…).
Merkposten für die Vorbereitung auf das Mitarbeitergespräch Die Füh-
rungskraft sollte eine angenehme Gesprächsatmosphäre schaffen, d. h. z. B.:
• Es sollte genügend Zeit eingeplant werden (keine dringenden Termine im
Anschluss, Telefon umstellen).
• Es sollte für eine Sitzordnung „in Augenhöhe“ gesorgt werden.
• Es sollten alle erforderlichen Unterlagen und ggf. technischen Hilfsmittel
(Internet) im Gespräch verfügbar sein.
• Es sollten ggf. Kaffee, Tee, Wasser o. ä. verfügbar sein.
Beide Gesprächspartner sollten im Vorfeld für sich folgende Sachverhalte
genauer klären:
• Was will ich in dem Gespräch erreichen?
• Was weiß ich von meinem Gesprächspartner?
• Welche Ziele wird mein Gesprächspartner voraussichtlich verfolgen?
• Welche Vorteile, welchen Nutzen kann ich meinem Gesprächspartner bieten?
• In welcher Reihenfolge will ich die Themen besprechen?
• Welche Vorgaben und Formblätter existieren im Unternehmen für das
anstehende Mitarbeitergespräch?
Vorbereitung
auf das
Gespräch
Gesprächs-
eröffnung
Maß-
nahmen-
planung
Abschluss
und Bilanz
Situations-
analyse
Zielfindung
und -verein-
barung
Abb. 8.22 Vorgehensmodell für Mitarbeitergespräche
8.4 Gesprächsführung verstehen
190
8 Kommunikation und Gesprächsführung
• Welche Informationen und Unterlagen muss ich mir zuvor beschaffen?
• Mit wem muss ich mich im Vorfeld beraten?
• Sollte der Betriebsrat ggf. hinzugezogen werden?
• Welche Unterlagen müssen im Gespräch produziert werden (z. B. Protokoll-
bogen, Vereinbarung etc.)?
8.4.2.2 Gesprächseröffnung
In der Gesprächseröffnung sollte ein offenes, entspanntes Klima geschaffen werden.
Dies kann z. B. durch einen Small Talk geschehen. Der Gesprächspartner sollte auf kei-
nen Fall verbal „zugeschüttet“ werden (Wer fragt, führt!). Wichtig ist ein ausgewogenes
Verhältnis aus eigenen Gesprächsbeiträgen und interessiertem Fragen. Dabei kommt es
nicht auf die behandelten Themen an, sondern darauf, dass die Gesprächspartner mitein-
ander reden und sich dabei öffnen.
Die Gesprächspartner teilen sich gegenseitig mit, welche Themen sie besprechen
möchten und welche Zielerwartungen sie aneinander haben. Die Reihenfolge der abzu-
handelnden Themen und der Zeitrahmen sollten ebenfalls einvernehmlich festgelegt wer-
den. Die Ergebnisse des Gesprächs werden meist in einem Protokollbogen festgehalten.
Merkposten für die Gesprächseröffnung
1. Erster Eindruck:
• positive äußere Erscheinung,
• freundlicher Gesichtsausdruck,
• Blickkontakt,
• sichere Haltung,
• höfliches Auftreten,
• offene Körpersprache, dem Mitarbeiter zugewandt.
2. Begrüßung: Die Führungskraft…
• begrüßt den Mitarbeiter freundlich,
• kennt den Mitarbeiter und nennt ihn beim Namen,
• hält angemessene Distanz,
• wählt Sitzposition in Augenhöhe,
• hält Blick- und Gesprächskontakt,
• drückt Freude über Gespräch aus,
• bietet Kaffee o. ä. an.
3. Positive Gesprächsatmosphäre schaffen:
• Anerkennung und respektvoller Umgang,
• Small Talk, bei dem es um Gemeinsamkeiten geht,
• Wellenlänge (hier: Körpersprache/Beziehungsebene),
• Übergang: Gesprächspartner stellen Bezug zum Gesprächsanlass her.
4. Eröffnung des Gesprächsthemas:
• Beiderseitiges Eröffnungsstatement zu Ziel und Nutzen des Gesprächs,
• Festlegung des Gesprächsrahmens (Reihenfolge der Themen, Zeitrahmen),
191
• Feststellung beiderseitiger Zustimmung für Fortführung des Gesprä-
ches in dem vereinbarten Rahmen,
• Vereinbarung über Protokollierung der Gesprächsergebnisse.
8.4.2.3 Situationsanalyse
In jedem der angesprochenen Themenbereiche werden die Beobachtungen und Einschät-
zungen gegenseitig ausgetauscht. Es wird versucht, eine Übereinkunft der Einschätzun-
gen zu erreichen. Das ist besonders wichtig, wenn es sich, z. B. bei Beurteilungs- oder
Performance-Review-Gesprächen, um die Stärken und Schwächen des Mitarbeiters bzw.
um den Grad der Zielerreichung handelt.
Oft gehen die Einschätzungen des Vorgesetzten und des Mitarbeiters auseinander. Es
hilft meist wenig, sich über die Ursachen von Schwächen auseinanderzusetzen und damit
in der Vergangenheit zu verharren (wer hat die Schuld?). In diesem Fall ist es meist ein-
facher, eine Einigung über die Möglichkeiten von Verbesserungen zu erzielen, also das
Gespräch in die noch veränderbare Zukunft zu lenken (was können wir künftig anders
machen?).
Merkposten für die Situationsanalyse
1. Austausch der Beobachtungen und Eindrücke: Die Führungskraft…
• macht durch Ich-Botschaften die Subjektivität ihrer Beobachtungen
deutlich,
• stellt offene Fragen (W-Fragen),
• paraphrasiert die Aussagen des Gegenübers, um ein gemeinsames Ver-
ständnis herzustellen,
• hört aktiv zu.
2. Übereinkunft über die Beobachtungen und Eindrücke erzielen: Die Füh-
rungskraft…
• fasst die eigenen Eindrücke zusammen,
• fragt nach den Eindrücken des Gesprächspartners,
• fasst Konsenspunkte und Dissenspunkte zusammen,
• fragt, ob dies vom Gesprächspartner so geteilt wird,
• stellt Konsens oder Dissens fest (und protokolliert dies).
3. Einigung über Verbesserungsmöglichkeiten: Die Führungskraft…
• gibt zu erkennen, dass es bei den erkannten Schwächen nicht um
„Schuld“ geht, sondern um „künftig anders machen“,
• fragt nach Ideen des Gesprächspartners zur Verbesserung der Situation,
• fragt nach den Voraussetzungen der Verwirklichung von Verbesserun-
gen,
• fragt nach den Vor- und Nachteilen, die der Gesprächspartner in der Ver-
besserung der Situation sieht,
8.4 Gesprächsführung verstehen
192
8 Kommunikation und Gesprächsführung
• gibt eigene Einschätzungen zu den Vor- und Nachteilen der angespro-
chenen Verbesserungen,
• holt Zustimmung des Gesprächspartners für die Fortführung des
Gespräches auf dieser Basis ein.
8.4.2.4 Zielfindung und Zielvereinbarung
Hier werden die in der Analysephase gefundenen Verbesserungsmöglichkeiten zu Zielen
gebündelt. Auch wenn das Mitarbeitergespräch nicht explizit zu einem institutionalisier-
ten Zielvereinbarungsprozess gehört, ist es sinnvoll, gemeinsame Ziele mit dem Mitar-
beiter zu finden und für die nächste Periode zu vereinbaren. Der gemeinsame Prozess der
Zielfindung und die Vereinbarung selbst fördert das Commitment, mit dem der Mitarbei-
ter die Verwirklichung der vereinbarten Ziele anstrebt.
Vereinbart werden können drei Arten von Zielen,
• Leistungsziele, z. B. bessere Performance, geringere Kosten, bessere Qualität etc.,
• Verhaltensziele, z. B. besseres Führungsverhalten, stärkere Serviceorientierung, ver-
bessertes Kommunikationsverhalten,
• Entwicklungsziele, z. B. neue Fachkompetenzen durch Weiterbildung, Karriereziele,
Ausweitung des Zuständigkeits-/Servicebereichs.
Mit vereinbart werden sollten immer auch die Kriterien, an denen die Zielerreichung
gemessen werden kann sowie der Zeitraum, in dem die Ziele erreicht werden sollen.
Merkposten für Zielfindung und Zielvereinbarung
1. Zielfindung
• Die Führungskraft „verkauft“ nicht die erforderlichen Ziele des Unter-
nehmens und überredet den Mitarbeiter nicht, bestimmten Zielen zuzu-
stimmen.
• Prinzip Win-win-Situation: Die Ziele müssen auch vom Mitarbeiter
gewollt werden und eine motivierende Wirkung haben („What’s in for
me?“). Darüber muss in der Regel verhandelt werden.
• Der Prozess der Zielfindung sollte von gegenseitigem Vertrauen und
von Respekt geprägt sein.
• Die Führungskraft sollte sorgfältig abschätzen und mehrmals nachfra-
gen, inwieweit der Mitarbeiter fähig und bereit ist, die gefundenen Ziele
auch bei auftauchenden Schwierigkeiten zu erreichen.
• Es sollte Klarheit über die Voraussetzungen der Zielerreichung geschaf-
fen werden, z. B. Vergrößerung des Budgets, neue technische Mittel,
Schulungen, Seminare, Weiterbildung etc.
2. Vereinbarung der Ziele
• Es sollte Klarheit über Sinn und Zweck der Ziele geschaffen werden.
• Eine genaue Beschreibung von Zielen und Unterzielen ist sinnvoll.
193
• Es sollten Kriterien der Zielerreichung formuliert werden, z. B. Kosten,
Stückzahl, Durchlaufzeiten, Fehlzeiten, Kompetenzen, Quote umgesetz-
ter Vorschläge, Reklamationen pro Kunde, Kundenzufriedenheit, Mitar-
beiterzufriedenheit.
• Wenn eine Incentivierung für die Zielerreichung erfolgen soll, muss
diese konkret vereinbart werden,
• Die Ziele sollten SMART formuliert werden: spezifisch, messbar,
anspruchsvoll, realistisch, terminiert,
• Die Zielvereinbarung sollte schriftlich formuliert werden. Dazu ist ggf.
ein firmenspezifisches Formular zu verwenden.
8.4.2.5 Maßnahmenplanung
Im Gespräch werden nicht die Umsetzungsschritte im Einzelnen geplant. Diese sollten,
wie bei „Führen mit Zielen“ üblich, vor allem dem Mitarbeiter selbst überlassen bleiben.
Die Führungskraft sollte dafür sorgen, dass optimale Bedingungen zur Erreichung der
vereinbarten Ziele gewährleistet sind.
Merkposten für die Maßnahmenplanung Unter dem Stichwort „Maßnah-
menplanung“ im Gesprächsprozess werden die notwendigen Maßnahmen
festgelegt, die zur Zielerreichung beitragen. Das sind meist unterstützende
und fördernde Maßnahmen, die die Führungskraft und das Unternehmen leis-
ten. Die Maßnahmen sollten auf der Grundlage der festgestellten Verbesse-
rungsmöglichkeiten wiederum gemeinsam geplant werden.
8.4.2.6 Abschluss und Bilanz
Während des Mitarbeitergesprächs sollten die Gesprächsergebnisse von der Führungs-
kraft protokolliert werden. Zum Abschluss fasst die Führungskraft die notierten Punkte
zusammen, macht ggf. Korrekturen und stellt einen Konsens über die Gesprächsergeb-
nisse fest. Offen gebliebene Punkte werden als solche gekennzeichnet. Hierüber werden
in der Regel neue Gesprächstermine vereinbart.
Beide Gesprächspartner unterzeichnen das Protokoll und sichern sich gegenseitig Ver-
traulichkeit zu.
Zum Abschluss geben sich die Gesprächspartner gegenseitig ein Feedback über Ver-
lauf und Atmosphäre des Gesprächs.
Die Meinung von Alfred A. Neumann zur Methodik des Mitarbeitergesprächs
Alfred A. Neumann: „Tja, das hört sich ja alles ziemlich nach grauer Theorie an.
Glauben Sie denn ernsthaft, dass Führungskräfte sich die Zeit nehmen, und diese gan-
zen Stufen eines Mitarbeitergesprächs abarbeiten? Die haben doch viel zu wenig Zeit,
zumindest nehmen sie sich nicht die Zeit, all diese positiven Augenhöhe-Geschichten
bei Gesprächen mit den Mitarbeitern durchzuziehen. Die haben doch viel Wichtigeres
zu tun, meinen sie jedenfalls.“
8.4 Gesprächsführung verstehen
194
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Autor: „Herr Neumann, das ist aber genau die Führungsarbeit, die Führungskräfte zu leis-
ten haben. Die Potenziale der Mitarbeiter und ihre Bereitschaft, diese in Leistung für
das Unternehmen umzusetzen, sind das wichtigste Kapital eines Unternehmens. Das
sagen Ihnen auch die Ökonomen. Führungskräfte sind dafür zuständig, den Mitarbeitern
die Hemmnisse bei der Leistungserstellung aus dem Weg zu räumen. Dazu gehören nun
einmal Gespräche, in denen regelmäßig eine Bestandsaufnahme und eine gemeinsame
Planung für die nächste Periode stattfinden. Wer diese Gespräche nicht ordentlich führen
kann, gehört nicht in die Position einer Führungskraft.“
Alfred A. Neumann: „Und was passiert, wenn an irgendeinem Punkt des Mitarbeiter-
gesprächs keine Einigung erzielt werden kann?“
Autor: „Sicher, ein Mitarbeitergespräch wird in der Realität meist nicht so konfliktfrei
ablaufen, wie hier in dem Leitfaden geschildert. Der Leitfaden soll aufzeigen, was eine
Führungskraft bei Mitarbeitergesprächen beherzigen sollte. Im Falle eines Konflikts
muss die Führungskraft entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen sie dem betref-
fenden Mitarbeiter z. B. die Übernahme neuer Aufgaben zutraut und wie die Zusam-
menarbeit mit diesem Mitarbeiter weitergehen soll. In diesem Fall empfiehlt es sich, das
Mitarbeitergespräch notfalls zunächst zu unterbrechen oder zu beenden, damit sich beide
Seiten auf die Bearbeitung der aufgetauchten Konflikte vorbereiten können. Letztlich
hilft auch hier Augenhöhe, in der man ggf. auch eine Konfrontation am besten bestehen
kann. Führungskräfte sind dafür da, mit den Mitarbeitern in ihrer Führungsspanne die
beste Lösung für das Unternehmen zu realisieren. Dabei ist dann von Fall zu Fall zu ent-
scheiden, Motto: ‚Was kann ich mit dir, lieber Mitarbeiter, für das Unternehmen errei-
chen?‘. Auf keinen Fall sollte die Entscheidung auf die lange Bank geschoben werden.“
8.5
Gesprächstechniken
Für eine ernsthaft agierende Führungskraft kann es nicht darum gehen, eigene Ziele an
die Mitarbeiter „zu verkaufen“. Dagegen gibt es neben ethischen Gründen auch mindes-
tens zwei ökonomische Argumente:
1. Die Beziehung zu den Mitarbeitern muss langfristig angelegt sein. Man muss sich tag-
täglich in die Augen schauen und gemeinsam Ziele erreichen. Aus diesem Grunde kann
man es sich als Führungskraft nicht erlauben, Mitarbeiter durch Verkaufsgesprächs-
Tricks zu manipulieren. Wenn die Mitarbeiter sich hintergangen fühlen, ist das Vertrauen
dahin. Dann droht bestenfalls „Dienst nach Vorschrift“, schlimmstenfalls „innere Kündi-
gung“ oder „Sabotage“ und das Commitment für die gemeinsamen Aufgaben ist zerstört.
2. Wer den Mitarbeitern Ziele „verkaufen“ will, hat die Vorstellung, dass er selbst
„durchblickt“ und die Anderen durch Anreize, Druck und Tricks zum Mitzie-
hen bewegen muss. Damit vergibt man aber die Chance, dass auch die Mitarbeiter
neue Ideen und gute Lösungsvorschläge einbringen. Nur sie kennen ja ihre eigenen
195
Arbeitsprozesse genau und sind damit die Spezialisten für Prozessverbesserungen in
ihrem Arbeitsbereich. Gerade wenn von ihnen Bedenken angemeldet werden oder
sich Widerstand gegen die Ziele des Vorgesetzten abzeichnet, sollte dies ein ernst zu
nehmendes Signal dafür sein, diese Ziele noch einmal zu überdenken.
Die folgenden Abschnitte geben eine Zusammenstellung von Gesprächstechniken, die
die Grundsätze von Augenhöhe beherzigen (vgl. z. B. auch Grünberg 2001). Der Leser
erhält damit praktische Anregungen, um
• überzeugend zu argumentieren,
• produktive Feedback-Gespräche zu führen,
• im Small Talk zu bestehen und
• sich gegen Angriffe zu wehren.
8.5.1
Überzeugend argumentieren
Überzeugend argumentieren heißt nicht, die Gesprächspartner von der eigenen Meinung
zu überzeugen oder ihm etwas zu „verkaufen“. Überzeugend argumentieren heißt in ers-
ter Linie, sich verständlich zu machen und dabei glaubwürdig zu sein.
8.5.1.1 Auseinandersetzung mit Argumenten unserer
Gesprächspartner
Bevor wir anfangen, selbst überzeugend zu argumentieren, sollten wir üben, wie wir uns
zu den Argumenten unseres Gegenübers am besten verhalten können.
Die Argumente, die uns von unseren Gesprächspartnern entgegengebracht werden,
lassen sich in die unten aufgeführten Kategorien einteilen.
• Tatsachenargumente
• Autoritätsargumente
• Plausible Argumente
• Moralische Argumente
Tatsachenargumente
Tatsachenargumente beruhen auf nachprüfbaren Tatsachen. Sie lassen sich nur entkräf-
ten, nicht aber widerlegen. Hier zwei Beispiele:
Äußerung: „Sie sind eindeutig zu schnell gefahren. Hier ist das Ergebnis der Radar-
messung“.
Mögliche Antwort: „Aber nur zehn Stundenkilometer! Und ich habe Niemanden
gefährdet.“
Äußerung: „ Der Krankenstand ist nach unseren Erhebungen um 2 % gesunken.“
Mögliche Antwort: „Bei einem durchschnittlichen Krankenstand von 18 % ist das
aber nicht sehr viel.“
8.5 Gesprächstechniken
196
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Autoritätsargumente
Autoritätsargumente beziehen sich immer auf Meinungen anerkannter Autoritäten. Fast
jedes Autoritätsargument lässt sich durch Argumente, die sich auf wieder andere Autori-
täten beziehen, widerlegen. Hier einige Beispiele:
Argument der einen Autorität: „Der SAP-Berater meint, dass das Projekt mit nur zehn
Beratertagen zu machen ist.“
Widerlegende Antwort mit dem Argument einer anderen Autorität: „Ich habe aber von
einem erfahrenen Praktiker gehört, dass die Beratertage immer zu niedrig angesetzt wer-
den, damit das Preisangebot noch im Rahmen des Verträglichen liegt.“
Argument der einen Autorität: „Der Arzt geht davon aus, dass Sie in drei Tagen wie-
der arbeitsfähig sind.“
Widerlegende Antwort mit dem Argument einer anderen Autorität: „Mein Facharzt
sagt aber, dass man bei dieser Krankheit auf keinen Fall zu früh aufstehen sollte.“
Argument der einen Autorität: „Wissenschaftlich gesehen, ist die Angst vor der Atom-
kraft unbegründet.“
Widerlegende Antwort mit dem Argument einer anderen Autorität: „Wenn man aber
die Entsorgungsproblematik einbezieht, entstehen hier unbeherrschbare Risiken. Das
kann man bei vielen Experten nachlesen.“
Plausible Argumente
Plausible Argumente knüpfen an allgemeine Erfahrungen und an den gesunden Men-
schenverstand an. Ihnen kann mit anderen plausiblen Argumenten begegnet werden. Hier
einige Beispiele:
Plausibles Argument: „Wir können keine festen Stellen einrichten, weil wir nicht wis-
sen, wie sich die Nachfrage nach E-Learning entwickelt.“
Plausibles Gegenargument: „Wir müssen aber jetzt handeln, weil uns sonst unsere
qualifizierten Leute weglaufen. Dann sind wir um Jahre zurück.“
Plausibles Argument: „Wenn wir so bei unseren Investitionen in unsere Internetplatt-
form gedacht hätten, wären wir heute noch in der Steinzeit.“
Plausibles Gegenargument: „Unsere Plattform können wir jederzeit wieder loswer-
den. Fest eingestellte Mitarbeiter aber nicht.“
Moralische Argumente
Moralische Argumente nutzen allgemein gültige Werte wie Zumutbarkeit, Fairness, sozi-
ale Verantwortung usw. als Begründung. Um solche Argumente zu entkräften, sollte man
versuchen, die moralische Komponente von der Begründung abzukoppeln und diese
zunächst zu bestätigen. Es bringt im Gespräch nichts, einen Wert gegen die anderen zu
setzen (z. B. Freiheit gegen Sicherheit). Hier nähert man sich Glaubensfragen, die nicht
durch ein Gespräch konsensual geklärt werden können. Bespiel:
Argument: Wir können den Programmierern nicht mehr zahlen als dies hier für Ange-
stellte dieser Qualifikation üblich ist, weil sich sonst die anderen Mitarbeiter benachtei-
ligt fühlen würden.
197
Gegenargument mit Abkopplung der moralischen Komponente: „Natürlich bin ich
auch für gerechte Löhne. Jedoch müssen wir auch sehen, was diese Leute am Markt ver-
dienen könnten.“
Zusammenfassende Übung
Fall: In einem Unternehmen unterhalten sich der Abteilungsleiter und seine Assisten-
tin darüber, ob es nicht ratsam sei, eine weitere Assistentin einzustellen, die vorrangig
für das neue Abrechnungssystem zuständig ist. Der Abteilungsleiter ist dagegen, die
Assistentin ist dafür. Erfinden Sie einen Dialog, in dem Tatsachenargumente, Autori-
tätsargumente, plausible Argumente und moralische Argumente ausgetauscht werden.
Hier ein Lösungsvorschlag:
Tatsachenargument dafür: „Wir brauchen jemanden, der sich professionell mit
dem neuen Abrechnungssystem befasst.“
Tatsachenargument dagegen: „Wenn wir jemanden nur für das Abrechnungssystem
einstellen, dann ist diese Person nicht ausgelastet.“
Autoritätsargument dafür: „Ich habe aber von dem Berater gehört, dass dieses
Abrechnungssystem ständig neue Releasewechsel hat, sodass wir auf jeden Fall einen
Experten dafür im Hause haben müssen.“
Autoritätsargument dagegen: „Ich war neulich auf einer Fachtagung. Da ist ganz klar
gesagt worden, dass die Unternehmen nicht jeden Releasewechsel mitmachen müssen.“
Plausibles Argument dafür: „Sind solche Fachtagungen nicht sowieso durch die
Herstellerindustrie gesponsert?“
Plausibles Argument dagegen: „Ja schon, aber hier waren auch andere Unterneh-
men vertreten. Die haben das bestätigt.“
Moralisches Argument dafür: „Alles schön und gut, wenn wir jemanden einstellen,
entlasten wir den Arbeitsmarkt und tun unseren überlasteten Mitarbeitern einen Gefallen.“
Moralisches Argument dagegen: „Aber, wenn wir so viel Personalkosten für eine
neue Stelle erzeugen, ist vielleicht unser Bestand gefährdet. Das hilft dann unseren
jetzigen Mitarbeitern auch nicht.“
8.5.1.2 Aufbau überzeugender Argumentation
Jedes Argument hat zwei Teile,
• ein Anliegen, welches als Meinung, Behauptung, Bitte, Appell etc. auftreten kann, und
• eine Begründung für dieses Anliegen.
Argumentationen haben den meisten Erfolg, wenn sie wie folgt gegliedert sind (vgl.
auch Grünberg 2001, S. 82):
1. Sie unterbreiten Ihre Meinung.
2. Sie begründen Ihre Meinung allgemein.
3. Sie geben Beispiele für die Richtigkeit Ihrer Meinung.
8.5 Gesprächstechniken
198
8 Kommunikation und Gesprächsführung
4. Sie fassen zusammen und ziehen eine Schlussfolgerung.
5. Sie bitten um Zustimmung und fordern zum Handeln auf.
Übung
Setzen Sie die Gliederung der Argumentation für den Fall um, dass Sie einen weite-
ren Mitarbeiter einstellen wollen, ohne den, Ihrer Meinung nach, die Kundenanfragen
nicht mehr zu bewältigen sind.
Hier ein Lösungsvorschlag:
Schritt 1 – Anliegen: „Wir brauchen einen weiteren Mitarbeiter zur Bearbeitung
der Kundenanfragen.“
Schritt 2 – Begründung: „Wir haben schon jetzt eine viel zu lange Response-Zeit.
Wenn wir so weiter machen, verlieren wir potenzielle Kunden an die Konkurrenz.“
Schritt 3 – Beispiele: „Erst letzte Woche habe ich das Schreiben eines sehr verärger-
ten Interessenten erhalten, der nun der Konkurrenz einen großen Auftrag gegeben hat.“
Schritt 4 – Zusammenfassung und Schlussfolgerung: „Unsere Kunden bezahlen
uns alle schließlich. Deshalb darf an dieser Stelle nicht gespart werden. Ich würde
gern noch heute eine Personalanforderung an die Personalstelle geben, sodass wir mit
der Bewerberauswahl für diese Stelle möglichst bald beginnen können.“
Schritt 5 – Bitte um Zustimmung und Aufforderung zum Handeln: „Sieht das
jemand anders? Nein? Dann bitte ich Sie, Herr Schneider, eine Personalanforderung
auszuarbeiten und mir heute Nachmittag zukommen zu lassen.“
8.5.2
Das Feedback-Gespräch
8.5.2.1 Warum und wie soll Feedback gegeben werden?
Wir alle haben unsere persönliche Sichtweise. Wie die Abb. 8.23 zeigt, kommt es auf
die Perspektive an. Wer von vorn auf das Werkstück schaut, erblickt einen Ring. In der
Draufsicht scheint es ein Quader zu sein. Tatsächlich ist es ein Rohr. Wer seine Perspek-
tive ändern kann, erhält also mehr Informationen über die Welt.
Jeder hat sein Bild von sich selbst. Das nennt man „Selbstbild“. Wir alle haben aber
auch unseren persönlichen „Blinden Fleck“ (siehe Abb. 8.24).
Das, was ich an mir nicht sehe (oder nicht sehen will), können Andere wahrscheinlich
gut erkennen. Wenn ich mich persönlich weiterentwickeln will, sollte ich mir anhören,
wie Andere mich wahrnehmen. Das nennt man „Fremdbild“. Ich muss nicht alles beher-
zigen, denn mein Gegenüber schaut ja auch mit seinem persönlichen Blick auf mich.
Aber ich habe durch die Sicht des Anderen auf mich neue Informationen gewonnen und
kann dann selbst entscheiden, in welchen Bereichen ich die Sicht der Anderen teilen und
mich hier verändern will.
199
Feedback-Haltung
• Feedback ist subjektiv!
• Verschiedene Perspektiven vergrößern die Information.
• Jeder hat Recht – jedenfalls aus seiner Perspektive.
• Beim Feedback geht es nicht um Wahrheit, sondern um die Äußerung der
persönlichen Wirklichkeit.
• Feedback ist keine Bewertung oder Beurteilung.
Feedback ist dann konstruktiv, wenn es respektvoll und sachlich geäußert wird, konkrete
Verbesserungshinweise an den Empfänger enthält und ihm damit zusätzliche Verhaltens-
möglichkeiten aufzeigt. Durch konstruktives Feedback
Abb. 8.23 Auf die Perspektive kommt es an!
C
Verbergen
"Privatperson"
B
"Blinder Fleck"
Mir selbst unbekannt
Mir selbst bekannt
den anderen
bekannt
den anderen
unbekannt
D
Unbewusstes
A
Freies Handeln
"Öffentliche Person"
Abb. 8.24 Der blinde Fleck
8.5 Gesprächstechniken
200
8 Kommunikation und Gesprächsführung
• können Missverständnisse beseitigt werden,
• lassen sich Beziehungen und Konflikte klären,
• werden Vertrauen und Wir-Gefühl im Team dauerhaft gestärkt,
• werden Menschen in ihrer fachlichen und persönlichen Entwicklung gefördert,
• wird die eigene Persönlichkeits- und Verhaltenswahrnehmung sensibilisiert.
Feedback-Spielregeln Gutes Feedback ist…
…zielorientiert: Verschaffen Sie sich Klarheit über das Ziel des Feedbacks.
Was wollen Sie damit erreichen?
…beschreibend: Beschreiben Sie beobachtbares Verhalten oder eine mess-
bare Leistung. Stellen Sie Vermutungen nicht als Tatsachen dar. Dies ist Ihre
persönliche Sichtweise.
…konkret: Beschränken Sie die Rückmeldung auf bestimmte Verhaltenswei-
sen oder Ereignisse. Vermeiden Sie Verallgemeinerungen und Übertreibungen.
…unmittelbar: Geben Sie Feedback so zeitnah und unmittelbar wie möglich.
…erwünscht: Stellen Sie sicher, dass die Rückmeldung erwünscht und der
Zeitpunkt passend ist.
…ehrlich aber nicht verletzend: Formulieren Sie klar und aufrichtig, ohne
Bedingungen daran zu knüpfen.
…als Ich-Botschaft formuliert: Verdeutlichen Sie, dass die Rückmeldung den
eigenen, persönlichen Eindruck wiedergibt ohne Anspruch auf Allgemeingül-
tigkeit.
…keine Bewertungen: Unterlassen Sie Vermutungen und Bewertun-
gen. Bewertungen führen in der Regel zu Widerständen. Zeigen Sie Ihrem
Gesprächspartner, dass es sich um Ihre persönliche Meinung handelt und
nicht um ein „objektives“ Urteil. Formulieren Sie daher bewusst subjektiv.
…nicht für Andere sprechen: Sprechen Sie immer von Ihren eigenen Beob-
achtungen, Eindrücken u. a. und niemals für andere.
…direkt: Sprechen Sie den Feedback-Nehmer direkt an. Feedback ist nur
dann sinnvoll, wenn der Gesprächspartner dies auch hören möchte und kann
(innere Bereitschaft, keine Ablenkungen).
Verantwortung lassen: Die Verantwortung für eine Veränderung kann nur
Ihr Gesprächspartner selbst übernehmen. Fordern oder zwingen Sie ihn also
(möglichst) nicht, sondern regen Sie ihn an.
keine Entschuldigungen oder Rechtfertigungen: Rechtfertigen Sie sich nicht
und verlangen Sie auch keine Rechtfertigung vom Gesprächspartner.
8.5.2.2 Führungskräfte-Feedback
In vielen Unternehmen geben die Mitarbeiter ihren Führungskräften ein Feedback.
Grundgedanke dabei ist, dass eine Führungskraft nur dann eine erfolgreiche Führungs-
kraft sein kann, wenn die Geführten ihr „folgen“. Die Beziehung zwischen der Füh-
rungskraft und ihren Mitarbeitern muss also stimmen. Das geht nur, wenn beide Seiten
201
wissen, was die andere Seite von ihr erwartet und sich von ihr wünscht. Ein solches
Führungskräfte-Feedback hat den Vorteil, dass sich die Führungskraft weiterentwickeln
kann. Voraussetzung ist allerdings, dass die Feedbackgeber mit der Feedback-Technik
umzugehen wissen und dass die Führungskraft ein echtes Interesse daran hat, was die
Mitarbeiter über sie denken.
Typischerweise holt eine Führungskraft mindestens einmal im Jahr ein solches aus-
führliches Mitarbeiter-Feedback ein. Dies geschieht meist anhand einer unternehmens-
weit festgelegten Systematik.
Das Führungskräfte-Feedback kann im Rahmen eines Workshops stattfinden, in dem
typischerweise dann auch weitere Angelegenheiten des Teams besprochen werden. Ein
gut geführtes Unternehmen plant für seine Führungskräfte hierfür ein jährliches Budget
ein.
Je nach Grad des Vertrauens zwischen Führungskraft und Mitarbeitern wird der
Ablauf des Feedbacks in der Praxis mehr oder weniger offen gestaltet.
Beispiel für die Gestaltung eines Führungskräfte-Feedbacks in einer Behörde
Ein Referatsleiter möchte durch ein Feedback seiner Mitarbeiter gern neue Impulse
zur Weiterentwicklung seines Führungsverhaltens erhalten. In seiner Behörde gehört
es zu den Führungsgrundsätzen, mindestens einmal im Jahr ein Feedback einzuholen.
Man einigt sich auf folgendes Setting: Der Workshop findet in einer externen
Tagungsstätte statt, damit alle Anwesenden sich voll auf das Feedback konzentrieren
können. Der Moderator gibt eine Kurzeinführung in die Feedbackregeln und weist noch
einmal auf die strikte Vertraulichkeit hin. Die Mitarbeiter schreiben Stichworte zu ihrem
Eindruck vom Führungsverhalten des Referatsleiters auf Moderationskarten. Dabei ori-
entieren sie sich z. B. an den in der Abbildung Abb. 8.25 dargestellten Kriterien.
Die Mitarbeiter legen die Moderationskarten auf den Boden, sodass nicht nach-
vollzogen werden kann, von wem welches Feedback kommt („Herbstlaub“). Der
Moderator liest die Karten vor und ordnet sie an einer Pinnwand in Clustern. Danach
geben die Mitarbeiter, die dies wollen, ihr mündliches Feedback ab und bepunkten
das Verhalten der Führungskraft in dem Spinnendiagramm (siehe Abb. 8.25). Der
Moderator achtet dabei auf die Einhaltung der Feedbackregeln (Ich-Botschaften,
spezifisch, weiterführend etc.). Die zwei wichtigsten Bereiche im Spinnendiagramm
markiert der Referatsleiter und schließt mit seinen Mitarbeitern eine informelle (Ziel-)
Vereinbarung darüber, bis wann er beabsichtigt, in diesen Bereichen spürbare Verbes-
serungen zu erreichen. Der Moderator protokolliert das und lädt Führungskraft und
Mitarbeiter in der Folge zu Meilensteingesprächen ein.
Die Offenheit, mit dem ein Führungskräfte-Feedback durchgeführt wird, wächst mit den
guten Erfahrungen: Nach der Einführung des Verfahrens im Betrieb sind wahrschein-
lich alle Beteiligten skeptisch. Deshalb kann das Feedback zunächst anonym anhand
von Fragebögen durchgeführt werden: Die Führungskraft erhält einen Fragebogen zur
Selbsteinschätzung, und die Mitarbeiter erhalten einen Fragebogen zur Beurteilung der
8.5 Gesprächstechniken
202
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Führungskraft. Die Führungskraft spricht dann in einem Workshop die Ergebnisse des
Feedbacks mit den Mitarbeitern durch.
Mit wachsender Erfahrung wird das Feedback dann erfahrungsgemäß immer offener.
Nach einigen Durchgängen kann es an der Tagesordnung sein, dass Mitarbeiter im Ver-
lauf des Workshops offen ihre Sicht der Dinge darstellen.
8.5.3
Small Talk
In vielen Situationen bewährt es sich, das Gespräch mit einem Small Talk beginnen
und enden zu lassen. Dadurch werden die Sympathien der Gesprächspartner zueinan-
der gestärkt, denn man findet Gemeinsamkeiten über den Berufsalltag hinaus. Ein Small
Talk lässt den Gesprächspartner als wirklichen Menschen aus Fleisch und Blut erschei-
nen. Dadurch können auch die Beweggründe seiner Argumentation deutlicher werden.
Bei Small Talks soll es nicht um große Themen gehen. Wichtig ist die Leichtig-
keit und das gegenseitige „Sich zeigen“. Bei der Gesprächseröffnung interessiert die
Gesprächspartner vorrangig nur: „Was ist das für einer?“
Small Talks sind geprägt von Humor, Interesse am Gesprächspartner, Offenheit,
Natürlichkeit, Freundlichkeit, Höflichkeit, Inspiration.
Umgang
mit Kritik
Vertrauen
Informationsverhalten
Übertragung von
Aufgaben
Beteiligung
Rückmeldung
Wertschätzung
Motivation
Förderung und
Entwicklung
Unternehmerisches
Denken und Handeln
Team-
orientierung
Entscheidungs-
bereitschaft
Umsetzungswille
Zielvereinbarung
Abb. 8.25 Beispiel: Kriterien für ein Führungskräfte-Feedback in einer Behörde
203
In einem Small Talk können sich beide Seiten einander zu erkennen geben und so
Vertrauen schaffen, welches dann im eigentlichen Gespräch und in den Abschlüssen
fortwirkt. Vertrauensbildend wirkt z. B., wenn man sich den Namen des Gesprächspart-
ners merkt und diesen auch beim Namen nennt. Der Small Talk kann völlig unabhän-
gig von bestimmten Themen verlaufen und sollte möglichst keine brisanten Punkte des
Gesprächs behandeln. Wichtig ist es dann, an die Reaktion des Gegenübers positiv anzu-
knüpfen und den Small Talk damit fortzusetzen.
8.5.4
Sich gegen Angriffe wehren
Sich gegen verbale Angriffe zur Wehr zu setzen, ist manchmal notwendig. Aber auch
dabei sollte man professionell vorgehen. Wer angegriffen wird, sollte sich auf keinen Fall
rechtfertigen, denn dadurch wird dem Angreifer die Gelegenheit gegeben, draufzusatteln.
Es entsteht schnell eine „schräge“ Kommunikationsbeziehung zwischen Eltern-Ich und
Kindheits-Ich (Abschn. 8.3.3).
Wie also mit „Wadenbeißern“ umgehen? Eine gute Methode, mit verbalen Angriffen
professionell umzugehen, ist
• schlagfertig sein und dann
• zum produktiven Gespräch zurückkehren.
8.5.4.1 Schlagfertig sein
Schlagfertigkeit wehrt kommunikative „Schläge“ dadurch ab, dass mit gleicher Münze
zurückgezahlt und dem Aggressor im wahrsten Sinne des Wortes der Wind aus den
Segeln genommen wird. Schlagfertigkeit hat etwas mit der Fähigkeit zu tun, ungewöhn-
liche Schlussfolgerungen zuzulassen.
Eine Anekdote, die über Winston Churchill erzählt wird
Lady Astor sagte sinngemäß zu Churchill: „Wenn ich Ihre Frau wäre, dann würde ich
Ihnen Gift in den Tee schütten.“
Darauf entgegnete Churchill: „Und wenn ich Ihr Mann wäre, gnädige Frau, würde
ich den Tee trinken.“
Schlagfertig sein, heißt, dass man bereit ist, „Schläge“ zu parieren. Es ist natürlich
immer abzuwägen, ob man es sich „leisten“ will, so „frech“ aufzutreten. Auf jeden Fall
sollte man in diesem Fall bereit sein, die Konsequenzen zu tragen.
Natürlich hat Schlagfertigkeit ihren Ursprung in der eigenen Persönlichkeit und eine
zielführende konkrete Umsetzung kann nur durch Übung gelingen. Anregung und Unter-
stützung dabei können die hier dargestellten Übungsbeispiele bieten.
8.5 Gesprächstechniken
204
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Gegenfrage als Reaktion auf eine persönliche Abwertung
Auf Abwertungen kann durch eine ernsthafte Nachfrage reagiert werden.
Auf die Bemerkung „Na, was kann man schon von Ihnen erwarten…“,
kann mit der ernsthaften Gegenfrage „Was genau haben Sie von mir erwartet?“
oder „Könnten Sie mir diesen Eindruck vielleicht etwas näher erläutern?“ oder „Das
würde ich gerne mit Ihnen noch einmal genauer durchsprechen“ reagiert werden.
Weitere Beispiele für Gegenfragen:
Äußerung: „Dieses Projekt bringt doch nichts!“
Mögliche Antwort: „Was genau meinen Sie damit?“
Äußerung: „Sie haben am Wochenende wohl wieder gefeiert!“
Mögliche Antwort: „Warum interessiert Sie das?“
Äußerung: „Menschen wie Sie passen einfach nicht in dieses Team!“
Mögliche Antwort: „Das würde ich jetzt gern verstehen. Können Sie mir Ihren
Eindruck näher erläutern?“
Paradoxe Reaktion als Entgegnung
Äußerung: „Dieses Projekt bringt doch nichts!“
Mögliche Antwort: „Da haben Sie völlig Recht! Aber wir versuchen es trotzdem.“
Äußerung: „Ich habe mehr von Ihnen erwartet!“
Mögliche Antwort: „Ich auch!“
Äußerung: „Sie haben am Wochenende wohl wieder gefeiert!“
Mögliche Antwort: „Und wie!“
8.5.4.2 Zum produktiven Gespräch zurückkehren
Retourkutschen, wie im vorigen Kapitel beispielhaft dargestellt, können auch dazu
führen, dass Kommunikation abbricht oder unproduktiv wird. Deshalb sollte man
„Schläge“ von anderen nur dann mit gleicher Münze heimzahlen, wenn das Gegen-
über sich aufschwingt und „schräge“ Kommunikationsangebote macht. Dann kann
schlagfertiges Reagieren dazu beitragen, den Kommunikationspartner auf Augenhöhe
„herunterzuholen“ (siehe dazu Abschn. 8.3.3.2) und damit zum Gelingen der Kommu-
nikation beitragen. Insbesondere ernsthafte Gegenfragen können dazu führen, dass der
Gesprächspartner wieder auf die Ebene des Erwachsenen-Ichs zurückkehrt.
Grundregeln, die man beherzigen sollte, wenn man sich selbstbewusst wehren muss,
ohne die produktive Gesprächsebene aufzugeben, sind z. B. folgende:
• Sich nicht rechtfertigen!
• Keine Vorwürfe machen!
• Persönliches Feedback geben – Metakommunikation einsetzen!
• Klare Grenzen ziehen!
205
Sich nicht rechtfertigen!
Wer sich rechtfertigt, klagt sich an, sagt schon der Volksmund. Wer sich rechtfertigt,
nimmt die Position des angepassten Kindheits-Ichs ein und macht damit Kommunika-
tionsangebote an das Eltern-Ich des Gegenübers. Dieses könnte dann z. B. als nähren-
des Eltern-Ich reagieren mit
„…ist ja nicht so schlimm“,
„…macht ja nichts…“ oder
„…kann doch jedem mal passieren…“
oder als kritisches Eltern-Ich mit
„…Wie konnten Sie nur…“,
„…das muss sich schleunigst ändern…“ oder
„…Wenn du aufgepasst hättest, wäre das nicht passiert…“
Ob nährendes oder kritisches Eltern-Ich, Ihr Gesprächspartner ist Ihnen gegenüber in
einer erhöhten Position, wenn Sie sich rechtfertigen. Die Kommunikation ist „schräg“
und könnte als Komplementär-Transaktion immer so weiter gehen (Abschn. 8.3.3.1).
Keine Vorwürfe machen!
Vorwürfe werden aus der Position des kritischen Eltern-Ichs gemacht. Vorwürfe for-
dern das rebellische Kind heraus (Jetzt gerade!). Oder mit ihnen beginnt ein Kampf
um die Oberhand (kritisches Eltern-Ich gegen kritisches Eltern-Ich), wie Loriot uns
meisterhaft überspitzt in vielen Sketchen (vgl. „Berta, das Ei ist hart“) vorgeführt hat.
Persönliches Feedback geben – Metakommunikation einsetzen!
Manchmal kann es sinnvoll sein, anstelle einer schlagfertigen Reaktion zu zeigen,
dass eine Bemerkung mich getroffen hat. Dies wäre dann „horizontale Kommunika-
tion“ (vgl. Abschn. 8.1.5.3). Sie besteht aus Ich-Botschaften über den inneren Zustand
der Gesprächspartner:
Äußerung: „Ich habe mehr von Ihnen erwartet!“
Mögliche Antwort: „Das trifft mich sehr! Ich habe mich wirklich sehr bemüht,
aber offenbar Ihre Erwartungen doch nicht erfüllt, Schade!“
Äußerung: „Drückeberger!“
Mögliche Antwort: „Wenn Sie das sagen, macht mich das wirklich wütend! Ich
bemühe mich ehrlich, Ihren Anforderungen gerecht zu werden.“
Klare Grenzen ziehen
Bei bestimmten Angriffen muss man sich klar abgrenzen, auch, um die Selbstachtung
nicht zu verlieren. Dann können ernsthafte Äußerungen wie „Das geht mir zu weit!“
oder „Das Verhalten kann ich nicht akzeptieren!“ oder „Das ist jetzt nicht mehr mein
Problem“ angebracht sein.
Merke: Klare Abgrenzung funktioniert über Ich-Botschaften!
8.5 Gesprächstechniken
206
8 Kommunikation und Gesprächsführung
8.5.4.3 Manipulative Scheinargumente erkennen
Tagtäglich benutzen wir alle mehr oder weniger bewusst emotionale und taktische
Beeinflussungstechniken, z. B.
• Begriffskosmetik,
• Behauptungen,
• „Ja-aber“-Technik
Begriffskosmetik
„Lebensschützer“ statt „Abtreibungsgegner“, „Entsorgungspark“ statt „Mülldeponie“,
„Freisetzung“ statt „Entlassung“.
Behauptungen
Wir äußern uns normativ und tun so, als ob wir nur das Sprachrohr der Volksseele wären:
„Das ist einfach…“, „Das ist einfach vernünftig!“, „Das ist einfach ungerecht!“,
„Das ist einfach zu schön!“, „Das ist einfach ungehörig!“
„Ja-aber…“-Technik
„Ich verstehe ja, dass wir keine neuen Stellen schaffen können, aber früher oder spä-
ter brauchen wir solche Qualifikationen einfach!“,
„Wir sagen ja zum Umweltschutz, aber wir dürfen dabei nicht die Arbeitsplätze
aus den Augen verlieren, die an dieser Investition hängen!“
8.5.4.4 Rhetorische Tricks durchschauen
Als rhetorische Tricks bezeichnet man z. B.
• Bestechung,
• persönliche Provokationen,
• Bezug auf die eigene Person,
• Übertreibung,
• Ablenkung auf ein Nebenthema,
• Abdriften in Grundsätzliches.
Wichtig ist es, rhetorische Tricks zu erkennen und mit ihnen durch passende Gegenreak-
tionen konstruktiv umzugehen.
Bestechung
Wenn der Bestechungsversuch angenommen wird, entsteht ein Verpflichtungsge-
fühl, welches die Ablehnung von Aufgaben schwer macht. Deshalb sollte man Beste-
chungsversuche erkennen und üben, sie nicht anzunehmen.
207
Argument: „Ich bewundere Ihre Kompetenz in dieser Angelegenheit, könnten Sie
nicht auch noch in der Sache XY tätig werden?“
Mögliche Gegenreaktion: „Danke für das Kompliment, aber ich bin wirklich dazu
heute nicht in der Lage.“
Argument: „Hier habe ich Ihnen eine kleine Anerkennung für Ihre Mühe mitge-
bracht“
Mögliche Gegenreaktion: „Sie belohnen mich hier überreichlich. Sie werden ver-
stehen, dass ich dafür keine Gegenleistung bieten kann.“
Persönliche Provokation
Der rhetorische Trick besteht darin, dass man sich durch eine persönliche Provokation
des Gegenübers abgewertet fühlen soll und darum ggf. bereit ist, dem Ersuchen des
Gegenübers aus Unsicherheit stattzugeben, z. B.:
Argument: „Wenn ich Sie wäre, würde ich kleine Brötchen backen!“
Mögliche Gegenreaktion: „Gerade weil ich kein Bäckerbursche bin, habe ich
meine eigene Meinung dazu!“
Argument: „Sie als Fachfremder können sich darüber kein Urteil erlauben!“
Mögliche Gegenreaktion: „Gerade wenn man über den fachlichen Tellerrand hin-
ausschauen kann, wie ich, ist man in der Lage, die Schwachpunkte Ihres Projekts zu
erkennen.“
Bezug auf die eigene Person
Dies ist eine ähnliche Kategorie der rhetorischen Tricks wie die persönliche Provoka-
tion. Man wirft dabei die eigene Person in die Waagschale der Argumentation, z. B.:
Argument: „Das können Sie mir ruhig glauben, ich mache das schließlich schon
seit 20 Jahren.“
Mögliche Gegenreaktion: „Ihre Erfahrung in allen Ehren, aber von dieser Sache
halte ich trotzdem nichts.“ (Trennung der Person von der Sache)
Argument: „Ich habe selbst viele Projekte gleitet, die sehr erfolgreich gewesen
sind. Darum können Sie ruhig meiner Budgetplanung vertrauen.“
Mögliche Gegenreaktion: „Ihre Erfahrung in allen Ehren. Ich halte trotzdem Ihre
Budgetplanung für nicht stichhaltig.“ (Trennung von Person und Sache)
Übertreibung
Bei der Übertreibung werden kleine Dinge hochstilisiert und Vorkommnisse als
„immer“ oder „nie“ verallgemeinert.
Argument: „Musst Du immer alles rumliegen lassen?“
Mögliche Gegenreaktion: „Was habe ich wann genau liegen lassen?“ (sachlich
richtig stellen) oder „Ich lasse nie alles rumliegen!“ (witzige Gegenübertreibung)
8.5 Gesprächstechniken
208
8 Kommunikation und Gesprächsführung
Argument: „Du kommst immer zu spät“
Mögliche Gegenreaktion: „Wann genau bin ich denn nun wirklich zu spät gekom-
men?“ (sachlich richtig stellen)
Argument: „Mit Ihrer übertriebenen Zielerreichungsquote wollen Sie sich doch
beim Chef nur lieb Kind machen!“
Mögliche Gegenreaktion: „Wo genau ist denn Ihrer Meinung meine Zielerrei-
chungsquote übertrieben hoch?“ (sachlich richtig stellen) oder „Wo ich Projekte
mache, ist die Zielerreichungsquote besonders hoch. Aber ich kann ja nicht überall
sein.“
Ablenkung auf ein Nebenthema
Bei diesem rhetorischen Trick wird eine unbewiesene Behauptung aufgestellt, die
dann durch weitere Verfehlungen, die aber nichts mit der Ursprungsbehauptung zu tun
haben, scheinbar untermauert.
Argument: „Ich bin mit Ihrer Leistung nicht sehr zufrieden. Im Übrigen sind Sie
auch noch zu spät gekommen“
Mögliche Gegenreaktion: „Das Zuspätkommen kann ich nachher erklären. Jetzt
würde ich aber doch gern wissen, was genau Sie an meiner Leistung unzufrieden
macht.“ (wieder auf das Hauptthema hinlenken)
Argument: „Ihr Projekt haben Sie ja nun mal ausnahmsweise ganz gut geschafft,
obwohl Ihre Meilensteinberichte grottenschlecht vorgetragen waren.“
Mögliche Gegenreaktion: „Wichtig ist doch, dass das Projekt erfolgreich abge-
schlossen worden ist. Vielleicht waren mir die Meilensteinberichte nicht so wichtig.“
Abdriften auf Grundsätzliches
Hier wird, ähnlich wie bei dem Ablenken auf ein Nebenthema, vom eigentlichen
Thema abgelenkt. Dies wird vielfach für Unterstellungen genutzt, die man ansonsten
nicht richtig untermauern kann.
Argument: „Ich bin mit Ihrer Leistung nicht sehr zufrieden. Überhaupt sollte man
Leute wie Sie gar nicht erst einstellen!“
Mögliche Gegenreaktion: „Mir tut Leid, dass Sie so aufgebracht gegen mich sind.
Jetzt würde ich aber doch gern wissen, was genau Sie an meiner Leistung unzufrieden
macht.“ (wieder auf die Hauptaussage hinlenken)
Argument: „Sie passen irgendwie nicht zu unserem Team. Man sollte das Assess-
ment, mit dem man Neueinstellungen vornimmt, einmal gründlich überarbeiten“
Mögliche Gegenreaktion: „Das mit dem Assessment kann ich nicht beurteilen.
Aber bitte sagen Sie mir doch genau, welche meiner Eigenschaften oder welches Ver-
halten von mir die übrigen Teammitgliedern stört.“ (wieder auf die Hauptaussage hin-
lenken)
209
8.5.4.5 Killerphrasen begegnen
Als Killerphrasen bezeichnet man solche Argumente, die bei genauerem Hinsehen kei-
nerlei Begründung haben. Sie machen sprachlos und stören die weitere Kommunikation.
Hier ein paar Beispiele für typische Killerphrasen und wirksame Gegenreaktionen, z. B.
das konkrete Nachfragen:
Killerphrasen und mögliche Gegenreaktionen
Argument: „Das machen wir schon seit Jahren so!“
Mögliche Gegenreaktion: „Dann wird es jetzt ja mal Zeit, etwas zu ändern!“
Argument: „So kann man das nicht machen, das ist unmöglich!“
Mögliche Gegenreaktion: „Worin sehen sie das größte Hindernis?“
Argument: „Das sehen Sie völlig falsch“
Mögliche Gegenreaktion: „Wie genau wäre denn die richtige Sicht?“
Argument: „Kommen wir endlich zur Sache!“
Mögliche Gegenreaktion: „Worüber genau möchten Sie denn jetzt reden?“
Argument: „Das ist viel zu teuer!“
Mögliche Gegenreaktion: „Wo genau sehen Sie denn den meisten Finanzbedarf?“
Argument: „Das haben wir alles schon versucht!“
Mögliche Gegenreaktion: „Worin bestand denn das größte Hindernis?“
Argument: „Alles nur graue Theorie!“
Mögliche Gegenreaktion: „Welches wären denn Ihrer Meinung nach die wirklich
interessanten Diskussionspunkte?“
Argument: „In Wirklichkeit ist es doch so, dass…“
Mögliche Gegenreaktion: „Das ist eine interessante Sichtweise. Würden Sie uns
verraten, auf welche Quellen Sie sich beziehen?“
Literatur
Berne, E. (2001). Die Transaktionsanalyse in der Psychotherapie. Eine systematische Individual-
und Sozialpsychiatrie. Paderborn: Junfermann.
Edwards, P., & Edwards, S. (1975). Game Matrix. PAA Publications.
Grünberg, M. (2001). Kommunikationstrainer für Beruf und Karriere. München: Humboldt.
Gührs, M., & Nowak, C. (1995). Das konstruktive Gespräch. Ein Leitfaden für Beratung, Unterricht
und Mitarbeiterführung mit Konzepten der Transaktionsanalyse (3. Aufl.). Meezen: Limmer.
Gührs, M., & Nowak, C. (2002). Das konstruktive Gespräch. Ein Leitfaden für Beratung, Unterricht
und Mitarbeiterführung mit Konzepten der Transaktionsanalyse (5. Aufl.). Meezen: Limmer.
Mintzberg, H. (1983). Power in and around organizations. Englewood Cliffs: Prentice Hall.
Neuberger, O. (1995). Mikropolitik. Der alltägliche Aufbau und Einsatz von Macht in Organisatio-
nen. Stuttgart: Enke.
Schulz von Thun, F. (1997). Miteinander Reden II. Reinbek: Rowohlt.
Watzlawick, P., Beavin, J. H., & Jackson, D. D. (1969). Menschliche Kommunikation. Formen, Stö-
rungen, Paradoxien. Bern: Huber.
Literatur
In Teil III wurden Themen der personalen Führung – Motivation, Verantwortung,
Kommunikation – angesprochen, mit denen Vorgesetzte sich unmittelbar auseinander
setzen müssen, um Führungskräfte zu werden.
In diesem Teil IV steht nun das Führungssystem im Mittelpunkt, jenes System von
Regeln, Normen und Prozessen, welches die Struktur und die Kultur einer Organisation
ausmacht und mit dem sie ihre Mitarbeiter (ein)bindet und systemisch führt (vgl. Kap. 4,
Abb. 4.1). Ihr steuernder Akteur ist das Human Resource Management und nur mittelbar
die personale Führungskraft.
Wenn Human Resource Management strategisch angelegt ist, hat es den
„Humankapitalstock“ zu entwickeln und zu pflegen. Es stellt die Verbindung
von
Unternehmensstrategie,
Arbeitsorganisation
und
Organisationskultur
mit
den Arbeitsprozessen im Unternehmen her. Es koordiniert das Recruitment, die
Personalentwicklung,
die
Personaladministration
und
die
Personalabrechnung.
Das Human Resource Management ist der Schöpfer von „Policies“, also auch von
Führungsgrundsätzen. Im Rahmen der Personal- und Organisationsentwicklung betreut
das Human Resource Management Change-Projekte und ist Ansprechpartner für die
Arbeitnehmervertretungen, mit dem es Betriebs- oder Dienstvereinbarungen abschließt.
Die
personale
Führungskraft
hat
sich
mit
den
Rahmenbedingungen
auseinanderzusetzen, die ihr das Führungssystem bietet und mit den Grenzen, die
dieses ihr setzt und an die sie bei ihrer täglichen Führungsarbeit vor Ort ständig stößt.
Die personale Führungskraft ist allerdings auch Akteur und damit Change-Agent bei der
Weiterentwicklung des Führungssystems.
In den folgenden Kapiteln werden für die Akteure des Führungssystems Anstöße zur
Reflexion in folgenden Themenbereichen geboten:
• Führen mit Werten,
• Mikropolitik – Umgang mit Macht in Organisationen,
• Changemanagement – Führen von Veränderungen,
• Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung,
• Gesundheitsorientierte Führung.
Teil IV
Werte, Macht, Change,
Arbeitsbeziehungen, Gesundheit –
Reflexionsfelder für die strukturelle Führung
213
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018
P. Berger, Praxiswissen Führung, https://doi.org/10.1007/978-3-662-50527-4_9
Zusammenfassung
Unsere Wertvorstellungen sind geprägt von Erziehung, Lebenssituation, Rolle,
Machtposition, Firma, Freundeskreis, Kulturkreis, Religion, Staat. Welche Wider-
sprüche gibt es zwischen eigenem Wertesystem und den Werten der Organisation,
in der ich arbeite? Kunden und Mitarbeiter machen sich ein Bild von den Werten
des Unternehmens und bleiben ihm deshalb treu oder wandern ab. Aber Führen mit
Werten macht auch noch auf eine andere Art Sinn: In komplexen Situationen kön-
nen über verschiedene Führungsebenen hinweg Anweisungen und Kontrolle nicht
mehr in angemessener Zeit steuernd wirken. Ein gemeinsamer Wertekanon kann
hier den Entscheidern vor Ort Handlungssicherheit geben. Seit vielen Jahren gibt
es Bestrebungen, über grundlegende gemeinsame Werte weltweit einen Konsens zu
erzielen. Beispiel ist das Projekt „Weltethos“ von Hans Küng und die „Erklärung der
Menschenpflichten“. An den sieben Primärwerten Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß,
Klugheit, Glaube, Hoffnung, Liebe wird die Aktualität dieser Werte für das aktuelle
Führungshandeln deutlich.
9.1
Warum Führen mit Werten?
Im Folgenden wird kein intellektueller Diskurs über Werte, Tugenden oder Ethik und
Moral geführt. Vielmehr wird vom Alltagsverständnis, des Begriffs „Werte“ ausge-
gangen. Dadurch soll es Führungskräften in ihrer Praxis ermöglicht werden, sich das
Themenfeld aus ihrer eigenen Perspektive zu erschließen und so Anstöße für eine hand-
lungsorientierte Reflexion zu erhalten.
In den letzten Jahren hat „Führen mit Werten“ Hochkonjunktur. Angesichts von
wachsender Gewalt auf den Straßen, Terrorismusgefahr und Skandalen in den Zentren
Führen mit Werten
9
214
9 Führen mit Werten
von Industrie- und Dienstleistungsmetropolen wird ein Werteverlust in der Gesellschaft
beklagt. Oft wird in diesem Zusammenhang unter den Stichworten Compliance oder
Corporate Social Responsibility (CSR) auch an die Verantwortung von Unternehmens-
führern appelliert. Demgegenüber ist festzustellen, dass wir keinen Werteverlust zu ver-
zeichnen haben, sondern allenfalls einen Wertewandel (vgl. Grotefeld 2013, S. 41 ff.).
Werte haben in der Unternehmensführung einen hohen Stellenwert:
Eine Firma, die Werte missachtet, verachtet den Menschen und Selbstverachtung und Men-
schenverachtung machen in kurzer Zeit eine Firma, eine Gemeinschaft, ein Land wertlos.
Das zeigen durchaus auch betriebswirtschaftliche Untersuchungen. Die Betriebswirtschaft
hat festgestellt, den Gewinn macht man über die Stammkunden, nicht über das Immer-noch-
mehr-mit-dem-Preis-Runtergehen. Für die Stammkunden ist das Wichtigste die Zuverläs-
sigkeit, die Ehrlichkeit, die Kompetenz, die Freundlichkeit, die Werte, die in einer Firma
herrschen (Pater Anselm Grün 2015).
Unternehmen sind Organisationen in denen Menschen mit Rechten, Werten und mora-
lischen Vorstellungen agieren. In den veröffentlichten Führungsphilosophien der Unter-
nehmen wird meist auf Werte wie Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Gerechtigkeit Bezug
genommen und in der gelebten Führungskultur werden diese operationalisiert und umge-
setzt – oder auch nicht. Die meisten Menschen wollen sich aber eigentlich mit den Wer-
ten ihres Unternehmens identifizieren, um Sinn in ihrer Arbeit zu finden.
Werte symbolisieren unsere Vorstellungen von Lebensqualität, z. B. Ehrlichkeit,
Treue, Loyalität, Spaß, Fröhlichkeit, Vertrauen, Zuneigung, Empathie und Sympathie.
Sie bezeichnen Eigenschaften und Qualitäten, die uns erstrebenswert erscheinen und
denen wir uns verpflichtet fühlen.
Intrinsische und extrinsische Werte
Man unterscheidet intrinsische und extrinsische Werte. Ein intrinsischer Wert ist einer, der für sich
genommen als wertvoll erachtet wird. Dazu gehören z. B. Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit.
Extrinsisch sind diejenigen Werte, die zu etwas nütze sind und uns ggf. zu höheren Qualitäten füh-
ren, z. B. Bildung.
Tugenden und Werte
Man kann Werte von Tugenden unterscheiden: Tugenden (abgeleitet von taugen) bezeichnen
Potenziale und Charaktereigenschaften von Menschen. Im christlichen Sinne gelten diejenigen
Menschen als tugendhaft, die „sittliche Vollkommenheit“ anstreben. Werte sind demgegenüber
gesellschaftliche Maßstäbe für soziales Handeln, die sich je nach gesellschaftlichen Verhältnis-
sen ändern und je nach sozialer Gruppe unterschiedlich sein können. Häufig werden die Begriffen
Tugenden und Werte aber auch synonym gebraucht.
Unsere Wertvorstellungen sind geprägt von Familie und Erziehung, sozialen Grup-
pen (Firma, Freundeskreis), Kultur und Religion, aktueller Lebenssituation, Rolle (wer
erwartet was von uns?), Machtposition usw. Dementsprechend können sie sich im Laufe
der Zeit zum Teil drastisch ändern. Die Werte, die wir in unserem Unternehmen mit
215
Kollegen teilen, hängen vom Zeitgeist ab, z. B. die sogenannten „Preußischen Werte
(Tugenden)“: Fleiß, Disziplin, Treue, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit. Ohne auf begriffliche
Schärfe zu achten (z. B. Unterscheidung von Werten und Tugenden) werden heute Hun-
derte von Begriffen mit Werten assoziiert (vgl. z. B. Wertesysteme.de).
In unseren Unternehmen verständigen wir uns tagtäglich unbewusst über Werte,
indem wir uns in der Kultur unseres Unternehmens bewegen. Auch die Art und Weise,
wie wir führen und geführt werden, ist durch explizite und implizite Werte – und durch
die Tugenden der Führungskraft und der Geführten – bestimmt. Darum lohnt es sich,
Werten und Tugenden nachzuspüren und sie ggf. einer Inventur zu unterziehen.
Dem „Thema Führen mit Werten“ wird sich hier auf unterschiedliche Art und Weise
genähert:
• Empirisch: Zunächst werden die Ergebnisse einer Befragung der School of Manage-
ment der Technischen Universität München dargestellt, in der der Stellenwert von
Werten aus der Sicht von Führungskräften erhoben wurde.
• Führungstaktisch: Die Bundeswehr hat eine jahrzehntelange Tradition im Führen mit
Werten, die sowohl ethisch als auch führungstaktisch begründet ist.
• Global: Das Projekt Weltethos des Theologen Hans Küng versucht, gemeinsame
Werte der Weltreligionen zu identifizieren und hat eine entsprechende Erklärung zum
Weltethos im Parlament der Weltreligionen verabschiedet.
• Pragmatisch: Der Schwerpunkt der folgenden Erörterungen zum Führen mit Wer-
ten liegt auf der Würdigung der sogenannten Primärwerte, die sich aus klassischen
und christlichen Werten zusammensetzen. Diese sieben Werte werden hier auf ihren
Gehalt für Führungsfragen abgeprüft. Aus ihnen werden Eckpunkte für Haltung und
Verhalten von Führungskräften abgeleitet.
9.2
Führungskräftebefragung 2016
Die Wertekommission der School of Management der Technischen Universität München
führt von 2006 an jährliche Führungskräftebefragungen zum Stellenwert von Werten in
der deutschen Wirtschaft durch (vgl. Hattendorf et al. 2016). Die Studie nimmt für sich
in Anspruch, als einzige kontinuierliche Erhebung
„…den ‚Wertepuls‘ derer, die in Deutschland Verantwortung tragen für Budgets, für Mitar-
beiter, für Kunden“ zu messen (Hattendorf et al. 2016, S. 7).
Abb. 9.1 zeigt die Rangfolge der abgefragten Wertebegriffe aus der Führungskräftebefra-
gung 2016. In Tab. 9.1 sind deren Bedeutungen erläutert.
Vertrauen und Verantwortung werden von den befragten Führungskräften 2016 als die
wichtigsten Werte eingeschätzt (vgl. Hattendorf et al. 2016, S. 9).
9.2 Führungskräftebefragung 2016
216
9 Führen mit Werten
In ihrem Selbstbild bezeichnen sich die befragten Führungskräfte vor allem als „Moti-
vatoren“ und „Diener“. Tab. 9.2 verdeutlicht die Bedeutungen der Selbstbild-Kategorien.
Die Mitarbeiter zeichnen sich aus Sicht der befragten Führungskräfte insgesamt durch
„Fleiß“, „Engagement“ und „Verlässlichkeit“ aus. „Angepasste“, „widerspenstige“ oder
„inkompetente“ Mitarbeiter wurden kaum ausgemacht.
Vertrauen
Verantwortung
Integrität
Respekt
Nachhalgkeit
Mut
Vertrauen
Verantwortung
Integrität
Respekt
Nachhalgkeit
Mut
Vertrauen
Verantwortung
Integrität
Respekt
Nachhalgkeit
Mut
Vertrauen
Verantwortung
Integrität
Respekt
Nachhalgkeit
Mut
Vertrauen
Verantwortung
Integrität
Respekt
Nachhalgkeit
Mut
2010
2013
2014
2015
2016
Abb. 9.1 Relative Rangfolge zentraler Wertebegriffe 2010–2016. (Nach Hattendorf et al. 2016,
S. 14)
Tab. 9.1 Bedeutung der erhobenen Werte. (Quelle: Hattendorf et al. 2016, S. 12)
VERTRAUEN
• Verhalten, das dem Gegenüber Sicherheit gibt
• Subjektive Überzeugung der Richtigkeit bzw. Wahrheit von Handlun-
gen und Einsichten
• Vermögen, anderen Spielraum zu ermöglichen
VERANTWORTUNG • Bereitschaft oder Verpflichtung, für etwas einzutreten und die Folgen
davon zu tragen
• Bereitwilligkeit, Eigennutz hinter das unternehmerische Gesamtinter-
esse zu stellen
INTEGRITÄT
• Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst und anderen
• Konsistente Orientierung an geltenden Gesetzen, Normen und Regeln
• Leben nach Werten, Prinzipien und Selbstverpflichtungen
RESPEKT
• Gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung der Persönlichkeit
• Achtung von Verhaltensweisen und Leistungen (z. B. Kollegen,
Mitarbeiter)
• Verzicht der Dominanz der eigenen Denkweisen
NACHHALTIGKEIT
• Einklang von ökonomischen, ökologischen und sozialen Parametern
• Entwicklungschancen künftiger Generationen als unternehmerischer
Handlungsmaßstab
• Ausgewogenheit zwischen kurzfristigen Quartalsgewinnen und
langfristiger Profitabilität
MUT
• Bereitschaft, Neues zuzulassen und anzunehmen
• Fehlerfreundlichkeit („Trial and Error“)
• Kraft zur Entscheidung und Veränderung
217
Würdigung der Befragung
Die Studie wurde in diesem Buch berücksichtigt, weil sie als Längsschnittuntersuchung
wertvoll ist und ein Bild der Befindlichkeiten deutscher Führungskräfte hinsichtlich ihrer
Auffassung von Führung mit Werten gibt.
Wie in allen herkömmlichen empirischen Erhebungen, die sich durch die Voten der
Befragten ihre Hypothesen verifizieren oder falsifizieren lassen, legen auch in dieser Stu-
die die vorformulierten Fragen die erwünschten Antworten nahe.
9.3
Führen mit Werten in der Bundeswehr
Führen mit Werten hat aus führungstaktischer Sicht große Bedeutung: Mitarbeiter kön-
nen in einer immer komplexer werdenden Welt nicht erst den Vorgesetzten fragen, wenn
schnelle Entscheidungen im Sinne des Unternehmens zu treffen sind. Die Verbindung
Tab. 9.2 Bedeutung der Selbstbild-Kategorien. (Quelle: Hattendorf et al. 2016, S. 23 f.)
Der Diener
• Die berufliche Entwicklung der Mitarbeitenden hat eine hohe Priorität
• Die Mitarbeitenden können um Hilfe bitten, wenn sie ein persönliches
Problem haben
• Stellt das Wohlergehen der Mitarbeitenden über eigene Interessen
• Geht offen mit den eigenen Grenzen und Schwächen um
• Versucht, aus Kritik zu lernen
• Gibt den Mitarbeitenden Freiraum
• Hebt die Wichtigkeit hervor, sich für die Gesellschaft zu engagieren
Der Motivator
• Hat eine klare Vorstellung, wohin das Team/die Abteilung geht
• Macht die Mitarbeitenden stolz, ein Teil des Unternehmens zu sein
• Ermutigt Mitarbeitende, veränderte Rahmenbedingungen als Chance zu
interpretieren
• Entwickelt ein Wir-Gefühl und Teamgeist bei den Mitarbeitenden
• Ermutigt die Mitarbeitenden dazu, alte Problemstellungen aus neuen
Blickwinkeln zu betrachten
Der Zielsetzer
• Setzt klare Ziele
• Macht deutlich, was von den Mitarbeitenden erwartet wird
• Macht klar, wer für bestimmte Leistungen verantwortlich ist
• Spricht aus, was Mitarbeitende erwarten können, wenn die gesteckten Ziele
erreicht worden sind
Der Eigennützige • Stellt die Erreichung der eigenen Ziele über die Bedürfnisse der
Mitarbeitenden
• Sieht die Mitarbeitenden als Mittel zum Zweck für das Erreichen
persönlicher Ziele
• Erhöht konsequent das Arbeitspensum der Mitarbeitenden, wenn es darum
geht, die eigenen Ziele zu erreichen
• Gibt Mitarbeitenden vorwiegend langweilige Routineaufgaben, wenn dies
einen persönlichen Vorteil bringt
• Spielt Mitarbeitende auch gegeneinander aus, wenn dies der eigenen
Zielerreichung nützt
9.3 Führen mit Werten in der Bundeswehr
218
9 Führen mit Werten
zum Vorgesetzten bis hin zur Unternehmensspitze kann durch gemeinsam geteilte Werte
hergestellt werden. Dies zeigt das Beispiel der Einsatztaktik „Führen mit Auftrag“ in der
Bundeswehr.
Grundlage ist die im deutschen Militär schon im 19. Jahrhundert gewonnene Erkennt-
nis, dass Menschen nicht vollständig über Hierarchieebenen hinweg zu steuern sind. Im
Gefecht müssen sie Freiräume haben, um angemessene Entscheidungen in kurzer Zeit
und komplexen Situationen treffen zu können. Damit die Entscheidungen aber im Ein-
klang mit den politischen und militärischen Zielen getroffen werden können, müssen
Normen und Werte zwischen dem Individuum und der Führung übereinstimmen und in
der Praxis, auch direkt am Einsatzort, umsetzbar sein.
Hier hat die Bundeswehr mit Ihrem Prinzip „Führen mit Auftrag“ eine lange Tradition
(vgl. Führungsakademie der Bundeswehr 2014). Grundlage ist das Konzept der „Inneren
Führung“ (vgl. Bundesministerium der Verteidigung 2008).
Innere Führung – Selbstverständnis und Führungskultur in der Bundeswehr
Achtung und Schutz der Menschenrechte sind zentrale Verpflichtungen des Staates und damit auch
der Bundeswehr. In dieser Verpflichtung finden die Soldaten nach dem Konzept der Inneren Füh-
rung die ethische Begründung, die rechtliche Begrenzung und die moralische Rechtfertigung ihres
Handelns.
Grundsätze der Inneren Führung der Bundeswehr sind
• Integration in Staat und Gesellschaft,
• Leitbild vom Staatsbürger in Uniform,
• ethische, rechtliche und politische Legitimation des Auftrags,
• Verwirklichung wesentlicher staatlicher und gesellschaftlicher Werte in den Streitkräften,
• Grenzen von Befehl und Gehorsam,
• Anwendung des Prinzips „Führen mit Auftrag“,
• Wahrnehmung der gesetzlich festgelegten Beteiligungsrechte der Soldaten,
• Wahrnehmung des im Grundgesetz garantierten Koalitionsrechts,
• Wertesystem: Menschenwürde, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität, Demo-
kratie.
„Menschenführung“ wird als die entscheidende Grundlage für die Auftragserfüllung bezeichnet.
„Wer Menschen in der Bundeswehr führen will, muss Menschen mögen.“
Die politische Bildung der Soldaten soll Handlungssicherheit in schwierigen Situationen ver-
mitteln. Was in Politik und Gesellschaft kontrovers ist, muss auch in der politischen Bildung als
kontrovers dargestellt und diskutiert werden.
Es wird eine sinnvolle Balance zwischen militärischer Disziplin und individuellen Freiheits-
rechten angestrebt. Motto: „So viel Freiheit wie möglich, so viel Ordnung wie nötig.“
Berufsethik für Soldaten
Die Besonderheit des Berufs des Soldaten (im Unterschied zu Polizisten und Feuerwehr-
leuten) ergibt sich aus der belastenden, ethisch brisanten Gefechtssituation, in der er sein
eigenes Leben, das seiner unterstellten Soldaten und auch fremdes Leben vernichten
219
kann. Ein Soldat kann gezwungen sein, im streng christlichen Sinne Schuld auf sich zu
laden, indem er seinem dienstlichen Eid folgt.
Er übt legitimierte Gewalt stellvertretend für Politik und Gesellschaft aus. Daraus
resultieren oft paradoxe Anforderungen, die eine ausgeprägte ethische Kompetenz erfor-
dern, damit schnell und richtig gehandelt werden kann. Dabei hilft ein übergeordnetes
gemeinsames Wertesystem:
• Grundgesetz: Menschenwürde, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidari-
tät, Demokratie
• Soldatengesetz (Grundgesetz der Streitkräfte)
9.3.1
Auftragstaktik
Führen mit Auftrag ist in der heutigen Bundeswehr die Antwort auf ein dynamisches und
komplexes Einsatzfeld:
Der Führer vor Ort, der oftmals sogar abgeschnitten von der nächsthöheren Führungsebene
operieren muss, kann die Vielzahl der Einflussfaktoren vor Ort besser überblicken und seine
Kenntnis um die Besonderheiten ‚seines‘ Raumes nutzen, um vor Ort die geeignete Ent-
scheidung zu treffen… Ein vergleichsweise geringeres Maß an unmittelbarer Kontrolle ist
daher der Schlüssel zur Beherrschung von Komplexität (Führungsakademie der Bundeswehr
2014, S. 9).
Auftragstaktik
Die sogenannte Auftragstaktik hat ihren Ursprung in der Preußischen Heeresreform von 1806 bis
1814. Dort wurde unter dem Eindruck der militärischen Erfolge der napoleonischen Armee – patri-
otisch gesinnte freie Franzosen siegten gegen zwangsverpflichtete preußische Soldaten – eine teil-
weise dezentrale Führungsstruktur konzipiert. Ziel war die „Volksbewaffnung“ mit der Bürger als
Verteidiger des Vaterlands agieren sollten. Eine Entsprechung dieses Prinzips finden wir heute im
Konzept des „Bürgers in Uniform“. Die Soldaten sollten künftig einem „lagegerecht mitdenkenden
Gehorsam“ verpflichtet sein.
In der heutigen Bundeswehr werden von den Soldaten Initiative und Kreativität gefordert. Der
Soldat „sollte intrinsisch motiviert und bewusst mitverantwortlich für das eigene Handeln danach
streben, sein Bestes zur Verteidigung der deutschen Demokratie zu geben“ (Führungsakademie der
Bundeswehr 2014, S. 6).
Um nach dem Prinzip „Führen mit Auftrag“ agieren zu können, muss es eine eindeutige
Formulierung des Einsatzzwecks geben und die Absicht des Einsatzes muss über alle
Führungsebenen hinweg kommuniziert werden. Vor allem aber muss es für die Soldaten
vor Ort handhabbar formulierte Handlungsalternativen geben, die sie in die Lage verset-
zen, sich schnell und auch unter Anspannung zu entscheiden. Dies nimmt der „Koblen-
zer Entscheidungscheck“ für sich in Anspruch.
9.3 Führen mit Werten in der Bundeswehr
220
9 Führen mit Werten
9.3.2
Koblenzer Entscheidungscheck
Das Koblenzer Zentrum für Innere Führung setzt seit 2010 für Offizierslehrgänge einen
Praxistest zur individuellen Entscheidungsfindung, den Koblenzer Entscheidungscheck,
ein (vgl. Elßner 2011). Grundlage ist ein von Antony M. Pagano (1987) entwickelter
Praxistest. Der Test soll Offiziere darin schulen, sich in unübersichtlichen, komplexen
Situationen, insbesondere bei Auslandseinsätzen, schnell zu entscheiden und sich dabei
konform zu den Werten und Normen der Bundeswehr zu verhalten.
Der Test enthält 5 Prüfkriterien:
Legalitätsprüfung Im ersten Schritt wird geprüft, ob die beabsichtigte Handlung durch
Gesetze und Einsatzregeln gedeckt ist.
Feuer der Öffentlichkeit Heute kann jede Handlung mit Fotos und Videofilmen doku-
mentiert und zu unbestimmtem Zeitpunkt weltweit verbreitet werden. Kriterium: Wür-
dest du als Soldat so reden oder handeln, wenn dir die Weltöffentlichkeit dabei per
Live-Übertragung zuhören und zuschauen könnte?
Wahrhaftigkeitstest Kriterium: Würde ich meiner Frau und meinem Kind sagen kön-
nen, was ich getan oder unterlassen habe? Was würde mein Sohn oder meine Tochter zu
meinen Handlungen sagen? Habe ich mich in der konkreten Situation um eine wirklich
angemessene Situationsbewältigung bemüht? Kann ich später guten Gewissens in den
Spiegel schauen?
Goldene Regel Kriterium: Möchtest du das, was du anderen tun willst, auch an dir selbst
erfahren?
Kategorischer Imperativ „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich
wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ (Immanuel Kant). Kriterium:
Besitzen meine persönlichen Motive, denen ich zum Erreichen eines Ziels folge, die
Voraussetzungen dafür, dass sie zu einem allgemeinen Gesetz werden könnten? Wenn
ich für mein Handeln einen Ausnahmestatus in Anspruch nehme, verstoße ich gegen den
Kategorischen Imperativ!
9.4
Das Parlament der Weltreligionen und das Projekt
Weltethos von Hans Küng
Wenn wir mit Werten führen wollen, brauchen wir einen gemeinsamen „Zeichenvorrat“.
Wir brauchen grundlegende gemeinsame Werte, die allseits akzeptiert werden, um ein
friedliches und respektvolles Miteinander auch am Arbeitsplatz zu verwirklichen.
221
Der Theologe Hans Küng hat in den 1990er Jahren ein „Parlament der Weltreligio-
nen“ ins Leben gerufen, welches versucht, gemeinsame Werte der Weltreligionen zu
beschreiben. Veröffentlicht wurde 1993 ein entsprechendes Regelwerk „Weltethos“ (vgl.
Council for a Parliament of the World Religions 1993). Die Stiftung Weltethos hat wei-
terhin die „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ (vgl. Stiftung Weltethos 1997)
in Analogie zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte herausgegeben, die von
international anerkannten Persönlichkeiten und Institutionen unterzeichnet worden ist.
Darin werden „Vier unverrückbare Weisungen“ proklamiert:
1. Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor dem Leben.
– Du sollst nicht töten. Habe Ehrfurcht vor dem Leben.
– Kultur der Gewaltlosigkeit.
– Die Gemeinschaft mit Natur und Kosmos ist zu kultivieren.
– Toleranz und Hochschätzung anderer Religionen.
2. Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung.
– Du sollst nicht stehlen. Handle gerecht und fair.
– Gerechte Wirtschaftsordnung.
– Autorität internationaler Organisationen.
– Machtausübung nur zum Dienste an den Menschen.
– gegenseitiger Respekt.
– Maß und Bescheidenheit.
3. Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit.
– Du sollst nicht lügen. Rede und handle wahrhaftig.
– Verzicht auf Manipulation der öffentlichen Meinung (Medien, Politik, Kunst und
Wissenschaft, Religion).
4. Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und der Partnerschaft von Mann
und Frau.
– Du sollst nicht Unzucht treiben. Achtet und liebet einander.
– keine sexuelle Gewalt und Geschlechterdiskriminierung.
– Partnerschaftlichkeit zwischen Mann und Frau.
Die Proklamationen des Weltethos sind beispielhaft und umfassend, jedoch eigenen sie
sich eher als Forderungskatalog für die politische Ebene. Für das Führen mit Werten in
Unternehmen brauchen wir einen Wertekanon, der sich pragmatisch auch auf die perso-
nale Führung in Unternehmen zuspitzen lässt. Dies sind die sogenannten sieben Primär-
werte.
9.4 Das Parlament der Weltreligionen und das Projekt Weltethos von Hans Küng
222
9 Führen mit Werten
9.5
Die sieben Primärwerte
Die sogenannten Primärwerte haben in der Führungsdiskussion einen hohen Stellenwert
(vgl. z. B. Schlembach 2013, S. 19 ff. sowie Jarosch und Köhler 2011; Grün 2015). Im
Folgenden werden sie als gemeinsames Wertesystem für das Führungshandeln zugrunde
gelegt.
Die sieben Primärwerte setzen sich zusammen
aus den vier Humanwerten oder „Kardinaltugenden“ der griechischen Philosophie:
1. Gerechtigkeit,
2. Tapferkeit,
3. Maß, Selbstbeherrschung,
4. Klugheit, Weisheit
und den drei Hauptwerten des Christentums
5. Glaube,
6. Hoffnung,
7. Liebe.
9.5.1
Gerechtigkeit
Gerechtigkeit wird von allen maßgeblichen Ethikinstitutionen als global gültiger und
maßgeblicher Wert bezeichnet. Gerechtigkeit umfasst Fairness, Solidarität, Ehrlichkeit,
Gleichbehandlung, Objektivität und Berechenbarkeit.
Es gibt mehrere Interpretationen von „Gerechtigkeit“:
• juristische Gerechtigkeit,
• soziale Gerechtigkeit,
– Verteilungsgerechtigkeit,
– Chancengerechtigkeit,
– prozedurale Gerechtigkeit,
• Sich selbst gerecht werden.
9.5.1.1 Juristische Gerechtigkeit
Juristisch gerecht zu sein, bedeutet, dass ich selbst den rechtlichen Regelungen gerecht
werde.
Für das Führungshandeln bedeutet dies, dass Führung im Rahmen der herrschenden
Normen, Regeln und Gesetze vonstatten zu gehen hat (vgl. auch Abschn. 12.2).
223
• Führungskräfte haben also z. B. die Bestimmungen des Betriebsverfassungsgesetzes
zu beachten.
• Arbeitsverträge müssen eingehalten werden.
• Arbeitgeber und Gewerkschaften haben die Tarifverträge einzuhalten.
• Die verschiedenen Gesetze und Verordnungen zum Gesundheitsschutz müssen beach-
tet werden.
• Der Datenschutz muss gewährleistet werden usw.
Führungskräfte sollten auch den Umkehrschluss beachten: Regelverstöße von Mitarbei-
tern sollten offen und gemäß nachvollziehbarer Regeln geahndet werden. Eine Führungs-
kraft steht „auf der Bühne“ und alle schauen zu.
9.5.1.2 Soziale Gerechtigkeit
Verteilungsgerechtigkeit
Verteilungsgerechtigkeit bedeutet, dass die vorhandenen Ressourcen gleich verteilt wer-
den. Jeder hat oder bekommt das Gleiche.
Für das Führungshandeln bedeutet dies z. B., dass die Leistungen, welche das Unter-
nehmen für die Arbeitnehmer erbringt (Arbeitsplätze, Entgelt etc.), von diesen als
gleichwertig zu den eigenen Leistungen angesehen werden. Wenn also jemand für ver-
gleichbare Leistungen weniger oder mehr Lohn erhält, wird dies als Ungerechtigkeit
gewertet. Das hat z. B. Auswirkungen auf die Beurteilung von Managergehältern sowie
auf die generell niedrigere Entlohnung von Frauen gegenüber Männern.
Führungskräfte sollten sich fragen, ob ihre Mitarbeiter einen gerechten Anteil an den
verfügbaren Ressourcen des Unternehmens erhalten (z. B. Entlohnung, Ausstattung etc.).
Chancengerechtigkeit
Chancengerechtigkeit meint, dass jeder hat die gleichen Chancen auf Einkommen, Aus-
kommen, Aufstieg, Glück usw. haben sollte.
Wer Chancengerechtigkeit favorisiert, ist z. B. dafür, dass Männer und Frauen die
gleichen Chancen auf Aufstieg haben sollten, muss aber nicht unbedingt dafür sein,
dass beide den gleichen Lohn erhalten (Verteilungsgerechtigkeit). Chancengerechtig-
keit bedeutet also, dass Menschen aufgrund individueller Stärken durchaus einen unter-
schiedlichen Anteil an den Ressourcen erhalten können.
Für das Führungshandeln bedeutet dies z. B.: Ich fördere meine Mitarbeiter gemäß
ihrer Stärken. Ich gebe allen die gleiche Chance.
Verunsicherung von Alfred E. Neumann über die Widersprüche zwischen
Verteilungsgerechtigkeit und Chancengerechtigkeit
Alfred A. Neumann: „Halt, stopp mal, lieber Autor! Das ging mir ein bisschen
schnell. Besteht da nicht ein Widerspruch zwischen Verteilungsgerechtigkeit und
Chancengerechtigkeit? Entweder alle sollen das Gleiche vom Wohlstand abhaben
9.5 Die sieben Primärwerte
224
9 Führen mit Werten
oder alle sollen die gleichen Chancen haben, am Wohlstand teilzuhaben. Das sind
doch zwei unterschiedliche Welten, oder? Wenn ich als Führungskraft ein Budget für
ein Projekt habe, dann müsste ich das nach Maßgabe der Verteilungsgerechtigkeit
an alle meine Mitarbeiter gleich verteilen. Sie würden dann alle den gleichen Anteil
bekommen, ohne dass sie sich besonders dafür anstrengen müssten. Nach Maßgabe
der Chancengerechtigkeit würde ich allen aber nur die gleiche Chance geben, etwas
abzubekommen. Das würde einen Wettbewerb unter meinen Mitarbeitern hervorrufen.
Ich würde die Anteile dann nach den Beiträgen verteilen, die sie zum Projekt leisten.
Beides heißt „Gerechtigkeit“, meint aber völlig verschiedene Zustände. Mit gesun-
den leistungsfähigen und hoch qualifizierten Mitarbeitern würde ich auf den ersten
Blick erst mal die Prinzipien der Chancengerechtigkeit wirken lassen.
Aber wo fangen denn die Chancen an, wenn man im Elternhaus nicht unbedingt
auf gute Schulbildung getrimmt worden ist, wenn man keinen Bock auf Arbeit hat,
weil man keinen Schulabschluss hat und sowieso viel zu wenig verdienen würde?
Wer will denn sagen, man hätte doch die gleichen Chancen zum beruflichen Aufstieg
gehabt, wie jemand der, durch teure Nachhilfe durchs Abitur geschoben worden ist?
Außerdem: Wer gegen Verteilungsgerechtigkeit und für Chancengerechtigkeit ist,
muss eingestehen, dass er daran glaubt, dass nur die Konkurrenz um die Ressourcen
die Menschen in Bewegung setzt, dass also kein Mensch ohne äußere Anreize eine
Hand rühren würde – ein ziemlich düsteres Menschenbild frei nach der Theorie X von
McGregor, wenn ich mich recht entsinne.
Ich glaube, man muss schon sehr genau hinschauen, wenn man beurteilen will, wo,
für wen und unter welchen Umständen Verteilungs- oder Chancengerechtigkeit walten
soll.“
Prozedurale Gerechtigkeit
Wenn prozedurale Gerechtigkeit herrscht, erhalten alle Menschen die gleiche Behand-
lung. Für alle gelten dieselben Normen, Regeln und Gesetze. Man kann sich z. B. drauf
verlassen, dass alle vor dem Gesetz gleich sind.
Für das Führungshandeln heißt das z. B., dass die Führungskraft ihre Entscheidungs-
kriterien klar und transparent macht. Sie muss in ihrem Handeln berechenbar sein. Die
Entlohnung muss dann auch nach nachvollziehbaren Faktoren gestaltet werden.
9.5.1.3 Sich selbst gerecht werden
Auch die Frage, inwieweit man sich selbst gerecht wird, gehört zum Thema Gerechtig-
keit. Wie werde ich dem eigenen Wesen (Körper, Seele, Geist) gerecht? Wie lebe ich
richtig und aufrecht? Nur wenn ich mir selbst gerecht werde, kann ich auch anderen
Menschen gerecht werden.
Für das Führungshandeln bedeutet dies z. B. dass ich als Führungskraft ein ausge-
glichenes Leben führen sollte. Wenn ich selbst 70 Stunden in der Woche arbeite, kann
ich nicht glaubhaft für die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie eintreten und gebe ein
schlechtes Beispiel für meine Mitarbeiter ab.
225
9.5.2
Tapferkeit
Tapferkeit umfasst Mut, Zivilcourage, Risikobereitschaft, Entschlossenheit, Rückgrat
und Durchhaltevermögen.
Durch Tapferkeit erlangen wir unsere innere Freiheit und damit die Möglichkeit, Ver-
antwortung zu übernehmen, denn jedes Handeln birgt Risiken. Wer tapfer ist, trägt die
Konsequenzen seines Handelns, er „löffelt die Suppe aus, die er sich eingebrockt hat“.
Wer tapfer ist, kann für seine eigenen Werte und Überzeugungen einstehen und diese
auch gegen Widerstände vertreten.
Tapferkeit ist heute kein weit verbreiteter Wert mehr. Darum sollten gerade Führungs-
kräfte diesen Wert hoch einschätzen. Weit verbreitet sind demgegenüber bei Führungs-
kräften und Mitarbeitern „Durchmogeln“, „Infantilisierung“ und „Viktimisierung“ (vgl.
auch Pater Anselm Grün 2015).
• „Durchmogeln“: Ich stehe nicht zu meinen Entscheidungen und stelle meine Hand-
lungen in den Dienst des eigenen Durchkommens oder des Aufstiegs, egal, wie es den
Anderen oder dem Gemeinwesen geht (vgl. Kap. 10).
• „Infantilisierung“: Ich habe große Ansprüche, bin aber nicht bereit, Verantwortung
für deren Realisierung zu übernehmen. Ich poche zwar auf mein Recht, z. B. auf eine
gesunde Arbeitsumgebung, schädige aber selbst meine Gesundheit durch Rauchen
und Alkoholkonsum. Ich verhalte mich wie ein wie ein unmündiges Kind, welches
auf Versorgung hofft.
• „Viktimisierung“: Ich bin immer das Opfer, Schuld sind immer die anderen.
Als Regel für das unmittelbare Führungshandeln sollte z. B. gelten:
• Übernimm die Verantwortung für Deine Entscheidungen und lasse den Mitarbeitern
ihre Verantwortung (Abschn. 7.1).
• Gestalte die Prozesse in deiner Führungsspanne so, dass es möglich ist, Fehler zu
machen, ohne dass gravierende Folgen auftreten. Das ist z. B. durch das Einbauen
von Redundanz möglich (Abschn. 7.4.1.4).
9.5.3
Maß
Maß halten beinhaltet auch Nachhaltigkeit: Wir müssen unser Maß finden. Verbreitet
sind heute demgegenüber Maßlosigkeit, Ausbeutung von Menschen und Natur und unge-
bremster Konsum.
Es herrscht aber auch Maßlosigkeit gegenüber uns selbst. Wir haben maßlose Ansprü-
che an uns selbst. Wir wollen immer perfekt, cool und erfolgreich sein. Selbstoptimie-
rung ist das Gebot der Zeit.
9.5 Die sieben Primärwerte
226
9 Führen mit Werten
Demgegenüber sollten wir ein Gespür für unsere Stärken und auch für unsere Gren-
zen entwickeln (Achtsamkeit). Wir sollten also nachhaltig umgehen mit unseren eigenen
Ressourcen und unsere Grenzen kennen.
Für das Führungshandeln ergeben sich daraus z. B. folgende Konsequenzen (vgl. auch
Kap. 13):
• Wir sollten darauf achten, wie ausgewogen wir mit Körper, Seele und Geist umgehen.
Achtsamkeit ist das Gebot.
• Wir müssen dabei auch das richtige Zeitmaß finden. Wer gegen seinen Rhythmus lebt,
der tut viel, aber es kommt wenig dabei heraus.
• Als Führungskraft sollten wir auf die Work-Life-Balance unserer Mitarbeiter achten
und die Grenzen von deren Leidens- und Leistungsfähigkeit akzeptieren.
9.5.4
Klugheit
Mit Klugheit ist hier vor allem das Voraussehen der Folgen des Handelns gemeint. Auf
dieser Basis können wir richtig entscheiden und handlungsorientierte Visionen vom
guten Leben und Wirtschaften entwickeln.
Um diese zu realisieren, können wir über unsere Ziele und Werte entscheiden und uns
ein realistisches Bild davon machen, was wir wirklich erreichen wollen und können.
Als gute Führungskraft kann ich absehen, was geschieht, wenn ich meinen Mit-
arbeitern so oder so gegenübertrete. In der Kommunikation mit den Menschen um
mich herum gilt es zu bedenken, dass Klugheit und Weisheit auf Klarheit basieren
(Abschn. 8.4).
9.5.5
Glaube und Vertrauen
Glaube entlastet uns von Ängsten, Zwängen und Zweifeln und ermöglicht uns so, ebenso
wie Tapferkeit, die Freiheit. Wer Vertrauen in seine Umwelt hat, muss nicht mehr so viel
kontrollieren. Wer daran glaubt, dass „alles gut“ werden wird, hat viele Optionen und
Handlungsspielräume.
Glaube ist die Basis von Vertrauen. Ich gebe meinen Mitarbeitern einen Vertrauens-
vorschuss, d. h. ich glaube daran, dass sie mein Vertrauen rechtfertigen werden. Ich
selbst habe Vertrauen in die Zukunft, weil ich daran glaube, dass sie gut werden wird.
Und hier gilt wieder, dass ich mir durch mein Verhalten die Mitmenschen schaffe, die
mir entsprechen. Vertrauen kann ich Menschen nur dann schenken, wenn ich ein posi-
tives Menschenbild habe. Mit einem positiven Menschenbild schaffe ich mir erst die
positiven Mitarbeiter, die mein Vertrauen rechtfertigen. An dieser Stelle sei Goethe noch
einmal zitiert: „Behandelt die Menschen so, als ob sie schon wären, wie ihr sie haben
wollt, es ist der einzige Weg, sie dazu zu machen“ (vgl. auch Abschn. 1.3.4).
227
9.5.6
Hoffnung
Hoffnung hält uns buchstäblich am Leben. Dies zeigt eindrucksvoll Viktor Frankl, der
Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse („Dritte Wiener Schule der Psychothe-
rapie“) (vgl. Frankl 2012).
Eine Führungskraft, die von Hoffnung erfüllt ist, kann den Mitarbeitern z. B. die
Zuversicht vermitteln, dass das derzeitige Projekt gelingen wird. Damit eröffnet die Füh-
rungskraft den Mitarbeitern positive Perspektiven.
9.5.7
Liebe
Wenn man von vorn herein an eine Aufgabe oder an Menschen herangeht, die man nicht
mag, dann fällt alles schwerer. Verbitterung und schlechte Laune ist aber „emotionale
Umweltverschmutzung“.
Liebe und Zuneigung sind Kraftquellen. Will man eine gute Führungskraft sein, muss
man seine Mitarbeiter zwar nicht gleich lieben, aber man sollte Menschen zumindest
mögen. Wenn ich die Leute mag, ist mir nichts zu viel oder zu schnell.
Literatur
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verständnis und Führungskultur. A-2600/1.
Council for a Parliament of the World Religions. (1993). Parlament der Weltreligionen – Erklä-
rung zum Weltethos. München: Piper. http://www.weltethos.org. Zugegriffen: 15. Juni 2017.
Elßner, T. R. (2011). Praxisorientierte Ethikausbildung in den deutschen Streitkräften. In H.-C.
Beck & C. Singer (Hrsg.), Entscheiden, Führen, Verantworten. Soldat sein im 21. Jahrhundert
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Frankl, V. E. (2012). …trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationsla-
ger (3. Aufl.). München: Kösel.
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tionsführung. Ausprägung, Historie und Kritik – Ergebniszusammenfassung der Strategischen
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Wertekommission der TUM School of Management der Technischen Universität München.
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Jarosch, A. A., & Köhler, H.-U. (2011). Renaissance der 7 Primärwerte: Wie Sie mit Werten
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Pagano, A. M. (1987). Criteria für Ethical Decision Making in Managerial Situations. A paper
presented at the Academy of Management Meetings, New Orleans.
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9 Führen mit Werten
Pater Anselm Grün. (2015). Führen mit Werten: Die Bedeutung der Werte in einer globalisierten
Welt. http://www.muk-it.com/BI-System/48_Mitarbeiter_gewinnen/Gruen.pdf). Zugegriffen:
15. Juni 2017.
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Weltethos. http://interactioncouncil.org/sites/default/files/de_udhr%20ltr.pdf. Zugegriffen: 15.
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Stiftung, Politische Studien 449, 64(Mai–Juni), 22 ff.
229
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018
P. Berger, Praxiswissen Führung, https://doi.org/10.1007/978-3-662-50527-4_10
Zusammenfassung
In der Betriebswirtschaftslehre wird der Eindruck vermittelt, dass Unternehmen
wohl geordnet funktionieren, so wie es in Organigrammen und Prozessbeschreibun-
gen dargestellt wird. Wir haben es aber in den Unternehmen eben nicht mit funktio-
nierenden Regelkreisen zu tun, sondern mit lebendigen Menschen, die eigene Ziele,
eigene Interessen und eigene Bedürfnisse haben. Menschen sind eigensinnig und
bauen ihre eigenen Regelkreise – oft genug gegen die Vorschriften – auf. Wie können
Führungskräfte produktiv damit umgehen? In der mikropolitischen Perspektive wer-
den formale Organisationsstrukturen überlagert von unterschiedlichsten Formen der
Einflussnahme aller Organisationsteilnehmer, quer zu ihren Funktionen und Hierar-
chieebenen. Durch das Handeln dieser Akteure werden wiederum die Strukturen des
Unternehmens ständig umgestaltet. Führen in der Perspektive der Mikropolitik heißt
demnach: Führungskräfte sollten Anspruchsgruppen und Schlüsselakteure identifizie-
ren, deren Interessen, Machtbasen und Handlungsspielräume analysieren, um dann
selbst mikropolitisch Einfluss nehmen können. Das bedeutet z. B. geeignete Koaliti-
onspartner zu suchen, Beziehungen zu pflegen, Vertrauen herzustellen und die Mitar-
beiter als interessengeleitete „Mitspieler“ anzuerkennen.
10.1
Mikropolitik im Unternehmensalltag
Offenbar noch wenig durchgesetzt hat sich bei Führungskräften eine Sichtweise, die
akzeptiert, dass Menschen von Natur aus eigensinnig sind und das auch sein dürfen
und sogar sein sollen. Nur eigensinnige Menschen können kreativ sein und schnell
Entscheidungen treffen, auch wenn der Chef mal nicht da ist. Nur selbstbewusste und
Mikropolitik – Umgang mit Macht
in Organisationen
10
230
10 Mikropolitik – Umgang mit Macht in Organisationen
selbstverantwortliche Menschen können die Innovationen hervorbringen, die die Unter-
nehmen brauchen, um sich am Markt zu behaupten. Aber solche Menschen scheinen in
der betriebswirtschaftlich geprägten Managementphilosophie nicht vorzukommen.
Menschen sind eigensinnig!
Als Führungskräfte müssen wir uns mit Unordnung und Unvorhersagbarkeit abfinden.
Menschen sind eben auch faul, krank, ehrgeizig, hinterhältig, nachtragend, unzuverläs-
sig, verliebt, hilflos…
Nicht genug damit, Menschen haben ihre eigenen Interessen. Und die setzen sie im
Unternehmen und mit den Ressourcen des Unternehmens durch. Sie treten ungeplant
miteinander in Kontakt, sie bilden Allianzen, treten in Konkurrenz zueinander, beherr-
schen andere, lassen sich führen, opfern sich (auch für das Unternehmen) auf, können
nicht anders, schmeißen den Kram hin und manchmal funktionieren sie sogar. Das ist
die Realität, auch wenn es nicht der Norm entspricht und am liebsten in die „Schmudde-
lecke“ abseits der wohlgeordneten Führungstheorien verbannt wird.
Nimmt man das aber ernst, ergibt sich das Bild einer undefinierbaren Gemengelage
unterschiedlichster Subkulturen, welche meist nur oberflächlich und nach außen hin als
„die Unternehmenskultur“ bezeichnet werden. Durch diese gewachsene Kultur wird die
Menge der Menschen im Unternehmen zur „Belegschaft“, die bezeichnenderweise auch
„Workforce“ genannt wird.
Unternehmen funktionieren informell und vielfach trotz Regeln und
Vorschriften Das Informelle hält die Menschen zusammen. Genau das, was
Personalchefs den Angstschweiß auf die Stirn treten lässt, dieses typisch
Menschliche und damit eben unvorhersehbare Chaotisch-Lebendige ist
das, was Unternehmen groß werden lässt und sie oft genug vor dem Unter-
gang bewahrt. Menschen können sich, anders als Maschinen, über unsinnige
Anweisungen hinwegsetzen und manchmal geniale kleine Lösungen vor Ort
schaffen, von denen sich die Chefs und Planer überhaupt kein Bild machen
können. Und so funktionieren Unternehmen und andere Organisationen oft
trotz Vorschriften und Plänen.
Im wirklichen Leben nutzen die Menschen durchaus die Ressourcen, die ihnen das
Unternehmen bietet für eigene Zwecke. Sie haben Interessen und verfolgen diese quer
zu den Hierarchien. Wir alle agieren politisch, das heißt wir verhalten uns strategisch und
taktisch. Um unsere Bedürfnisse durchsetzen zu können, brauchen wir Macht. Wir kön-
nen zwar Machressourcen (Geld, Netzwerke, Status) auf Vorrat anhäufen, Macht selbst
aber entsteht immer wieder neu als soziale Beziehung in Interaktionen, in denen dann
verschiedene Akteure einander gegenübertreten und sich gegenseitig „nutzen“.
Nur wenn diese wechselseitige „Nutzung“ gut funktioniert und zum Nutzen für alle
Beteiligten beiträgt, funktioniert das „mikropolitische Spiel“, welches „Wir machen
unser Unternehmen groß“ heißt. Wer Performance möchte, der darf also nicht nur auf
231
Regeln, formalen Interessenausgleich oder einfache Win-win-Situationen setzen. Es geht
um das Dirigieren eines sehr komplexen „Spiels“, welches nur diejenigen mitspielen, die
dabei ein „pay off“ erhalten.
Ein Vertreter der betriebswirtschaftlichen Organisationslehre, Günter Ortmann, hat
derartige Phänomene sehr anschaulich beschrieben:
In Organisationen tobt das Leben. Weit von jenen anämischen Gebilden entfernt, die in der
althergebrachten Forschung unter dem Namen ‘Organisationsstruktur’ ihr schattenhaftes
Dasein fristen und von oben bis unten vermessen werden, sind sie in Wirklichkeit Arenen
heftiger Kämpfe, heimlicher Mauscheleien und gefährlicher Spiele mit wechselnden Spie-
lern, Strategien, Regeln und Fronten. Der Leim, der sie zusammenhält, besteht aus partiellen
Interessenkonvergenzen, Bündnissen und Koalitionen, aus side payments und Beiseitege-
schafftem, aus Kollaboration und auch aus Résistance, vor allem aber: aus machtvoll ausge-
übtem Druck und struktureller Gewalt; denn wer wollte glauben, dass dieses unordentliche
Gemenge anders zusammen- und im Tritt gehalten werden könnte?
Die Machiavelli der Organisation sind umringt von Bremsern und Treibern, change
agents und Agenten des ewig gestrigen, Märtyrern und Parasiten, grauen Eminenzen, leiden-
schaftlichen Spielern und gewieften Taktikern: Mikropolitiker allesamt. Sie zahlen Preise
und stellen Weichen, errichten Blockaden oder springen auf Züge, geraten auf’s Abstellgleis
oder fallen die Treppe hinauf, gehen in Deckung oder seilen sich ab, verteilen Schwarze
Peter und holen Verstärkung, suchen Rückendeckung und Absicherung, setzen Brücken-
köpfe und lassen Bomben platzen, schaffen vollendete Tatsachen oder suchen das Gespräch.
Dass es ihnen um die Sache nicht ginge, lässt sich nicht behaupten; aber immer läuft mit:
der Kampf um Positionen und Besitzstände, Ressourcen und Karrieren, Einfluss und Macht
(Küpper und Ortmann 1992, S. 7).
Wie aber lässt sich Mikropolitik analysieren und mit den herkömmlichen Auffassungen
von Organisation und Führung in Verbindung bringen? Vor allem aber: Wie sollen wir in
den Unternehmen mit diesen Phänomenen umgehen?
10.2
Grundlagen zum Verständnis von Mikropolitik im
Unternehmen
10.2.1 Was ist Mikropolitik?
Politik ist “Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung, sei
es zwischen Staaten, sei es innerhalb eines Staates zwischen Menschengruppen, die er
umschließt… (mit ‘politisch’) ist dann immer gemeint: Machtverteilungs-, Machterhal-
tungs- oder Machtverschiebungsinteressen sind maßgebend…”
Wer Politik treibt, erstrebt Macht, – Macht entweder als Mittel im Dienst anderer Ziele –
idealer oder egoistischer – oder Macht ‘um ihrer selbst willen’: um das Prestigegefühl, das
sie umgibt, zu genießen (Weber 1947, S. 146 f.).
Mikropolitik ist politisches Verhalten in Organisationen (vgl. Porter et al. 1981), quasi
„organisationale Innenpolitik“ (Küpper und Ortmann 1986).
10.2 Grundlagen zum Verständnis von Mikropolitik im Unternehmen
232
10 Mikropolitik – Umgang mit Macht in Organisationen
Bereits 1961 wurde der Begriff Mikropolitik durch Burns (1961) geprägt. Der Ansatz
wurde dann durch Bosetzky (1972, 1977), Crozier und Friedberg (1979), Friedberg
(1980, 1992, 1995) und Porter et al. (1981) weiterentwickelt. Insbesondere Neuberger
(1992, 1995), Ortmann et al. (1990, 1992a, b, 1997, 1998), Küpper (1992) und Bosetzky
(1972, 1977, 1995, 1998) haben in Deutschland die Sichtweise von Unternehmen als
„politische Arenen“ vorangebracht.
Empirische Studien zur Entwicklung und Anwendung mikropolitischer Methoden in
Veränderungsprojekten wurden u. a. von Mohr (1998), Berger-Klein (2002) und Berger
et al. (2007) vorgelegt.
Mikropolitik nach Bosetzky Mikropolitik ist „…die Bemühung, die systemei-
genen materiellen und menschlichen Ressourcen zur Erreichung persönlicher
Ziele, insbesondere des Aufstiegs im System selbst und in anderen Systemen
zu verwenden sowie zur Sicherung und Verbesserung der eigenen Existenzbe-
dingungen“ (Bosetzky 1972, S. 382).
10.2.2 Führung und Mikropolitik
Ein Modell zur Untersuchung mikropolitischer Phänomene ist die mikropolitische Orga-
nisationsanalyse, die hier Akteursanalyse genannt wird.
Herkömmliche Lösungsansätze für konflikthaftes Verhalten in Führungsprozessen
beschäftigen sich vor allem mit den Widerständen der Akteure im Unternehmen (vgl.
Doppler und Lauterburg 2002) und propagieren Lösungen, die auf geändertes Verhalten
der Beteiligten zielen und individuell ansetzen. Der hier vorgestellte Ansatz der mikropo-
litischen Organisationsanalyse geht demgegenüber von „alltäglichen Spielen“ und Kon-
flikten im Unternehmen aus, die ohnehin passieren, und mit denen umgegangen werden
muss, ohne die Vorstellung zu haben, die Menschen müssten überzeugt oder geändert
werden.
Das Management von Mikropolitik und das Führen unter mikropolitischen Bedin-
gungen stehen also hier im Mittelpunkt. Es werden beteiligte Akteure analysiert sowie
Koalitionen, Konkurrenzen, Konflikte und alltägliche Machtspiele thematisiert. Dabei
wird davon ausgegangen, dass es in Unternehmen interessiertes, oft auch taktisches und
strategisches Handeln der Akteure – Einzelpersonen, Gruppen, Netzwerke – jenseits der
formalen Regeln und Strukturen gibt, welches die Entscheidungshandlungen maßgeblich
beeinflusst.
Aus Sicht der Mikropolitik ist eine Organisation eine „Gesamtheit vernetzter Spiele“.
Unbestimmtheit, in der Sprache der Mikropolitik Kontingenz genannt, ist ein zentraler
Begriff: Man geht davon aus, dass Menschen sich von Natur aus nicht den Zwängen der
betrieblichen Strukturen unterordnen, sondern sich gegen diese auflehnen, sie unter-
laufen und sie ständig umwälzen und neu gestalten (vgl. dazu auch „Reaktanztheorie“
233
Abschn. 6.1.6.3). Hierarchien selbst sind solche Strukturen, die durch das tagtägliche
mikropolitische Handeln aller Menschen im Unternehmen infrage gestellt werden.
Kontingenz heißt das Lösungswort. Dass vieles auch anders möglich und nichts determiniert
ist, weder durch den Markt, noch durch die Technologie, noch durch eine wie auch immer
sonst definierte Umwelt, eröffnet die Freiheit zur Mikropolitik (Küpper und Ortmann 1992,
S. 8).
Altbekannte Organisationsmythen, z. B.
• „Wir handeln wie ein Mann“,
• „Wir sitzen in einem Boot“,
• „Wir sind eine große Gemeinschaft“,
gehören aus der Sicht der Mikropolitik zu den Leerformeln. In der Praxis beherrschen
individuelle Vorteilssuche und Nachteilsvermeidung das Handeln in Organisationen.
10.2.3 Unternehmensziele und Mikropolitik
Bei der mikropolitischen Betrachtungsweise wird davon ausgegangen, dass ein Unter-
nehmen ein soziales System ist, in dem die internen und externen Akteure unterschied-
liche (nur teilweise bewusste) Ziele haben. Die Erreichung ihrer Ziele bedeutet aus der
Sicht der jeweiligen Akteure „Erfolg“. Die von ihnen dabei eingesetzten Mittel werden
von ihnen als „Erfolgsfaktoren“ wahrgenommen.
Ein Unternehmen als solches kann aber gar keine Ziele haben, es sei denn man setzt
eine Art „Systembewusstsein“ voraus (zur Komplexität von Zielen und Zielfindungspro-
zessen in Organisationen kann bei Hill et al. 1994, S. 141 ff. eine gute Zusammenfassung
aus Sicht der Organisationslehre gefunden werden).
Wenn man „Systemziele“ definieren will, müssen diese aus den Zielen der Individuen
im System abgeleitet werden. Vielfach wird, ohne weiter zu hinterfragen, vorausgesetzt,
dass die „Ziele eines Unternehmens gleichbedeutend mit den Zielen des oder der Eigen-
tümer sind“. Aus dieser klassischen Unternehmungstheorie resultieren Auffassungen von
einer Strategie, bei der die Ziele der Eigentümer bis in die letzte funktionale Ebene des
Unternehmens „heruntergebrochen“ werden können. Das wäre dann die klassische Form
des „Management by objectives“. Erstaunlicherweise findet man diese simplifizierende
Sicht auch heute noch unhinterfragt in modernen Instrumenten der Personalführung,
z. B. in herkömmlichen Zielvereinbarungssystemen.
Abweichend davon gehen Organisationstheoretiker schon lange davon aus, dass in
Unternehmen komplexe Zielbildungsprozesse ablaufen, die verschiedene Personengrup-
pen (Koalitionen) einschließen und ein multiples Zielsystem hervorbringen. Einen Ein-
druck davon vermittelt die Grafik (Abb. 10.1), in der der Einfluss von mikropolitischen
Prozessen auf die Zielbildung schematisch dargestellt ist.
10.2 Grundlagen zum Verständnis von Mikropolitik im Unternehmen
234
10 Mikropolitik – Umgang mit Macht in Organisationen
Aus den Gruppen, die Ansprüche an das Unternehmen haben (Anspruchsgruppen),
bildet sich eine Kerngruppe, die Formalziele entwickelt und verkündet. Bei allem haben
mikropolitische Prozesse, in denen persönliche Interessendurchsetzung die zentrale
Rolle spielt, einen großen Einfluss. Im Folgenden werden die Mechanismen der Zielbil-
dung aus mikropolitischer Sicht beleuchtet (siehe Abb. 10.1).
10.2.3.1 Anspruchsgruppen
Die beteiligten Gruppen (Tab. 10.1) und Einzelpersonen, im Folgenden zusammen-
fassend Akteure genannt, können aus Mitgliedern des Unternehmens und aus unter-
nehmensexternen Gruppen bestehen. Diese Akteure erbringen Leistungen – z. B.
Arbeitsleistungen, Ressourcenlieferungen, Abnahme von Produkten, Akzeptanz des
Unternehmens usw. –, dafür stellen sie Ansprüche und erwarten einen Beitrag vom
Unternehmen zur Erreichung ihrer eigenen spezifischen Ziele.
10.2.3.2 Formalziele
Die Ansprüche und Interessen der Akteure stellen noch keine System- oder Unterneh-
mensziele dar. Sollen solche angegeben werden, bedürfen sie der offiziellen Formulierung.
Solche übergreifenden Formalziele (vgl. Abb. 10.1) sind Resultat von Interaktionsprozes-
sen zwischen den verschiedenen Akteuren.
Kern-
gruppe
Mikropolitik
Legitimation
Persönliche Ziele
Interessen
Koalitionen
Zeitlichkeit
Intersubjektivität
Machtkämpfe
Ambiguität
Konkurrenzen
Anspruchsgruppen
Formalziele
Instrumentalziele
Gewinn, Umsatz, Liquidität,
Produktivität, Qualität,
Kapitalstruktur, Rentabilität
Marktanteile, Führung,
Mitarbeiter...
sozio -emotionale Ziele
Befriedigung der Bedürfnisse
der Systemmitglieder
Abb. 10.1 Einfluss von Mikropolitik auf die Ziele der Anspruchsgruppen und die Bildung der
Formalziele
235
Tab. 10.1 Akteure und ihre Ansprüche nach dem Anspruchsgruppenkonzept. (in Anlehnung an
Hill et al. 1994, S. 150 f.)
Anspruchsgruppe
Typische Ansprüche
Top-Management, Vorstand
Gestaltungsmacht im Gesamtsystem und in der Unterneh-
mensumwelt; Prestige; hohes Einkommen; Verwirklichung
schöpferischer Ideen
Arbeitnehmervertretung, Betriebsrat,
Personalrat
Gestaltungsmacht im betrieblichen Gesamtsystem;
Durchsetzung von Mitbestimmung; Renommee in der
Belegschaft; Wiederwahl; Anerkennung als machtvoller
Verhandlungspartner
Bereichs- und Abteilungsleitungen,
EDV-Leitung, Projektleitungen
Einfluss auf andere Akteure und auf die oberste Leitung;
Anwendung und Erweiterung professioneller Kenntnisse
und Fähigkeiten; Prestige; hohes Einkommen
Sachbearbeiter, Mitarbeiter,
„Belegschaft“
Einfluss auf andere Akteure und auf die Leitungspersonen;
Prestige; Anwendung und Erweiterung von Kenntnissen
und Fähigkeiten; geregeltes Einkommen; soziale Sicher-
heit; Selbstverwirklichung am Arbeitsplatz; gute Arbeits-
bedingungen; gute zwischenmenschliche Beziehungen
Kapitalgeber
Hohe Gewinnsteigerung; hohe Wertsteigerung; Risikobe-
grenzung; Einfluss auf das Top-Management
Lieferanten
Günstige Lieferkonditionen; Zahlungsfähigkeit; anhal-
tende Liefermöglichkeiten
Kunden
Qualitativ hoch stehende Leistung zu günstigen Preisen;
Zertifizierungen; Logistik; Übernahme von Nebenleis-
tungen (z. B. Kredite, Service, Ersatzteile, Beratung);
gesicherte Warenversorgung
Kommunalbehörden
Bereitstellung von Arbeitsplätzen; Steuereinnahmen,
Beiträge an die Infrastruktur und an Kultur- und Bildungs-
einrichtungen
Staat
Einhaltung gesetzlicher Vorschriften; Verbesserung
wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Messgrößen;
Steuereinnahmen
Gewerkschaften
Anerkennung von Gewerkschaften als Verhandlungs-
partner; Ausrichtung unternehmerischer Entscheidungen
an gewerkschaftlichen Interessen; Mitwirkung an der
Tarifpolitik
Arbeitgeberverbände
Mitgliedschaft der Unternehmen; Einfluss auf die Mit-
gliedsunternehmen; Mitwirkung an der Tarifpolitik
Politische Parteien, Bürger,
Medien, kritische Öffentlichkeit
Umwelt-, Human-, Sozial- und Demokratieverträglichkeit
der Aktivitäten des Unternehmens; Einfluss auf die unter-
nehmerischen Entscheidungen
10.2 Grundlagen zum Verständnis von Mikropolitik im Unternehmen
236
10 Mikropolitik – Umgang mit Macht in Organisationen
Jede Anspruchsgruppe führt dabei ihre spezifischen Ansprüche in Form einer
bestimmten Nutzenvorstellung ins Feld und schöpft aus ihrer spezifischen Machtbasis.
Die resultierenden Ziele werden in der Regel von einer „Kerngruppe“ für verbindlich
erklärt. Als oberstes Ziel gilt meist die Erhaltung/das Überleben des Systems, da nur
hierdurch die fortdauernde Erfüllung der Ansprüche aller Akteure ermöglicht wird.
Formalziele betreffen typischerweise Gewinn und Rentabilität, Liquidität, Kapital-
struktur, Umsatz, Marktanteile, Qualität, Führung, Mitarbeiterstruktur, Soziales usw.
Bei Erreichung dieser Formalziele wäre ein Unternehmen nach diesem systemtheo-
retischen Ansatz also erfolgreich. Allerdings leuchtet unmittelbar ein, dass solche For-
malziele nicht für alle Akteure im Unternehmen gleichermaßen und nicht zu allen Zeiten
gelten müssen.
10.2.3.3 Kerngruppe
In realen Unternehmen werden sich die Akteure in der Regel nicht ständig die Arbeit
langwieriger Problemlösungs- und Zielfindungsprozesse machen. Schlüsselperso-
nen werden stattdessen Kerngruppen bilden, die unter Berücksichtigung gegenseitiger
Abhängigkeiten nach bestem Wissen und Gewissen (und nach eigenem Vorteil) entschei-
den, welche der Zielkomplexe für verbindlich erklärt werden und welche eben nicht.
Dabei sind die Kerngruppen nicht immer von denjenigen Akteuren geprägt, die die
meiste positionale Macht haben. Die tatsächliche Machtverteilung in einem sozialen
System richtet sich danach, wie stark die anderen Systemmitglieder auf die Ressour-
cen oder Beiträge eines Akteurs angewiesen sind und wie stark die Konkurrenz anderer
sozialer Systeme um diesen Akteur ist. So verlaufen die Koordinaten der Macht, nach
denen die zielformulierenden Kerngruppen gebildet werden, oft quer zu den Hierarchien
in einem Unternehmen. In großen Konzernen sind hier nicht selten auch Gewerkschafter
und Betriebsratsmitglieder beteiligt.
Festzuhalten bleibt aber auch, dass die durch Kerngruppen formulierten Systemziele
meist nur scheinbar auf einen Nenner gebracht werden und meist nur Kompromisse dar-
stellen. Das liegt nicht nur daran, dass solche Ziele zwangsläufig nicht die Ansprüche
aller Systemmitglieder berücksichtigen, dass sie mehrdeutig und widersprüchlich sind.
Vielmehr ist der eigentliche Grund, dass alle Systemmitglieder – auch die der Kern-
gruppe – ihre eigene „Politik“ betreiben, also ständig die Erhaltung und Ausweitung der
eigenen Machtressourcen anstreben.
10.2.4 Mikropolitik als Ursache des Wandels
Die Akteure versuchen ständig, ihre persönlichen Ziele in dem und durch das Unterneh-
men zu realisieren. Dies führt dazu, dass die Formalziele eines Unternehmens immer
wieder neu infrage gestellt und vielfach unterlaufen werden. Dabei werden sie aber
gleichzeitig präzisiert und in ihren beständigen Kernen konkretisiert (Abb. 10.2).
237
Hier liegt der eigentliche Grund für den ständigen Wandel von Systemzielen. Nicht
nur die äußeren Bedingungen – Markt, Politik usw. – eines Unternehmens ändern sich
ständig, sondern insbesondere die internen Machtverhältnisse sind einem unausweichli-
chen Wandel unterworfen, weil die Akteure ständig darum kämpfen, ihren Einfluss in
den zielformulierenden Kerngruppen, die letztlich darüber entscheiden, wessen Ansprü-
che durch das Unternehmen besser und welche schlechter erfüllt werden, auszudehnen.
Auch aus diesem Grunde sind Unternehmen, die den kontinuierlichen Wandel offen
nach innen und außen betreiben, im Vorteil. Sie versuchen, sich auf den internen Ziel-
und Machtverschiebungsprozess in kleinen verträglichen Schritten einzustellen und den
zugrunde liegenden resultierenden Anspruchsveränderungen kontinuierlich gerecht zu
werden.
10.3
Mikropolitische Analyse
Es geht also um Macht und persönliche Interessen der Akteure. Die Akteure sind nicht
nur Zielformulierer, die passiv Bilanz darüber ziehen, in welchem Maße das Unterneh-
men zur Erreichung ihrer persönlichen Ziele beigetragen hat. Sie sind aktive Interessen-
träger und kämpfen tagtäglich um mehr Macht und Einfluss auf die Formulierung der
offiziellen Unternehmensziele und deren Durchsetzung.
In der Sichtweise der Mikropolitik haben die Akteure Machtbasen und Handlungs-
spielräume, gehen Koalitionen ein und stehen in Konkurrenz zu anderen Akteuren. Die
Handlungen der Akteure weisen aus mikropolitischer Sicht bestimmte Merkmale auf, die
in der Akteursanalyse einzeln abgeprüft werden (Tab. 10.2):
Wandel der
Umwelt-
bedingungen:
Markt, Politik,
Ressourcen ...
Wandel der
Unternehmens-
ziele:
mutativer Wandel
oder
kontinuierlicher
Wandel
Unternehmen
Mikropolitik:
interne
Auseinandersetzungen
der Akteure um
die Verwirklichung ihrer
Einzelziele
Changemanagement
Abb. 10.2 Mikropolitik als Ursache des Wandels
10.3 Mikropolitische Analyse
238
10 Mikropolitik – Umgang mit Macht in Organisationen
Akteursperspektive
• Wie nimmt sich der einzelne Akteur wahr?
• Wie ist sein Verhältnis zu den übrigen Beteiligten? Ist er z. B. ein Anführer der Bewe-
gung, ein Mitläufer oder ein Außenseiter?
• Welche Machtressourcen hat der Akteur? Kann er Macht aufgrund seiner Position
ausüben, z. B. als Vorgesetzter (funktionale Macht) oder ist er eine Schlüsselperson,
also ein Mensch, auf den die Kollegen hören (soziale Macht)? Auf welche Legitimati-
onsmuster beruft sich der Akteur, z. B. auf Regeln, Gesetze oder auf die Zustimmung
von Mehrheiten im Unternehmen?
Tab. 10.2 Akteure und ihre Handlungspotenziale nach dem Konzept der Mikropolitik. (nach
Neuberger 1995, S. 22)
Merkmal
Leitfragen und Erläuterung
Akteursperspektive, Handlungsorientierung Wer tut was (nicht)? Wer sind die konkret handeln-
den Akteure? Rekonstruktion von Handlungskon-
stellationen; Herausarbeitung von „Wenn-dann-“
oder „Um-zu-“ Konstellationen
Interessen
Warum oder wozu handelt jemand? Unterscheidung
von subjektiven und objektiven Interessen; Heraus-
arbeitung verschiedener Handlungslogiken
Intersubjektivität
Welche interpersonalen Beziehungen existieren?
Wie sind die Akteure vernetzt? Welche Handlungs-
konstellation ergibt sich daraus?
Macht
Wie wird das Geschehen beherrscht oder kontrol-
liert? Herausarbeitung der Asymmetrie der Durch-
setzungschancen der Akteure; Hinterfragen von
Macht als Entscheidung, als Nicht-Entscheidung,
als Struktur- und Bewusstseinskontrolle
Dialektik der Interdependenz
Wie wird wechselseitige Abhängigkeit bewältigt?
Herausarbeiten der Herr-Knecht-Dialektik in den
Handlungskonstellationen
Legitimation
Wie werden Handlungen oder Verhältnisse gerecht-
fertigt? Herausarbeiten des gesellschaftlichen
Bezugssystems, an dem die jeweiligen Ziele und
Handlungen orientiert sind
Zeitlichkeit
Wie wird mit Instabilität, Wandel und Chancen
umgegangen? Identifizieren von Erwartungsbrü-
chen, Zeitbindung und Asynchronizität
Ambiguität
Welche Mehrdeutigkeiten, Widersprüche und
Intranzparenzen erlauben interessengeleites Han-
deln? Wo und wie wird Ambiguität genutzt oder
erzeugt, um Interessen durchzusetzen?
239
• Warum unternimmt oder unterlässt der Akteur Handlungen (Unbestimmtheit schafft
Macht gegenüber anderen)?
• Welche Erwartungen haben die Akteure aneinander?
• Welche Taktiken und Strategien des Akteurs lassen sich identifizieren?
• Wie bewertet der Akteur die Handlungen der übrigen Beteiligten bezogen auf das
Prozessgeschehen und welche Folgen hat das für das eigene Handeln des Akteurs?
Zu beachten ist:
• Akteure handeln in Strukturen, die sie durch ihr Handeln reproduzieren oder verän-
dern.
• Auch abwesende Akteure spielen eine Rolle.
• Auch latente Handlungen spielen eine Rolle (was sehen wir nicht?).
• Auch Erwartungen, Regeln, Vermutungen spielen eine Rolle.
• Handlungen werden interpretiert (wer beobachtet was?).
Interessen
• Gründe des Handelns: Warum handelt jemand?
• Ziele des Handelns: Wozu handelt jemand?
• Welche persönlichen Belange fördert der Akteur durch sein Handeln?
• Subjektive Interessen: Welches sind die subjektiven Interessen des Akteurs (diejeni-
gen Interessen, die die unmittelbaren Bedürfnisse des Akteurs ausdrücken)?
• Objektive Interessen: Welches sind die objektiven Interessen des Akteurs (diejenigen
Interessen, die der Akteur eigentlich haben müsste, damit es ihm langfristig gut geht?
• Wie sind Strategie und Taktik des Akteurs beschaffen, um seine Interessen durchzu-
setzen?
Intersubjektivität
• Welche anderen Subjekte sind in welcher Konstellation an den Handlungen des
Akteurs beteiligt, also, in welchen Verhältnissen und Beziehungen findet Handeln
statt?
• Welche Netzwerke, Koalitionen und Bündnisse steigern die Erfolgsträchtigkeit von
Aktionen des Akteurs? Wer steckt mit wem „unter einer Decke“, wer hat bei wem
„Schulden“ zu begleichen, welche „Seilschaften“ bestehen?
• Welche Konkurrenzen und Feindschaften bestehen?
Macht
Hier geht es um „Bewegungsbewirkung oder -verhinderung“: den Gang der Dinge
(nicht) ändern, andere dazu bringen, fremden Willen (nicht) auszuführen.
10.3 Mikropolitische Analyse
240
10 Mikropolitik – Umgang mit Macht in Organisationen
Macht wird hier also verstanden als Austauschbeziehung zwischen den Akteuren,
deren strukturelle Bedingungen dazu führen, dass die Austauschverhältnisse einen der
Akteure gegenüber den anderen begünstigen.
Machtbeziehungen sind manchmal nur schwer zu entdecken, weil sie sich außerhalb
der offiziellen hierarchischen Strukturen abspielen. Im Wesentlichen kann man aber vier
Unsicherheitszonen als Quelle von Machtbeziehungen beobachten:
1. den für das zufriedenstellende Funktionieren einer Organisation erforderlichen Sach-
verstand relevanter Experten,
2. die für eine Bewältigung der Beziehungen zur Umwelt erforderlichen Kenntnisse und
Fähigkeiten an entsprechenden Kontaktstellen zwischen Organisation und Umwelt,
3. das Verhalten der Akteure an wichtigen Knotenpunkten der Interaktion und Kommuni-
kation zwischen organisatorischen Einheiten,
4. Vorschriften und Verfahren, die ursprünglich geschaffen wurden, um das Verhalten
von Organisationsmitgliedern vorhersehbar zu machen.
Zu beachten ist, dass sich mit dem Begriff „Macht“ noch weitere Begriffe verbinden, die
sorgfältig abzugrenzen sind: Gewalt, Einfluss, Manipulation und Herrschaft.
Wenn Macht in Form von Entscheidung zutage tritt, dann ist sie sichtbar und kann
bekämpft werden. Wenn Macht als Nichtentscheidung realisiert wird, ist sie nach außen
nicht sichtbar.
Macht kann auch durch „falsches Bewusstsein“ ausgeübt werden: Was geschieht, gilt
als normal und ist scheinbar im eigenen Interesse (z. B. Ausgrenzung von Minderheiten
im totalitären Staat).
Wenn Macht „mental programmiert“ wird, gilt sie als strukturelle Gewalt (z. B. die
„Schere im Kopf“ gegenüber totalitären Führern).
Dialektik der Interdependenz
Herr-Knecht-Dialektik: Mächtiger und Unterlegener brauchen sich gegenseitig und
bedingen einander: Nur wenn es einen Knecht gibt, kann ich Herr sein. Daraus folgt:
Gegner werden nicht vernichtet, sondern genutzt (!)
Paradoxon der Anerkennung: Man will als eigenständiges Wesen anerkannt werden und
macht sich damit abhängig von der Anerkennung Anderer (Abschn. 6.2.3).
Dialektik der Kontrolle: Wenn ich den Anderen völlig kontrolliere, dann existiert der
Andere nicht mehr als eigenständiges Wesen, welches kontrolliert werden kann/muss.
Wenn mich der andere völlig kontrolliert, existiere ich nicht mehr als eigenständiges
Wesen und werde für den Kontrolleur unbedeutend.
Wahre Unabhängigkeit bedeutet also, die notwendige Spannung zwischen Autono-
mie und Eingebundenheit auszuhalten (Abschn. 1.3.4). Wenn diese Spannung zusam-
menbricht, folgt daraus Herrschaft. Ich legitimiere dann durch meine Unterwerfung die
Machtausübung über mich (Herrschaft = legitimierte Machtausübung).
241
Weil Beziehungen immer Machtbeziehungen sind, und weil Machtbeziehungen
immer gespannt sind, gibt es Konflikte. Nur wenn es Konflikte gibt, gibt es Wandel.
Legitimation
Legitimation ist nur dann erforderlich, wenn es Handlungs-Alternativen gibt. Eine voll-
ständig determinierte Handlung müsste nicht legitimiert werden, weil „es ja nicht anders
geht“. Alternativlosigkeit ist eine der oft bemühten Killerphrasen, in der manipulativen
Gesprächsführung (Abschn. 8.5.4.5).
Legitimation entsteht bereits durch Duldung. Hier besteht eine klare Verbindung zum
Prinzip Selbstverantwortung (Abschn. 7.2): Wenn ich eine unangenehme Situation mit
einem Kollegen oder Vorgesetzten habe, und in dieser Situation verbleibe ohne sie zu
ändern oder zu konfrontieren, so legitimiere ich durch mein Dulden das Verhalten mei-
nes Gegenübers. Damit übt mein Gegenüber legitimierte Macht über mich aus. Ich
befinde mich in einem Herrschaftsverhältnis.
Das Gleiche gilt auch für strukturelle Macht: Wenn ich in einem Unternehmen ver-
bleibe, in welchem ich mit der Unternehmensphilosophie nicht einverstanden bin und
mich durch Vorschriften unterdrückt fühle, so legitimiere ich mit meinem Verbleib die
von mir als unangenehm empfundenen Unternehmensstrukturen.
Zeitlichkeit
Alles fließt, nichts wiederholt sich identisch. Deshalb gibt es keine Patentrezepte für
erfolgreiches Handeln.
Repeat Business: Wenn man mit einem Partner nur einmal zu tun hätte, dann könnte man
ihn ausnutzen, „übers Ohr hauen“. Wenn es aber ‚repeat business‘ gibt, man also ständig
mit denselben Akteuren zu tun hat, ist es auch ökonomisch lohnend, den anderen nicht
„über den Tisch zu ziehen“, die Transaktionskosten werden dann zu hoch. Sich an Spiel-
regeln halten, ist deshalb ökonomisch sinnvoll!
Normen und Vorschriften in einem Unternehmen bilden nur denjenigen Zustand ab,
der zum Zeitpunkt ihrer Erstellung herrschen sollte. Deshalb sind Normen und Vorschrif-
ten immer veraltet und darum im Widerspruch zur Realität. Deshalb ist „Dienst nach
Vorschrift“ oft Blockade notwendiger Veränderungen!
Ambiguität
Macht ist mit der Fähigkeit verbunden, das eigene Verhalten in möglichst vielen Berei-
chen unvorhersehbar zu halten. Das nennt man Ambiguität. Man muss immer Entschei-
dungen unter Ungewissheit treffen. „Rationales Entscheiden“ ist deshalb eine Fiktion.
Die Ungewissheit wird durch bewusst unvorhersehbares Verhalten noch verstärkt.
Wer herrschen will, muss versuchen, die eigene Ambiguität zu steigern und die Ambiguität
im Handeln der Anderen zu reduzieren. Das heißt, das Verhalten der Anderen muss möglichst
10.3 Mikropolitische Analyse
242
10 Mikropolitik – Umgang mit Macht in Organisationen
vorhersagbar gemacht werden. Mittel der Differenzierung und damit der Vorhersagbarkeit
sind z. B. eine gemeinsame Kultur, Uniformen, Statussymbole, Umgangsformen usw.
Den Erfolg schmälert aber die „Dialektik der Kontrolle“! (siehe Dialektik der Inter-
dependenz). Das Dilemma ist, dass Ambiguität auch bei den Anderen herrschen muss,
sonst verschwindet der Andere als eigenständiges Wesen, und es gibt niemanden zu
beherrschen. Mikropolitik ist durch Mehrdeutigkeit und Instabilität gekennzeichnet. Sie
führt diese aber auch selbst herbei.
Praxisbeispiel für den Einsatz der mikropolitischen Analyse
Im folgenden Praxisbeispiel wird das Herangehen an eine mikropolitische Analyse in
Ansätzen demonstriert. Es handelt sich dabei um die Untersuchung von Programm-
und Strukturreformen im Rundfunk, die von Andrea Berger-Klein im Jahr 2002 durch-
geführt wurde. In dem Beispiel werden als erster Schritt der mikropolitischen Analyse
die Merkmale der Akteure „Redakteur“ und „Personalrat“ dargestellt. Sie wurden
durch qualitative Interviews bei Mitarbeitern der NDR 2 Hamburgwelle erhoben
(Darstellung nach Berger-Klein 2002, S. 67 ff.):
Akteur: Redakteur
1. Handlungspotenziale: produziert bzw. gestaltet Programmbeiträge; diskutiert mit
anderen Redakteuren Inhalte/Veränderungen; Besitzstandswahrung…
2. Interessen: möchte bestimmte Inhalte durchsetzen; möchte seinen persönlichen
Interessen nachgehen können, Freiräume erhalten…
3. Intersubjektivität: spricht Dienstpläne mit anderen ab; nimmt an Redaktionskonfe-
renzen teil; gestaltet mit anderen das Programm…
4. Macht: stellt Freie ein; bestimmt in einem gewissen Rahmen, was gesendet wird;
nimmt Programmveränderungen vor (nach Diskussion); kann auch Teilnahme/
Information an/von bestimmten Konferenzen verweigern…
5. Dialektik der Interdependenz: formelle Hierarchie; Konferenzen; Dienstplangestal-
tung…
6. Legitimation: Wettbewerbsfähigkeit auf dem Rundfunkmarkt; Modernisierung des
Programms; höhere Zuhörerbeteiligung…
7. Zeitlichkeit: „Zeiten ändern sich“; Begrenztheit von Utopien; Zerbrechen von
Freundschaften…
8. Ambiguität: Mehrdeutigkeit von Verbesserung des Programms; könnte Opfer von
Rationalisierungsmaßnahmen werden.
Akteur: Personalrat
1. Handlungspotenziale: vertritt die Interessen der Beschäftigten gegenüber Lan-
desfunkhausdirektor; ist bemüht, seinen Einfluss auf die Einstellung von
Beschäftigten auszubauen; hat alle Handlungspotenziale, die ihm das Bundesper-
sonalvertretungsgesetz zubilligt…
243
2. Interessen: ist gesellschaftspolitisch engagiert; setzt sich für die persönlichen
Belange der MA ein; will seinen Einfluss gegenüber der Leitung vergrößern…
3. Intersubjektivität: Konflikte zwischen ihm und MA; zwischen ihm und Direktor,
Chefredakteur wg. Einstellungsfragen; wg. Strukturveränderungen; wg. Umgang
mit MA…
4. Macht: Mitbestimmung, Arbeitnehmervertreter; objektiv weitreichende Entschei-
dungsbefugnis…
5. Dialektik der Interdependenz: festgelegtes Verfahren des Mitarbeitervertretungs-
rechts; bei Personalentscheidungen Einflussnahme durch Druck auf Leitende; bzw.
beteiligte MA, bzw. Druck durch Verweigerung, Verschleppung von Entscheidun-
gen…
6. Legitimation: gewählte Mitarbeitervertreter; Verbesserung der Mitarbeiterstruktur;
Vermeidung von Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen für MA; Vermeidung
z. B. von Rationalisierungsmaßnahmen; Modernisierung zwecks Erhalt der Institu-
tion in der jetzigen Form…
7. Zeitlichkeit: vereinbarte Regeln (als Zeitbindung); zeitbestimmte Tätigkeiten als
Disziplinierungsmethode bzw. rundfunktechnisch vorgegeben; Zeit-Management,
Perfektionierung der zeitlichen Abstimmungen (Synchronisation); Verzögerungen,
Auszeit nehmen…
8. Ambiguität: Die Art des Problems ist fraglich: sind Programmreformen/ist Rati-
onalisierung von Vorteil? Für die vorliegenden Daten entwickeln die Beteiligten
widerstreitende Informationen: unterschiedliche Wertorientierungen; Ziele der
anstehenden Reform sind unklar oder vielfältig und konflikthart; ungenaue Rol-
len, unklare Verantwortlichkeiten; Verwendung von Symbolen statt exakter Defi-
nitionen oder logischer Argumente, um Standpunkte zu vertreten; die Teilnahme
am Entscheidungsprozess variiert: die bestimmenden Entscheidungsträger und
Einflussnehmer wechseln, je nachdem, welche Personen die Entscheidungsarena
betreten oder verlassen.
Auf der Basis der erhobenen Informationen über diese und weitere Akteure konnten
in den folgenden Untersuchungsschritten der Studie Handlungspotenziale herausgear-
beitet und mikropolitische Entscheidungsprozesse nachvollzogen werden.
10.4
Mikropolitische Spiele
Um die Existenz der Organisation zu sichern, können die Akteure nicht rücksichtslos
und egoistisch nur ihre eigenen Strategien verfolgen. Der Integrationsmechanismus, der
den Zerfall verhindert, ist das „Spiel“.
Die Spiele-Metapher betont, dass alle Beteiligten ihre Eigeninteressen verfolgen (und
„gewinnen“ möchten). Sie haben jedoch andererseits auch ein Interesse daran, dass sie
weiterspielen können, d. h. dass der Rahmen erhalten bleibt, der ihnen die Möglichkeit
zur Interessenverwirklichung gibt.
10.4 Mikropolitische Spiele
244
10 Mikropolitik – Umgang mit Macht in Organisationen
Oberstes Ziel ist, dass weitergespielt werden kann; wichtigstes Nebenziel ist, dass dies unter
möglichst günstigen Bedingungen (Gewinnaussichten) für einen selbst geschieht. Normen
und Wertsysteme gehen dem Spiel nicht mehr voraus, sondern entstehen im und nach dem
Spiel. Spiele integrieren Freiheit und Zwang. Weil alle voneinander abhängig sind und auf-
einander Macht ausüben, sind sie miteinander vernetzt. Sie können ihre Ziele nur erreichen,
wenn sie die Zielerreichung der anderen nicht (zumindest nicht völlig) unterbinden (Neu-
berger 1995, S. 210 f.).
Wichtig ist, dass die Regeln das Handeln der anderen zu einem gewissen Maße bere-
chenbar und das eigene Handeln planbar machen. Nur so ist die zeitliche, sachliche und
soziale Generalisierung möglich, welche ein Merkmal organisationaler Interaktion ist.
Es wird hier von einem Spielbegriff ausgegangen, der an Wettkampfspiele oder
Gesellschaftsspiele erinnert. Dabei sind keine Zeitvertreibsspiele gemeint. Für Spiele
in Organisationen gelten ganz bestimmte Merkmale, die für mikropolitische Analysen
genutzt werden können (vgl. Neuberger 1995, S. 192 ff.).
• Regeln, die das konkrete Spiel charakterisieren, z. B. Fairness, Ernsthaftigkeit, und
die auch festlegen, wie Regelverletzungen gehandhabt werden (Mogeln, Tricksen,
Täuschen etc.).
• Spielsituation und Spielmaterial: Das Spiel hat eine konkrete Ausstattung.
• Spielzeit: Die zeitlichen Eckpunkte des Spiels werden vorab festgelegt oder von
bestimmten Ereignissen abhängig gemacht.
• Zulassungsbedingungen und Rollen: Wer darf unter welchen Bedingungen mitspie-
len?
• Spielziel: Ziele sind z. B.: als Erster fertig sein, viele Tore machen, die höchste Punkt-
zahl erzielen etc.
• Spielergebnis: z. B. Zertifikate, Urkunden, Medaillen, Geldpreise, Beifall.
• Spieltaktiken: Es muss eine bestimmte Mehrdeutigkeit gewährleistet sein; es darf
keine eindeutigen Handlungsroutinen geben.
Die genannten Merkmale gelten z. B. für Machtspiele, Karrierespiele, Budgetspiele. In
der Terminologie der Spieltheorie gibt es u. a.
• ungerechte (nicht-faire) Spiele, d. h. bestimmte Spieler sind schon von den Spielre-
geln her durch geringere Gewinnchancen benachteiligt;
• nicht symmetrische Spiele, d. h. ein Austausch der Spieler würde das Spiel verändern;
• unbestimmte Spiele, die mehrere Lösungen zulassen;
• Spiele mit sehr geringer Information;
• Spiele mit sowohl kontextabhängigen als auch persönlichen Zügen der Spieler;
• Spiele, in denen Täuschen oder Bluffen (Zurückhaltung, Filterung oder Verzerrung
von Informationen) konstituierend sind.
245
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© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018
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Zusammenfassung
Welche Kräfte treiben den Unternehmenswandel tatsächlich an? Geschieht Wandel
nicht ohnehin schon permanent z. B. durch Strukturation und interne Interessenaus-
einandersetzungen? Gewollter Wandel kann durch geschickte Ausnutzung von Struk-
turationskräften nachhaltig im Unternehmen verankert werden, wie Beispiele aus der
Unternehmenspraxis zeigen. Wie werden Veränderungsprozesse am besten gemanagt?
Welche Methoden und Instrumente sollten angewandt werden? Das hängt natürlich
vom Gegenstand des Veränderungsprojekts ab. Notwendig ist ein sorgfältig entwor-
fenes flexibles und praxisnahes Vorgehensmodell. Changemanagement kann nur
nachhaltige Veränderungen schaffen, wenn Wandlungsbedarf, Wandlungsfähigkeit
und Wandlungsbereitschaft im Unternehmen gewährleistet sind. Opponenten müs-
sen eingebunden, nicht ausgegrenzt werden, denn sie können auf Planungsfehler auf-
merksam machen. Die Mitarbeiter werden in der Regel kaum an Wandlungsprojekten
beteiligt. Gerade sie könnten aber die benötigten Erfahrungen, das Wissen und die
Kompetenzen einbringen. Sie haben ihre eigenen Erwartungen und Bedürfnisse an
den Wandel, die es weitgehend zu integrieren gilt.
11.1
Antriebskräfte des Wandels in Unternehmen
In der Natur können wir beobachten, dass permanenter Wandel das Kennzeichen alles
Lebendigen ist. Auch soziale Systeme sind in einem ständigen Wandel begriffen. Chan-
gemanagement ist unter dieser Voraussetzung lediglich ein Versuch, erwünschte Verände-
rungen systematisch zu forcieren, in bestimmte Richtungen zu lenken und unerwünschte
Veränderungen zu behindern. Dabei ist es eine Frage von Durchsetzungsmacht – und
nicht zwingend von Weisheit – in welche Richtung mit welchen Folgen Unternehmens-
strukturen und -prozesse verändert werden.
Changemanagement und Führen von
Veränderungen
11
248
11 Changemanagement und Führen von Veränderungen
Mit den folgenden Ausführungen zum Changemanagement soll der umfangreichen
Beraterliteratur nicht noch einen weiteren Beitrag zum Thema „Changemanagement
leicht gemacht“ hinzugefügt werden. Zunächst werden stattdessen die Antriebskräfte
und die Mechanismen des Wandels in Unternehmen im Mittelpunkt stehen. Erst wenn
Klarheit über das „warum“ und „wozu“ von Veränderungsprozessen hergestellt ist, kom-
men wir zu den Strategien, Methoden und Werkzeugen, die für das Management des
Wandels nützlich sein können.
Unternehmen wandeln sich ständig – bereits ohne explizites Changemanagement –
durch folgende Einflüsse:
• Wandel durch Strukturation.
• Wandel durch Mikropolitik,
• Wandel durch Veränderung der äußeren Rahmenbedingungen.
Lediglich der dritte Faktor – veränderte äußere Rahmenbedingungen – wird im Unter-
nehmen in der Regel als Ursache für Wandlungsdruck registriert. Wandel durch Struktu-
ration und Wandel durch Mikropolitik verlaufen „untergründig“ und werden nur in ihren
Resultaten – Motivationsniveau, Leistungsbereitschaft, Verbundenheit mit dem Unter-
nehmen usw. – sichtbar.
11.1.1 Wandel durch Strukturation
Tief im „Untergrund“ von Unternehmen und verwoben mit Mikropolitik verlaufen Struk-
turationsprozesse. Durch sie werden bestimmte Handlungen vorstrukturiert. Damit wird
die eine Handlungsalternative erleichtert und die andere erschwert. Wie Veränderungs-
prozesse von den Mitarbeitern im Unternehmen wahrgenommen werden, wird durch die
Art und Weise der Erfahrungen vorstrukturiert, die sie mit Veränderungen bisher gemacht
haben. Die Mittel zur Durchsetzung von Veränderungen werden von ihnen danach beur-
teilt, welche Legitimation diese Mittel im Unternehmen haben. In dem einen Unter-
nehmen kann es üblich sein, dass der Ansage der Unternehmensleitung unbedingt und
unhinterfragt Folge geleistet wird, während in einem anderen Unternehmen die Beteili-
gung der Beschäftigten an unternehmerischen Entscheidungen an der Tagesordnung ist.
Handlungsschemata zu verändern ist deswegen so schwer, weil sie durch die Strukturen,
in denen sie stattfinden, vorgeprägt sind. Umgekehrt stärkt jede konforme Handlung die
prägende Struktur. Diesen wechselseitigen Prozess nennt man nach dem englischen Sozi-
alwissenschaftler Anthony Giddens „Strukturation“ (vgl. Giddens 1984, 1995).
Jede Interaktion zum jetzigen Zeitpunkt – so auch in einem Veränderungsprojekt im
Unternehmen – hat ihre Geschichte. In dieser Geschichte stehen Struktur und Handeln in
ständiger Wechselwirkung (vgl. Giddens 1984): Handeln geschieht in bestimmten Struk-
turen vor dem Hintergrund individueller Biografien der Akteure. Im Handeln werden
Strukturen reproduziert, die wiederum eine bestimmte Weise von Handeln begünstigen
249
und andere Handlungsmöglichkeiten behindern. Dadurch entstehen bestimmte Hand-
lungspfade, die immer ausgeprägter werden, je öfter und je länger sie beschritten wer-
den.
Strukturation im Unternehmen Wenn Strukturen und Prozesse in einem
Unternehmen verändert werden sollen, muss die Strukturation beachtet
werden, die in den Jahren zuvor abgelaufen ist. Wenn z. B. ein Unternehmen
lange Zeit autokratisch geführt wird, so haben sich dadurch Strukturen und
„Handlungspfade“ gebildet, die der autokratischen Führung entsprechen.
Die Menschen haben sich darauf eingestellt und handeln entsprechend.
Damit bestätigen und stärken sie wiederum die autokratische Struktur. Wenn
in einem solchen Unternehmen nun von heute auf morgen demokratische,
partizipative Führungsmethoden eingeführt werden sollen, kann man sich
zunächst des Widerstands vieler Mitarbeiter über alle Hierarchien hinweg
sicher sein, da sie von ihren eingeschliffenen Handlungspfaden abgebracht
und verunsichert werden und weil Strukturen, die zuvor Orientierung gebo-
ten haben, zerstört werden. Aber auch in diesem Fall werden sich – wenn das
Unternehmen einen solchen radikalen Wandlungsprozess überlebt – irgend-
wann wieder neue Strukturen und neue Handlungspfade aneinander ange-
passt haben.
Strukturation nach Giddens
Zugrunde gelegt wird das folgende Modell der Strukturation nach Anthony Giddens
(Abb. 11.1).
Die drei Dimensionen von Struktur – Signifikation, Herrschaft, Legitimation – stehen
über die Modalitäten – interpretative Schemata, Machtmittel, Normen – mit der Hand-
lungsebene, die durch Kommunikation, Macht und Sanktion gekennzeichnet ist, in enger
Wechselwirkung.
11.1 Antriebskräfte des Wandels in Unternehmen
Signifikation
Sanktion
Macht
Kommunikation
interpretative
Schemata
Machtmittel
Normen
Legitimation
Herrschaft
Struktur
Modalität
Handlung
Abb. 11.1 Modell der Strukturation. (Nach Giddens 1995, S. 81)
250
11 Changemanagement und Führen von Veränderungen
• „Signifikation stellt die kognitive Ordnung dar, in der soziales Handeln stattfindet.
Damit sind die Deutungsmuster gemeint, mit denen das Individuum Nachrichten
interpretiert und zu individuellen Informationen macht. Wenn diese Deutungsmuster
sozial integriert sind, dann entsteht eine den Organisationsmitgliedern gemeinsame
„Deutegemeinschaft“ (Neuberger 1995, S. 285 ff.), die auch Unternehmenskultur
genannt wird.
• Die Dimension Herrschaft bezeichnet die faktische Ordnung des sozialen Handelns.
Herrschaft ist legitimierte Macht und Macht wiederum ist eine soziale Beziehung mit
der in die soziale Welt verändernd eingegriffen werden kann. Macht hat allokative
und autoritative Quellen. Diese sind hier als Machtmittel bezeichnet. Sie vermitteln
die Handlungsdimension Macht mit der Strukturdimension Herrschaft.
• Durch Legitimation wird die normative Ordnung sozialen Handelns sichergestellt.
Modalitäten sind kodifizierte sowie informell gültige Normen. Die Einhaltung von
Normen wird auf der Handlungsebene nach Giddens durch positive und negative
Sanktionen sichergestellt“ (Weltgen 2008, S. 102).
Wandel durch Strukturation ist ein langfristiger, nachhaltiger Prozess, der quasi unabhän-
gig von den proklamierten Zielen und Werten eines Unternehmens verläuft. Die Mecha-
nismen der Strukturation können für ein nachhaltig angelegtes Changemanagement als
machtvolles Instrument genutzt werden, wie das nachfolgende Beispiel zeigt:
Beispiel für den Unternehmenswandel durch Strukturation
Das folgende Beispiel zeigt anschaulich, wie sich die hierarchisch geführten Beschäf-
tigten eines mittelständischen Chemieunternehmens durch einen mehrjährigen
Strukturationsprozess zu hoch motivierten, nachhaltig engagierten Mitarbeitern ent-
wickelt haben. Aus diesem komplexen Prozess wird im Folgenden exemplarisch ein
Ausschnitt des Verlaufs nach der Strukturationsmethode (Abb. 11.1) dargestellt.
Gegenstand des Veränderungsprozesses waren unternehmensweite Schulungen zur
anstehenden Einführung von Total Quality Management (TQM). Die Gestaltung der
Wechselwirkung von Handlung und Struktur kann vermutlich auch erfolgreich auf
andere Reorganisationsprozesse angewandt werden (Darstellung nach Weltgen 2008):
Handlung: TQM-Schulungen
Da im Unternehmen kaum klare Vorstellungen über den TQM-Prozess herrsch-
ten, wurden auf allen Hierarchieebenen intensive Schulungen hierzu durchgeführt.
Zunächst wurden die Mitglieder des Managementteams geschult und dabei gleich-
zeitig die weiteren Schritte der TQM-Einführung festgelegt. Ziel war es, auf der
Leitungsebene ein breites Verständnis und ein Commitment für den TQM-Prozess
zu etablieren und die Mitglieder der Geschäftsleitung dazu zu befähigen, als Vor-
bild im TQM-Prozess zu agieren. Nach dieser Schulung der Mitglieder des Manage-
mentteams wurden dann alle Mitarbeiter in mehreren Veranstaltungen über die
wesentlichen Inhalte des TQM-Prozesses und die weitere Vorgehensweise bei der
251
TQM-Einführung informiert. Die Veranstaltungen wurden vom neuen Hauptge-
schäftsführer eingeleitet. Im Verlauf eines halben Jahres wurden dann intensive Mit-
arbeiterschulungen durchgeführt. Alle Mitarbeiter, einschließlich des kompletten
Außendienstes, mussten an diesen Schulungen teilnehmen.
Strukturation
a) Kommunikation/Signifikation vor der Handlung: Die Kommunikation zwischen
dem neuen Geschäftsführer – dieser war schon seit zwanzig Jahren im Unterneh-
men und ein Jahr zuvor Geschäftsführer geworden – und den Beschäftigten war
von Anfang an von Vertrauen geprägt. Die Mitarbeiter waren es unter dem vorigen
Geschäftsführer gewohnt, dessen Deutungsmuster ohne nachzufragen zu überneh-
men. Diese Grundhaltung blieb auch beim neuen Geschäftsführer erhalten. Nun
wurden auch dessen Ziele und Vorstellungen, zur Einführung von TQM von den
Beschäftigten zunächst unhinterfragt übernommen.
b) Neue Kommunikations- und Signifikationspotenziale durch die Handlung:
Zunächst erfolgte eine TQM-Schulung für das Managementteam. Diese diente
dazu, die interpretativen Schemata des Geschäftsführers und des neuen TQM-
Beauftragten auf einer breiteren Führungsebene zu etablieren. TQM sollte von
den Mitgliedern des Managementteams gleichartig verstanden und interpretiert
werden. Die Mitglieder des Managementteams wurden intensiv an der Ausge-
staltung der TQM-Strategie beteiligt. Sie mussten eigene Aufgaben übernehmen,
fähig und willens sein, das TQM-Konzept gegenüber den Beschäftigten zu ver-
treten und sich beispielhaft gemäß den neuen vom Geschäftsführer gewünschten
Deutungsmustern verhalten. Ganz bewusst wurden die Managementschulungen so
auch zu einer Veranstaltung, in der das Commitment und das echte Engagement
der Mitglieder des Managementteams für die neue TQM-Strategie sichtbar wer-
den sollten. Mit den darauf folgenden TQM-Informationsveranstaltungen und den
Schulungen für die Mitarbeiter wurden dann erstmalig explizite Deutungsmuster
des Managementteams und insbesondere des Geschäftsführers veröffentlicht. Hier
konnten die Mitarbeiter sich über die Sichtweisen der Leitungsspitze informieren
und aufgrund dieser Informationen nun selbst entscheiden, wie sie die neue Stra-
tegie einordnen wollten. Dabei musste es zwangsläufig auch zu Ent-Täuschungen
kommen. Viele Mitarbeiter hatten in die Leitungsspitze etwas hineininterpretiert,
was nun nicht eingelöst wurde. In diesem Zusammenhang war es von besonderer
Bedeutung, dass der Geschäftsführer in den Veranstaltungen selbst Rede und Ant-
wort stand. Er blieb dadurch die Führungspersönlichkeit „zum Anfassen“. Die ihm
von den Beschäftigten zugebilligte Integrität wurde so auf die Informations- und
Schulungsveranstaltungen übertragen.
c) Macht/Herrschaft vor der Handlung: Bis zum Beginn der TQM-Schulungen
hatten die Mitarbeiter kaum Vorstellungen darüber, dass sie aktiv in die Geschi-
cke des Unternehmens eingreifen könnten. Die neue Unternehmensspitze hatte ihr
11.1 Antriebskräfte des Wandels in Unternehmen
252
11 Changemanagement und Führen von Veränderungen
Vertrauen und hätte nun die von der alten Geschäftsführung gewohnten Pfade auto-
ritativer Herrschaft gehen können.
d) Potenziale der Veränderung von Macht/Herrschaft durch die Handlung: Durch
die TQM-Schulungen und die aktive Beteiligung der Mitglieder des Manage-
mentteams an der Ausgestaltung der TQM-Strategie übertrug der Geschäftsführer
einen Teil seiner Machtressourcen auf diese Führungskräfte. Dies ging allerdings
nur dann bruchlos vonstatten, wenn die Führungskräfte zeigten, dass sie vollkom-
men hinter der TQM-Strategie standen und eine aktive Rolle bei deren Umsetzung
übernahmen. Dies konnte der Geschäftsführer mit seinen bis dahin ungeteilten
Machtressourcen ohne weiteres durchsetzen. Wenn Macht geteilt werden sollte, so
nur mit denjenigen, die die TQM-Strategie vorbehaltlos unterstützten. Führungs-
kräfte, die die neue Firmenphilosophie nicht engagiert vertraten, wurden ausge-
tauscht. Die TQM-konformen Mitglieder des Managementteams wurden dann
sehr intensiv in die Umsetzungsschritte eingebunden und hatten sofort für deren
Erfolg die Verantwortung zu tragen. Mit den TQM-Informationsveranstaltungen
und -Schulungen für die Beschäftigten wurde diesen nun bewusst, dass sie selbst
gefordert waren, selbst aktiv an der Gestaltung des Unternehmens mitzuwirken.
Die neue Führung zeigte, dass sie offenbar bereit war, einen Teil ihrer autoritati-
ven Ressourcen an die Mitarbeiter abzugeben. Der Preis war allerdings, die Ver-
antwortung für die getroffenen Entscheidungen zu übernehmen und ggf. auch
eigene Interessen hinter die des Unternehmens zu stellen. Die Leitungsspitze
hatte die Hoffnung, mit einer solchen Strategie die „Dialektik der Kontrolle“ zu
durchbrechen: Je mehr Verantwortung ein Mitarbeiter für die eigenen Handlungen
übernimmt, desto weniger muss er bei deren Durchführung kontrolliert werden. Je
weniger ein Mitarbeiter kontrolliert wird, desto weniger Energie muss er aufwen-
den, um die Kontrollen zu umgehen (Reaktanz Abschn. 6.1.6.3) und desto mehr
Energie wird er für die Erfüllung seiner Aufgaben einsetzen können.
e) Sanktion/Legitimation vor der Handlung: Die neue Unternehmensspitze hatte
vor dem Hintergrund des Vertrauens, das ihr entgegengebracht wurde, die volle
Legitimation zum Entscheiden und Handeln. Neue Normen konnten uneinge-
schränkt gebildet und etabliert werden.
f) Potenziale des Normenwechsels und des Normenwandels durch die Handlung:
Der Informations- und Schulungsprozess war ein erster wichtiger Schritt bei der
Bildung neuer Verhaltensnormen. So sollte es z. B. künftig nicht mehr darum
gehen, den Schuldigen für einen begangenen Fehler zu ermitteln und zu bestra-
fen. Vielmehr stand von nun an im Mittelpunkt, aus begangenen Fehlern zu ler-
nen. Dazu war es aber nötig, dass sich die Verursacher zu den begangenen Fehlern
bekannten. Dies wiederum war nur in einer Atmosphäre zu erreichen, in der Fehler
nicht negativ sanktioniert wurden (Fehlerkultur Abschn. 7.4.1.4). Durch die Ver-
mittlung der TQM-Grundsätze und -Werte konnten die Mitarbeiter schon jetzt in
etwa erkennen, welche Normen künftig im Unternehmen Geltung haben sollten
und welche diskreditiert waren. Es herrschte also eine Stimmung des Normenwech-
sels im Unternehmen.
253
g) Angespornt durch die Integrität des Managements wurde damit nun bei vielen
Mitarbeitern ein allmählicher persönlicher Normenwandel eingeleitet, der weitere
strukturierende Handlungen erlaubte.
Handlung: Kontinuierlicher Verbesserungsprozess
So wurde z. B. ein erfolgreicher „Kontinuierlicher Verbesserungsprozess“ etabliert,
der Mitarbeiter ermächtigte, in ihrem Umfeld während der Arbeitszeit eigenständig
Verbesserungsprojekte aufzusetzen. Eine Vergütung erfolgte nicht, dennoch – oder
gerade deswegen – entstanden im Verlauf der darauffolgenden Jahre viele innovative
Verbesserungsprojekte, die das Unternehmen zu einem erfolgreichen Marktführer
machten und die Produktpalette erheblich erweiterten.
Weiter im Wechselspiel von Strukturation und Handlung…
Angestoßen durch die TQM-Schulungen und den kontinuierlichen Verbesserungs-
prozess wurden die vorgegebenen Strukturen einer „TQM-Welt“ nun Schritt für
Schritt bei den Beschäftigten etabliert. Dies wurde an der geänderten Art und Weise
der Kommunikation deutlich und setzte sich in einem Normenwandel und einer all-
mählichen Machtverteilung von oben nach unten fort. Das Management stand den
Mitarbeitern jederzeit zur Beantwortung von Fragen zur Verfügung. Um dies zu
gewährleisten, war wiederum die intensive Schulung des Geschäftsleitungsteams not-
wendig. Hier ging es darum, ein einheitliches Verständnis unter den Führungskräf-
ten zu erreichen und so eine Basis für die zukünftige Zusammenarbeit zu schaffen.
Ziel war es, dass jede Führungskraft ihre Mitarbeiter über den TQM-Prozess infor-
mieren und auch als Vorbild agieren konnte. Durch diese Vorgehensweise sollte der
TQM-Prozess nicht nur eine Aktivität einiger Mitglieder des Geschäftsleitungsteams
bleiben, sondern er sollte vom gesamten Leitungsteam gefördert und von den
Beschäftigen selbst getragen werden.
Merkposten zum Wandel durch Strukturation Aus dem Giddens’schen
Ansatz der Strukturation können folgende Merkposten für das Changema-
nagement in Unternehmen abgeleitet werden:
Giddens’ These von der reflexiven Steuerung und Rationalisierung des
Handelns: Motivation für den Wandel kann nur von Schritt zu Schritt erreicht
werden. Die Mitarbeiter können zwar die Ziele des Wandels erfassen und
meist auch nachvollziehen. Die wirkliche Motivation ihrer einzelnen Hand-
lungsschritte ziehen sie aber aus der subjektiven Interpretation der jeweiligen
Wandlungsziele.
Giddens’ These von der Kopräsenz: Nur, wenn die Ziele des Wandels gemein-
sam mit den Mitarbeitern gefunden und umgesetzt werden, berühren sie
deren subjektive Einzelziele und können damit zu Motivatoren ihres Handelns
werden. Durch den Erfolg dieses subjektiven Handelns können sich allmäh-
lich „Erinnerungsspuren“ und soziale Praktiken (Giddens) bei den Mitarbeitern
11.1 Antriebskräfte des Wandels in Unternehmen
254
11 Changemanagement und Führen von Veränderungen
entwickeln, welche wiederum ähnliche Handlungsmuster als erfolgreich, weil
bedürfnisbefriedigend, markieren. Durch die Möglichkeit also, die „großen
Ziele“ des Wandels in kleinen subjektiven Einzelzielen wiederzufinden, kön-
nen sich die Akteure als Verwirklicher ihrer ureigenen Interessen und gleich-
zeitig als Teil des „Großen und Ganzen“ erleben.
Giddens’ These von der sozialen Integration von Struktur: In Strukturati-
onsprozessen können sich strukturierendes Handeln und handlungsleitende
Struktur wechselseitig so weit optimieren, dass es äußerer Strukturierung
kaum noch bedarf. Aufgabe der Führung ist es dann auch, die vom Einzelnen
nicht zu überschauenden „verzweigten Folgen“ (Giddens) dieser fortschreiten-
den Strukturation zu beobachten und in die gewünschten Bahnen zu lenken.
Changemanagement ist also, wenn man die Wirkung der Strukturation beach-
tet, nicht dazu da, zum Wandel anzutreiben, sondern ihn zu initiieren und den
Verlauf zu beobachten und zu steuern, während die Triebkräfte von den sozia-
len Akteuren selbst ausgehen. Dies bedeutet auch, darauf zu achten, dass sich
die unbeabsichtigten Handlungsfolgen der Akteure nicht unmittelbar gegen
den angestoßenen Prozess richten und dass sie auch mittelbar die geschaffe-
nen Strukturen nicht so beeinflussen, dass ein Handeln begünstigt wird, wel-
ches dem beabsichtigten Wandlungsprozess zuwiderläuft.
So ist die heute existierende Unternehmensstruktur nicht etwa das Resul-
tat eines Plans oder Entwurfs, der von Anfang an vorhanden war und mit
Geschick und Glück umgesetzt worden ist. Vielmehr ist der anfängliche Plan
selbst immer wieder neu durch auftretende Umstände und Handlungen struk-
turiert worden.
Die Stärke des eines lebendigen Changeprozesses ist die, dass eben gerade
nicht immer am ursprünglichen Plan festgehalten wird, sondern dass man
zulässt, dass sich die Planungen „…beständig den Anstrengungen, sie unter
eine gewisse Führung zu bringen…“ (Giddens 1995) entziehen.
11.1.2 Wandel durch Mikropolitik
Der Wandel durch Mikropolitik wurde bereits in den vorangegangenen Kapiteln behan-
delt und anhand von Beispielen dargestellt (Kap. 10). Deshalb werden an dieser Stelle
lediglich einige Ergänzungen vorgenommen.
Untergründig läuft in jeder Organisation neben dem Wandel durch Strukturation
auch ein Wandel durch Mikropolitik ab. Er kommt dadurch zustande, dass die Akteure
im Unternehmen eigene Interessen haben und ständig – mehr oder weniger bewusst –
versuchen, die Verhältnisse im Unternehmen zu ihren Gunsten zu verändern. Dadurch
entstehen informelle Strukturen, die auch quer zu den Hierarchieebenen verlaufen kön-
nen. Es werden Allianzen geschlossen, die in Konkurrenz zu anderen Allianzen stehen.
255
Veränderungsprozesse werden von solchen „Seilschaften“ gefördert oder behindert, je
nachdem, ob sie der Durchsetzung der eigenen Ziele dienen.
Die mikropolitischen Wandlungsprozesse werden durch subjektive Interessenaus-
einandersetzungen angetrieben. Die Machtverhältnisse im Unternehmen werden dabei
kontinuierlich angegriffen, verändert oder umgestoßen. So kommt eine sehr komplexe
und eine teilweise in sich widersprüchliche auch zeitlich inkonsistente Gemengelage von
Einzelinteressen zustande.
Der jeweilige machtpolitische Status quo in einem Unternehmen stellt nur eine
zeitweilige Lösung dar. Das liegt daran, dass bei einer erreichten Machtkonstellation
zwangsläufig nicht die Ansprüche aller Systemmitglieder berücksichtigt werden können
und dass die proklamierten Ziele mehrdeutig und widersprüchlich sind. Das führt dazu,
dass unterlegene Akteure auf Ausgleich drängen und dass Ziele zugunsten partieller
Machtinteressen uminterpretiert werden. Die Systemmitglieder versuchen, ihre eigene
„Politik“ zu betreiben, um damit ihre persönlichen Ziele in dem und durch das Unter-
nehmen zu erreichen. Dies führt dazu, dass die Ziele und Strategien eines Unternehmens
ständig infrage gestellt und vielfach unterlaufen werden.
Die internen Machtverhältnisse sind somit einem kontinuierlichen Wandel unterwor-
fen. Dadurch wandeln sich von innen heraus Strukturen und Prozesse im Unternehmen.
Wie der „Urstrom“ des Wandels durch Strukturation läuft der Wandel durch Mikropolitik
zunächst untergründig und vielfach unbemerkt ab. Allerdings ereignen sich von Zeit zu
Zeit „Eruptionen“, die Brüche und Reibungsverluste zur Folge haben.
Strukturation und Mikropolitik wirken direkt auf die Kultur des Unternehmens und
prägen sie kaum bemerkt, allmählich und kontinuierlich.
11.1.3 Wandel durch Anpassung an veränderte externe
Rahmenbedingungen
Unternehmen agieren unter dem Einfluss sozialer, politischer, wirtschaftlicher und
rechtlicher Rahmenbedingungen. Diese Rahmenbedingungen prägen die Umwelt der
Unternehmen einschließlich der Märkte, an denen die Unternehmen teilnehmen. Viele
Unternehmen gestalten diese Rahmenbedingungen aber auch mit, z. B. durch Verbände
und Lobbyarbeit. Diese Unternehmen versuchen so, sich zeitweise günstige Vorausset-
zungen zu schaffen, während andere Unternehmen unter Umständen unter den veränder-
ten äußeren Bedingungen leiden (Abb. 11.2).
Veränderungsprojekte können z. B. Restrukturierungen sein, die oft mit der Einfüh-
rung von neuen Technologien verbunden sind. Sie können aber auch die Ausgliederung
von Unternehmensteilen oder den Zusammenschluss mit anderen Unternehmen zum Ziel
haben.
Diejenigen Unternehmen, die die externen Rahmenbedingungen aktiv gestalten, bzw.
diese ständig beobachten, werden ihre internen Veränderungen aktiv bzw. proaktiv vor-
nehmen. Diejenigen, die an der Gestaltung der externen Rahmenbedingungen nicht oder
11.1 Antriebskräfte des Wandels in Unternehmen
256
11 Changemanagement und Führen von Veränderungen
nur am Rande teilnehmen, bzw. die externen Rahmenbedingungen gar nicht beachten,
werden einen eher reaktiven, manchmal schmerzhaften Anpassungsprozess durchzuma-
chen haben.
11.2
Management von Veränderungsprozessen
11.2.1 Aufgabe von Changemanagement: Gestaltung der
Wandlungsprozesse im Unternehmen
Ein wirkungsvolles Changemanagement hat folgende Aufgaben wahrzunehmen (vgl.
Abb. 11.3):
• kontinuierliche Beobachtung und Mitgestaltung des permanenten Wandels durch
Strukturation und Mikropolitik,
• kontinuierliche Beobachtung und Mitgestaltung des permanenten Wandels der
Umweltbedingungen und
• begleitende Beobachtung und Mitgestaltung des durch Veränderungsprojekte ausge-
lösten Unternehmenswandels. Eine wichtige Funktion von Changemanagement ist
dabei die Analyse, Steuerung und Kontrolle der ungeplanten Folgen von Verände-
rungsprojekten.
Changemanagement umfasst also das Management der Gesamtheit der Wandlungspro-
zesse im Unternehmen.
Gestaltung
soziale
politische
rechtliche
wirtschaftliche
Externe Rahmenbedingungen
Unternehmen, die externe
Rahmenbedingungen
mitgestalten
Beobachtung
Unternehmen, die externe
Rahmenbedingungen
nur beobachten
Abb. 11.2 Wandel durch externe Rahmenbedingungen
257
11.2.2 Das Phänomen des Wandels – kaum gestellte Fragen
Bevor ein Changeprojekt aufgelegt wird, sollten folgende Fragen gestellt und diskutiert
werden:
Wandel warum Welche Umstände führen zu einem Wandlungsbedarf (Marktbedingun-
gen, gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen, interne Probleme etc.)? Gibt
es tatsächlich einen Wandlungsbedarf für das Unternehmen? Wer legt das nach welchen
Maßstäben fest?
Wandel wozu Welche Ziele sollen mit dem Wandel erreicht werden? Welche Strategien
werden verfolgt? Was genau soll im Unternehmen mit welcher Zielsetzung erreicht wer-
den? Wer legt die Ziele und Strategien zu wessen Nutzen fest? Auf welche Rahmenbe-
dingungen treffen die Wandlungsbestrebungen innerhalb des Unternehmens?
Welcher Wandel Welche Art des Wandels soll vollzogen werden? Geht es eher um den
Wandel von Strukturen oder um die Veränderung von Prozessen? Sollen kurzfristige
Maßnahmen ergriffen werden, oder sollen langfristige Entwicklungsprozesse angestoßen
Produktion
Strukturation
Beschaffung
Finanzen
Organisation
Personal
Strategie
Mikropolitik
Vertrieb
Marketing
Unternehmenskultur
Führung
beobachten
gestalten
permanenter Wandel
der externen
Rahmenbedingungen
Wandlungs-
bedarf
erkennen
Wandlungs-
bereitschaft
erzielen
Wandlungs-
fähigkeit
herstellen
Wandlungs-
prozesse
managen
Unternehmens-
wandel durch
Veränderungs-
projekte
permanenter
Wandel durch
Strukturation
und Mikropolitik
Change-
management
begleiten
gestalten
beobachten
gestalten
Externe Rahmenbedingungen
Moral
Natur
Ethik
Kapitalmärkte
Warenmärkte
Wissenschaft
Arbeitsmarkt
Medien
Bildung
Technologie
Kultur
Recht
Abb. 11.3 Aufgaben von Changemanagement
11.2 Management von Veränderungsprozessen
258
11 Changemanagement und Führen von Veränderungen
werden? Sollen neue Potenziale für das Unternehmen entwickelt werden, oder sollen
bestehende Potenziale besser ausgeschöpft werden? Gelten neue Technologien als Trei-
ber des Wandels oder entsteht der Wandel durch ihre Anwendung?
Mögliche Folgen – Potenzial- und Risikoanalyse Wer sind die Stakeholder des Unter-
nehmens und welche Interessen haben sie? Welche Chancen und Risiken kann der
angestrebte Wandel für das Unternehmen als Ganzes und für die einzelnen Stakeholder
haben? Welche Auswirkungen auf das operative Geschäft hätte das Changeprojekt im
Unternehmen?
Diese Liste kaum gestellter Fragen ließe sich noch weiter fortsetzen. Es bleibt Folgen-
des festzuhalten:
1. Nicht jeder propagierte Wandel muss für ein Unternehmen zuträglich sein.
2. Ziele und Strategien des Wandels müssen genau dargelegt werden.
3. Maßnahmen und Instrumente des Wandels müssen definiert und beobachtet werden.
4. Die Interessen der Stakeholder des Unternehmens müssen geklärt werden.
5. Mögliche Folgen des Wandels müssen für die einzelnen Anspruchsgruppen untersucht
und bewertet werden.
Changemanagement beinhaltet nicht nur das Management von Veränderungsprojekten.
Vielmehr wird hier unter „Changemanagement“ die Gesamtheit der Analyse, Steue-
rung und Kontrolle von Wandlungsprozessen verstanden. Changemanagement beinhaltet
somit auch die Beobachtung und Mitgestaltung des permanenten Wandels im Unterneh-
men sowie des Wandels der Umweltbedingungen.
Im Folgenden soll näher auf die Methoden und Instrumente eingegangen werden, die
zum Management von Veränderungsprozessen eingesetzt werden.
Um Wandlungsprozesse im Unternehmen wirkungsvoll gestalten zu können, müssen
drei Voraussetzungen erfüllt sein (Abb. 11.4) (vgl. hierzu ausführlich Krüger 2000):
• Der Wandlungsbedarf muss erkannt werden.
• Die Verhältnisse im Unternehmen müssen wandlungsfähig sein.
• Die Bereitschaft einer Mehrzahl der Beschäftigten, den Wandel zu vollziehen, muss
gewährleistet sein.
Um dies leisten zu können, sollte Changemanagement eine betriebliche Institution wer-
den, die typischerweise im Human Resource Management bzw. in der Organisations-
entwicklung angesiedelt ist. Viele Unternehmen beschäftigen zusätzlich auch externe
Berater, die die Außensicht auf den Veränderungsprozess vertreten sollen. Das kann
Vorteile haben, solange das betriebliche Management Herr des Geschehens bleibt. Aller-
dings sollte darauf geachtet werden, dass hier keine Routineprozesse aufgelegt werden,
wie dies bei den großen Beratungsunternehmen oft der Fall ist. Eine solche Changebera-
tung hat mit der betrieblichen Realität meist wenig zu tun.
259
Viele Unternehmen nehmen die Notwendigkeit von Changemanagement nicht ernst
genug. Projektleiter oder Linienführungskräfte ohne zusätzliche Ausbildung im Change-
management mit der Steuerung eines Veränderungsprozesses zu betrauen, ist grob fahr-
lässig und führt in der Regel zu Misserfolgen im gesamten Prozess und manchmal auch
zum Abbruch des betreffenden Projekts.
Changemanagement fordert ausgeprägte Führungsqualitäten und sollte in Bezug auf
die geplanten Veränderungen und ihre Umsetzung Erfahrungen, Know-how, Know what
und Know why mitbringen.
11.2.3 Wandlungsbedarf erkennen
Um den Wandlungsbedarf erkennen zu können, muss Changemanagement einen solchen
Status im Unternehmen haben, dass der Zugang zu allen wichtigen Informationen rei-
bungslos verlaufen kann. Um die gesammelten Informationen über die Unternehmens-
umwelt sowie über den Wandel durch Mikropolitik und Strukturation auswerten und
permanenter Wandel
der Umweltbedingungen
Unternehmensstrategien
Veränderungsprojekte
permanenter Wandel
durch Strukturation und
Mikropolitik
Wandlungs-
bedarf
erkennen
Wandlungs-
bereitschaft
erzielen
Wandlungs-
fähigkeit
herstellen
Wandlungs-
prozesse
managen
Status,
Infor-
mations-
zugang
Wissen
Erfahrung
Tools
Anspruchsgruppen
Strategien
Organisation
mentale
Modelle
Training
Leadership
Kommunikation
Partizipation
Mitbestimmung
Folgen-
abschätzung
Personal-
entwicklung
Verstetigung
Wandlungscontrolling
Erfahrung,
Know how,
Know what,
Know why
Abb. 11.4 Wandlungsbedarf – Wandlungsfähigkeit – Wandlungsbereitschaft
11.2 Management von Veränderungsprozessen
260
11 Changemanagement und Führen von Veränderungen
interpretieren zu können, braucht Changemanagement viel Erfahrung und eine interdiszi-
plinäre Wissensbasis.
Aus der Gesamtheit der aus dem Unternehmen und seiner Umwelt kontinuierlich
gewonnenen Informationen muss das Changemanagement den für das Unternehmen
relevanten Wandlungsbedarf ermitteln. Dabei spielen naturgemäß auch die Interes-
sen von Anspruchsgruppen – Kapitaleigner, Top-Management, Betriebsrat usw. – eine
gewichtige Rolle. Um für das Unternehmen gefährliche unbeabsichtigte Folgen von
vornherein ausschließen zu können, sollte Changemanagement schon in dieser Phase
eine ernsthafte Folgenabschätzung durchführen. Wird, ohne die ungeplanten Nebenfol-
gen ausreichend bedacht zu haben, voreilig ein bestimmter Wandlungsbedarf kommu-
niziert, so könnten unerfüllbare Erwartungen geweckt und schlimmstenfalls nicht mehr
rückholbare Wandlungsprozesse eingeleitet werden, die für das Gesamtunternehmen
schädlich wären. Zu beachten ist, dass Wandlungsprozesse meistens in einer interessen-
politisch hochbrisanten Situation ablaufen.
11.2.4 Wandlungsfähigkeit analysieren und herstellen
Ist ein objektiv erwiesener und subjektiv nachvollziehbarer Wandlungsbedarf erkannt
worden, so muss Changemanagement die Fähigkeit des Unternehmens und seiner Mit-
glieder analysieren, diesen Wandel zu vollziehen. Dabei spielen personen- und sach-
bezogene Einflussgrößen eine Rolle. Hat das Unternehmen eine wandlungsfreundliche
Organisationsumgebung? Sind Strukturen und Prozesse so flexibel wie nötig, um den ins
Auge gefassten Wandel zu vollziehen? Sind die Akteure des Wandels, die betrieblichen
Gremien sowie die potenziell Betroffenen in der Lage, den Wandlungsprozess anzugehen
bzw. zu akzeptieren?
Sind Defizite in diesen Feldern erkannt worden, so kann z. B. mit den Mitteln der
Personal- und Organisationsentwicklung versucht werden, Abhilfe zu schaffen. Häu-
fig entstehen dabei eigene Changeprojekte, z. B. wenn im Vorwege eines angestreb-
ten Changeprozesses Strukturen geändert werden sollen, um den Wandel überhaupt zu
ermöglichen.
11.2.5 Wandlungsbereitschaft erzielen
Auf dieses Feld hat die gesammelte Beraterliteratur ein besonderes Augenmerk gerichtet.
Doch bevor die Beeinflussungs- und Überzeugungsmaschinerie alles überrollt und der
umfangreiche Fundus an „Tools“ ausgeschöpft wird, sollte hier zunächst sehr sorgfäl-
tig analysiert werden, welche Akteure welche Interessen und welche Bedarfe haben und
unter welchen Bedingungen sie bereit wären, den geplanten Weg des Wandels mitzuge-
hen.
261
Menschen haben immer Recht – jedenfalls aus ihrer Perspektive Zu
bedenken ist: Jeder Mensch hat seine eigenen guten Gründe für seine Ein-
stellungen und sein Verhalten. Die subjektiven Sichtweisen der Menschen im
Unternehmen zu achten und wertzuschätzen, ist gute Führungspraxis und
hilft, Misserfolge im Changemanagement zu verhindern.
Durch Veränderungsprojekte werden Arbeitsorganisation und Arbeitsinhalte zum Teil
drastisch verändert: Funktionen fallen weg, neue kommen hinzu, neue Kenntnisse und
Fähigkeiten sind gefordert, neue Arbeitsformen und Arbeitszeiten werden eingeführt.
Dies gilt ganz besonders für Restrukturierungen, die durch die Einführung von IT-Syste-
men unterstützt werden und oft als betriebsübergreifende Projekte angelegt sind.
Die Menschen in den Unternehmen müssen sich ggf. darauf einstellen, dass ihr ange-
stammter Arbeitsplatz verändert wird oder sogar wegfällt. Ihre Arbeitsverhältnisse und
Arbeitszusammenhänge wandeln sich, und daraus können wiederum Mitbestimmungs-
ansprüche erwachsen oder verschwinden. Mangelnde Vorbereitung auf diese Wandlungs-
prozesse kann zu Misstrauen und Demotivation bei den Beschäftigten führen. Effiziente
Geschäftsprozesse erfordern aber eine Vertrauenskultur (siehe Abschn. 6.3.4, 12.1.5).
Viele Arbeitsgänge und Tätigkeiten haben sich im Laufe der Jahre „eingeschliffen“.
Sie sind nirgends dokumentiert und nur den Mitarbeitern vor Ort bekannt. Wenn dieses
Prozesswissen nicht genutzt wird, dann sind echte Verbesserungen der Prozesse eher sel-
ten. Vieles funktioniert nicht so, wie es die Planer geplant haben, und manches große
Projekt scheitert daran, dass es an der Realität vorbei realisiert wurde. „Geschäfte wer-
den gemacht, und Arbeit wird getan, obwohl wir SAP haben!“ Dies ist ein Satz, den man
sinngemäß bei Unternehmensbefragungen oft hört.
Changemanagement sollte nicht die bloße Verhaltenssteuerung der Mit-
arbeiter zur Schaffung von Akzeptanz für die an anderer Stelle getroffenen
Entscheidungen im Blick haben. Die „Mitarbeiterperspektive“ schließt die
Erfahrungen, das Wissen, die Kompetenzen und die Erwartungen und Bedürf-
nisse der Beschäftigten ein. Es geht darum, diese speziellen Sichtweisen von
Mitarbeitern „vor Ort“ in Changeprozesse einzubringen und diese Faktoren
bei der Wahl der strategischen Optionen ernsthaft zu berücksichtigen. Nur so
können die Menschen im Unternehmen dazu bewegt werden, ihr Wissen um
die Arbeitsprozesse, für Veränderungsprozesse nutzbar zu machen. Erst, wenn
sie gefragt werden, wenn sie wissen, dass ihre Kenntnisse und Fähigkeiten für
einen erfolgreichen Wandel gebraucht werden, und wenn sie die Erfahrung
gemacht haben, dass sie selbst wichtig sind und auch nach der Restrukturie-
rung wichtig bleiben, kann der Changeprozess wirklich erfolgreich werden.
Zur Erzielung von Wandlungsbereitschaft gehört ein Verständnis von Führung und
Management, in welchem die Beschäftigten als Akteure mit eigenen Interessen und
eigenem Durchsetzungspotenzial anerkannt werden, denen man in Augenhöhe begeg-
net. Nicht nur die verhaltenstheoretische Seite von Human Resource Management, in
11.2 Management von Veränderungsprozessen
262
11 Changemanagement und Führen von Veränderungen
der es darauf ankommt, Menschen an ihren Bedürfnissen zu „packen“ und sie mit Moti-
vierungsstrategien zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen, ist hier gefragt. Human
Resource Management hat auch noch eine andere, wertorientierte, Seite: Arbeitnehmer
sind das ökonomische Gegenüber der Arbeitgeber. Beide investieren in die gemeinsame
Beziehung, und es wäre für beide töricht, den anderen auszunutzen. In einer solchen
Sicht ist der Arbeitnehmer nicht mehr das Objekt des Arbeitgebers, welches zu einem
bestimmten Verhalten gebracht werden soll. Arbeitnehmer sind in dieser Perspektive das
Humankapital des Unternehmens, welches durch mitarbeiterorientierte Investitionen ver-
mehrt wird und mit welchem man Wettbewerbsvorteile erzielen kann. Immer mehr Ent-
scheidungsträger teilen eine solche Sicht von Humankapital. Changemanagement ist Teil
eines Human Resource Management, welches sich als strategisch versteht.
11.2.6 Vorgehensmodell für Veränderungsprojekte
Das Management konkreter Veränderungsprojekte sollte sich an den üblichen Phasen
von Projektmanagement orientieren (Abb. 11.5).
In jeder Projektphase sind Changemanagement-Maßnahmen zu ergreifen, die in
die Richtung der gewünschten Veränderung zielen und zu deren Nachhaltigkeit beitra-
gen. Aus einer solchen Betrachtung können Vorgehensmodelle entwickelt werden, die
Projekt- und Changemanager bei ihrer Arbeit unterstützen können, indem sie auf die
zugehörigen Methoden und Werkzeuge verweisen, die in der jeweiligen Projektphase
anzuwenden sind. Solche Vorgehensmodelle sollten auf die Besonderheiten des konkre-
ten Projekts zugeschnitten sein. Ein Schema, welches projektspezifisch auszufüllen ist,
zeigt Abb. 11.6 (weitere Beispiele für Vorgehensmodelle finden sich in Krüger 2000).
Ein Beispiel für die Entwicklung eines Vorgehensmodells für ein Veränderungspro-
jekt einer Drogeriemarktkette, welches im Rahmen eines Forschungsvorhabens des
3URMHNW
LQLWLLHUHQ
GHILQLHUHQ
XQG=LHOH
IHVWOHJHQ
3URMHNW
DXVZHUWHQ
XQG
HYDOXLHUHQ
'DXHU7HUPLQH
.RVWHQXQG
.DSD]LWlWHQSODQHQ
3URMHNWVWHXHUQ
$UEHLWVSDNHWHDEDUEHLWHQ
3URMHNWDEODXI
SODQHQ
3URMHNW
XPVHW]HQ
3URMHNWHUJHEQLVVH
YHUVWHWLJHQ
XQGNRQWLQXLHUOLFK
YHUEHVVHUQ
5ROORXW
9HUlQGHUXQJVSURMHNW
Abb. 11.5 Projektmanagement. (Nach PMI 2004)
263
Autors entwickelt und im Anwender-Unternehmen umgesetzt worden ist (vgl. Berger
et al. 2005, 2007, S. 85 ff.), wird im Folgenden vorgestellt. Die aufgeworfenen Frage-
stellungen wurden in Workshops und Befragungen mit den Akteuren im Unternehmen
bearbeitet und führten dann zu einem projektspezifischen Vorgehensmodell, welches als
Richtschnur für die Durchführung des Projekts diente.
Projektphase 1: Projekt initiieren, definieren und Ziele festlegen
A1 – Konventionelles Projektmanagement: Projektantrag
B1 – Changemanagement:
1. Projektidee klären und erste Zielrichtung formulieren (Wandlungsbedarf feststellen):
a) Interesse der Initiatoren?
b) Welche weiteren Akteure haben welchen Bedarf?
c) Was soll langfristig mit dem Projekt erreicht werden?
d) Welche Erfolgsfaktoren des Unternehmens sollen verbessert werden?
e) Welcher konkrete Änderungsbedarf besteht sachlich, technisch, finanziell, zeit-
lich, personell?
2. Vorbereitung: Situationsanalyse durchführen:
a) In welcher Situation wird das Projekt begonnen, und wie wird sich die Situation
voraussichtlich entwickeln?
b) Wer ist der Auftraggeber für das Projekt? Wie lautet explizit der Auftrag (Auf-
tragsklärung)?
Projektdefinition und Planung
Projektumsetzung
Anwendung
Projektphase 1
Projekt initiieren,
definieren und
Ziele festlegen
Projektphase 2
Projektablauf
planen
Projektphase 3
Projekt umsetzen
Projektphase 4
Projekt auswerten
und evaluieren
Projektphase 5
Projektergebnisse
verstetigen und
kontinuierlich
verbessern
Politik: Akteursanalyse und Umgang mit den Akteuren
Kommunikation: über das Projekt informieren und projektbezogene Kommunikationsprozesse unterstützen
Mitbestimmung und Beteiligung: Mitbestimmung beachten und Mitarbeiter an Entscheidungen beteiligen
Forecasting: Vor- und Nachteile für Unternehmen, Mitarbeiter und sonst. Beteiligte abschätzen und bewerten
Evaluation: Projekte evaluieren und dazulernen
Changemanagement
Projektmanagement
Abb. 11.6 Changemanagement in den Projektphasen. (Nach Berger et al. 2005)
11.2 Management von Veränderungsprozessen
264
11 Changemanagement und Führen von Veränderungen
3. Wer sind die relevanten Akteure?
a) Wer sind die internen und externen Akteure und Anspruchsgruppen, die für das
Projekt relevant sind? Klassifizierung nach Promotoren, Opponenten und Indif-
ferenten;
b) Abschätzung der Allianzen und Konkurrenzen, in die die Akteure eingebunden sind;
c) Abschätzung der Ziele und Interessen der wichtigsten Promotoren, Opponenten
und Indifferenten in Bezug auf das Projekt;
d) Abschätzung der Handlungspotenziale, die die Akteure haben, um ihre Interes-
sen durchzusetzen;
e) Wie können Mitarbeiter als Promotoren und aktive Träger des Wandels gewon-
nen werden?
4. Vor- und Nachteile für Unternehmen, Mitarbeiter und sonstige Beteiligte abschätzen
und bewerten (Forecasting):
a) Was soll mit dem Projekt für das Unternehmen erreicht werden: sachlich, tech-
nisch, finanziell, zeitlich, personell?
b) Abschätzung und Bewertung der möglichen Folgen für die Akteure: Was ändert
sich wann für wen?
c) Nachteilsminderung: Es werden Maßnahmen zur Nachteilsminderung für
Betroffene entworfen und ihre Folgen abgeschätzt.
d) Win-win-Situationen: Es werden Maßnahmen entworfen, die dazu führen kön-
nen, dass Beschäftigte und Unternehmen gleichermaßen von dem Projekt profi-
tieren.
5. Analyse ähnlicher Projekte: Die Erfahrungen ähnlicher Projekte werden aufgearbei-
tet. Es werden Fehler, die in früheren Projekten gemacht wurden, herausgestellt und
Lösungsmöglichkeiten sowie alternative Projektpfade entwickelt.
6. Zielfindungsprozess und Zielformulierung: Der Zielfindungsprozess ist nach folgen-
den Grundsätzen zu planen:
a) Es sollen alle relevanten Akteure einbezogen werden.
b) Der Zielfindungsprozess soll neue, unter Umständen auch unbequeme Sichtwei-
sen offen legen.
c) Der Zielfindungsprozess soll das Commitment der wichtigen Akteure stärken
(z. B. Hauptanwender der Projektergebnisse, Wartungs- und Pflegepersonal,
Betriebsrat, Geschäftsleitung…).
d) Es sollen verbindliche und umsetzbare Ziele verabschiedet werden.
7. Informations- und Kommunikationskonzept entwickeln: Welche Akteure sollen
wann über das Projekt informiert werden, und welche Kommunikationsangebote
sollen gemacht werden?
a) Information: Wer soll…in welcher Projektphase…auf welche Weise informiert
werden?
b) Kommunikation: Wem sollen…in welcher Projektphase… zu welchen projekt-
relevanten Sachverhalten…welche Kommunikationsangebote gemacht werden?
8. Beteiligungskonzept entwickeln: Wer soll…in welcher Projektphase…auf welche
Weise…an welchen projektrelevanten Entscheidungen beteiligt werden?
265
9. Erste Information über das Projekt:
a) Ausgewählte Akteure (Wandlungsträger) erhalten Informationen darüber, dass
das Projekt durchgeführt werden soll (z. B. Klausurtagung, Einzel- und Grup-
pengespräch, Führungskräfte-Meeting).
b) Die zu aktivierenden Akteure erhalten gezielte Informationen über die Pro-
jektplanungen und die Erwartungen an die einzelnen Akteure (z. B. Workshop,
Klausurtagung, Einzel- und Gruppengespräch).
c) Ausgewählte Akteure werden dazu aufgefordert und dazu ermutigt, ihre Vor-
schläge zum Projekt zu äußern (z. B. Interview, Workshop, Umfrage, Business-
Lunch, Intranet-Foren, Einzel- und Gruppengespräche).
10. Mitbestimmung und Beteiligung zu Beginn des Projekts:
a) Der Betriebsrat wird erstmalig über die Projektidee informiert und eingeladen,
an den folgenden Projektschritten teilzunehmen.
b) Der Betriebsrat wird darüber informiert, welche Akteure auf welche Weise für
das Projekt gewonnen werden sollen.
c) Bei der Planung von mitbestimmungspflichtigen Schritten (z. B. Umfragen,
Schaffung von Anreizen, Umgruppierungen, Versetzungen, Freistellungen für
die Projektarbeit) wird der Betriebsrat rechtzeitig und umfassend informiert und
um Zustimmung gebeten.
d) Der Betriebsrat wird eingeladen, sich aktiv am Zielfindungsprozess zu beteiligen.
e) Ausgewählte Mitarbeiter (Meinungsführer) und offensichtlich vom Projekt
betroffene Mitarbeiter werden nach ihren Bedarfen an dem Projekt befragt
(z. B. in Workshops, in Einzel- oder Gruppengesprächen).
f) Ausgewählte Mitarbeiter, z. B. Meinungsführer, spätere Anwender der Projekt-
ergebnisse, Mitarbeiter, die später mit Wartung und Pflege der Projektergebnisse
betraut sein werden, wichtige Führungskräfte und offensichtlich vom Projekt
betroffene Mitarbeiter werden eingeladen, sich am Zielfindungsprozess sowie
an einem ständig aktiven „Beraterpool“ für das Projekt zu beteiligen (Treffen
z. B. vierteljährlich in Workshops, runden Tischen o. ä.).
Projektphase 2: Projektablauf planen (Grobplanung)
A2 – Konventionelles Projektmanagement: Festlegung von Arbeitspaketen, Erstellen
eines Projektstrukturplans und eines Meilensteinplans
B2 – Changemanagement:
1. Der Betriebsrat wird im Projektverlauf jeweils rechtzeitig und umfassend über Stand
und Ergebnisse der Grobplanung informiert.
2. Bei der Planung von mitbestimmungspflichtigen Schritten (z. B. Veränderung des
Tätigkeitsspektrums der Beschäftigten) wird der Betriebsrat rechtzeitig und umfas-
send informiert und um Zustimmung gebeten.
11.2 Management von Veränderungsprozessen
266
11 Changemanagement und Führen von Veränderungen
3. In die Grobplanung werden jeweils diejenigen Mitarbeiter einbezogen, die am Ort der
zu treffenden Maßnahmen arbeiten und sich dort auskennen.
4. Die Erkenntnisse aus dem Forecasting werden in die Maßnahmenplanung einbezo-
gen, insbesondere: Schulungsmaßnahmen für die Nutzer planen, Maßnahmen zur
Gewährleistung von Nachteilsausgleich für negativ Betroffene planen, Maßnahmen
zur Vermeidung von Blockaden durch Opponenten des Projekts planen, Maßnahmen
zur Realisierung von Win-win-Situationen entwickeln planen.
Projektphase 3: Projekt umsetzen – Projektstruktur, Dauer, Termine, Kosten,
Kapazitäten, Controlling
A3 – Konventionelles Projektmanagement: Feinplanung und rollierende Planung
B3 – Changemanagement:
1. Der Betriebsrat wird rechtzeitig zu den Meilensteinberichten des Projektteams ein-
geladen.
2. Die Erkenntnisse aus dem Forecasting werden in die Zeit- und Terminplanung ein-
bezogen, insbesondere Einplanung von:
a) Zeiten, Kosten und Kapazitäten (z. B. Vertretungen) für Schulungen
b) Zeiten und Kosten für Evaluation
c) genügend Pufferzeiten und Kosten für Fehlerbeseitigung
d) Zeiten und Kosten für Organisationsanpassung
e) evt. Kosten für Betriebsräteberatung und -schulung (§§ 80 Abs. 3 und 37 Abs. 6
BetrVG)
f) Kapazitäten für eventuell notwendigen Parallellauf in der Anfangsphase
3. Freistellungskapazitäten für Projektmitarbeiter festlegen
4. Freistellungskapazitäten und Budget für Change-Manager festlegen
5. Lenkungsausschuss strategisch besetzen (Opponenten sollen auch vertreten sein)
6. Kommunikations- und Berichtswege festlegen
7. Risikomanagement planen
8. Evaluation planen
9. Unterstützung der Projektleitung bei Führungsaufgaben – Coaching
a) Motivation, Führen in die Selbstverantwortung, Commitment
b) Vertretung des Projekts nach außen
c) Führungsinstrumente
d) Konfliktmanagement
e) Unterstützung bei Change Requests
10. Steuerung der Projektkommunikation
11. laufende Integration der Stakeholder
267
Projektphase 4: Projekt auswerten und evaluieren
A4 – Konventionelles Projektmanagement: Projektbericht
B4 – Changemanagement:
1. Bericht über kritische Erfolgsfaktoren und erfolgreiche Steuerungsmaßnahmen
2. Lessons learned:
a) Welche Projektziele sind erreicht worden, welche nicht, und welche Gründe hier-
für gibt es?
b) Sind die Ergebnisse so wie gewünscht?
c) War das Vorgehen optimal, an welchen Stellen gab es Reibungen oder Brüche?
d) Ist der Aufwand so wie erwartet?
e) Sind die Termine eingehalten worden?
f) Hat sich die Projektorganisation bewährt?
g) Haben sich im Verhältnis von Promotoren, Opponenten und Unentschiedenen die
Kräfteverhältnisse verschoben?
h) Sind durch die Projektergebnisse oder deren Anwendung neue Risiken entstanden?
3. Erfahrungen für Folgeprojekte dokumentieren
4. Hinweise für Fehlervermeidung geben und Erfolgsstrategien entwickeln.
Projektphase 5: Projektergebnisse verstetigen und kontinuierlich verbessern (ist
nicht mehr Projektarbeit, sondern Changemanagement in der Anwendungsphase)
1. Da die Pflege der Projektergebnisse für die Nutzung und damit für die Nachhaltigkeit
des Projekterfolgs entscheidend ist, muss sichergestellt sein, dass bei Projektabschluss
zunächst möglichst nur Promotoren mit Pflegeaktivitäten befasst sind.
2. Es ist zu untersuchen, welche Akteure in welchem Maße bereit sind, einen kontinuier-
lichen Verbesserungsprozess zu tragen.
3. Der Betriebsrat sollte durch die bisherige Einbeziehung in allen Projektphasen selbst
Verantwortung für die Verstetigung der Projektergebnisse entwickelt haben. Er ist
weiterhin in jeden Schritt der Verstetigung einzubeziehen.
4. Es ist zu eruieren, inwieweit der Betriebsrat an einer kontinuierlichen Verbesserung
der Projektergebnisse mitwirken will.
5. Mit dem Betriebsrat ist eine Betriebsvereinbarung über die Nutzung, Verstetigung und
kontinuierliche Verbesserung der Projektergebnisse abzuschließen. Bei Bedarf ist dem
Betriebsrat zur Wahrnehmung seiner Mitbestimmungsrechte auch während des Roll-
out auf Wunsch ein Sachverständiger nach § 80 Abs. 3 BetrVG zu bewilligen.
6. Befragung der Hauptnutzer über deren Nutzungsverhalten und ggf. über Gründe für
deren Zurückhaltung bei der Nutzung der Projektergebnisse.
7. Kommunikationsoffensive für eine bessere Nutzung der Projektergebnisse
8. ggf. Überarbeitung der Projektergebnisse unter Beteiligung der Betroffenen.
9. Erarbeitung eines Beteiligungskonzepts für die intensive Einbindung der Mitarbeiter
als „Sachverständige“ ihrer eigenen Arbeitsfelder.
11.2 Management von Veränderungsprozessen
268
11 Changemanagement und Führen von Veränderungen
11.3
Führung in Veränderungsprozessen
In den vorangegangenen Abschnitten stand das Management von Veränderungsprojekten
im Mittelpunkt. Im Folgenden soll nun der Fokus auf die Führung von Veränderungs-
prozessen gelegt werden. Wenn es um Changemanagement geht, entwirft die gängige
Managementliteratur seit eh und je ein Bild von Führung, deren Hauptaufgabe es sein
soll, die Mitarbeiter dazu zu bewegen, die von der Unternehmensführung angestrebten
Veränderungsprozesse zu dulden („Akzeptanz“) und sich den veränderten Verhältnissen
anzupassen.
Im Folgenden werden die gängigen manipulativen Konzepte von Führung in Verän-
derungsprozessen kritisch gewürdigt und partizipatorischen Ansätzen gegenübergestellt.
11.3.1 Führungssysteme in Veränderungsprozessen
Als Führungssysteme werden Mengen aufeinander abgestimmter Führungselemente
bezeichnet, die der Verhaltensbeeinflussung dienen. Das sind im Unternehmen z. B.
Policies, Anreizsysteme, Personal- und Organisationsentwicklung, sowie Kommunikati-
onsregeln und -systeme. Führungssysteme gehören zur strukturellen Führung (Kap. 4),
deren Akteure die Unternehmensleitung sowie das Human Resource Management sind.
Führungssysteme können Rahmenbedingungen schaffen, die den Wandel und insbeson-
dere die Wandlungsbereitschaft befördern und zu einer Verstetigung der Wandlungser-
gebnisse beitragen.
11.3.1.1 Anreizsysteme
Anreizsysteme können materiell – Gehalt, Prämien, Erfolgsbeteiligungen, Firmenwagen
usw. – oder immateriell ausgelegt sein – Lob, Anerkennung, Partizipationsmöglichkei-
ten, Karriere, Prestige, Betriebsklima, Entscheidungs- und Handlungsspielräume usw.
Meist sind materielle und immaterielle Anreize eng miteinander verbunden. So hat die
Klasse des Firmenwagens Prestigecharakter und der Aufstieg auf der Karriereleiter geht
in der Regel mit einer Gehaltserhöhung einher. Welcher Anreiz auf die Mitarbeiter wie
wirkt, hängt von deren jeweiligen Bedürfnissen und Präferenzen ab (Abschn. 6.3).
Anreizsysteme haben instrumentellen Charakter. Mit ihnen wird versucht, die Leis-
tungsbereitschaft der Mitarbeiter zu beeinflussen und ein positives „Anreiz-Beitrags-
Verhältnis“ herzustellen (vgl. Drumm 1995). Da mit ihnen nur mittelbar intrinsische
Motivationsanteile angesprochen werden (Abschn. 6.1.1.2), haben sie, wenn überhaupt,
nur kurzfristige Wirkung und können allenfalls dabei helfen, Barrieren gegen den Wan-
del zweitweise abzubauen.
Anreizsysteme führen oft dazu, dass Wandlungsbedarf höher eingeschätzt wird,
als dies vor dem Hintergrund einer sorgfältigen Analyse angebracht wäre, denn, wenn
Belohnung, Lob und Statusgewinn winken, wird der „von oben gewollte“ Wandel leich-
ter gutiert.
269
Folgendes Zitat veranschaulicht, welcher Stellenwert Anreizsystemen in der Manage-
mentliteratur zugemessen wird und welcher Umgang mit Opponenten empfohlen wird,
wenn Anreizsysteme auf Dauer zu teuer werden:
Schließlich ist der ‘Kauf’ erwünschten Verhaltens über Anreizsysteme auf Dauer finanziell
nicht tragbar. Daher ist spätestens in der Verstetigungsphase sicherzustellen, daß verdeckte
Opponenten entweder ihre Einstellungsakzeptanz ändern oder auf andere Weise ‘unschäd-
lich’ gemacht werden (Becker 2000).
11.3.1.2 Personalentwicklungssysteme
Personalentwicklung hat die Aufgabe, den „Humankapitalstock“ für das Unternehmen zu
steigern und zu sichern (siehe Abb. 6.8). Das heißt, sie fördert die Leistungspotenziale
der Mitarbeiter im Unternehmen. Personalentwicklung umfasst die erforderlichen Maß-
nahmen der Personalbedarfsplanung, der Karriereplanung und der Qualifizierung von
Mitarbeitern und Führungskräften.
Mit den Mitteln der Karriereplanung wird versucht, Anreize zur Förderung der
Wandlungsbereitschaft zu setzen. Dabei besteht die Gefahr, dass allein aufgrund ihrer
positiven Einstellung zu den angestrebten Veränderungsprozessen Personen in Führungs-
positionen gelangen, die aus persönlichen oder fachlichen Gründen dafür wenig geeignet
sind.
11.3.2 Personale Führung von Veränderungsprozessen
Unter den Rahmenbedingungen, die strukturelle Führung mit den Führungssystemen
des Unternehmens setzt, findet personale Führung statt. Führungskräfte, z. B. als Abtei-
lungs- oder Projektleiter, treten dabei direkt mit ihren Mitarbeitern in Kontakt. Füh-
rungskräfte sind gleichzeitig als Vorgesetzte und als Partner in den sozialen Beziehungen
aktiv. Sie sind aber auch Akteure in den Systemen der strukturellen Führung und damit
Mitgestalter von Arbeitsstrukturen und Unternehmenskultur (Abschn. 4.2).
Strukturelle und personale Führung haben die Aufgabe, alle Voraussetzungen dafür
zu schaffen, dass die Mitarbeiter in ihrer Führungsspanne ihre Leistungspotenziale im
Unternehmen effektiv realisieren können (Abschn. 6.3). Aufgabe ist es also nicht, die
Mitarbeiter in Bewegung zu setzen, sie zu manipulieren oder sie zu Leistung anzureizen.
Es geht darum,
• den Mitarbeitern optimale Leistungsbedingungen zu schaffen: gerecht empfundene
Entlohnung, zuträgliches Arbeitsumfeld, aufgabengerechte Werkzeuge und Informati-
onen,
• ihre Leistungsfähigkeit zu stärken: Qualifizierung, Gesundheitsförderung, Reprodukti-
onsmöglichkeiten und
• ihre Leistungsbereitschaft nicht zu behindern: Verzicht auf Motivierung und Manipu-
lation, Handlungs- und Entscheidungsspielräume, Erfüllung von Bedürfnissen, Sinn
und Orientierung in der Arbeit.
11.3 Führung in Veränderungsprozessen
270
11 Changemanagement und Führen von Veränderungen
11.3.2.1 Lehren aus der Strukturationstheorie für die personale
Führung
Wandel entsteht auch durch Strukturation. Gute Führung in Veränderungsprozes-
sen bedeutet, deshalb, die Thesen von Giddens zu kennen und zu berücksichtigen
(Abschn. 11.1.1):
• Die wirkliche Motivation für ihre einzelnen Handlungsschritte ziehen die Mitarbeiter
aus der subjektiven, bedürfnisorientierten Interpretation der jeweiligen Wandlungs-
ziele.
• Die Ziele des Wandels sollten partizipativ gefunden und umgesetzt werden. Durch die
Möglichkeit, die „großen Ziele“ des Wandels in kleinen subjektiven Einzelzielen wie-
derzufinden, können sich die Akteure als Verwirklicher ihrer eigenen Interessen und
gleichzeitig als Teil des „Großen und Ganzen“ empfinden.
• Changemanagement ist nicht dazu da, zum Wandel anzutreiben, sondern ihn zu initi-
ieren und den Verlauf zu beobachten und zu steuern, während die Triebkräfte von den
sozialen Akteuren selbst ausgehen.
11.3.2.2 Führung als Richtungsgeber, Coach und Moderator
Führung gibt Orientierung und hat dafür zu sorgen, dass die Geführten ihre Arbeit zu
ihrem eigenen Anliegen machen, welches sie engagiert und selbstverantwortlich verfol-
gen. Führung fordert und fördert die Geführten darin, ihren Teil an der gemeinsamen
Sache zu leisten.
In Wandlungsprozessen dominieren Team- und Projektarbeit, die dementsprechend
nach folgenden Grundsätzen organisiert werden sollten, z. B.:
1. Transparente Ziele,
2. Sorgfältige Auswahl der Schlüsselakteure,
3. Beteiligung der Betroffenen bei der Erarbeitung von Lösungen,
4. Realistische Zeitplanung,
5. Bedürfnisse der Mitarbeiter erkennen und mit ihnen aushandeln, wie sie diese mit
den übergeordneten Wandlungszielen vereinbaren können (What’s in for me?),
6. Folgenabschätzung des Wandels für die betroffenen Mitarbeiter durchführen; Risi-
ken und Interessenkonflikte erkennen, austragen und ggf. Kompensationsmaßnah-
men entwickeln und vereinbaren,
7. Vertrauensvoll und in Augenhöhe mit den Mitarbeitern kommunizieren, u. a.
a) Vertrauenskultur aufbauen (Abschn. 12.1.5),
b) Klare Kommunikations- und Gesprächsführungsregeln (Abschn. 8.4.1) in den
Teams aufstellen und auf deren Einhaltung achten, Fehlverhalten konfrontieren,
c) Feedbackkultur aufbauen (Abschn. 8.5.2.2): Feedback statt Kritik und Beurtei-
lung,
8. Notwendige Personalanpassungen offenlegen und mit den betroffenen Mitarbeitern
gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten suchen Einsatz anderswo, Trennung und
Kompensation, Zurückstufung oder Trennung.
271
9. Konstruktiver Umgang mit Konflikten: Konfliktmanagement/Konfliktmoderation,
10. Sorgfältige Entwicklung der Teams,
11. Methodik von Einzel- und Teamcoaching beherrschen; Unterstützung dort leisten,
wo sie erforderlich ist – ohne Rückdelegation zuzulassen,
12. Produktiver Umgang mit Widerstand.
11.3.2.3 Produktiver Umgang mit Widerstand
Widerstand wird geleistet, wenn Andere die von den Entscheidern als notwendig
erachteten Maßnahmen blockieren oder unterlaufen. Ein solches Verhalten ist völlig
normal, denn jeder Mensch hat aus seiner Perspektive gute Gründe für sein Verhalten
(Abschn. 7.2.3.1). Als Führungskraft müssen wir das aber nicht einfach hinnehmen, son-
dern können es mit unserer Sicht der Dinge konfrontieren und Lösungen aushandeln.
Widerstand in Veränderungsprojekten basiert in der Regel auf Bedenken und Befürch-
tungen gegenüber den angekündigten Maßnahmen. Typisch ist, dass eine Widerstands-
haltung meist untergründig eingenommen wird und sich in Gerüchten, Streit oder
Fernbleiben artikuliert. Das heißt, dass Argumentation nur bedingt zu Verhaltensände-
rungen führt.
Widerstände entstehen, wenn
• Menschen in Maßnahmen subjektiv keinen Nutzen sehen,
• Menschen keine Konsequenzen (positive oder negative) für sich erwarten,
• Unklarheit über Ziele/Motive herrschen: „Ich verstehe das nicht“,
• Menschen nicht glauben, was ihnen gesagt wird,
• Menschen sich durch das „Neue“ überfordert fühlen oder wirklich überfordert sind,
• Menschen den Eindruck haben, nicht mit einbezogen zu sein.
Produktiv mit Widerstand umzugehen, heißt für Führungskräfte zunächst, sich folgende
Fragen zu stellen:
• Was ist den Menschen wichtig; Bedürfnisse, Anliegen, Ängste, Interessen?
• Was gewinnen/verlieren Menschen durch die Veränderungsprozesse?
• Was sollte aus Sicht der Betroffenen unbedingt verhindert werden?
• Was muss aus Sicht der Betroffenen unbedingt erfüllt sein?
• Welche Alternativen haben Mitarbeiter?
Dabei ist auf besonders sensible Bereiche zu achten:
• Lohn/Gehalt (Einbußen, Nachteile?),
• Sicherheit (Arbeitsplatzverlust/Wechsel?),
• Kontakte (Wo gehen Kontakte verloren?),
• Anerkennung (Kompetenz für die neue Aufgabe?),
11.3 Führung in Veränderungsprozessen
272
11 Changemanagement und Führen von Veränderungen
• Selbstständigkeit (Wird der Handlungs-Entscheidungsspielraum eingeschränkt?),
• Entwicklung (Welche Perspektiven sind vorhanden/nicht mehr vorhanden?).
Wird Widerstand nicht beachtet, so führt das in der Regel zu Blockaden. Gute Führungs-
kräfte nehmen die emotionale Energie von Widerstand ernst und geben ihr Raum. In Dis-
kursen erforschen sie die Ursachen, verhandeln und treffen dann Absprachen.
11.3.3 Und die Führungskraft selbst?
Führungskräfte, die Veränderungsprozesse führen, werden mit einer Vielzahl von Anfor-
derungen konfrontiert (vgl. Capgemini 2008):
• Situation und Umfeld analysieren und verstehen,
• Ausrichtung und Alignment forcieren,
• Strukturen und Monitoring entwickeln und aufbauen,
• Mobilisierung und Commitment sicherstellen,
• Organisation und Prozesse erfassen und designen,
• Konflikte und Widerstände reduzieren,
• Führung fördern,
• Kultur weiterentwickeln,
• Qualifizierung und Entwicklung zielgruppenorientiert durchführen,
• Erfolge identifizieren und verankern.
Aus Führungskräftebefragungen (vgl. z. B. Capgemini 2012) geht hervor, dass sich Füh-
rungskräfte angesichts der Gesamtheit der Anforderungen oft überfordert fühlen. Zudem
müssen sie sich selbst mit dem Changeprozess und seinen Folgen arrangieren, wenn
sie als Change Agents wirken wollen. Sie haben Frustrationen aus vergangenen Verän-
derungsprozessen zu überwinden, fühlen sich überlastet und haben Angst vor Einfluss-/
Statusverlust. Hinzu kommt die Befürchtung, Aufgaben im Veränderungsmanagement
zusätzlich zu den bestehenden Aufgaben übernehmen zu müssen, meist ohne ent-
sprechend geschult zu sein und ohne über ein zusätzliches Zeitbudget zu verfügen. So
werden dann anspruchsvollere und zeitintensivere Aufgaben, wie z. B. eine detaillierte
Stakeholder-Analyse durchzuführen, kaum wahrgenommen.
Führungskräfte, die zusätzlich zu ihrem Tagesgeschäft Veränderungsprozesse führen
sollen, benötigen dafür die entsprechende zeitliche Entlastung sowie individuelle Ent-
wicklungsmaßnahmen, die abgestimmt sind auf die individuelle Persönlichkeit, um die
eigene Kraft im Umgang mit Veränderungen zu stärken. Unternehmensleitungen, die sol-
che Maßnahmen der Führungskräfteentwicklung für verzichtbar halten, sollten sich nicht
über Misserfolge bei Veränderungsprojekten wundern.
273
Literatur
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Change. Wege zur strategischen Erneuerung (S. 304). Wiesbaden: Gabler.
Berger, P., Berger-Klein, A., Krüger, D., Teubert, M. (2005). Personal@Work – Personalarbeit im
E-Business. Verbundvorhaben der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und
der Schülke & Mayr GmbH, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im
Rahmen des Programms „Innovative Arbeitsgestaltung – Zukunft der Arbeit“. Hamburg.
Berger, P., Berger-Klein, A., Krüger, D., & Teubert, M. (2007). Human Resource Management in
Veränderungsprojekten. Ansätze – Methoden – Instrumente. Konstanz: Christiani.
Capgemini. (2008). Change Management-Studie 2008. Business Transformation – Veränderungen
erfolgreich gestalten. Berlin: Capgemini Consulting.
Capgemini. (2012). Change Management Studie 2012. Digitale Revolution – Ist Change Manage-
ment mutig genug für die Zukunft? Berlin: Capgemini Consulting.
Drumm, H. J. (1995). Personalwirtschaftslehre (3. neu bearbeitete u. erweiterte Aufl.). Berlin:
Kohlhammer.
Giddens, A. (1984). The constition of society. Outline of the theory of structuration. Cambridge:
Polity.
Giddens, A. (1995). Die Konstitution der Gesellschaft. Frankfurt: Campus.
Krüger, W. (Hrsg.). (2000). Excellence in Change. Wege zur strategischen Erneuerung. Wiesbaden:
Gabler.
Neuberger, O. (1995). Mikropolitik. Der alltägliche Aufbau und Einsatz von Macht in Organisatio-
nen. Stuttgart: Enke.
PMBOK Project Management Institut Inc. (Hrsg.). (2004). PMBOK Guide 2004. Newtown
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Weltgen, W. (2008). TQM als Strukturierungsaufgabe. Dissertation, Universität Osnabrück.
Weiterführende Literatur
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rungskräfte ihre Welt wirklich verändern können. Berlin: Capgemini Consulting.
Doppler, K., & Lauterburg, C. (2002). Change Management – Den Unternehmenswandel gestal-
ten. Frankfurt: Campus.
Literatur
275
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018
P. Berger, Praxiswissen Führung, https://doi.org/10.1007/978-3-662-50527-4_12
Zusammenfassung
Für Führungskräfte ist es wichtig, sich mit den verschiedenen Rechten und Pflichten
auseinanderzusetzen, die aus dem Arbeitsvertrag und den Tarifverträgen und Mit-
bestimmungsgesetzen erwachsen. Nur so können bestimmte Verhaltensweisen von
Mitarbeitern und Arbeitnehmervertretern verstanden und eingeordnet werden. Der
Ausgangspunkt ist ein Verständnis der institutionellen Beziehungen zwischen Arbeit-
geber und Arbeitnehmern. Das Arbeitsrecht übernimmt die Verrechtlichung dieser
Beziehungen. Es enthält wichtige Bestimmungen, die auf der Betriebs- und Unter-
nehmensebene direkten Einfluss auf die Führungsprozesse haben. Immer wieder zeigt
sich in der betrieblichen Praxis, dass Führungskräfte in Unkenntnis solcher Bestim-
mungen Reibungsverluste verursachen, die erhebliche Kosten nach sich ziehen. Von
den verschiedenen Rechtsebenen ist für personale Führungskräfte das Arbeitsrecht auf
Betriebsebene die wichtigste. Führungskräfte sollten in groben Zügen die Rechte von
Arbeitnehmern sowie die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats kennen. Sie soll-
ten wissen, welchen Schaden sie für das Unternehmen anrichten können, wenn sie
Arbeitnehmerrechte nicht beachten und sie sollten eine Idee davon haben, wie hoch
die Kosten einer Einigungsstelle sein können.
12.1
Industrielle Beziehungen
Der Begriff „Industrial Relations“ findet sich im englischen Sprachraum bereits seit den
1950er Jahren (siehe z. B. Dunlop 1958 sowie Marsch und Evans 1973; zusammen-
fassend: Mikl-Horke 1997, S. 233 ff.). In Deutschland wird der Begriff „Industrielle
Beziehungen“ erst seit den 1980er Jahren in der sozialwissenschaftlichen Diskussion
verwendet (siehe z. B. Endruweit et al. 1985).
Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
12
276
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
Der Begriff „Industrielle Beziehungen“ beschreibt die Regulierung von Arbeits-
verhältnissen auf betrieblicher und überbetrieblicher Ebene. Daran können
verschiedene Akteure beteiligt sein. In Deutschland sind es der Gesetzge-
ber, die Gewerkschaften, die Arbeitgeberverbände, Betriebliche Arbeitneh-
mervertretungen, Management und Arbeitnehmer. Deren Beziehungen
werden durch Gesetze, Tarifverträge, Betriebs- oder Dienstvereinbarungen
und Arbeitsverträge geregelt.
Im Mittelpunkt steht das Arbeitsverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer
als System von Institutionen und Regelungen auf unterschiedlichen Regelungsebenen.
Dabei werden nicht die einzelnen Personen, Gruppen und Organisationen betrachtet,
sondern ihre Beziehungen zueinander und die jeweiligen Handlungsstrategien.
Thus defined, industrial relations is an all inclusive term covering all aspects of the employ-
ment relationship and its associated institutions and social and economic environment
(Marsh und Evens 1973, S. 155 f.).
12.1.1 Arbeitsbeziehungen
Mit „Industrial Relations“ ist also die Regelung von Beziehungen, Strukturen und Kon-
flikten gemeint, die aus dem Arbeitsverhältnis, dem Arbeitsvertrag und auch aus dem
Arbeitsmarkt entstehen. Dabei sind nicht nur Beziehungen in der „Industrie“ gemeint.
Der Begriff stammt aus dem englischen Sprachraum, wo unter „industrial“ „gewerblich“
zu verstehen ist. Deshalb wird im Folgenden der Begriff „Arbeitsbeziehungen“ verwen-
det (Abb. 12.1). Dabei sind Arbeitsbeziehungen in allen Wirtschaftssektoren gemeint.
Arbeitsbeziehungen
Arbeitsrecht
Human
Resource
Management:
"Employee
Relations"
"Industrielle
Beziehungen"
Prinzipien
Regelungen
Management
Vertrauen und
Commitment
"Psychologischer
Vertrag"
Abb. 12.1 Arbeitsbeziehungen
277
Typische Regelungsbereiche sind:
• Arbeitsvertragsrecht,
• Mitbestimmung,
• Tarifverträge,
• Streikrecht,
• betriebliche Beziehungen,
• Konfliktregelung,
• gemeinsame Normensetzung.
12.1.2 Akteure
Die möglichen Akteure im weiteren Sinne sind in Abb. 12.2 zusammengefasst:
Auf ein Unternehmen wirkt eine Vielzahl von unterschiedlichen Akteuren ein, die
in Beziehung zu dem Unternehmen stehen. Allen geht es um die Durchsetzung ihrer
Interessen gegenüber dem Unternehmen. Sie werden auch Anspruchsgruppen oder Sta-
keholder genannt.
• Die Geschäftsleitung, die Führungskräfte der verschiedenen Leitungsebenen, die Mit-
arbeiter und die betriebliche Arbeitnehmervertretung – je nach Organisationsform
Betriebsrat, Personalrat etc. – stehen innerhalb des Betriebs in Beziehung zueinander
und verfolgen oft sehr unterschiedliche Interessen.
• Die Konzernleitung sowie andere Unternehmen im Konzern haben ebenfalls Einfluss
auf das Unternehmen und teilen manchmal nicht die Interessen der innerbetrieblichen
Akteure eines Konzerntochterunternehmens.
• Kapitalgeber wollen hohe Wert- und Gewinnsteigerung sowie Risikobegrenzung.
• Lieferanten hoffen auf Zahlungsfähigkeit und hohen Absatz,
• Kunden wollen gesicherte Warenversorgung und qualitativ hochstehende Leistung zu
günstigen Preisen.
• Mitbewerber beobachten das Unternehmen aus ihrer jeweils eigenen Konkurrenzpers-
pektive.
• Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften treten als kollektive Interessenvertreter auf
und wollen das Unternehmen bzw. dessen Beschäftigte als Mitglieder ihres jeweiligen
Verbandes gewinnen oder halten.
• Die Öffentlichkeit, also politische Parteien, interessierte Bürger, Medien usw., interes-
siert die Umwelt-, Human-, Sozial- und Demokratieverträglichkeit des Unternehmens.
• Der Staat mit seinen Gliederungen ist an der Bereitstellung von Arbeitsplätzen, der
Einhaltung gesetzlicher Vorschriften und an Steuereinnahmen interessiert.
12.1 Industrielle Beziehungen
278
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
Industrielle Beziehungen im engeren Sinne, also Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehun-
gen, betreffen folgende Akteure:
• Der Staat gibt durch seine Wirtschafts- und Sozialpolitik die Rahmenbedingungen für die
industriellen Beziehungen vor. Durch den Gesetzgeber werden Arbeitsrechtsregelungen
auf Gesetzes- und Verordnungsebene verabschiedet und von der Regierung durchgeführt.
Vor Arbeitsgerichten können arbeitsrechtliche Streitfälle geklärt werden und mit der
Rechtsprechung wird wiederum die Auslegung der Rechtsnormen ständig den Realitäten
angepasst.
• Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände handeln Tarifverträge für unternehmens-
übergreifende Sachverhalte aus, denen auch das einzelne Mitgliedsunternehmen
unterliegt.
• Auf der Unternehmensebene stehen Unternehmensleitung und leitende Angestellte
den Arbeitnehmern mit ihrer betrieblichen Arbeitnehmervertretung gegenüber. Die
„Betriebsparteien“ – Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretung – handeln auf der
Grundlage von Gesetzen und Tarifverträgen betriebsspezifische Regelungen aus und
schließen diese als Betriebsvereinbarungen ab.
• Konzern und Kapitalgeber wirken zusätzlich von außen auf die Regelungen ein.
12.1.3 Employee Relations und Human Resource Management
Unter dem Begriff „Employee Relations“ werden alle Bereiche des Human Resource
Management gefasst, die sich mit dem Verhältnis zu den Arbeitnehmern beschäftigen.
Kunden
Lieferanten
Führungskräfte
Arbeitnehmer
Geschäftsleitung
Betriebsrat
Regierung
Gesetzgeber
Gewerkschaften
Arbeitgeber-
verbände
Öffentlichkeit/
Medien
Judikative
Mitbewerber
Konzern
Unternehmen
Kapitalgeber
Abb. 12.2 Akteure industrieller Beziehungen
279
Dies betrifft sowohl alle individuellen Beziehungen zwischen dem Unternehmen und
dem einzelnen Arbeitnehmer als auch das Management der kollektiven Aushandlungs-
prozesse zwischen Unternehmen, Gewerkschaften und Betriebsräten.
HR-Management kann hier an vielen Punkten gestaltend eingreifen und Rahmenbe-
dingungen setzen (Abb. 12.3).
Viele Faktoren haben Einfluss auf die tatsächliche Ausgestaltung der Arbeitsbeziehun-
gen in einem Unternehmen, z. B. Unternehmenskultur, akzeptierte und gelebte Werte,
Vertrauens- oder Misstrauenskultur, Human-Resource-Politik und -Praxis, Management-
und Führungssystem, Verhältnis zum direkten Vorgesetzten usw.
Human Resource Management kann hier neben seinen angestammten Funktionen
durch beziehungsfördernde Aktivitäten eingreifen und so zu Commitment und Leis-
tungsbereitschaft beitragen.
1. Recruitment: Die Einflussmöglichkeiten beginnen bereits in den Einstellungsgesprä-
chen. Hier sollten die zu besetzende Stelle und das Unternehmen genau beschrieben
werden. Es sollte vom Bewerber und vom HR-Management des Unternehmens genau
geprüft werden, ob dieser Bewerber die Erwartungen des Unternehmens erfüllen
kann, ob er zum Unternehmen passt und ob auch das Unternehmen seine Erwartungen
erfüllen kann.
2. Onboarding: In den ersten Wochen des Beschäftigungsverhältnisses sollten dem
Arbeitnehmer die Policies, die Werte und die wichtigsten Prozesse im Unternehmen
ausführlich beschrieben werden. Hilfreich können hier Starter-Seminare und Mitar-
beiter-Handbücher sein. Wichtig ist es weiterhin, die Erwartungen, die das Unterneh-
men hinsichtlich Leistung, Qualität und Flexibilität der Arbeit an den Arbeitnehmer
hat, eindeutig und klar zu vermitteln.
Employee Relations
Recruitment
Transparenz
Standards für konsistentes HR-Management
Onboarding
Commitment
Personal-
entwicklung
Führungskräfte-
entwicklung
Information und
Kommunikation
Human Resource Management
Policies
Resourcing
Development
Rewarding
Administration
Abb. 12.3 Gestaltung von Employee Relations durch das Human Resource Management
12.1 Industrielle Beziehungen
280
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
3. Commitment: Gerade in der Einarbeitungszeit ist es wichtig, die Erwartungen an die
Arbeitnehmer ständig aktuell zu kommunizieren. Dabei ist es wichtig, sich immer wie-
der neu der Zustimmung des Neueingestellten zu versichern. Bekenntnisse, die aus Angst
um den Arbeitsplatz abgegeben werden, nützen niemandem. Kommunikations- und
Gesprächsführungsseminare für Vorgesetzte sind in diesem Zusammenhang hilfreich.
4. Personalentwicklung: „People make the difference“! Die Menschen im Unternehmen
sind es, die die langfristigen Wettbewerbsvorteile für ein Unternehmen ermöglichen.
Das Human Resource Management ist dafür verantwortlich, dass die Beschäftigten
ihre Kompetenzen ständig weiterentwickeln und sie für das Unternehmen einsetzen.
Dementsprechend sollten die Angebote der betrieblichen Weiterbildung ständig aus-
gebaut und aktuell gehalten werden. Die Mitarbeiter sollten kontinuierlich dazu ange-
halten werden, die Angebote der betrieblichen Weiterbildung zu nutzen und sich auch
in Eigeninitiative weiterzubilden.
5. Führungskräfteentwicklung: Es sind in der Regel die direkten Vorgesetzten, die Ver-
halten, Commitment und Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter prägen. Managemen-
tenttrainings und Führungskräfteentwicklung sollten deshalb kontinuierlich angeboten
und genutzt werden. Dabei sollte besonderer Wert auf die Vermittlung der Grundwerte
des Unternehmens und auf die Ausbildung des im Unternehmen gewünschten Füh-
rungsverständnisses gelegt werden.
6. Information und Kommunikation: Die Kommunikation zwischen Management, Füh-
rungskräften und Beschäftigten sollte aktiv gefördert werden, um sicherzustellen,
dass die gegenseitigen Erwartungen innerhalb und zwischen den Leitungsebenen ver-
standen werden und um eine Kultur der wechselseitigen Kommunikation zu stärken.
Hierzu kann Human Resource Management durch entsprechende Policies und die
Einführung von Standardprozessen beitragen.
7. Transparenz: Es sollte generell eine Politik der Transparenz verfolgt werden, um
sicherzustellen, dass sich die Beschäftigten zu jedem Zeitpunkt über das Unterneh-
men und über ihre unmittelbaren Arbeitsbedingungen informiert fühlen. Einige
Unternehmen veröffentlichen z. B. regelmäßig Lageberichte, in denen die wirtschaft-
liche Lage und die anstehenden Projekte ausführlich erörtert werden. Auch der Wirt-
schaftsausschuss des Betriebsrats ist ein adäquates Gremium, um die betrieblichen
Interessenvertretung frühzeitig und umfassend zu informieren. Bei geplanten Restruk-
turierungen, Strategieänderungen oder größeren IT-Projekten hat es sich als sinnvoll
erwiesen, die Beschäftigten sowie den Betriebsrat von Anfang an in das Projektge-
schehen einzubeziehen und ihnen auch aktive Mitwirkungsrechte einzuräumen.
Zur Gewährleistung der Konsistenz von Human Resource Management sollten Stan-
dards für die HR-Prozesse entwickelt werden. Weiterhin empfiehlt es sich, erprobte Ver-
fahrensweisen, z. B. für den Umgang mit Konflikten und Beschwerden, die Einhaltung
von Vorschriften, die Gleichbehandlung unterschiedlicher Beschäftigtengruppen, den
Umgang mit den betrieblichen Interessenvertretern usw., zu definieren und ständig wei-
terzuentwickeln.
281
12.1.4 Employee-Relations-Policies
Systematisiert und normiert werden die Aktivitäten zur Gestaltung der Arbeitsbeziehun-
gen durch Employee-Relations-Policies. In vielen Unternehmen werden solche Richtli-
nien oft nicht explizit formuliert. Damit sind sie meist dem Gutdünken des Personalchefs
überlassen. Dies führt dann oft zu Unklarheiten und Irritationen bei den übrigen Akteu-
ren der Arbeitsbeziehungen, insbesondere bei Arbeitnehmervertretungen.
Employee-Relations-Policies berühren z. B. folgende Themenfelder:
• Kooperation mit Gewerkschaften: In welchem Maße werden Gewerkschaften für wel-
che Felder als Verhandlungspartner anerkannt?
• Kollektive Verhandlungen: Welche Sachverhalte werden in welchem Ausmaß kollektiv
auf Tarifvertrags-, Unternehmens-, Betriebs- oder Arbeitsvertragsebene verhandelt?
• Verfahrensweisen: Wie soll bei Entlassungen, Konflikten und Disziplinierungen ver-
fahren werden?
• Partizipation und Einbeziehung: In welchem Ausmaß werden die Beschäftigten und
ihre Interessenvertretungen in die Entscheidungsfindung einbezogen?
• Partnerschaft: In welchem Maße werden welchen Akteuren Partnerschaften angeboten?
• Beschäftigungsverhältnis: In welchem Ausmaß werden die Bedingungen von
Beschäftigung kollektiv ausgehandelt oder den individuellen Arbeitsvertragsverhand-
lungen überlassen?
• Arbeitsordnung: Bis zu welchem Grad behält sich das Management das Recht vor,
die Arbeitsbedingungen ohne Rücksprache mit Gewerkschaften und Betriebsräten zu
gestalten?
Es lassen sich fünf grundsätzlich verschiedene Einstellungen von Arbeitgebern gegen-
über Arbeitnehmern und ihren Interessenvertretern ausmachen, welche sich auch in den
entsprechenden Policies ausdrücken:
1. Ignoranz: Die Unternehmensleitung hält die institutionelle Arbeitnehmervertretung für
überflüssig und trifft Absprachen direkt mit ausgewählten Gruppen der Arbeitnehmer.
2. Gegnerschaft: Die Unternehmensleitung trifft die Entscheidungen, und die Arbeitneh-
mer haben sich einzufügen. Eine Betriebspartei (Geschäftsleitung vs. Arbeitnehmer-
vertretung) empfindet die andere als Gegner, gegen den es vorzugehen gilt.
3. Traditionell: Es herrscht ein gutes tägliches Arbeitsklima. Die Unternehmensleitung
verhandelt nur die von ihr als mitbestimmungspflichtig angesehenen Angelegenheiten
mit dem Betriebsrat. In der Interpretation, welche Mitbestimmungsrechte in welchem
Fall herrschen, entsteht gelegentlich ein arbeitsrechtlicher Streit.
4. Partnerschaft: Das Unternehmen bezieht die Arbeitnehmer und ihre Interessenvertre-
ter in bestimmte Entscheidungen ein.
5. Machtteilung: Arbeitnehmer und ihre Interessenvertreter sind auch in strategische
Entscheidungen eingebunden (Der Betriebsrat als „Co-Management“).
12.1 Industrielle Beziehungen
282
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
12.1.5 Vertrauenskultur und der Psychologische Vertrag
Vertrauen ist die entscheidende Größe in den Beziehungen zwischen Arbeitnehmer und
Arbeitgeber. In der deutschen betriebswirtschaftlichen Literatur zum Human Resource
Management bzw. zur Personalwirtschaftslehre werden Arbeitsbeziehungen meist nur
unter einem arbeitsrechtlichen Blickwinkel abgehandelt (vgl. z. B. Oechsler 2000). Dem-
gegenüber gehen englische und amerikanische Autoren ausführlich auf die informelle
Seite der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen ein (vgl. z. B. Armstrong 2003; Baron
und Krebs 1999).
Die Beschaffenheit der Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer steht
und fällt
• mit der Arbeitsgestaltung,
• mit der Bezahlung,
• mit den Möglichkeiten für die individuelle Karriere,
• mit der Qualität der Kommunikation mit Kollegen und Vorgesetzten usw.
Insgesamt beeinflusst die Art dieser Beziehungen das Commitment und die Leistungs-
bereitschaft der Arbeitnehmer. Die formale Seite dieser Beziehungen wird durch Regeln
und festgelegte Prozesse gestaltet. Die emotionale Seite beinhaltet Verstehen, Abhängig-
keiten, Erwartungen usw.
Es ist ein anerkannter Fakt, dass Vertrauen die wesentliche Basis für Commitment ist
(vgl. z. B. IPD 1994). Commitment, also die Verbundenheit des Arbeitnehmers mit dem
Unternehmen, und die daraus resultierende innere Bereitschaft, sich mit dem eigenen
Leistungsvermögen voll für das Unternehmen zu engagieren, kann als soziales Kapital
eines Unternehmens gewertet werden.
Das ideale Klima für Vertrauen wird sehr anschaulich von Fox (1973) beschrieben:
Organizational participants share certain ends or values; bear towards each other a diffuse
sense of long-term obligations; offer each other spontaneous support without narrowly cal-
culating the cost or anticipating any short-term reciprocation; communicate honestly and
freely; are ready to response their fortunes in each other’s hand; and give each other the
benefit of any doubt that may arise with respect to goodwill or motivation (Fox 1973).
Vertrauen kann nicht gemanagt werden, aber Vertrauen ist ein Resultat von gutem
Management. Die Voraussetzungen, unter denen Vertrauen zwischen Unternehmen und
Arbeitnehmern entstehen kann, beschreiben (vgl. Leventhal 1980 sowie Tyler und Blies
1990). Für den Fall, dass Vertrauen bereits verloren gegangen ist und nun erneuert wer-
den soll, empfehlen Herriot et al. (1998) ein Vier-Punkte-Programm:
1. Eingeständnis des Top-Managements, dass bisher nicht ausreichend auf die Bedürf-
nisse der Beschäftigten geachtet wurde;
2. Verpflichtung zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in einem begrenzten Bereich;
283
3. Aufbau von Vertrauenswürdigkeit durch nachprüfbare Aktionen;
4. Erreichen einer vertrauensbasierten Atmosphäre, in der sich Management und Arbeit-
nehmer um wechselseitiges Verstehen bemühen.
Der psychologische Vertrag, so wie er von Rousseau und Wade-Benzoni (1994) defi-
niert wurde, bezeichnet ein Set von ungeschriebenen Einstellungen und Erwartungen
von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Dabei sind die subjektiven Perspektiven wichtig, die
von den einzelnen Akteuren eingenommen werden, gleichgültig, ob sie einer objektiven
Wahrheit entsprechen.
Im psychologischen Vertrag basieren die Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehungen auf
unausgesprochenen gegenseitigen Vermutungen. Aus diesem Grunde sind Enttäuschun-
gen nicht zu vermeiden, zumal beide Seiten vielfach selbst nicht genau spezifizieren
können, was sie eigentlich genau wollen. Es ist in diesem Verständnis eine Kernaufgabe
von Human Resource Management, solche unausgesprochenen Vermutungen und Erwar-
tungen zu klären und zu managen.
Vom Standpunkt der Arbeitnehmer stellen sich folgende Fragen:
• Wie fair, gerecht, und verlässlich werde ich behandelt?
• Wie sicher ist mein Arbeitsplatz?
• Welche Kompetenzen muss ich haben, und welche Möglichkeiten habe ich, meine
Kompetenzen zu erweitern?
• Welche Karriere kann ich machen?
• Wie werde ich in Entscheidungen einbezogen, und welchen Einfluss habe ich?
• Welches Vertrauen kann ich in das Management haben?
• Wie sicher ist meine Arbeitsumgebung?
Für den Arbeitgeber sind folgende Fragen relevant:
• Welche Kompetenzen bringt der Arbeitnehmer mit?
• Welches Maß an Leistung ist der Arbeitnehmer bereit zu geben,
• Wie weit ist der Arbeitnehmer bereit, sich dem Willen des Arbeitgebers unterzuordnen?
• In welchem Maße fühlt sich der Arbeitnehmer dem Unternehmen verbunden? Wie
loyal ist der Mitarbeiter dem Unternehmen gegenüber?
Viele Unternehmen versuchen, neben Führungskarrieren auch Fachkarrieren – im
Gegensatz zum klassischen Aufstieg in der Firmenhierarchie – zu etablieren und durch
neue Lernformen eine verbesserte betriebliche Weiterbildung zu ermöglichen. Zwar
können Unternehmen heute meist nicht mehr eine zeitlich unbegrenzte Beschäftigung
garantieren, es gibt aber Unternehmensleitungen, die fühlen sich auch im Zuge von
unvermeidlichem Stellenabbau an den psychologischen Vertrag gebunden. Sie versu-
chen, den freigesetzten Mitarbeitern z. B. durch Weiterbildung oder Outplacement-Initia-
tiven zu helfen und ihre Beschäftigungsfähigkeit zu stärken.
12.1 Industrielle Beziehungen
284
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
Es wird wahrgenommen, wie das Unternehmen mit den Mitarbeitern
umgeht! Auch bei einem umfangreichen Arbeitsplatzabbau bleibt fast
immer eine Kernbelegschaft zurück, deren Vertrauen und Commitment das
Unternehmen dringend benötigt. Bei einem Bruch des psychologischen Ver-
trags im Zuge von Stellenabbau und Entlassungen besteht die Gefahr, dass
auch die bleibenden Mitarbeiter sich von dem Unternehmen abwenden und
in die innere Kündigung gehen.
12.2
Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
Hinweis zu Rechtsthemen Dieses Material dient nicht der Beratung in
Arbeitsrechtsfragen, sondern bietet lediglich einen Überblick über die das
Thema dieses Buches berührenden Aspekte der Beziehung zwischen Arbeit-
geber und Arbeitnehmer. Der Autor übernimmt keine Haftung für die Rich-
tigkeit, Aktualität und Vollständigkeit der in diesem Kapitel dargestellten
arbeitsrechtlichen Inhalte.
Arbeitsbeziehungen werden auf der formalen Ebene durch rechtliche Normen geregelt.
Dabei ist die Frage der Mitbestimmung zentral.
Mitbestimmung kann prinzipiell auf vier Ebenen stattfinden:
• Mitbestimmung des einzelnen Arbeitnehmers am Arbeitsplatz,
• institutionalisierte Mitbestimmung im Betrieb, z. B. durch einen Betriebsrat,
• institutionalisierte Mitbestimmung auf Verbandsebene, z. B. durch Gewerkschaften,
• institutionalisierte Mitbestimmung auf gesellschaftlicher Ebene.
Für die formale Regelung von Arbeitsbeziehungen gibt es eine Vielzahl von arbeitsrecht-
lichen Bestimmungen, die in Deutschland und Europa dafür sorgen, dass die Konflikte
aus der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung im Rahmen von Konventionen, Richtli-
nien, Gesetzen, Verordnungen und Vereinbarungen geordnet ausgetragen werden können.
Rechtsquellen sind
• internationale Konventionen und europäische Richtlinien und Verordnungen,
• nationale Gesetze und Verordnungen,
• Tarifverträge,
• Betriebsvereinbarungen,
• Arbeitsverträge.
285
Geschichte der betrieblichen Arbeitermitbestimmung in Deutschland
Gewerbeordnung von 1850: Bildung von Gewerberäten aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertre-
tern.
Räterepublik 1918/1919: Bestrebungen hin zu einer Wirtschaftsdemokratie mit Mitbestimmung
der Arbeiterschaft auch bei wirtschaftlichen Entscheidungen.
Betriebsrätegesetz von 1920: Wirtschaftliche Mitbestimmung der Arbeiter.
Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933: Auflösung der Gewerkschaften.
Betriebsrätegesetz 1946: wird Grundlage der betrieblichen Mitbestimmung.
Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) von 1972 (Fitting et al. 2016): ist heute (mit Änderungen) gül-
tig. Eine Novellierung fand 2001 statt. Im Betriebsverfassungsgesetz ist keine wirtschaftliche Mit-
bestimmung vorgesehen. Der Betriebsrat bestimmt nur in einigen, die Beschäftigten unmittelbar
betreffenden Bereichen mit.
12.2.1 Systematik des Arbeitsrechts
12.2.1.1 Begriffe
Wichtige Begriffe des Arbeitsrechts sind in Abb. 12.4 dargestellt.
Das Arbeitsrecht ist das für die Regelung der Beziehungen zwischen Arbeitgeber
und Arbeitnehmer geltende Recht. Es gilt prinzipiell überall dort, wo abhängige Arbeit
in einem Arbeitsverhältnis geleistet wird. Ein Arbeitsverhältnis besteht dann, wenn dem
Arbeitgeber versprochene Dienste geleistet werden und dieser dafür eine Vergütung
gewährt (vgl. Richardi 2003, S. 380).
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
Konzern
Unternehmen
.
.
.
Betriebe
Unternehmen
Arbeitgeber
Betrieb
Sondergruppe:
Leitende Angestellte
keine Arbeitnehmer:
• Auszubildende
• Heimarbeiter
• Geschäftsführer
• Handelsvertreter
• freie Mitarbeiter
• Beamte
Gleiche Rechte für
• Aushilfen
• geringfügig Beschäftigte
keine Unterschiede:
• Arbeiter
• Angestellte
• Arbeitsvertrag
• fremdbestimmte Arbeit
• persönliche (vertragsrechtliche)
Abhängigkeit vom Arbeitgeber
. . .
Arbeitnehmer
Vergütung
Leistung
Abb. 12.4 Begriffe im Arbeitsrecht
286
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
Arbeitgeber ist jeder, der mindestens einen Arbeitnehmer beschäftigt. Der Arbeitge-
ber kann eine juristische Person, z. B. ein Unternehmen, eine natürliche Person, z. B. ein
Freiberufler, oder auch eine Person des öffentlichen Rechts, z. B. eine Stadtverwaltung,
sein.
Der Begriff Arbeitnehmer ist gesetzlich nicht definiert. Es ist also ein unbestimmter
Rechtsbegriff.
Was ist ein „unbestimmter Rechtsbegriff“? Gesetze und Verordnungen
enthalten unbestimmte Rechtsbegriffe. Diese sind abstrakt gefasst, sodass
sie interpretiert werden können. Das ist notwendig, denn Gesetze können
nicht ständig den wechselnden äußeren Bedingungen angepasst werden. Es
ist Aufgabe der Gerichte, im Klagefall diese unbestimmten Rechtsbegriffe zu
interpretieren. Gerichtsentscheidungen schließen mit ihren Entscheidungen
also Lücken. Für viele unbestimmte Rechtsbegriffe gibt es höchstrichterliche
Entscheidungen. Diese sind dann von anderen Gerichten zu akzeptieren. Die-
ses „Richterrecht“ hat gerade im Arbeitsrecht große Bedeutung. Es reicht also
nicht, den Gesetzestext zu kennen, sondern es müssen immer auch Urteile
und Kommentare berücksichtigt werden.
Die Rechtsprechung, hier das Bundesarbeitsgericht, hat allerdings einen einheitlichen
Arbeitnehmerbegriff definiert. Danach ist ein Arbeitnehmer, wer aufgrund eines pri-
vatrechtlichen Vertrags weisungsgebundene, fremdbestimmte Arbeit im Dienst eines
anderen leistet. Zur Abgrenzung von Selbstständigen kommt ein weiteres Merkmal des
Arbeitnehmers hinzu: Arbeitnehmer ist nur, wer sich in vertragsrechtlicher Abhängigkeit
zum Arbeitgeber befindet. Letztlich ist also die Existenz eines Arbeitsvertrages für die
Anerkennung als Arbeitnehmer konstituierend.
Keine Arbeitnehmer im Sinne der Definition sind Auszubildende, Heimarbeiter,
Geschäftsführer, Handelsvertreter und freie Mitarbeiter. Auf sie werden aber bestimmte
Arbeitsrechtsregelungen dennoch angewendet. Ebenfalls nicht unter das Arbeitsrecht fal-
len Beamte. Für sie gilt das Beamtenrecht.
Für Aushilfen und geringfügig Beschäftigte gelten dieselben arbeitsrechtlichen Bedin-
gungen, wie für Vollzeitarbeitnehmer.
Eine Sondergruppe bilden die leitenden Angestellten. Sie nehmen im Betrieb Lei-
tungsfunktionen für die Eigentümer wahr. Leitende Angestellte haben damit nach dem
Betriebsverfassungsgesetz kein Wahlrecht bei Wahlen zum Betriebsrat. Sie unterliegen
auch besonderen Kündigungsschutzregelungen.
Traditionell wird zwischen Arbeitern und Angestellten unterschieden. Arbeitern wird
mehr körperlich geprägte, Angestellten eher geistige und künstlerische Arbeit unterstellt.
Heute gibt es kaum noch arbeitsrechtliche Unterschiede zwischen Arbeitern und Ange-
stellten.
Der Betrieb, dessen Definition für viele arbeitsrechtliche Bestimmungen konstituie-
rend ist, wird definiert als selbstständige organisatorische Einheit, die zum fortgesetzten
Erreichen eines arbeitstechnischen Zwecks gebildet wird.
287
Im Gegensatz dazu ist ein Unternehmen eine natürliche Person (Unternehmer) oder
juristische Person (Unternehmen), das der Eigentümer des Betriebs und damit Vertrags-
partner des Arbeitnehmers ist. Zu einem Unternehmen können mehrere Betriebe gehö-
ren. Mehrere Unternehmen können zu einem Konzern gehören.
Arbeitsrechtlich hat der Begriff „Firma“ keine Bedeutung. „Firma“ ist lediglich die
handelsrechtliche Bezeichnung eines Kaufmanns.
12.2.1.2 Deutsches Arbeitsrecht
Nationale Regelungen sind (Abb. 12.5)
• Gesetze,
• Verordnungen und
• allgemeine Verwaltungsvorschriften.
Grundgesetz
Das Grundgesetz ist in der deutschen Rechtssystematik das ranghöchste Gesetz. Es legt
wichtige Rahmenbedingungen für das Arbeitsrecht fest. So wäre z. B. eine versteckte
Kameraüberwachung von Arbeitnehmern mit dem in Artikel 2, Absatz 1 GG veranker-
ten Persönlichkeitsrecht grundsätzlich nicht vereinbar. Die in Artikel 3 GG garantierte
Gleichberechtigung von Mann und Frau verpflichtet den Arbeitgeber zur Zahlung von
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
Regelungsebene
Art der Regelungen (Auswahl)
Grundgesetz
Artikel 1, Absatz 1, Artikel 2, Artikel 3, Abs. 2, Artikel 9, Abs. 2, Artikel 11, Absatz 1, Artikel 12
Gesetze und
Verordnungen
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
Handelsgesetzbuch HGB
Sozialgesetzbuch SGB
Gewerbeordnung GewO
Arbeitsstättenverordnung ArbStättVO
Tarifvertragsgesetz TVG
Betriebsverfassungsgesetz BetrVG
Arbeitsschutzgesetz ArbSchG
Gerätesicherheitsgesetz GSG
Kündigungsschutzgesetz KSchG
Entgeltfortzahlungsgesetz EntgeltfortzG
Bundesurlaubsgesetz BUrlG
Arbeitnehmererfindungsgesetz ArbNErfG
Heimarbeitsgesetz HAG
Berufsbildungsgesetz BBiG
Betriebl. Altersversorgungsgesetz BetrAVG
Arbeitszeitgesetz ArbZG
Ladenschlussgesetz LadschlG
Jugendarbeitsschutzgesetz JArbSchG
Mutterschutzgesetz MuSchG
Bundeserziehungsgeldgesetz BErzGG
Arbeitsplatzschutzgesetz ArbPlSchG
Tarifverträge
Verträge zwischen den Tarifvertragspartnern (Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften) zu
Normen des Arbeitsverhältnisses für ein bestimmtes Tarifgebiet für eine bestimmte Zeit.
Betriebsver-
einbarungen
Vereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat zu den Sachverhalten auf Betriebsebene bei
denen Mitbestimmungsrecht des Betriebsrats besteht.
Arbeitsvertrag
Vertrag zur individuellen Ausgestaltung des Arbeitsverhältnisses zwischen dem Arbeitgeber und
dem Arbeitnehmer.
Rechtsnormähnliche
Gestaltungsmittel
Betriebliche Übung
Direktionsrecht des Arbeitgebers
Gleichbehandlungsgrundsatz
Rechtsprechung
Interpretation von unbestimmten Rechtsbegriffen in Gesetzen und Verordnungen
Abb. 12.5 Deutsches Arbeitsrecht
288
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
gleichem Lohn bei gleicher Arbeit und Qualifikation. Eine Kündigung wegen eines
Gewerkschaftsbeitritts wäre wegen Artikel 9, Absatz 3 GG, in dem die Koalitionsfreiheit
garantiert wird, unwirksam. Ein Arbeitnehmer darf wegen der in Artikel 12 GG garan-
tierten Wahlfreiheit des Berufs nicht zur Aufnahme einer bestimmten Arbeit gezwungen
werden.
Gesetze und Verordnungen
Eine Vielzahl deutscher Gesetze und Verordnungen regelt das Arbeitsverhältnis sowohl
auf der individuellen als auch auf der kollektiven Ebene:
a) Grundlegende Bestimmungen zum Arbeitsrecht sind enthalten
– im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB); es liefert die Grundlagen des Arbeitsvertrags-
rechts;
– im Handelsgesetzbuch (HGB); es regelt die Rechtsverhältnisse der kaufmänni-
schen Angestellten im Handel;
– in der Gewerbeordnung (GewO); sie enthält Rechtsvorschriften für die in einem
Gewerbebetrieb beschäftigten Arbeitnehmer.
b) Die zahlreichen weiteren für das Arbeitsrecht maßgebenden Gesetze und Verordnun-
gen sind u. a.
– Arbeitsstättenverordnung (ArbStättVO),
– Tarifvertragsgesetz (TVG),
– Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG),
– Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG),
– Gerätesicherheitsgesetz (GSG),
– Kündigungsschutzgesetz (KSchG),
– Entgeltfortzahlungsgesetz (EntgeltfortzG),
– Mindestlohngesetz (MiLoG),
– Arbeitnehmer-Entsendegesetz (AEntG),
– Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG),
– Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG).
Sie werden in den folgenden Kapiteln jeweils bei der Behandlung der einzelnen Rechts-
gebiete näher betrachtet.
Tarifverträge
Tarifverträge sind zwischen den Tarifvertragsparteien geschlossene Verträge. In ihnen
werden die in übergeordneten Gesetzen nicht abschließend geregelten Normen der
Arbeitsverhältnisse (z. B. Arbeitsentgelte, Arbeitsbedingungen, Arbeitszeiten etc.) näher
bestimmt und für eine bestimmte Zeit für die Mitglieder der Tarifvertragsparteien verein-
bart. Rechtsgrundlage ist das Tarifvertragsgesetz (TGV).
289
Betriebsvereinbarungen
Betriebsvereinbarungen regeln auf betrieblicher Ebene diejenigen Sachverhalte von
Arbeitsverhältnissen, die nicht durch Gesetze, Verordnungen oder Tarifvereinbarungen
abschließend geregelt sind. Sie haben nach Abschluss Gesetzeskraft. Durch Betriebs-
vereinbarungen werden alle Arbeitsverhältnisse eines Betriebes, außer denjenigen der
Leitenden Angestellten erfasst. Die Arbeitnehmer dürfen nicht ohne Zustimmung des
Betriebsrats auf die ihnen aus einer Betriebsvereinbarung erwachsenden Rechte verzich-
ten oder deren Pflichten missachten. Rechtsgrundlage ist das Betriebsverfassungsgesetz
(BetrVG).
Arbeitsvertrag
Mit dem Arbeitsvertrag wird die individuelle Ausgestaltung des Arbeitsverhältnisses
zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer geregelt. Die Bestimmungen des
Arbeitsvertrages dürfen nicht von den durch Gesetze, Tarifverträge und Betriebsverein-
barungen geregelten Sachverhalten zuungunsten des Arbeitnehmers abweichen. Rechts-
grundlage ist das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB).
Rechtsnormähnliche Gestaltungsmittel
Neben den allgemein verbindlichen Rechtsnormen prägen weitere Mittel zur Gestaltung
des Arbeitsverhältnisses das Arbeitsrecht. Dies sind z. B.
• die Betriebliche Übung,
• das Direktionsrecht des Arbeitgebers und
• der Gleichbehandlungsgrundsatz.
Von Betrieblicher Übung spricht man, wenn der Arbeitgeber über längere Zeiträume
hinweg ein bestimmtes Verhalten an den Tag legt und man davon ausgehen kann, dass
auch in Zukunft ähnlich verfahren wird. Beispiele sind die Zahlung des 13. Monatsge-
halts oder die Freistellung von der Arbeit während der Karnevalszeit. Die Betriebliche
Übung hat Bedeutung bei Ansprüchen auf Sonderzuwendungen wie z. B. Gratifika-
tionen, betriebliche Altersversorgung, Arbeitszeitgestaltung usw. Ansprüche aus der
Betrieblichen Übung werden zum Bestandteil des Arbeitsvertrages und können nur durch
Änderungsvertrag oder Änderungskündigung beseitigt werden, wenn es keinen aus-
drücklichen Vorbehalt des Arbeitgebers für die betreffende Leistung gibt.
Das Direktionsrecht des Arbeitgebers betrifft das Recht des Arbeitgebers, die Art, den
Ort und die Zeit sowie bestimmte Umstände der Leistungserbringung durch den Arbeit-
nehmer zu bestimmen. Hierunter fallen z. B. die Aufforderung des Arbeitgebers, Schutz-
oder Dienstkleidung zu tragen oder das Recht, ein Rauchverbot auszusprechen.
Der Gleichbehandlungsgrundsatz ist im Betriebsverfassungsgesetz § 75 verankert. Er
verpflichtet den Arbeitgeber, alle Arbeitnehmer gleich zu behandeln, solange nicht sach-
liche Gesichtspunkte dagegen sprechen.
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
290
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
Rechtsprechung
Weite Teile des Arbeitsrechts beinhalten unbestimmte Rechtsbegriffe. Diese werden
von Gerichten im Klagefall interpretiert und durch Urteile ausgefüllt. Insbesondere die
Regelungen des Arbeitsvertragsrechts und des Arbeitskampfrechts werden oft durch die
Rechtsprechung fallweise ausgelegt.
12.2.2 Ebenen des Arbeitsrechts
Im Folgenden werden die Ebenen des deutschen Arbeitsrechts zusammenfassend darge-
stellt (Abb. 12.6):
Das individuelle Arbeitsrecht regelt die Beziehung eines Arbeitgebers zum einzelnen
Arbeitnehmer.
• Im Arbeitsvertrag werden die Rechte und Pflichten von Arbeitnehmer und Arbeitge-
ber aus dem jeweils spezifischen Arbeitsverhältnis geregelt.
• Unter dem Begriff Arbeitsschutzrecht werden die vom Staat erlassenen Vorschriften
zum Schutz der Arbeitnehmer zusammengefasst.
Das kollektive Arbeitsrecht (vgl. Rieble 2003, S. 368 ff.) regelt
• die Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden durch Tarifverträge,
• die Beziehungen zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber durch die Betriebliche Mitbe-
stimmung.
12.2.3 Individuelles Arbeitsrecht
Das individuelle Arbeitsrecht (Abb. 12.7) regelt die Beziehungen zwischen dem Arbeit-
geber und dem einzelnem Arbeitnehmer (vgl. auch Jung 2003). Es besteht aus Arbeits-
vertragsrecht und Arbeitsschutzrecht.
Arbeitsrecht
Kollektives
Arbeitsrecht
Mitbestim-
mungsrecht
Tarifvertrags-
recht
Individuelles
Arbeitsrecht
Arbeits-
schutzrecht
Arbeits-
vertragsrecht
Abb. 12.6 Ebenen des Arbeitsrechts (nach Jung 2003, S. 52)
291
Grundlage des Arbeitsvertragsrechts sind das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), das
Handelsgesetzbuch (HGB) und die Gewerbeordnung (GewO). Darin sind die für den
Arbeitsvertrag geltenden Bestimmungen enthalten. Im HGB finden sich die gesetzlichen
Grundlagen für Handlungsgehilfen und Handlungslehrlinge. Die Gewerbeordnung regelt
die Stellung des Arbeitnehmers.
Das Arbeitsschutzrecht gliedert sich in Vorschriften für die gesamte Arbeitnehmer-
schaft und in Sondervorschriften für einzelne Gruppen von Arbeitnehmern.
12.2.3.1 Arbeitsvertragsrecht
Hauptpflichten von Arbeitnehmern und Arbeitgebern
Grundlage für das Zustandekommen eines Arbeitsverhältnisses ist ein Arbeitsvertrag
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der Arbeitsvertrag ist ein privatrechtlicher Ver-
trag. Einzelheiten über Ausgestaltung und Inhalt sind im Bürgerlichen Gesetzbuch gere-
gelt. Der Arbeitnehmer ist dadurch zu einer Leistungserbringung verpflichtet und der
Arbeitgeber zur Zahlung eines Arbeitsentgelts als Gegenleistung.
Damit sind die Hauptpflichten aus dem durch den Arbeitsvertrag begründeten Arbeits-
verhältnis definiert (Abb. 12.8). Daneben treten als wichtigste Nebenpflichten die Treue-
pflicht, die der Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber hat und die Fürsorgepflicht des
Arbeitgebers gegenüber dem Arbeitnehmer.
Mit dem Abschluss des Arbeitsvertrags verspricht der Arbeitnehmer die Erbringung
bestimmter Leistungen. Die Hauptpflicht des Arbeitnehmers besteht in der Pflicht zu
arbeiten, um diese versprochenen Leistungen zu erbringen. Die Hauptpflicht des Arbeitge-
bers besteht darin, im Gegenzug das versprochene Arbeitsentgelt zu zahlen. Dazu gehören
auch Lohnfortzahlungen gemäß den gesetzlichen Bestimmungen, z. B. im Krankheitsfall.
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
Individuelles Arbeitsrecht
regelt Beziehungen zwischen Arbeitgeber und
einzelnem Arbeitnehmer
Arbeitsvertragsrecht
Arbeitsschutzrecht
Sondervorschriften für
Beschäftigtengruppen
Allgemeine Vorschriften
BGB
HGB
GewO
Abb. 12.7 Individuelles Arbeitsrecht
292
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
Nebenpflichten des Arbeitnehmers
Der Arbeitnehmer hat weiterhin sogenannte Nebenpflichten:
• Die Treuepflicht besteht z. B. darin, Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse nicht preis-
zugeben, keine Schmiergelder anzunehmen und nicht in einen direkten Wettbewerb
zum Arbeitgeber zu treten.
• Die Haftungspflicht besagt, dass der Arbeitnehmer für Schäden haftet, die er im Rah-
men der Erfüllung seines Arbeitsvertrags verursacht. Das Ausmaß seiner Haftung
richtet sich nach dem Grad des Verschuldens, welches im Einzelfall abgewogen wer-
den muss.
• Die Gehorsamspflicht des Arbeitnehmers ist das Gegenstück zum Direktionsrecht des
Arbeitsgebers. Der Arbeitnehmer hat innerhalb des Betriebs Weisungen des Arbeitge-
bers zu befolgen, wenn sie sich im Rahmen geltenden Rechts bewegen.
• Der Arbeitnehmer ist weiterhin zur Ableistung von Mehrarbeit verpflichtet, soweit
Überstunden arbeitsvertraglich vereinbart wurden oder Betriebsvereinbarungen bzw.
tarifvertragliche Regelungen diesbezüglich Anwendung finden.
• Zu den Nebenpflichten des Arbeitnehmers gehört z. B. auch die Pflicht, mit dem zur
Ausübung einer Tätigkeit überlassenen Werkzeug pfleglich umzugehen oder aber
auch auf drohende Gefahren (Feuer im Betrieb) hinzuweisen. Weiterhin gehört hierzu
das Wettbewerbsverbot. Arbeitnehmer haben in diesem Zusammenhang eine Ver-
schwiegenheitspflicht, d. h., sie müssen Geschäftsgeheimnisse wahren.
Nebenpflichten des Arbeitgebers
Die Nebenpflichten des Arbeitgebers beziehen sich in erster Linie auf Schutzpflichten.
Hierzu gehören z. B.
Pflichten aus dem
Arbeitsverhältnis
Arbeitgeberpflichten
Arbeitnehmerpflichten
Hauptpflicht
Nebenpflichten
Arbeitspflicht
Treuepflicht
Haftungspflicht
Gehorsamspflicht
Hauptpflicht
Nebenpflichten
Lohnzahlungspflicht
Fürsorgepflicht
Urlaubsgewährung
Zeugnisausstellung
Abb. 12.8 Pflichten aus dem Arbeitsverhältnis. (Nach Jung 2003, S. 61)
293
• der Gleichbehandlungsgrundsatz. Das Grundgesetz formuliert die rechtliche Gleich-
heit aller Menschen (Art. 3 I GG), insbesondere von Mann und Frau. So wurde z. B.
schon vor vielen Jahren untersagt, eine Kinderzulage im Betrieb zu gewähren, welche
Unterschiede macht zwischen ehelichen und nicht ehelichen Müttern. In dem Rechts-
streit ging es darum, dass eheliche Mütter schon beim ersten Kind eine Kinderzulage
erhielten, während nicht eheliche Mütter diese Zulage erst beim dritten Kind beka-
men. Weiterhin statuiert der Gleichbehandlungsgrundsatz auch die Lohngleichheit
für Mann und Frau bei gleicher Art der Tätigkeit. Dieses Prinzip wird auch heute
noch häufig in der Praxis vernachlässigt, indem bestimmte, „offensichtlich“ leichte
Arbeiten geringer bezahlt werden und auch nur Frauen zugewiesen werden (Leiter-
plattenbestückung). Allerdings entfällt der Gleichbehandlungsgrundsatz dort, wo der
Arbeitgeber mit einzelnen Arbeitnehmern Regelungen vertraglich aushandelt (z. B.
Firmenwagen). Hier hat die Vertragsfreiheit Vorrang vor dem allgemeinen Gleichbe-
handlungsgrundsatz.
• Eigentlich selbstverständlich, jedoch auch gesetzlich geregelt ist die Beschäfti-
gungspflicht. Der Beschäftigungsanspruch ergibt sich aus der Gegenseitigkeit des
Arbeitsvertragsverhältnisses. Ausgenommen hiervon sind Situationen, bei denen im
konkreten Fall überwiegende Interessen des Arbeitgebers vorliegen, die eine Nichtbe-
schäftigung rechtfertigen (Diebstahl oder aber auch erheblicher Arbeitsmangel).
• Die Fürsorgepflicht besagt, dass der Arbeitgeber dafür Sorge zu tragen hat, dass
Leben, Gesundheit und Eigentum des Arbeitnehmers im Betrieb keinen Schaden neh-
men.
• Der Arbeitgeber muss dem Arbeitnehmer mindestens den gesetzlich garantierten
Urlaub gewähren. Die tatsächliche Höhe des Urlaubs ist durch die jeweiligen Tarif-
verträge geregelt.
• Der Arbeitgeber muss dem Arbeitnehmer auf Verlangen ein Zeugnis ausstellen, wel-
ches eine Beurteilung der Leistungen beinhaltet. Die Personalakten dürfen aber dem
neuen Arbeitgeber nicht überlassen werden.
Regelungen im Arbeitsvertrag
Eine bestimmte Form ist für den Arbeitsvertrag nicht vorgeschrieben. Dennoch empfiehlt
es sich, einen Arbeitsvertrag schriftlich abzufassen, in dem die wesentlichen formalen
Rahmenbedingungen und das Tätigkeitsgebiet des Arbeitnehmers aufgeführt sind. Fol-
gende Einzelheiten sollten mindestens im Arbeitsvertrag geregelt sein:
• Name und Anschrift der Vertragsparteien,
• Zeitpunkt und Beginn des Arbeitsverhältnisses,
• Beschreibung des Tätigkeitsgebiets, welches der Arbeitnehmer ausführen soll,
• Zusammensetzung und Höhe des Arbeitsentgelts,
• Urlaubsdauer,
• Kündigungsfristen.
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
294
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
Bei tarifgebundenen Unternehmen empfiehlt es sich, einen allgemeinen Hinweis auf
bestehende Tarifverträge aufzunehmen. Weiterhin kann auf Betriebsvereinbarungen
hingewiesen werden, die dem zukünftigen Mitarbeiter die Einordnung in den Betrieb
erleichtern können.
Regelungen zur Arbeitsleistung
Im Arbeitsvertrag ist die zu erbringende Leistung meist nur grob beschrieben. Der
Arbeitgeber konkretisiert die zu erbringende Arbeitsleistung durch Anweisungen. Diese
Anweisungen bestimmen den Inhalt der vertraglichen Arbeitspflicht. Der Arbeitnehmer
ist somit auch verpflichtet, sich in die Organisation des Betriebes und der Arbeitsabläufe
einzufügen. Folgerichtig bestimmt der Arbeitgeber auch Zeit, Ort und die Art der Tätig-
keit, also wann, wo und wie eine Arbeitsleistung zu erbringen ist.
Aus dieser Konkretisierung der zu erbringenden Arbeitsleistung ergibt sich eine
Abhängigkeit im Beschäftigungsverhältnis. Der Arbeitnehmer ist weisungsgebunden.
Die Leistungspflicht eines Arbeitnehmers wird grundsätzlich nach Zeiteinheiten
bemessen, d. h., die Zeit ist das Maß für die vom Arbeitnehmer zu erbringende Leis-
tung. Auch bei Akkordarbeit bestimmt die Dauer der Arbeitszeit die Leistungspflicht des
Arbeitnehmers. Die Vergütung bei Akkordarbeit richtet sich allerdings nach dem Leis-
tungsergebnis, welches in einer bestimmten Zeit erbracht wurde. Die insgesamt erlaubte
Arbeitszeit ist im Arbeitszeitgesetz (ArbZG) geregelt.
Vertrag mit einem „freien Mitarbeiter“
Der „freie Mitarbeiter“ ist ein Selbstständiger und damit Auftragnehmer eines Unterneh-
mers. Er erbringt eine Leistung für ein Unternehmen und wird dafür bezahlt. Wichtig ist,
dass der freie Mitarbeiter nicht an festgelegte Zeiten gebunden ist, dass er nicht wie ein
Mitarbeiter in den Betrieb eingebunden wird. Dennoch kann er, wenn es notwendig ist,
im Betrieb arbeiten. Ein freier Mitarbeiter muss seine Bezüge selbst versteuern und ggf.
entsprechende Sozialversicherungsbeiträge abführen. Dies sollte auch im Vertrag des
freien Mitarbeiters vermerkt werden.
Der freie Mitarbeiter schuldet dem Unternehmen Leistungen im Rahmen eines
Dienstleistungsvertrages. Dies bedeutet, dass der Arbeitgeber gegenüber dem freien Mit-
arbeiter kein Weisungsrecht ausüben darf. Dies ist arbeitsrechtlich gesehen der wesentli-
che Unterschied zum Arbeitsvertrag mit einem Mitarbeiter. Im Rechtsstreit darüber, ob
es sich um ein Arbeitsverhältnis handelt oder um freie Mitarbeit, ist nicht entscheidend,
was im Vertrag steht, sondern wie eine Tätigkeit tatsächlich ausgeführt wird. Deshalb
sollte man als Arbeitgeber genau darauf achten, dass es sich bei der Vereinbarung über
freie Mitarbeit auch tatsächlich um eine solche handelt.
12.2.3.2 Arbeitsschutzrecht
Da der Arbeitnehmer der wirtschaftlich schwächere Partner des Arbeitsvertrages ist, hat
der Arbeitgeber zusätzliche Schutzpflichten, die im Arbeitsschutzrecht geregelt sind. Die
betreffenden Gesetze und Verordnungen fußen auf den in Abb. 12.9 dargelegten Grund-
sätzen.
295
Zu unterscheiden sind
• allgemeine Schutzvorschriften, die für jedermann gelten (z. B. Arbeitsschutzgesetz
[ArbschG], Arbeitszeitgesetz [ArbzG]), und
• besondere Schutzvorschriften, die bestimmte Personengruppen zusätzlich schützen
sollen (z. B. Jugendarbeitsschutzgesetz [JArbSchG], Sozialgesetzbuch IX [SGB IX –
Schwerbehindertenrecht]).
Kompetenzen
Arbeitsschutz wird im Grundsatz durch Gesetze geregelt. Für verschiedene Anwen-
dungsgebiete konkretisieren Verordnungen und Verwaltungsvorschriften die Regelungen.
Beim Zustandekommen der Regelungen werden die Tarifvertragsparteien einbezogen.
Die Unfallversicherungsträger gestalten das Recht durch Unfallverhütungsvorschriften
für verschiedene Tätigkeiten und Branchen mit.
Die relativ statischen Gesetze und Verordnungen werden durch die Einbeziehung
des Begriffs „aktueller Stand der Wissenschaft und Technik“ mit den jeweils aktuel-
len wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten verknüpft. Diese „gesicherten
arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse“ füllen die Rechtsvorschriften im Detail aus. Der
Hinweis darauf findet sich z. B. im Arbeitsschutzgesetz (ArbschG) und im Gerätesicher-
heitsgesetz (GSG).
Der Arbeitgeber ist für die Sicherheit und die Gesundheit der von ihm beschäf-
tigten Arbeitnehmer verantwortlich. Er hat Sicherheitsfachkräfte und Betriebsärzte
zu bestellen, die ihn in Fragen des Arbeitsschutzes unterstützen. Die Einhaltung von
Arbeitsschutzregelungen ist rechtsverbindlich und wird von den staatlichen Arbeits-
schutzbehörden oder den Gewerbeaufsichtsämtern auf Länderebene und von den Unfall-
versicherungsträgern überwacht.
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
Abb. 12.9 Grundsätze des
Arbeitsschutzrechts. (Nach
Jung 2003, S. 66)
Arbeitsschutzrecht ist öffentlich-
rechtliche Pflicht des Arbeitgebers
Das Arbeitsschutzrecht ist
unabdingbar
Recht des Arbeitnehmers auf
Arbeitsverweigerung und
Schadenersatz
Verletzung von
Arbeitsschutzvorschriften ist
Ordnungswidrigkeit oder Straftat
296
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
Arbeitsschutzgesetz
Das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) von 1996 stellt die Umsetzung der EG-Richtlinie
89/391/EWG aus dem Jahre 1989 dar. In diesem Zusammenhang wurden weitere Ein-
zelrichtlinien in nationales Recht umgesetzt, z. B. die Bildschirmarbeitsverordnung
(BildschArbVO), die Lastenhandhabungsverordnung (LasthandhabV) und die Baustel-
lenverordnung (BaustellV).
Nach dem Arbeitsschutzgesetz muss der Arbeitgeber eine Gefährdungsbeurteilung
(Abschn. 13.2.1.2) für die Arbeitsplätze durchführen.
Gewerbeordnung
Die Gewerbeordnung (GewO) ist die Grundlage des allgemeinen Gefahrenschutzes. In
ihr ist bestimmt, dass Arbeitsräume und Arbeitsmittel so gestaltet sein müssen, dass von
ihnen keine Gefahr für Leben und Gesundheit der Arbeitnehmer ausgeht.
Arbeitssicherheitsgesetz
Das Arbeitssicherheitsgesetz (ASiG) bestimmt, dass der Arbeitgeber Betriebsärzte,
Sicherheitsingenieure und andere für die Sicherheit der Arbeitnehmer zuständige Fach-
kräfte bestellen muss, die ihn bei der Einhaltung seiner Arbeitsschutzpflichten unterstüt-
zen. Die Einhaltung dieser Vorschriften kontrolliert der Betriebsrat sowie die staatliche
Aufsicht und die Berufsgenossenschaft.
Arbeitsstättenverordnung
Die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) enthält die nach dem „aktuellen Stand der
technischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse“ wesentlichen Anforderungen an die
Betriebsstätte. Dies umfasst
• sicherheitstechnische,
• arbeitsmedizinische,
• hygienische und
• ergonomische Anforderungen.
Arbeitszeitgesetz
Das Arbeitszeitgesetz (ArbzG) bestimmt die maximal zulässigen Arbeitszeiten sowie die
einzuhaltenden Ruhepausen.
Gesetz über technische Arbeitsmittel und Verbraucherprodukte
Das Gesetz über technische Arbeitsmittel und Verbraucherprodukte (Geräte- und Produk-
tionssicherheitsgesetz GPSG) regelt auch die Sicherheitsanforderungen an Maschinen
und Geräte, die notwendig sind, um Arbeitsunfälle zu vermeiden. Es wird ergänzt durch
die Unfallverhütungsvorschriften der Berufsgenossenschaften.
297
Jugendarbeitsschutzgesetz
Das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) enthält besondere Arbeitsschutzregeln für
Beschäftigte unter 18 Jahren. Darin enthalten sind Bestimmungen über die maximal
zulässige Arbeitszeit, die Anrechnung des Berufsschulunterrichts, die Dauer der Ruhe-
pausen, den Urlaubsanspruch, Akkordarbeit und Arbeit mit erhöhtem Risiko.
Mutterschutzgesetz
Das Mutterschutzgesetz (MuschG) regelt den Schutz erwerbstätiger Mütter. Enthalten
sind Regelungen für die Gestaltung von Arbeitsplätzen der Arbeitsorganisation sowie
Beschäftigungsverbote für werdende Mütter in bestimmten Tätigkeitsbereichen. Geregelt
ist weiterhin der Kündigungsschutz nach der Entbindung.
12.2.4 Kollektives Arbeitsrecht
Das kollektive Arbeitsrecht (Abb. 12.10) regelt diejenigen Beziehungen zwischen Arbeit-
geber und Arbeitnehmer, in denen der Arbeitnehmer nicht einzeln auftritt, sondern sich
durch eine Gruppe vertreten lässt. Dabei treten sich Arbeitgeber und Arbeitgeberver-
bände einerseits und Gewerkschaften und Betriebsräte andererseits gegenüber.
Man unterscheidet das Tarifvertragsrecht und das Mitbestimmungsrecht.
Ein Tarifvertrag wird normalerweise vom zuständigen Arbeitgeberverband, z. B.
„Nordmetall“, und der zuständigen Gewerkschaft, z. B. „Industriegewerkschaft Metall“,
für einen Tarifvertragsbezirk, z. B. für den „Bezirk Küste“, für bestimmte Inhalte, z. B.
„Lohn- und Gehaltstarifverträge“, ausgehandelt. Diese Tarifverträge nennt man Ver-
bandstarifverträge, weil sie von den Verbänden der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer
vereinbart werden.
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
Kollektives Arbeitsrecht
regelt die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und ihren Verbänden und den
Interessenvertretungen der Arbeitnehmer.
Tarifvertragsrecht
Mitbestimmungsrecht
Mitbestimmung auf
Unternehmensebene
Mitbestimmung auf
Betriebsebene
Verbandstarifvertrag
Haustarifvertrag
Abb. 12.10 Kollektives Arbeitsrecht
298
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
Eine andere Kategorie sind die Haustarifverträge. Sie werden zwischen einem einzel-
nen Arbeitgeber und einer Gewerkschaft geschlossen. Dies geschieht häufig, wenn der
Arbeitgeber in keinem Arbeitgeberverband Mitglied ist.
Im Mitbestimmungsrecht unterscheidet man die Betriebliche Mitbestimmung und die
Mitbestimmung auf Unternehmensebene.
Bei der Betrieblichen Mitbestimmung kann in einem Betrieb die Arbeitnehmerver-
tretung, das ist in der Privatwirtschaft der Betriebsrat, mit dem Arbeitgeber Betriebs-
vereinbarungen im Rahmen der durch das Betriebsverfassungsgesetz garantierten
Mitbestimmungsrechte abschließen.
Bei der Mitbestimmung auf Unternehmensebene sind Arbeitnehmervertreter im Auf-
sichtsrat von Kapitalgesellschaften vertreten und entscheiden dort über die Angelegen-
heiten des Unternehmens mit.
12.2.5 Tarifvertragsrecht
Ein Tarifvertrag ist eine schriftliche Vereinbarung zwischen einer Gewerkschaft und
einem Arbeitgeberverband oder einem einzelnen Arbeitgeber. Man kann Tarifverträge
nach den in Abb. 12.11 dargestellten Merkmalen einteilen.
Im Artikel 9, Abs. 3 (Koalitionsfreiheit) des Grundgesetzes ist verankert, dass sich
freie Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände bilden und betätigen können. Beide
Tarifpartner können somit ohne Einmischung durch den Staat Tarifverträge aushandeln
(Tarifautonomie). Es darf aber niemand gezwungen werden, einer Gewerkschaft oder
einem Arbeitgeberverband beizutreten.
Tarifverträge
Regelungsbereich
Beteiligte Partner
Lohn- und Gehaltstarifverträge
Vereinbarung des Ecklohns
übliche Laufzeit 1 Jahr
Rahmentarifverträge
Vereinbarung der Lohnarten und der
Eingruppierung
Manteltarifverträge
Vereinbarung von Arbeitszeiten,
Ruhepausen, Urlaub, Kündigungsfristen
Laufzeit länger als 1 Jahr
Verbandstarifvertrag
Vertragspartner: Arbeitgeberverband und
Gewerkschaft
Haustarifvertrag
Vertragspartner: Einzelner Arbeitgeber und
Gewerkschaft
Abb. 12.11 Klassifizierung von Tarifverträgen
299
Das Tarifvertragsgesetz (TVG) regelt die formalen Grundlagen des Tarifsystems. Dort
sind Regeln enthalten über
• Inhalt und Form des Vertrages,
• die Tarifvertragsparteien,
• Wirkung der Tarifnormen,
• Allgemeinverbindlichkeit des Tarifvertrages,
• Tarifregister,
• Übersende- und Mitteilungspflicht und
• Bekanntgabe des Tarifvertrages.
Tarifverträge werden in der Regel für
• Wirtschaftszweige abgeschlossen, gelten
• für eine bestimmte Region (Flächentarifvertrag) und
• für einen bestimmten Zeitraum.
Vor Ablauf des Tarifvertrages werden neue Verhandlungen aufgenommen. Bis ein neuer
Tarifvertrag abgeschlossen ist, gilt der bestehende Tarifvertrag weiter.
Der Tarifvertrag ist unabdingbar auf das Arbeitsverhältnis des einzelnen Arbeit-
nehmers anwendbar, wenn sein Betrieb in den regionalen und fachlichen Bereich des
Tarifvertrages fällt und wenn der Arbeitgeber Mitglied in dem vertragschließenden
Arbeitgeberverband und der Arbeitnehmer Mitglied in der vertragschließenden Gewerk-
schaft ist. Die im Tarifvertrag ausgehandelten Regelungen gelten in diesem Fall für den
einzelnen Arbeitnehmer, auch wenn sein Arbeitsvertrag nicht ausdrücklich Bezug auf
den Tarifvertrag nimmt.
Der Tarifvertrag kann auch Geltung für alle nicht tarifgebundenen Arbeitnehmer
erlangen, wenn der Bundesarbeitsminister im Einvernehmen mit den Tarifvertragspar-
teien den Tarifabschluss als allgemein verbindlich erklärt. Voraussetzung ist, dass min-
destens 50 % der unter den Geltungsbereich des Tarifvertrages fallenden Arbeitnehmer
bei den vom Tarifvertrag erfassten tarifgebundenen Arbeitgebern beschäftigt sind (Allge-
meinverbindlichkeitserklärung).
Die Gewerkschaften bemühen sich in der Regel, mit Unternehmen, die nicht einem
Arbeitgeberverband angehören, einen Haustarifvertrag abzuschließen. Darin können,
ebenso wie im normalen Branchentarifvertrag alle Arbeits- und Einkommensbedingun-
gen geregelt werden. Ein solches Unternehmen kann aber auch mit der Gewerkschaft
einen Anerkennungsvertrag abschließen, in dem es die Anerkennung des Branchentarif-
vertrages erklärt. Tritt ein Unternehmen während der Laufzeit des Tarifvertrages aus dem
Arbeitgeberverband aus, so bleiben die Regelungen des Tarifvertrages trotzdem für die-
ses Unternehmen gültig und es herrscht Friedenspflicht.
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
300
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
In der betrieblichen Praxis lassen die Arbeitgeber in der Regel auch für diejenigen
Arbeitnehmer, die nicht Gewerkschaftsmitglieder sind, freiwillig die Tarifvertragsab-
schlüsse gelten.
Abweichungen vom Tarifvertrag sind nur dann statthaft, wenn sie den Arbeitnehmer
günstiger stellen (Günstigkeitsprinzip). Ein Verzicht auf Tarifrechte ist nicht statthaft.
Tarifvereinbarungen haben in der Rechtssystematik Vorrang vor betrieblichen Ver-
einbarungen. Das Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) bestimmt ausdrücklich, dass
Arbeitsentgelte und sonstige Arbeitsbedingungen üblicherweise durch Tarifvertrag gere-
gelt werden und nicht Gegenstand einer Betriebsvereinbarung sind. Allerdings können
die Regelungen des Tarifvertrags durch Betriebsvereinbarungen betriebsspezifisch prä-
zisiert und ausgestaltet werden. Dies geschieht in der Regel über „Öffnungsklauseln“ im
Tarifvertrag.
Öffnungsklauseln sind Bestimmungen in der Tarifvereinbarung, die zu bestimmten
Regelungen betriebliche Präzisierungen durch Betriebsvereinbarungen oder durch den
Arbeitsvertrag zulassen. Dies sind z. B. Abweichungen von Tariflöhnen in mittelstän-
dischen Unternehmen für den Fall einer wirtschaftlichen Krisensituation des Unterneh-
mens.
Scheitern die Tarifverhandlungen, kann ein Schlichtungsverfahren in Kraft treten.
Dieses Verfahren ist im Tarifvertrag vereinbart. Die Schlichtungskommission setzt sich
in der Regel paritätisch aus Vertretern beider Tarifvertragsparteien zusammen. Es kann
einvernehmlich auch ein externer Schlichter bestellt werden.
Während der Laufzeit eines Tarifvertrags besteht für die Tarifvertragspartner Frie-
denspflicht. Das bedeutet, dass in diesem Zeitraum keine Arbeitskampfmaßnahmen, also
vor allem Streiks oder Aussperrungen, zulässig sind.
Arbeitskampf
Wenn die Tarifvertragspartner sich nicht einig geworden sind und wenn auch die
Schlichtung nicht zum Erfolg geführt hat, können die Auseinandersetzungen auch mit
den Mitteln des Arbeitskampfes weitergeführt werden (vgl. Löwisch 2003, S. 257 ff.)
(Abb. 12.12). Die Arbeitskampfmittel sind durch Artikel 9 Absatz 3 GG verfassungs-
rechtlich garantiert.
Streik als zentrales Arbeitskampfmittel der Arbeitnehmer Auf der
Arbeitnehmerseite ist der Streik das zentrale Arbeitskampfmittel. Die auf der
Arbeitgeberseite manchmal praktizierte Aussperrung hat aber nur eine einge-
schränkte rechtliche Grundlage im Arbeitsrecht. Der Arbeitskampf soll grund-
sätzlich Konfliktlösungsfunktion haben. Arbeitskämpfe dürfen nur als Mittel zur
Erlangung eines Tarifvertrages geführt werden. Alle anderen Arbeitskampf-
maßnahmen, z. B. politische Streiks, sind in Deutschland also unzulässig.
Auch Streiks auf betrieblicher Ebene, wo durch das Betriebsverfassungsgesetz
bereits zwingende rechtliche Regelungen existieren, sind unzulässig.
301
Für Arbeitskampfmaßnahmen gilt ein Übermaßverbot. Das bedeutet, dass Arbeitskampf-
maßnahmen zur Lösung des Tarifkonflikts erforderlich und geeignet sein müssen, wenn
sie denn ergriffen werden. Als erforderlich gilt ein Arbeitskampf dann, wenn alle Ver-
handlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Das heißt umgekehrt, dass während der Ver-
handlungen kein Arbeitskampf, auch kein „Warnstreik“, stattfinden darf.
Das Übermaßverbot beschränkt die Möglichkeiten des Arbeitgebers zur Aussperrung:
Soweit die Aussperrung nicht notwendig ist, um ein Verhandlungsgleichgewicht herzu-
stellen, ist sie rechtswidrig. Bei der Beurteilung der Frage, ob eine Aussperrung rechtens
ist, spielt das Verhältnis der Streikenden gegenüber der Zahl der von einer Aussper-
rung Betroffenen eine wichtige Rolle. So wäre z. B. eine bundesweite Aussperrung als
Abwehrmaßnahme gegen einen Streik in einem kleinen Tarifbezirk unverhältnismäßig
und darum rechtswidrig. Aussperrungen dürfen nur zur Abwehr von Streiks genutzt wer-
den. „Angriffsaussperrungen“, mit denen die Arbeitgeberseite einen Arbeitskampf begin-
nen würde, sind nicht statthaft.
„Wilder Streik“ Ein Streik ist die gemeinsame und planmäßige Weigerung
einer größeren Zahl von Arbeitnehmern, ihre Arbeit zu verrichten. Da nur
Gewerkschaften tariffähig sind, darf ein Streik auch nur von Gewerkschaften
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
Tarifvertrags-
verhandlungen
Schlichtungs-
verfahren
Einigung
Einigung
Urabstimmung
über Streikbeginn
Zustimmung
75%
Streik
ggf. Aussperrung als
Gegenmaßnahme
neue
Verhandlungen
Urabstimmung der
Gew.-Mitglieder
über Ergebnis
Zustimmung
75%
Tarifvertrag
ja
nein
ja
nein
nein
ja
ja
nein
Abb. 12.12 Phasen des Arbeitskampfes
302
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
geführt werden. Ein Streik, der unabhängig von einer Gewerkschaft geführt
wird, wird als „wilder Streik“ bezeichnet und kann für die Beteiligten zur Kündi-
gung führen.
Vor einem Streik muss eine Urabstimmung unter den Gewerkschaftsmitgliedern durch-
geführt werden. Dabei muss eine Stimmenmehrheit von mindestens 75 % erzielt werden,
um einen Streik ausrufen zu können.
Bei einem rechtmäßigen Streik wird das Arbeitsverhältnis des Streikenden sus-
pendiert. Das bedeutet, dass für die Zeit des Arbeitskampfes die Pflicht des Arbeitneh-
mers zur Erbringung der Arbeitsleistung und die Pflicht des Arbeitgebers zur Zahlung
des Arbeitsentgelts entfallen. Gewerkschaftsmitglieder erhalten in der Zeit des Streiks
„Streikgeld“ von ihrer Gewerkschaft, das ist ein gewisser Anteil vom Lohn – in der
Regel zwei Drittel des letzten Lohns. Bei Warnstreiks wird keine Unterstützung durch
die Gewerkschaft gezahlt. Um Streikgelder zahlen zu können, bilden Gewerkschaften
u. a. aus den Mitgliedsbeiträgen Rückstellungen. Arbeitnehmer, die vom Streik betroffen
aber keine Gewerkschaftsmitglieder sind, erhalten von der Gewerkschaft keine Unter-
stützung. Sie werden aber oft vom Arbeitgeber, zumindest teilweise, freiwillig weiter
bezahlt.
12.2.6 Betriebliche Mitbestimmung
Mitbestimmung ist ein wichtiger Pfeiler der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der
Bundesrepublik Deutschland. Ihr werden einerseits Wirkungen zugeschrieben, die die Integ-
ration der Arbeitnehmer in Unternehmen und Gesellschaft befördern und die soziale Stabili-
tät als Grundlage einer leistungsstarken Wirtschaft bilden; andererseits gilt Mitbestimmung
als Bremsklotz einer schnellen Anpassung an neue Marktherausforderungen und als mögli-
cher Nachteil für Unternehmen am ‚Standort D.‘ (Wächter 2003, S. 1240).
Mit dieser zusammenfassenden Feststellung beschreibt Wächter die polarisierte Diskus-
sion um die betriebliche Mitbestimmung in Deutschland. In diesem Kapitel soll deutlich
werden, dass von der Rechtslage her alle Weichen für ein produktives Miteinander zwi-
schen den Betriebsparteien, für eine „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ gestellt sind.
Allerdings sollte ein solches Miteinander von Arbeitgeber und Arbeitnehmervertre-
tung nicht zu Verhältnissen führen, wie sie sich offenbar in einigen der großen Unterneh-
men der Auto- und Stahlindustrie etabliert haben (siehe z. B. Tatje 31. Mai 2017). Nach
wie vor sind der Betriebsrat oder der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat dafür da, die
Interessen der Beschäftigten zu vertreten und nicht vorrangig die der im Unternehmen
dominierenden Gewerkschaft. Hier sind zum einen die Gewerkschaften gefordert, einen
Selbstreinigungsprozess zu vollziehen. Zum anderen müssen es Unternehmensleitungen
unterlassen, sich das Wohlverhalten von Arbeitnehmervertretern erkaufen zu wollen.
303
12.2.6.1 Der Betriebsrat
Der Betriebsrat spielt neben den Gewerkschaften eine herausragende Rolle im kollekti-
ven Arbeitsrecht. Der Betriebsrat ist in der Privatwirtschaft die Arbeitnehmervertretung
auf betrieblicher Ebene. Für den Öffentlichen Dienst gibt es an seiner Stelle für eine
Dienststelle den Personalrat. Dieser hat nach dem Personalvertretungsgesetz größere
Mitbestimmungsrechte als der Betriebsrat. Kirchliche Arbeitgeber haben eine Mitarbei-
tervertretung, die im Vergleich zum Betriebsrat eingeschränkte Mitbestimmungsrechte
besitzt.
Unternehmen müssen keinen Betriebsrat haben. Jedoch haben die Arbeitnehmer in
Unternehmen ab fünf Mitarbeitern das Recht, einen Betriebsrat zu wählen. Rechtliche
Grundlage der Tätigkeit des Betriebsrats ist das Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) von
1972 in der novellierten Fassung von 2001.
Wahl des Betriebsrats
Der Betriebsrat wird alle vier Jahre in der Zeit vom 01. bis 31. März durch die Arbeit-
nehmer gewählt. Die Wahl des Betriebsrats wird sehr umfassend in verschiedenen
Bestimmungen des Betriebsverfassungsgesetzes geregelt (§§ 7–20 BetrVG sowie Wahl-
ordnung). Die Behinderung der Wahl und der Wahrnehmung des aktiven und passiven
Wahlrechts ist unter Strafe gestellt (§ 20 BetrVG). Die Kosten der Wahl gehen zulasten
des Arbeitgebers.
Leitende Angestellte (Beschäftigte, die mit der Wahrnehmung von Arbeitgeberfunkti-
onen betraut sind) haben nach § 5 BetrVG weder das aktive noch das passive Wahlrecht.
Sie dürfen also den Betriebsrat nicht wählen, und sie dürfen auch nicht für den Betriebs-
rat kandidieren. Leitende Angestellte haben eine eigene Interessenvertretung, den Spre-
cherausschuss (vgl. SprAuG Sprecherausschussgesetz).
Stellung und Organisation des Betriebsrats
Der Betriebsrat ist ein Gremium, keine Person! Der Betriebsrat wählt aus
seinen Mitgliedern einen Vorsitzenden und einen Stellvertreter. Der Betriebs-
ratsvorsitzende handelt auf Beschluss des Betriebsrats. Das heißt z. B., dass ein
zustimmendes Votum eines Betriebsratsmitglieds, auch des Betriebsratsvorsit-
zenden, zu einer vom Arbeitgeber geplanten Maßnahme noch keine Zustim-
mung des Betriebsrats als Gremium bedeutet. Leider haben Führungskräfte,
die Betriebsratsmitglieder z. B. in Planungsgruppen einbeziehen, dies in vielen
Fällen noch nicht ausreichend verstanden.
Der Betriebsrat ist gegenüber den Gewerkschaften unabhängig. Die tatsächlich meist
enge Gewerkschaftsbindung von Betriebsratsmitgliedern entsteht in der Praxis dadurch,
dass in der Regel bei der Betriebsratswahl die Kandidaten auf Gewerkschaftslisten ver-
treten sind. Es gab und gibt jedoch in manchen Betrieben auch gewerkschaftsunabhän-
gige Listen.
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
304
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
Die Anzahl der Betriebsratsmitglieder bemisst sich nach der Anzahl der wahlberech-
tigten Arbeitnehmer. In Betrieben mit 5–20 Mitarbeitern kann ein Betriebsratsmitglied
gewählt werden. Bis 50 Mitarbeiter sind es drei, bis 100 Mitarbeiter fünf usw. In Unter-
nehmen bis 9000 Mitarbeiter können 35 Betriebsratsmitglieder gewählt werden und bei
mehr als 9000 Mitarbeitern erhöht sich die Zahl der Betriebsratsmitglieder je weitere
3000 Mitarbeiter um zwei Mitglieder (§ 9 BetrVG).
Ein Betriebsratsmitglied nimmt sein Ehrenamt unentgeltlich wahr. Das Arbeitsentgelt
wird fortgezahlt und steigert sich in dem für die ursprüngliche Stelle üblichen Rahmen.
Betriebsratsmitglieder können sich nach Absprache mit ihrem Linienvorgesetzten für
ihre Betriebsratsarbeit spontan stundenweise selbst freistellen.
In Betrieben ab 200 Arbeitnehmern kann der Betriebsrat ein vollständig von seiner
üblichen Arbeit freigestelltes Mitglied beanspruchen. Von 501 bis 900 sind es zwei Frei-
gestellte, bis 1500 sind es drei usw. In Unternehmen von 9001 bis 10.000 Mitarbeitern
können zwölf Betriebsratsmitglieder freigestellt werden (§ 38 BetrVG).
Alle bei der Arbeit des Betriebsrats anfallenden Kosten sind vom Arbeitgeber zu tra-
gen (§ 40 BetrVG). Betriebsratsmitglieder haben einen besonderen Kündigungsschutz –
sie dürfen wegen ihrer Betriebsratsarbeit nicht gekündigt werden – und unterliegen einer
besonderen Schweigepflicht (§ 79 BetrVG).
In Unternehmen, die mehrere Betriebe mit Betriebsräten haben, muss ein Gesamtbe-
triebsrat gebildet werden, welcher die das Gesamtunternehmen betreffenden Angelegen-
heiten regelt (§ 47 BetrVG). In Konzernen muss ein Konzernbetriebsrat gebildet werden,
der für die Angelegenheiten auf Konzernebene zuständig ist (§ 54 BetrVG).
Der Betriebsrat entscheidet im Betrieb! Die Entscheidungskompetenzen
für die Regelung der betrieblichen Angelegenheiten liegen beim Betriebsrat
vor Ort im Betrieb. Dies hat z. B. bei unternehmensweiten IT-Einführungen zu
Frustrationen bei Projektleitern geführt, die meinten, sich mit dem Gesamtbe-
triebsrat geeinigt zu haben, und dann feststellen mussten, dass Betriebsräte
in einigen Betrieben des Unternehmens dem Projekt nur bedingt zustimmten
bzw. eine spezifische Betriebsvereinbarung forderten.
Weitere Organe sind die Jugendvertretung und der Vertrauensmann der Schwerbehinder-
ten.
Die zuständigen Gewerkschaftssekretäre der im Unternehmen vertretenen Gewerk-
schaften haben Zugang zum Unternehmen, um den Betriebsrat in der Wahrnehmung
seiner Pflichten zu beraten. Auch Mitglieder der Jugend- und Auszubildendenvertretung
genießen besonderen Kündigungsschutz.
Behinderung der Betriebsratsarbeit ist nicht zulässig! Betriebsratsmitglie-
der dürfen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben nicht gestört oder behindert wer-
den. Sie dürfen wegen ihrer Betriebsratstätigkeit weder benachteiligt noch
305
begünstigt werden. Sie müssen, wie andere Arbeitnehmer auch, die Chance
erhalten, in ihrer beruflichen Entwicklung voranzugehen (§ 78 BetrVG). Als
Störung der Betriebsratstätigkeit kann z. B. die Einberufung einer Teamsitzung
gelten, wenn gleichzeitig eine Betriebsversammlung anberaumt wurde. Dies
mussten Projekt- oder Abteilungsleiter oft schmerzlich erfahren.
12.2.6.2 Aufgaben des Betriebsrats nach dem
Betriebsverfassungsgesetz
Vertrauensvolle Zusammenarbeit ist Verpflichtung
Der Gesetzgeber wünscht nach § 2 Abs. 1 BetrVG eine vertrauensvolle Zusammenarbeit
von Arbeitgeber und Betriebsrat zum Wohle des Unternehmens. Das bedeutet, dass die
Interessen der Arbeitnehmer und des Arbeitgebers vom Betriebsrat in seinen Entschei-
dungen und Handlungen berücksichtigt werden müssen. Der Gesetzgeber empfiehlt, dass
sich Betriebsrat und Arbeitgeber mindestens einmal im Monat treffen und strittige The-
men mit dem ernsten Willen zur Einigung besprechen. Arbeitskämpfe im Betrieb sind
verboten ebenso die parteipolitische Betätigung. Aber gewerkschaftliche Aktivitäten der
Arbeitnehmer sind ausdrücklich erlaubt (§ 74 BetrVG). So haben in größeren Betrieben
die vertretenen Gewerkschaften als Ansprechpartner für die Arbeitnehmer einen soge-
nannten Vertrauensleutekörper, der aus gewerkschaftlich engagierten Arbeitnehmern
besteht.
Diskriminierungsschutz und freie Persönlichkeitsentfaltung
Nach § 75 Abs. 1 BetrVG hat der Betriebsrat darüber zu wachen, dass Arbeitnehmer,
z. B. Frauen und ältere Beschäftigte, nicht benachteiligt werden.
Nach § 75 Abs. 2 BetrVG hat der BR die freie Entfaltung der Persönlichkeit der im
Betrieb beschäftigten Arbeitnehmer zu schützen und zu fördern. Der Betriebsrat hat aktiv
auf die positive Gestaltung der Arbeitsbedingungen im Interesse der freien Persönlich-
keitsentfaltung hinzuwirken. Dies wird in der Regel so interpretiert, dass der Betriebs-
rat darüber zu wachen hat, dass keine unberechtigte Kontrolle der Leistung und des
Verhaltens der Beschäftigten vollzogen wird, soweit dies nicht aufgrund überwiegender
betrieblicher Interessen erforderlich ist.
Allgemeine Aufgaben des Betriebsrats
Nach § 80 Abs. 1 Ziffer 1 BetrVG hat der Betriebsrat darüber zu wachen, dass die
zugunsten der Arbeitnehmer geltenden Gesetze, Verordnungen, Unfallverhütungsvor-
schriften, Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen durchgeführt werden. Dies betrifft
z. B. auch die Bestimmungen des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG), soweit sie den
Schutz von Arbeitnehmerdaten betreffen. Die Unfallverhütungsvorschriften und ähnliche
Vorschriften berühren z. B. auch die Arbeitsplatzgestaltung.
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
306
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
12.2.6.3 Kompetenzen des Betriebsrats bei der Erfüllung seiner
Aufgaben
Dem Betriebsrat müssen zur Erfüllung dieser Pflichten auch Kompetenzen zustehen. Aus
den Pflichten ergeben sich damit naturgemäß auch bestimmte Rechte des Betriebsrats:
• Um seine Aufgabe, darüber zu wachen, dass Arbeitnehmer nicht benachteiligt werden
(§ 75 Abs. 1 BetrVG) erfüllen zu können, benötigt der BR z. B. Informationen über
konkrete Pläne, zur Schulung und Weiterentwicklung der Mitarbeiter. Seine Mitbe-
stimmungsrechte zur Konzeption von Schulungsplänen erwachsen ihm nicht zuletzt
auch aus solchen Aufgaben.
• Um seine Aufgaben zur Förderung der freien Entfaltung der Persönlichkeit erfüllen zu
können (§ 75 Abs. 2 BetrVG), braucht der BR u. a. auch Informationen über die Art
der Verarbeitung der personenbezogenen Daten der Beschäftigten. Seine Mitbestim-
mungsrechte in allen Fragen der Einführung und Nutzung von IT-Systemen dienen
damit auch der Erfüllung solcher Pflichten.
Wenn ein BR aber z. B. über längere Zeit die Anwendung eines IT-Systems duldet,
mit dem auch Daten der Beschäftigten verarbeitet werden, ohne dass er hier mit der
Geschäftsleitung Vereinbarungen über die Vermeidung unberechtigter Leistungs- und
Verhaltenskontrolle trifft, so verstößt er damit gegen § 75 BetrVG.
Forderung des Betriebsrats zur Einsetzung eines Betrieblichen Daten-
schutzbeauftragten Um seine Aufgabe, über die Einhaltung der geltenden
gesetzlichen Vorschriften zu wachen (§ 80 Abs. 1 BetrVG), erfüllen zu können,
kann der Betriebsrat z. B. von der Unternehmensleitung die Einsetzung eines
betrieblichen Datenschutzbeauftragten fordern. Zwar hat der Betriebsrat hier
keine unmittelbaren Mitbestimmungsrechte, aber er kann im Extremfall, wie
dies öfter in der Praxis geschieht, das eigene Unternehmen beim Landesda-
tenschutzbeauftragten wegen Verstoß gegen das Landesdatenschutzgesetz
anzeigen.
12.2.6.4 Mitwirkungsrechte des Betriebsrats nach dem
Betriebsverfassungsgesetz
Die Mitwirkungsrechte bestehen aus
• Informationsrecht,
• Vorschlagsrecht,
• Antragsrecht,
• Beratungsrecht und
• Anhörungsrecht.
307
Informationsrecht
Nach § 80 Abs. 2 BetrVG ist der Arbeitgeber verpflichtet, den Betriebsrat „rechtzeitig
und umfassend“ zu unterrichten, wenn Maßnahmen anstehen, bei deren Durchführung
der Betriebsrat mitwirken oder mitbestimmen kann.
Der unbestimmte Rechtsbegriff „rechtzeitig“ ist durch Urteile so spezifiziert, dass der
Betriebsrat noch Gelegenheit haben muss, gestaltend in die Maßnahme des Arbeitgebers
einzugreifen. „Umfassend“ wird nach der Rechtsprechung in der Regel so verstanden,
dass der Betriebsrat (im Rahmen der gesetzlichen Regelungen) selbst entscheiden kann,
welche Informationen er zur Wahrnehmung seiner Aufgaben benötigt.
Sachverständiger und Betriebsratsschulungen Nach § 80 Abs. 3 BetrVG
kann sich der Betriebsrat einen Sachverständigen seiner Wahl auf Kosten des
Arbeitgebers bestellen. Er muss dies mit dem Arbeitgeber erörtern. Bei einer
Weigerung des Arbeitgebers kann notfalls der Sachverständige gerichtlich
bestellt werden.
Der Betriebsrat kann nach § 37 Abs. 6 BetrVG an Schulungen und Bildungs-
veranstaltungen teilnehmen, die für die Erfüllung seiner Aufgaben erfor-
derlich sind. Die Kosten trägt der Arbeitgeber. Im Streitfall entscheidet die
Einigungsstelle.
Vorschlagsrecht
Der Betriebsrat hat ein Vorschlagsrecht bei der Personalplanung nach § 92 BetrVG.
Antragsrecht
Der Betriebsrat hat das Recht, Maßnahmen zu beantragen, die dem Unternehmen und
der Belegschaft dienen. Dieses Recht ergibt sich aus § 80 Abs. 1 Ziffer 2 BetrVG.
Beratungsrecht
Der Betriebsrat hat bei Maßnahmen der Bauplanung, der Anlagenplanung, der Ablauf-
und Verfahrensplanung, und bei der Planung des Arbeitsplatzes das Recht, Anträge zu
stellen. Dieses Recht ergibt sich aus § 90 BetrVG.
Anhörungsrecht
Der Betriebsrat ist vor jeder Kündigung eines Arbeitnehmers anzuhören. Dieses Recht
ergibt sich aus § 102 Abs. 1 BetrVG.
12.2.6.5 Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats – wesentliche
Mitbestimmungsfelder
Der Betriebsrat kann mitbestimmen
• bei sozialen Angelegenheiten (§§ 87–89 BetrVG),
• bei arbeitsplatzbezogenen Angelegenheiten (§§ 90–91 BetrVG),
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
308
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
• bei personellen Angelegenheiten (§§ 92–105 BetrVG),
• bei wirtschaftlichen Angelegenheiten (§§ 106–113 BetrVG).
Mitbestimmung bei sozialen Angelegenheiten (§§ 87–89 BetrVG)
Der Betriebsrat hat ein Mitbestimmungsrecht bei Fragen der Betriebsordnung, der Lage
von Arbeitszeit und Arbeitspausen, in Entgeltfragen, bei der Aufstellung des Urlaubs-
plans, in Fragen des Unfallschutzes, bei der Verwaltung sozialer Einrichtungen (z. B.
Betriebskindergarten, Kantine, Werkswohnungen etc.), bei der Festlegung der Formen
der Arbeitsbewertung, bei der Festlegung von Akkord- und Prämiensätzen sowie in Fra-
gen des betrieblichen Vorschlagswesens.
Am wichtigsten sind die erzwingbaren Mitbestimmungsrechte nach § 87 BetrVG.
Erzwingbar heißen diese Mitbestimmungsrechte deshalb, weil der Arbeitgeber nicht
ohne Zustimmung des Betriebsrats handeln darf.
Erzwingbare Mitbestimmungsrechte nach § 87 BetrVG
„Der Betriebsrat hat, soweit eine gesetzliche oder tarifliche Regelung nicht besteht, in folgenden
Angelegenheiten mitzubestimmen:
1. Fragen der Ordnung des Betriebs und des Verhaltens der Arbeitnehmer im Betrieb;
2. Beginn und Ende der täglichen Arbeitszeit einschließlich der Pausen sowie Verteilung der
Arbeitszeit auf die einzelnen Wochentage;
3. vorübergehende Verkürzung oder Verlängerung der betriebsüblichen Arbeitszeit;
4. Zeit, Ort und Art der Auszahlung der Arbeitsentgelte;
5. Aufstellung allgemeiner Urlaubsgrundsätze und eines Urlaubsplans sowie die Festsetzung der
zeitlichen Lage des Urlaubs für einzelne Arbeitnehmer, wenn zwischen dem Arbeitgeber und
den beteiligten Arbeitnehmern kein Einverständnis erzielt wird;
6. Einführung und Anwendung von technischen Einrichtungen, die dazu bestimmt sind, das Ver-
halten oder die Leistung der Arbeitnehmer zu überwachen;
7. Regelungen über die Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten sowie über den
Gesundheitsschutz im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften oder der Unfallverhütungsvor-
schriften;
8. Form, Ausgestaltung und Verwaltung von Sozialeinrichtungen, deren Wirkungsbereich auf
den Betrieb, das Unternehmen oder den Konzern beschränkt ist;
9. Zuweisung und Kündigung von Wohnräumen, die den Arbeitnehmern mit Rücksicht auf das
Bestehen eines Arbeitsverhältnisses vermietet werden, sowie die allgemeine Festlegung der
Nutzungsbedingungen;
10. Fragen der betrieblichen Lohngestaltung, insbesondere die Aufstellung von Entlohnungs-
grundsätzen und die Einführung und Anwendung von neuen Entlohnungsmethoden sowie
deren Änderung;
11. Festsetzung der Akkord- und Prämiensätze und vergleichbarer leistungsbezogener Entgelte,
einschließlich der Geldfaktoren;
12. Grundsätze über das betriebliche Vorschlagswesen;
13. Grundsätze über die Durchführung von Gruppenarbeit; Gruppenarbeit im Sinne dieser Vor-
schrift liegt vor, wenn im Rahmen des betrieblichen Arbeitsablaufs eine Gruppe von Arbeit-
nehmern eine ihr übertragene Gesamtaufgabe im Wesentlichen eigenverantwortlich erledigt.
309
(2) Kommt eine Einigung über eine Angelegenheit nach Absatz 1 nicht zustande, so entscheidet
die Einigungsstelle. Der Spruch der Einigungsstelle ersetzt die Einigung zwischen Arbeitgeber und
Betriebsrat (§ 87 Abs. 1 BetrVG)“.
Erzwingbare Mitbestimmungsrechte erkennt man daran, dass der Spruch der Einigungsstelle
an die Stelle einer Einigung treten kann.
Vermeidung von Leistungs- und Verhaltenskontrolle nach § 87 Abs. 1 Ziff. 6
BetrVG
Die Mitbestimmung in sozialen Angelegenheiten nach § 87 BetrVG berührt auch das
oft von der Unternehmensleitung nicht wirklich ernst genommene Zustimmungsver-
weigerungsrecht bei der Einführung von technischen Anlagen, die der Leistungs- und
Verhaltenskontrolle dienen. Dies betrifft nahezu alle modernen EDV- und Telekommu-
nikationssysteme einschließlich des Intranet. Hier kann der Betriebsrat per einstweiliger
Verfügung die Inbetriebnahme solcher Anlagen verhindern, wenn er dem nicht zuge-
stimmt hat (siehe hierzu weiter unten das Beispiel zur Einführung eines SAP-Systems
Abschn. 12.2.6.11).
Mitbestimmung bei arbeitsplatzbezogenen Angelegenheiten (§§ 90–91 BetrVG)
Der Betriebsrat hat Mitbestimmungsrecht wenn Änderungen der Arbeitsplätze, des
Arbeitsablaufs oder der Arbeitsplatzumgebung eingeführt werden sollen, die die Arbeit-
nehmer in besonderer Weise belasten.
Abwendung von Arbeitsbelastungen ist ebenfalls erzwingbar!
Werden die Arbeitnehmer durch Änderungen der Arbeitsplätze, des Arbeitsablaufs oder der
Arbeitsumgebung, die den gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen über die
menschengerechte Gestaltung der Arbeit offensichtlich widersprechen, in besonderer Weise
belastet, so kann der Betriebsrat angemessene Maßnahmen zur Abwendung, Milderung
oder zum Ausgleich der Belastung verlangen. Kommt eine Einigung nicht zustande, so ent-
scheidet die Einigungsstelle. Der Spruch der Einigungsstelle ersetzt die Einigung zwischen
Arbeitgeber und Betriebsrat (§ 91 BetrVG).
Hier geht es um die menschengerechte Gestaltung des Arbeitssystems nach den
arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen. Diese werden seit 1996 im Arbeitsschutzgesetz
und den damit zusammenhängenden Verordnungen und Unfallverhütungsvorschriften
repräsentiert. Wenn beispielsweise Büroarbeitsplätze im Mittelpunkt stehen, so können
die Bestimmungen der Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV) sowie die einschlägi-
gen Unfallverhütungsvorschriften als Maßstab für die „gesicherten arbeitswissenschaftli-
chen Erkenntnisse“ dienen.
Mitbestimmung bei personellen Angelegenheiten (§§ 92–105 BetrVG)
Der Betriebsrat hat Mitbestimmungsrecht bei der Durchführung von Personalbefra-
gungen, bei der Aufstellung von Beurteilungsgrundsätzen, bei den Richtlinien für die
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
310
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
Auswahl, Versetzung und Umgruppierung, bei der Bestellung von Ausbildern und bei
ordentlichen Kündigungen.
Personelle Angelegenheiten werden nach den in Abb. 12.13 dargestellten Merkmalen
eingeteilt.
Mitbestimmung bei wirtschaftlichen Angelegenheiten (§§ 106–113 BetrVG)
Die §§ 106–110 BetrVG regeln die Tätigkeit des Wirtschaftsausschusses. In Deutschland
besteht keine wirtschaftliche Mitbestimmung. D. h. der Arbeitgeber kann hier ohne
Zustimmung des Betriebsrats handeln. Er hat aber die Bildung eines Wirtschaftsaus-
schusses des Betriebsrats zu dulden. Der Wirtschaftsausschuss hat die Aufgabe, wirt-
schaftliche Angelegenheiten mit dem Unternehmer zu beraten und den Betriebsrat zu
unterrichten.
Betriebsänderung, Interessenausgleich, Sozialplan
Die §§ 111–113 BetrVG regeln einen Tatbestand, bei dem wiederum erzwingbare Mitbe-
stimmung besteht, die Betriebsänderung. Als Betriebsänderungen gelten
1. Einschränkung und Stilllegung des ganzen Betriebs oder von wesentlichen Betriebs-
teilen,
2. Verlegung des ganzen Betriebs oder von wesentlichen Betriebsteilen,
3. Zusammenschluss mit anderen Betrieben oder die Spaltung von Betrieben,
Personelle
Angelegenheiten
Allg. personelle
Angelegenheiten
§§ 92 bis 95 BetrVG
Personelle
Einzelmaßnahmen
§§ 99 bis 105 BetrVG
Berufsbildung
§§ 96 bis 98 BetrVG
• Informationsrecht bei der
Personalplanung
• Beratungsrecht bei der
Vermeidung von Härten
• Mitbestimmungsrecht
-
Personalfragebögen
-
Beurteilungsgrundsätze
• Beratungsrecht
-
Ausstattung betriebl.
Bildungseinrichtungen
-
Einführung betrieblicher
Bildungsmaßnahmen
• Mitbestimmungsrecht
-
Durchführung der
Berufsbildung
-
Bestellung von
Ausbildern
• Mitbestimmungsrecht
durch Verweigerung der
Zustimmung
-
Einstellungen
-
Ein-/Umgruppierungen
-
Versetzungen
• Anhörungsrecht vor
Kündigungen
• Widerspruchsrecht bei
ordentlichen Kündigungen
• Anhörungsrecht bei
außerordentlichen
Kündigungen
Abb. 12.13 Personelle Angelegenheiten nach dem Betriebsverfassungsgesetz
311
4. grundlegende Änderungen der Betriebsorganisation, des Betriebszwecks oder der
Betriebsanlagen,
5. Einführung grundlegend neuer Arbeitsmethoden und Fertigungsverfahren.
Der Betriebsrat kann zwar die Betriebsänderung durch den Arbeitgeber nicht verhindern,
aber er kann hinsichtlich der Wirkungen der Maßnahme auf die Arbeitnehmer erzwing-
bar mitbestimmen, also z. B. auf den Abschluss einer Betriebsvereinbarung bestehen.
Betriebsänderungen müssen vom Betriebsrat nicht nachgewiesen werden. Er kann sie
zunächst behaupten, um Verfahrensweisen der erzwingbaren Mitbestimmung in Gang zu
setzen. Diese Verfahrensweisen sind in §§ 112 und 113 BetrVG zum Interessenausgleich
und Sozialplan sowie zum Nachteilsausgleich geregelt. Bei Nichteinigung entscheidet
hier wieder die Einigungsstelle bzw. das Arbeitsgericht.
12.2.6.6 Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats – Verfahren
Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats beinhalten einen Unterlassungsanspruch. Das
heißt, dass in den Fällen, in denen der Betriebsrat erzwingbare Mitbestimmungsrechte
hat, der Arbeitgeber nur mit Zustimmung des Betriebsrats handeln kann. In solchen Fäl-
len werden zur Ausgestaltung der Bedingungen der Zustimmung oft Betriebsvereinba-
rungen abgeschlossen.
Einstweilige Verfügung Missachtet der Arbeitgeber die Mitbestimmungs-
rechte des Betriebsrats, handelt er also einseitig, so kann der Betriebsrat beim
Arbeitsgericht eine „Einstweilige Verfügung“ zur Wiederherstellung des vorhe-
rigen Zustands erwirken. Dies geht in eindeutigen Fällen sehr schnell (ein paar
Tage) und erfordert in der Regel nur eine kurze Begründung. Mit der einstwei-
ligen Verfügung wird dem Arbeitgeber ein vom Gericht festgesetztes Zwangs-
geld angedroht, wenn er den Zustand, der vor der Maßnahme geherrscht hat,
nicht wieder herstellt. Duldet der Betriebsrat die Maßnahme eine gewisse Zeit
(einige Wochen), so verfällt sein Anspruch auf eine einstweilige Verfügung.
Sein Mitbestimmungsrecht besteht aber weiterhin und kann nicht verfallen.
Der Betriebsrat kann auch ein Arbeitsgerichtsverfahren anstrengen, um sein Mitbestim-
mungsrecht durchzusetzen. Dieses dauert unter Umständen jedoch sehr lange (manchmal
einige Jahre).
Ein üblicher Weg zur Ausgestaltung der Mitbestimmungsrechte ist die Betriebsverein-
barung. Kommt in den Verhandlungen über eine Betriebsvereinbarung keine Einigung
zustande, wird in der Regel eine Einigungsstelle eingesetzt (Abb. 12.14).
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
312
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
12.2.6.7 Betriebsvereinbarung
Erzwingbare Mitbestimmung, also der Unterlassungsanspruch des Betriebsrats gegen-
über dem Arbeitgeber, herrscht nur dann, wenn in den betreffenden Feldern in Tarif-
verträgen nicht bereits abschließende Regelungen getroffen sind. Es gilt der Grundsatz,
dass auf Betriebsebene durch Betriebsvereinbarung nur das geregelt werden kann, was
noch nicht durch andere gesetzliche Regelungen geregelt ist. So ist es z. B. unnötig, etwa
Datenschutzbestimmungen in Betriebsvereinbarungen hinein zu schreiben, weil diese
bereits durch das Landes- und Bundesdatenschutzrecht geregelt sind. Eine Regelungs-
ebene ist nur dann wirksam, wenn in der darüber liegenden Regelungsebene Gestal-
tungsmöglichkeiten offen gelassen worden sind. So können z. B. Betriebsvereinbarungen
zu Lohnfragen nur in dem Rahmen abgeschlossen werden, den der gültige Tarifvertrag
für die betriebliche Lohngestaltung offen lässt (Öffnungsklauseln).
Betriebsvereinbarungen haben nach ihrem Abschluss Gesetzeskraft.
12.2.6.8 Einigungsstelle
Scheitern die Verhandlungen zu mitbestimmungspflichtigen Maßnahmen des Arbeitge-
bers, so wird in der Regel eine Einigungsstelle eingesetzt (§ 76 BetrVG). Sie besteht aus
einem unparteiischen Vorsitzenden – dies ist meist ein Arbeitsrichter, der gegen Hono-
rar die Aufgabe des Einigungsstellenvorsitzenden übernimmt – und je drei Beisitzern für
Arbeitgeber plant
mitbestimmungspflichtige
Maßnahme
Arbeitgeber ersucht
Betriebsrat um Zustimmung
Betriebsrat teilt dem
Arbeitgeber mit, dass er
zu dem Thema eine
Betriebsvereinbarung
abschließen möchte
Arbeitgeber führt
Maßnahme durch
Arbeitgeber
einverstanden
Betriebsvereinbarungs-
verhandlungen
ggf. Sachverständiger § 80 (3)
Einigung
Absprache über
Einigungsstellen-
vorsitzenden und
Beisitzer
Zustimmung
durch BR
Scheitern der
Verhandlungen
wird festgestellt
Betriebsrat erwirkt
einstweilige
Verfügung
BR duldet
Maßnahme
Arbeitgeber muss
vorherigen Zustand
wiederherstellen
ja
nein
ja
nein
ja
nein
Betriebs-
vereinbarung
ja
nein
Einigung
Einigungsstellen-
verhandlungen
Bestellung durch
Arbeitsgericht
ja
nein
Einigung oder
Spruch
Abb. 12.14 Regelungsweg bei Mitbestimmungsfragen
313
die Arbeitgeberseite und die Arbeitnehmerseite. Die Kosten für die Einigungsstelle über-
nimmt der Arbeitgeber. Die Einigungsstelle tagt in der Regel im Betrieb. Hier tauschen
Arbeitgeber und Betriebsrat noch einmal ihre Standpunkte aus und versuchen, eine Eini-
gung zu erzielen. Wird hier keine Einigung erzielt, so legt der Vorsitzende in der Regel
einen eigenen Vorschlag zu einer entsprechenden Betriebsvereinbarung vor, über den
abgestimmt wird. Hierbei entscheidet bei paritätischer Besetzung der Einigungsstelle die
Stimme des Vorsitzenden.
Aus einer Einigungsstelle entsteht immer eine Betriebsvereinba-
rung Resultat bei einem Einigungsstellenverfahren ist immer eine Betriebs-
vereinbarung, entweder eine, auf die sich die Betriebsparteien geeinigt haben
oder eine, die durch „Spruch“ des Einigungsstellenvorsitzenden zustande
kommt.
12.2.6.9 Beispiel: Mitbestimmung bei der Einführung von technischen
Systemen
Im Folgenden werden die Mitbestimmungsprozesse bei der Einführung von technischen
Systemen, z. B. eines SAP-Systems, beispielhaft durchgespielt. Daran soll die Gestal-
tungskraft des § 87 Abs. 1 Ziff. 6 BetrVG verdeutlicht werden. Die Ausführungen gelten
prinzipiell für jedes technische Vorhaben, welches Leistungs- und Verhaltenskontrolle
der Mitarbeiter ermöglicht.
Unterrichtung und Beratung des Betriebsrats
Will der Arbeitgeber ein IT-System, z. B. ein SAP-HR-System, einführen, so hat er
zunächst den Betriebsrat rechtzeitig, möglichst noch während des Planungsstadiums,
über die geplante Maßnahme zu unterrichten.
Rechtsgrundlage ist § 80 Abs. 2 BetrVG, der die Unterrichtungsrechte regelt: Zur
Durchführung seiner Aufgaben ist der Betriebsrat vom Arbeitgeber rechtzeitig und
umfassend zu unterrichten. Ihm sind auf Verlangen jederzeit die zur Durchführung seiner
Aufgaben erforderlichen Unterlagen zur Verfügung zu stellen.
Diese Vorschrift besagt, dass der Arbeitgeber den Betriebsrat noch vor der Einführung
umfassend über die geplante Maßnahme unterrichten muss, und zwar so, dass der BR
noch gestaltend eingreifen kann. Der Umfang der erforderlichen Unterrichtung hängt
vom Umfang des Systems (in der Praxis jedoch auch sehr vom Umfang der gestellten
Fragen) ab. Eine solche rechtzeitige und umfassende Unterrichtung ist auch im Sinne
vertrauensbildender Maßnahmen anzuraten.
Aus Abs. 1 und 2 folgt auch die Pflicht des Arbeitgebers, dem Betriebsrat alle Infor-
mationen zu geben, die zur Kontrolle der Einhaltung von abgeschlossenen Betriebsver-
einbarungen notwendig sind.
§ 80 Abs. 3 BetrVG regelt die Möglichkeiten, des Betriebsrats, sich einen Sachver-
ständigen seines Vertrauen zu nehmen. Die Kosten trägt der Arbeitgeber.
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
314
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
Sachverständiger für den Betriebsrat
Für seine Beratung im Zusammenhang mit der Einführung von IT-Systemen ist es üblich, dass der
Betriebsrat einen externen Sachverständigen auf Kosten des Arbeitgebers hinzuzieht.
Auf Verlangen des Arbeitgebers muss der Betriebsrat jedoch zuvor den innerbetrieblichen
Sachverstand ausschöpfen, der in der Regel durch IT-Mitarbeiter oder betriebliche Datenschutzbe-
auftragte verkörpert wird.
Erlangung eines externen Sachverständigen: Der Sachverständige soll den Betriebsrat aber
nicht nur hinsichtlich der Funktion von IT-Systemen beraten, sondern ihm vor allem die mitbestim-
mungspflichtige Bedeutsamkeit des IT-Systems erläutern. Stellt also der Betriebsrat fest, dass ihm
der innerbetriebliche Sachverstand nicht ausgereicht hat, fasst er einen Beschluss darüber und kann
nun unabweisbar auf einem externen Sachverständigen beharren.
Erzwingbares Mitbestimmungsrecht nach § 87 Abs. 1 Ziffer 6 BetrVG „Verhinde-
rung von Leistungs- und Verhaltenskontrolle“
Erzwingbare Mitbestimmungsrechte sind im Gesetz dadurch erkennbar, dass die Eini-
gungsstelle als entscheidende Instanz angeführt wird. Bei erzwingbarer Mitbestimmung
darf der Arbeitgeber nicht einseitig handeln. Der Betriebsrat hat einen Unterlassungs-
anspruch, den er vor dem Arbeitsgericht einklagen kann (z. B. durch eine einstwei-
lige Verfügung gegen die Inbetriebnahme eines IT-Systems). Der Betriebsrat kann also
die Wahrung seiner Mitbestimmung erzwingen. Insbesondere kann er im Bereich der
erzwingbaren Mitbestimmung, Betriebsvereinbarungen mit dem Arbeitgeber erzwingen.
Betriebsvereinbarungen gestalten die Bestimmungen des BetrVG aus. Sie sind
Verträge, die auch für einzelne Arbeitnehmer wirken und sie haben Gesetzeskraft.
Beschließt der Betriebsrat, dass die Verhandlungen über eine Betriebsvereinbarung
gescheitert sind, so kann er die Einigungsstelle anrufen. Notfalls durch deren „Spruch“
kommt auf jeden Fall eine Betriebsvereinbarung zustande.
Wenn ein Betriebsrat also bei der Einführung eines SAP-Systems mitbestimmen
möchte, so geschieht dies in der Regel über eine Betriebsvereinbarung, in der die Bedin-
gungen der Einführung sowie die Systemausgestaltung vereinbart werden.
Mitbestimmung bei der Einführung von IT- und Kommunikationssyste-
men Bestreitet der Arbeitgeber dem Betriebsrat das Recht, eine Betriebs-
vereinbarung zu dem beabsichtigten System abzuschließen, so finden sich
Bestimmungen im Betriebsverfassungsgesetz, die dem Betriebsrat erzwing-
bare Mitbestimmung einräumen.
Die wichtigste ist § 87 Abs. 1 Ziffer 6 BetrVG Leistungs- und Verhaltenskon-
trolle: Der Betriebsrat hat mitzubestimmen bei der Einführung und Anwen-
dung von technischen Einrichtungen, die dazu bestimmt sind, das Verhalten
oder die Leistung der Arbeitnehmer zu überwachen.
Entgegen dem Gesetzestext genügt es nach höchstrichterlicher Recht-
sprechung seit 1981 bereits, dass eine technische Einrichtung dazu geeig-
net ist, Leistungs- und Verhaltenskontrolle zu vollziehen. Als hierzu geeignet
315
können fast alle IT- und Kommunikationssysteme angesehen werden. Diese
Bestimmung ist der Kern vieler Betriebsvereinbarungen zu IT-Systemen,
Zeiterfassungssystemen, Telefonanlagen, und auch zum Intranet und zum
E-Mail-Verkehr, da hier erzwingbare Mitbestimmung mit allen Konsequenzen
besteht, die von informierten Arbeitgebern auch nicht mehr bestritten wird.
Erzwingbares Mitbestimmungsrecht nach § 87 Abs. 1 Ziffer 7 und § 91 BetrVG
BetrVG
Diese Mitbestimmungsrechte kann der Betriebsrat z. B. auch einsetzen, um über die
Gestaltung von Computerarbeitsplätzen mitzubestimmen. Die Gestaltung von Bild-
schirmarbeitsplätzen zur Vermeidung von Gesundheitsrisiken der Beschäftigten ist
vielfach neben der Vermeidung von Leistungs- und Verhaltenskontrolle ein weiterer
Schwerpunkt von IT-Betriebsvereinbarungen.
Erzwingbares Mitbestimmungsrecht nach § 111/112 BetrVG „Betriebsänderung“
Die Bestimmungen dieser Paragrafen können bei größeren IT-Einführungen (PPS,
SAP) für den Betriebsrat von Bedeutung sein. Wichtig ist, dass lediglich die Möglich-
keit wesentlicher Nachteile für die Beschäftigten bestehen muss, damit diese Paragrafen
wirksam sind.
Liegt eine Betriebsänderung vor, kann im Rahmen von Interessenausgleich und Sozi-
alplan z. B. auch vereinbart werden, dass Nachteile hinsichtlich veränderter Arbeitsor-
ganisation, Arbeitsbedingungen, Versetzungen usw., die durch eine IT-Einführung zu
befürchten sind, ausgeglichen werden. Daraus ergeben sich Möglichkeiten von Vereinba-
rungen über die Arbeitsorganisation, die sonst nach dem Betriebsverfassungsgesetz nicht
der Mitbestimmung unterliegt.
12.2.6.10 Gerichtsverfahren bei der Verletzung von
Mitbestimmungsrechten
Konfliktbereiche sind z. B.
• mangelnde Information,
• nicht zugestandener Sachverständiger,
• Verweigerung von Sachmitteln,
• EDV-Einführung ohne Zustimmung des BR.
Ordentliche Gerichtsverfahren
Ordentliche Gerichtsverfahren dauern unter Umständen sehr lange. Mit ihnen können
dringende Anliegen des Betriebsrates nicht immer rechtzeitig geklärt werden. So kann
z. B. der Unterlassungsanspruch gegen die Inbetriebnahme eines EDV-Systems auf diese
Weise kaum durchgesetzt werden.
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
316
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
Einstweilige Verfügung
Die Einstweilige Verfügung kann zu allen oben aufgeführten Themenbereichen beantragt
werden. Voraussetzungen ihrer Erteilung sind aber:
• klare Rechtslage,
• eindeutiger Sachverhalt,
• Eilbedürftigkeit.
12.2.6.11 Beispiel einer misslungenen SAP-Einführung
In einem mittelständischen international agierenden Unternehmen sollte SAP R/3 ein-
geführt werden. Die formale Begründung hierfür war, dass damit die betrieblichen Pro-
zesse effektiviert werden sollten. Ein externes Unternehmensberatungsbüro wurde damit
betraut, die Einführung zu managen. Es wurden Customizing-Gruppen gebildet und
User-Schulungen aufgelegt, es wurde eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen, und die
Beschäftigten wurden bei der Gestaltung ihres neuen SAP-Arbeitsplatzes beteiligt.
Auf den ersten Blick wurde also alles „richtig gemacht“. Instrumentale und sozio-
emotionale Aspekte wurden angemessen berücksichtigt, und Erfolgsfaktoren wie „Mit-
bestimmung und Beteiligung“, die nach der gängigen Managementliteratur bereits
Standard sind, wurden realisiert.
Dennoch hat sich diese Innovation als großer Misserfolg für das Unternehmen erwie-
sen. Es passierte folgendes:
SAP-Einführung – ein Misserfolg
Das SAP-System wurde in der täglichen Arbeit nicht richtig angenommen. Alte
Arbeitsstrukturen, die stark auf informellen Kontakten beruhten, wurden parallel zum
neuen System aufrecht erhalten. Das System wurde zudem nur unzureichend mit den
funktionsnotwendigen aktuellen Echtdaten gepflegt.
Notwendige Releasewechsel konnten nur mit Verzögerungen durchgeführt wer-
den, weil der Betriebsrat auf die Einhaltung der Betriebsvereinbarung pochte, die ihm
hierbei Mitbestimmung garantierte. Diese Betriebsvereinbarung konnte aber von der
Geschäftsleitung selbst gar nicht eingehalten werden, weil die technischen Bedin-
gungen nun doch nicht so waren, wie sie ursprünglich im Bestandsverzeichnis der
Betriebsvereinbarung vereinbart worden waren.
Ein funktionsfähiges Berechtigungssystem konnte, anders als in der Betriebs-
vereinbarung festgelegt, nur sehr schleppend eingerichtet werden, weil dieses sich
wesentlich komplexer und schwieriger herausgestellte, als es der externe Berater ver-
sprochen hatte.
Schließlich wurde der Leiter der IT-Abteilung, welcher die SAP-Einführung initi-
iert und vorangetrieben hatte, von einem Konkurrenzunternehmen abgeworben. Nur
mit Mühe und Not konnte der schmerzliche Know-how-Verlust verkraftet werden und
das Unternehmen schrieb das SAP-System schließlich mit Millionenverlust ab.
317
Arbeitsrecht hilft nicht, wenn die Menschen nicht „mitspielen“
Obwohl in diesem Unternehmen die gängigen Erfolgsfaktoren berücksichtigt worden
waren, haben die Menschen einfach „nicht mitgespielt“ und haben womöglich schon
von Anfang an etwas ganz anderes im Sinn gehabt. Es kann sein, dass der Leiter der
IT-Abteilung von Anfang an vorrangig seine eigene Karriere im Auge hatte (Mikropoli-
tik, vgl. Kap. 10). Schließlich lässt sich fast jedem Unternehmen ein SAP-System „ver-
passen“. Sich dabei als Projektleiter zu profilieren, macht einen für andere Unternehmen
interessant. Er könnte sich gegen eine unerfahrene Geschäftsleitung durchgesetzt haben,
die geglaubt hatte, die SAP-Einführung sei im Prinzip vergleichbar mit der Inbetrieb-
nahme eines PC.
Seinen Dünkel gegenüber dem Betriebsrat, dem er nichts Vernünftiges zutraute,
brauchte er nicht zu verbergen, denn seit Jahren schwelte ein Machtkampf zwischen
Geschäftsleitung und Betriebsrat, bei dem sich beide Seiten immer stärker „bewaffneten“
und sich abwechselnd in Einigungsstellen „über den Tisch“ zogen.
War es dann nicht geradezu vorprogrammiert, dass die Arbeitnehmer, die nur formal
am Einführungsprozess beteiligt waren, sich auch von SAP „nicht stören“ ließen und
weiter arbeiteten wie bisher? Wenn der Betriebsrat sich in jahrelangen Auseinanderset-
zungen und Machtspielen mit der Geschäftsleitung aufrieb, dann wurde er auch nicht
wirklich als legitime Interessenvertretung anerkannt. Die Beschäftigten, seit eh und je
durch leere Worte von Geschäftsleitung und Betriebsrat abgestumpft, arbeiteten „trotz
SAP“ einfach weiter und hofften, dass auch dieser „Kelch“ an ihnen vorüber gehen
würde. Dies traf ja dann auch mit der teilweisen Stilllegung des Systems nach dem Weg-
gang des IT-Leiters ein.
Der Betriebsrat hat hier zwar eine sehr ausgefeilte und gestaltungskräftige
SAP-Betriebsvereinbarung durchsetzen können. Nur konnte diese im Betrieb nicht
durchgeführt werden. Dies nicht etwa, weil „das Management“ sich geweigert hätte son-
dern schlicht, weil der vereinbarte Ausbaugrad von SAP nicht erreicht werden konnte
und weil das System sich doch als wesentlich komplizierter erwiesen hat, als dies von
der Geschäftsleitung erwartet worden war.
So konnten dann eben nicht die in der Betriebsvereinbarung festgeschriebenen
Regeln für das Berechtigungssystem eingehalten werden, was im genannten Beispiel den
Betriebsrat auf die Barrikaden und in eine Blockadehaltung trieb.
Betriebsvereinbarungen müssen durchführbar sein! Betriebsvereinbarun-
gen sind nur so viel wert, wie sie tatsächlich im Betrieb gelebt werden. Da § 87
Abs. 1 Ziffer 6 BetrVG ein – auch von Arbeitgeberseite – mittlerweile unbestrit-
tenes, erzwingbares Mitbestimmungsrecht konstituiert, sind viele Betriebsräte
schon lange dazu übergegangen, gerade bei der Einführung von IT-Techniken
Betriebsvereinbarungen zu fordern und durchzusetzen, in die sie dann andere
Regelungsgegenstände, die z. B. Fragen der Arbeitsorganisation, des Rationa-
lisierungsschutzes, des Gesundheitsschutzes usw. betreffen, „einbetten“. Dies
12.2 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
318
12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
mag legitim sein, wenn der Arbeitgeber die Mitgestaltung solcher wichtigen
Tatbestände in anderem Zusammenhang verweigert. Es ist allerdings kon-
traproduktiv, wenn dabei komplizierte Regelwerke herauskommen, die im
Betrieb nicht lebbar und schon gar nicht kontrollierbar sind.
Machtspiele führen in den Ruin
Im obigen Beispiel ging es dem Betriebsrat vorwiegend darum, seine Durchsetzungs-
kraft unter Beweis zu stellen. Dieses Bestreben wurzelte in jahrelangen Auseinanderset-
zungen mit der Geschäftsleitung, in denen Misstrauen und gegenseitige Entwertungen an
der Tagesordnung waren. Die SAP-Betriebsvereinbarung sollte ein Paukenschlag werden
und den Arbeitgeber disziplinieren. Dementsprechend wurde u. a. ein Bestandsverzeichnis
durchgesetzt, welches bei Veränderungen des SAP-Systemzustands, also auch bei Release-
wechseln, von der IT-Abteilung zu aktualisieren war. Weiterhin wurde die Einrichtung
restriktiver Berechtigungen zum Zwecke der Verhinderung von Leistungs- und Verhaltens-
kontrolle sowie die Aktivierung weiterer funktionsmindernder Systemeinschränkungen
vereinbart.
Für viele der vereinbarten technisch-organisatorischen Maßnahmen stellte sich dann
nach Abschluss der Betriebsvereinbarung heraus, dass sie im betrieblichen Alltag kaum
durchführbar waren, sei es, weil sie technisch nicht möglich waren oder weil SAP-Vor-
gaben verletzt worden wären, sei es, weil der Arbeitsaufwand einfach unangemessen
hoch gewesen wäre.
In ihrem ständigen Streit waren die Betriebsparteien darauf fixiert, der anderen Seite
zu zeigen, „wer hier die Macht hat“. SAP war dazu ein neues, willkommenes Mittel.
Beide Seiten verloren den Blick dafür, wie viel Aufwand und Kosten sich hinter dem
Kürzel SAP verbargen und auch dafür, welche Interessen die anderen Akteure in diesem
„SAP-Spiel“ hatten. So hatten Figuren wie der IT-Leiter leichtes Spiel. So wurden aber
auch die tatsächlich betroffenen Mitarbeiter von beiden Betriebsparteien links liegen
gelassen. Gerade die mangelnde Beteiligung der späteren SAP-Benutzer an der Ausge-
staltung des Systems erwies sich als schwerwiegender Fehler, der dazu führte, dass SAP
in diesem Unternehmen scheiterte.
Der Betriebsrat als Korrektiv und Co-Management
Bei umfassenden, organisationsbestimmenden Softwaresystemen müssen die Betriebs-
parteien an einem Strang ziehen, um das Unternehmen zum Erfolg zu führen. Der
Betriebsrat (und auch sein externer Berater) könnten die Funktion eines Frühwarnsys-
tems einnehmen, welches das Unternehmen vor unseriösen Beratern und technikverlieb-
ten IT-Leitern schützen könnte. Sie könnten z. B. die Kosten-Nutzen-Rechnungen, mit
denen ein bestimmtes „angesagtes“ System von interessierter Seite favorisiert wird, kri-
tisch überprüfen und andere Systeme empfehlen, die womöglich besser für die Beschäf-
tigten und das Unternehmen geeignet sind und zudem weniger Kosten verursachen.
319
Erfahrene Führungskräfte und Betriebsräte wissen, dass die Einführung von kom-
plexen technischen Systemen nur erfolgreich machbar ist, wenn die Beschäftigten dort
abgeholt werden, wo sie sind. Win-win-Situationen fallen aber nicht vom Himmel.
Sie müssen erarbeitet und organisiert werden. Erfahrenes Management könnte dies
gemeinsam mit dem Betriebsrat tun, eben weil ein gut funktionierender Betriebsrat in
Deutschland große Vorteile für die Geschäftstätigkeit und einen nachhaltigen Unterneh-
menserfolg hat.
Damit ist dann aber nicht nur die reine Mitbestimmungsfunktion des Betriebs-
rats nach dem BetrVG gefordert. Es geht vielmehr um die Pflege einer vertrauensvol-
len Zusammenarbeit zum Wohle des Unternehmens. Damit ist nicht gemeint, dass der
Betriebsrat künftig zahnlos alles abnicken soll, was der Unternehmer möchte. Im Gegen-
teil: Der Betriebsrat soll ein Korrektiv in allen entscheidenden Fragen der Arbeitsgestal-
tung sein. Dazu gehört dann allerdings auch, dass der Arbeitgeber den Betriebsrat auch
in formal nicht mitbestimmungspflichtige Entscheidungen – z. B. die Auswahl der tech-
nischen Systeme und der Arbeitsorganisation – ernsthaft einbezieht.
Eine solche Kooperation müsste durch positive Erfahrungen wachsen. Im Zuge der
Vertrauensbildung spielt der Abschluss von Betriebsvereinbarungen eine wesentliche
Rolle. Schritt für Schritt können dann freiwillige Vereinbarungen ergänzend getroffen
werden, die die Mitentscheidungskompetenz des Betriebsrats ausweiten.
Paritätische Workshops statt Einigungsstelle!
Anstelle von teuren und ineffektiven Einigungsstellen könnten Workshops durchge-
führt werden, in denen erfahrene Führungskräfte und Betriebsratsmitglieder unter
Moderation herausfinden können, welche gemeinsamen Schritte zur erfolgreichen
Bewältigung unternehmerischer Herausforderungen und Projekte sie tun könnten.
Durch spezielle Methoden und Werkzeuge könnten die Interessen, Sichtweisen und
Bewertungskriterien der betrieblichen Akteure herausgearbeitet werden. Auf dieser
Basis könnte dann das dazugehörige Veränderungsmanagement auch unter Mitbestim-
mungs- und Beteiligungsaspekten geplant und evaluiert werden.
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12 Arbeitsbeziehungen und Mitbestimmung
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321
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018
P. Berger, Praxiswissen Führung, https://doi.org/10.1007/978-3-662-50527-4_13
Zusammenfassung
Die Sicherung und Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen im
Unternehmen stellt hohe Anforderungen an die Führungskräfte. Wie muss die eigene
Führungspraxis verändert werden, damit die Gesundheit der Mitarbeiter und auch die
eigene Gesundheit gewährleistet bleibt? Welche gesetzlichen Anforderungen müssen
Unternehmen hinsichtlich des Arbeits- und Gesundheitsschutzes einhalten? Wie kann
Gesundheit im Unternehmen gefördert werden und welche Anforderungen stellt eine
Zertifizierung des eigenen Gesundheitsmanagementsystems? Unternehmen unter-
liegen gesetzlichen Pflichten hinsichtlich Arbeits- und Gesundheitsschutz. Darüber
hinaus fördern viele Unternehmen die Gesundheit ihrer Arbeitnehmer freiwillig. Das
neue Präventionsgesetz bindet auch die Krankenkassen in die betriebliche Gesund-
heitsförderung stärker ein als bisher. Die seit 2012 gültige Norm DIN SPEC 91020
bietet Orientierung im Betrieblichen Gesundheitsmanagement. Zur Verdeutlichung
der Anforderungen an die personale Führungskraft schauen Sie sich das vom Autor
für das Fürstenberg Institut produzierte Intro zum Seminar „Gesundheitsorientierte
Führung“ an: „Was hat Führung denn mit Gesundheit zu tun?“ https://www.youtube.
com/watch?v=AZ5u3R1TknY&list=PLAF1A69D8CDF72B8E.
13.1
Leistungsminderung durch Krankheit, Beschwerden,
Probleme und Sorgen
In diesem Kapitel wird kein Statusbericht zur Lage von Arbeit und Gesundheit gegeben.
Dazu können Daten und Fakten in den aktuellen Gesundheitsreports der Krankenkassen
nachgelesen werden. In diesem Buch werden stattdessen grundsätzliche Probleme gesund-
heitsorientierter Führung aufgegriffen und einige Lösungsprinzipien herausgearbeitet.
Gesundheitsorientierte Führung
13
322
13 Gesundheitsorientierte Führung
Auf betrieblicher Ebene bedeutet Krankheit von Mitarbeitern u. a. auch ein Kosten-
problem. Neben der krankheitsbedingten Abwesenheit von Beschäftigten führt „Prä-
sentismus“ – Arbeitnehmer, die krank sind und trotzdem zur Arbeit kommen (vgl.
Chapman 2005) – zu einer Belastung der betrieblichen Abläufe. Auch infolge der Angst
vor Arbeitsplatzverlust ist in den letzten Jahren der Anteil der Beschäftigten, die bei
Krankheiten nicht zu Hause bleiben, stetig gewachsen. Die ökonomischen Auswirkungen
von Präsentismus für ein Unternehmen sind höher einzuschätzen als die Verluste durch
den offiziellen Krankenstand.
13.1.1 Die Symptom-Perspektive
Oft geht es Vorgesetzten und Mitarbeitern nur um das Kurieren von Symptomen
(Abb. 13.1) Diese Symptom-Perspektive verschärft aber auf Dauer die Probleme. Sicher
kann man Methoden entwickeln, mit denen krankheitsbedingte Fehlzeiten verringert
werden, ohne deren Ursachen bekämpfen zu müssen. Aber in der Regel ist Präsentismus
die Folge. Wenn die Mitarbeiter krank sind und trotzdem zur Arbeit kommen, bringen
sie nicht die volle Leistungsfähigkeit mit und es können durch mangelnde Konzentration
folgenschwere Fehler passieren. Durch Präsentismus entstehen jährlich große Verluste
für Unternehmen und Gemeinwesen.
13.1.2 Ursachen für Leistungsminderung
13.1.2.1 Faktoren im Untergrund
Welche Faktoren führen zu krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit? Die Gründe für
Arbeitsunfähigkeit und Leistungsminderung liegen vorwiegend im „Untergrund“ und
lassen sich kaum messen (Abb. 13.2).
Die messbare Größe „Krankenstand“ ist kaum aussagekräftig, denn weder gibt sie
verlässlich Auskunft über Krankheit oder Gesundheit im Betrieb noch bringt sie Klarheit
über die Leistungsminderungen der Mitarbeiter, die krank sind aber trotzdem zur Arbeit
kommen. Die Quote der Arbeitsunfähigkeit, also der Krankenstand, der in Statistiken
niedergelegt und von den Personalverantwortlichen meist sorgfältig analysiert wird, ist
in Wirklichkeit nur die Spitze eines Eisbergs (siehe Abb. 13.2) der untergründig viele
andere Quellen der Leistungsminderung enthält, die wirksam werden, noch lange bevor
die Krankmeldung eintrifft. Körperliche Beschwerden werden noch immer am häufigs-
ten bei Krankschreibungen diagnostiziert, obwohl sich dahinter oft psychische Probleme
verbergen. Fehlende Anerkennung der eigenen Leistung kann zu Leistungsminderung
323
und auch zu krankheitsbedingten Einschränkungen führen, entweder, weil der betroffene
Mitarbeiter sich dadurch tatsächlich minderwertig und unfähig fühlt und es in der Folge
zu psychischen Problemen kommt oder weil er oder sie es schlicht nicht mehr einsieht,
sich anzustrengen, wenn Wertschätzung ausbleibt. Ein Großteil der „Blaumacher“ hat
deswegen das Commitment gegenüber dem Unternehmen und dem Team aufgekündigt
und driftet in die Innere Kündigung ab.
Ständige betriebliche Veränderungen können zu hoher Arbeitsbelastung und zu Stress
und Ängsten führen. Wer unter hohem Druck arbeitet und sich keine angemessenen
Auszeiten gönnt, kann einen Burn-out erleiden. Wenn, umgekehrt, die Arbeit monoton
und sinnlos erscheint und man seine Fähigkeiten und Talente nicht ausleben kann, so
bezeichnet man dieses Phänomen auch als Bore-Out.
Vorgesetzten-Perspekve
Mitarbeiter fehlt wegen Krankheit
Arbeitspensum muss mit den
verbleibenden Mitarbeitern
gescha werden
Arbeitsdruck für Vorgesetzte und
Mitarbeiter steigt
wachsender Bedarf an Methoden
zur Vermeidung von Fehlzeiten
durch Krankheit
Mitarbeiter-Perspekve
Beschwerden, Probleme, Sorgen,
Unzufriedenheit etc. führen zu
Krankmeldung
Versuch, die Symptome schnell
wieder loszuwerden
evtl. psychischer Druck,
Versagensängste, Angst vor Verlust
des Arbeitsplatzes
Gesundschreibung und Rückkehr
an den Arbeitsplatz
Nach Gesundmeldung Entspannung
der Situaon und weiter machen
wie bisher
Beim nächsten Mal: Zähne
zusammenbeißen, Durchhalten
und einfach weitermachen
Abb. 13.1 Die Symptom-Perspektive
13.1 Leistungsminderung durch Krankheit, Beschwerden …
324
13 Gesundheitsorientierte Führung
Die Ursachen für Leistungsminderungen liegen aber auch oft außerhalb des Betrie-
bes. Frustration und Stress im Privatleben können Depressionen zur Folge haben, die
zu Leistungsminderung und Arbeitsunfähigkeit führen. Private Sorgen und Probleme in
der Familie können zu gesundheitlichen Problemen und zu Krankschreibungen führen.
Manchmal sind Leistungsdruck am Arbeitsplatz im Zusammenhang mit familiären Prob-
lemen der Auslöser für eine Alkohol- oder Medikamentensucht.
Eine der Hauptursachen für Gesundheitsprobleme ist ein ungesunder Lebensstil.
Durch eine gesundheitsförderliche Unternehmenskultur und gesundheitsorientiertes
Verhalten der Führungskräfte können jedoch auch hier die Weichen neu gestellt und die
Arbeitsfähigkeit kann grundlegend verbessert werden.
Zu beachten ist, dass durch all diese „Faktoren im Untergrund“ die Leistungsfähig-
keit der Mitarbeiter und damit auch die im Unternehmen erbrachte tatsächliche Leistung
erheblich beeinträchtigt wird. Damit entsteht ein Schaden für das Unternehmen, auch
wenn der nominale Krankenstand niedrig ist.
In Abb. 13.3 werden die Ursachen und Folgen von Präsentismus systematisch darge-
stellt.
Krankenstand
Fehlende Anerkennung
Innere Kündigung
Frust
Stress
Ängste
Konflikte
Unternehmenskultur
Demotivation
Burn-Out
Depressionen
Sucht
Familiäre Sorgen
Führungsschwäche
Ungesunder Lebensstil
Druck
Faktoren im
Untergrund
Präsentismus
Abb. 13.2 Die Gründe im Untergrund
325
13.1.2.2 Auswirkungen von Erwartungen und Druck
Auf Druck reagiert unser Gehirn auf seine spezifische Art: Wir ergreifen die Flucht,
schalten auf Angriff oder stellen uns tot. Wir reagieren also keinesfalls sachlich oder rati-
onal, wie es eigentlich zur Problemlösung logisch erschiene. Unser mangelndes Vermö-
gen, uns rational zu verhalten, ist ein Erbe der Evolution, dem wir nicht entkommen.
Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir uns unter Druck gesetzt fühlen und in Stress
geraten?
Unser Gehirn besteht im Wesentlichen aus Kleinhirn, Stammhirn und Großhirn. Das Kleinhirn ist
zuständig für die teilweise unbewusste, automatisierte Steuerung unserer Bewegungen. Es spielt
für die folgende Betrachtung keine Rolle. Das Großhirn, hat sich erst vor ca. 1,5 Mio. Jahren
gebildet. Von ihm wird angenommen, dass es unser Handeln steuert. Das Stammhirn ist wesentlich
älter – ca. 450 Mio. Jahre. Es ist zwar beschränkt aber schnell und wirkungsvoll. Es tritt in Aktion,
lange bevor unsere Vernunft sich einschalten kann. Es steuert nur wenige Handlungsalternativen:
z. B. Flucht, Angriff, Totstellen. Wenn wir angegriffen werden, übernimmt es die Führung.
Auch unser Limbisches System tritt in Aktion, wenn wir uns bedroht fühlen: Allen unseren
Wahrnehmungen wird ein Gefühl hinzugefügt. Im Fall einer negativen Wahrnehmung – z. B. ein
permanent cholerischer Chef – wertet unser Limbisches System dies als Angriff oder Bedrohung
und es erfolgt eine Aktivierung des Stammhirns. Und nun ereignet sich etwas Bemerkenswertes: In
dem Maß, in dem das Stammhirn Aktivitäten im Sinne von Lebensrettung entwickelt, legt sich ein
Folgen
Arbeitnehmer
krank
Arbeit
Präsensmus
Ängste
•Ansehen: "Was halten die
Kollegen und der Chef von
mir, wenn ich fehle?"
•Arbeitsplatz: "Ich könnte
meine Existenz verlieren"
•Gehalt: "Ich könnte weniger
Geld nach Hause bringen"
•Aufsegsmöglichkeiten: "Bei
der nächsten Beförderung
könnte ich nicht dabei sein"
•Konkurrenz: "Ich muss am
Ball bleiben, sonst bekommt
Kollege X das neue Projekt"
Ursachen
Selbstkonzept
•Heldentum: "Ich opfere mich
auf / Ich ree das Projekt"
•Omnipräsenz: "Ohne mich
geht es nicht"
•Omnipotenz: "Das schaffe ich
auch noch"
•Commitment: "Das bin ich
mir schuldig"
•Pflichtgefühl: "Ich bin es dem
Unternehmen / den Kollegen
schuldig"
•Sinnsung: "Meine Arbeit
gibt mir Befriedigung und
Lebenssinn"
Unternehmen
•Verschlimmerung
der Krankheit mit
anschließend
längeren Fehlzeiten
•Ausfall von Kollegen
durch Ansteckung
•geringere Leistung
durch Unwohlsein,
Müdigkeit,
Erschöpfung, Stress
•geringere Leistung
durch geringere
Movaon / Dienst
nach Vorschri
•mehr Fehler, mehr
Unfälle
•weniger
Innovaonen
•Verschlechterung
des Arbeitsklimas
durch Ängste,
Aggressionen
•Verlust von Kunden
•Schaden für die
Marke
Gesellscha
•Verschlimmerung
der Krankheit mit
anschließend
höheren Krankheits-
und Sozialkosten
•Gefahr von
Epidemien
•volkswirtschaliche
Kosten durch
geringere
Produkvität und
sinkende
Innovaonskra
•höhere Sozialkosten
durch
Erwerbslosigkeit
•gesellschalich
folgenschwere
Unfälle
•"Gesundheitswahn"
•Diskriminierung von
Krank-Gemeldeten
•Falsche Leitbilder
der Omnipotenz
des Einzelnen
Abb. 13.3 Ursachen und Folgen von Präsentismus
13.1 Leistungsminderung durch Krankheit, Beschwerden …
326
13 Gesundheitsorientierte Führung
sogenannter Limbischer Nebel über das Großhirn und damit über unsere verstandesmäßigen Res-
sourcen. Die Folge: ausgerechnet in Bedrohungssituationen stehen uns unsere vernunftorientierten
Potenziale nur eingeschränkt zur Verfügung. Wir ergreifen die Flucht, stellen uns tot oder gehen
zum Angriff über.
Menschen in einer Belastungs- oder gar Bedrohungssituation können also nur einen Teil
ihres Potenzials in den Wertschöpfungsprozess des Unternehmens einbringen.
Wie können wir nun damit umgehen? Ein erster Schritt wäre, in solchen Situationen
Abstand zu gewinnen. Abstand können wir präventiv auch dadurch gewinnen, dass wir
uns die Situationen, Erfahrungen und Eindrücke, die uns unter Druck gesetzt haben,
bewusst machen. Gerade weil das Unbewusste einen so immensen Raum bei uns Men-
schen einnimmt, ist es entscheidend, wie wir gerade in der Führungsarbeit mit Aufmerk-
samkeit und Einfühlungsvermögen für einen bewussten Umgang miteinander sorgen.
Ob ich etwas als Bedrohung oder als Bereicherung empfinde, hängt letztlich von mei-
nen Lebenserfahrungen ab. Natürlich bin ich als Führungskraft nicht verantwortlich für
die Lebenserfahrung meiner Mitarbeiter, aber ich muss mir bewusst machen, dass jedes
Verhalten meinerseits, Auswirkungen auf meine Mitmenschen hat – und zwar vor dem
Hintergrund ihrer jeweils individuellen Lebenserfahrung.
13.2
Was können Unternehmen tun?
Die wirklichen Gründe von Arbeitsunfähigkeit können individuell völlig unterschiedlich
sein und bleiben eine Angelegenheit, die vor allem die Mitarbeiter selbst etwas angeht.
Das Unternehmen kann viele tolle Angebote zur Gesundheitsförderung machen und den-
noch hohe Krankenstände haben.
Stellen wir uns ein „normales“ Unternehmen vor (Abb. 13.4). In dem Unternehmen
werden Arbeitsplätze bereitgestellt. Diese werden von Arbeitnehmern besetzt, die dort
ihre Leistung für das Unternehmen erbringen. Die Arbeitsbedingungen im Unternehmen
werden so gestaltet, dass möglichst viel Leistung dauerhaft erbracht werden kann. Dies
gewährleisten unter anderem das Betriebliche Gesundheitsmanagement und Maßnah-
men, die es leicht machen, Beruf und Privatleben miteinander zu verbinden. Obwohl das
Unternehmen scheinbar alles richtig macht, kann es sein, dass die Leistung niedrig und
der Krankenstand hoch ist.
Arbeitnehmer sind Menschen, die trotz toller Angebote manchmal nicht so funktio-
nieren, wie man es von ihnen erwartet. Menschen haben ihre eigenen Ziele, die nicht
selten auch von Sorge um die Familie bestimmt sind. Viele Menschen fühlen sich durch
vielerlei Einflüsse gestresst, erschöpft oder deprimiert.
Es genügt also nicht, die Arbeitsbedingungen im Unternehmen zu verbessern und
gesundheitsgerecht zu gestalten. Arbeitnehmer bringen all ihre Befindlichkeiten mit zur
Arbeit. Und das sind manchmal eben neben körperlichen Beschwerden auch private Pro-
bleme und Sorgen um Familienangehörige. Wer Sorgen, Beschwerden und Probleme
327
hat, kann am Arbeitsplatz oft nicht die volle Leistung erbringen. Manche lassen sich
krankschreiben, allzu viele kommen krank zur Arbeit. Jedenfalls gehen dem Unterneh-
men Leistungspotenziale verloren, ganz abgesehen von folgenschweren Fehlern, die das
Unternehmen viel Geld kosten.
13.2.1 Gesetzliche Pflichten
13.2.1.1 Arbeitsschutzrecht
Unternehmen haben die Bestimmungen des Arbeitsschutzrechts einzuhalten. Eine Nicht-
beachtung von entsprechenden Regelungen stellt eine Ordnungswidrigkeit oder eine
Straftat dar und die betroffenen Arbeitnehmer haben in diesem Fall das Recht, die Arbeit
zu verweigern.
Das Arbeitsschutzrecht wird konstituiert durch das Arbeitsschutzgesetz (ArbschG),
das Arbeitszeitgesetz (ArbzG.) sowie durch verschiedene Bestimmungen im Betriebs-
verfassungsgesetz (BetrVG) und besondere Schutzvorschriften für bestimmte Personen-
gruppen, z. B. das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) und das Sozialgesetzbuch IX
(SGB IX). Die Unfallversicherungsträger gestalten das Recht durch Unfallverhütungs-
vorschriften für verschiedene Tätigkeiten und Branchen mit.
Im Arbeitssicherheitsgesetz (ASiG) sind die Bestimmungen über die Bestellung von
Betriebsärzten, Sicherheitsingenieuren und Fachkräften für Arbeitssicherheit enthalten.
Arbeitnehmer
Menschen
Kognives
System
Psycho-
system
Soziales
System
Leistungsbereitscha
Commitment
Leistungsfähigkeit
Körper
Arbeitsinhalte
Entgelt
Aufsegsmöglichkeiten
Arbeitsumgebung
Arbeitsmiel
Arbeitsorganisaon
Parzipaon
Familienfreundlichkeit
Führungsqualität
Unternehmenskultur
Betriebliches Gesundheitsmanagement
Arbeitnehmer
Abb. 13.4 Menschen im Unternehmen
13.2 Was können Unternehmen tun?
328
13 Gesundheitsorientierte Führung
In der Gewerbeordnung, in der Arbeitsstättenverordnung, im Arbeitszeitgesetz, im
Gesetz über technische Arbeitsmittel und Verbraucherprodukte und im Mutterschutzge-
setz sind ebenfalls Regelungen über den Schutz von Arbeitnehmern am Arbeitsplatz ent-
halten.
Der Arbeitgeber hat Sicherheitsfachkräfte und Betriebsärzte zu bestellen, die ihn in
Fragen des Arbeitsschutzes unterstützen. Die Einhaltung von Arbeitsschutzregelungen ist
rechtsverbindlich und wird von den staatlichen Arbeitsschutzbehörden oder den Gewer-
beaufsichtsämtern auf Länderebene und von den Unfallversicherungsträgern überwacht.
Nach dem Arbeitsschutzgesetz muss der Arbeitgeber eine Gefährdungsbeurteilung
durchführen.
Der Betriebsrat hat nach § 80 Abs. 1 BetrVG über die Einhaltung der Arbeitsschutz-
regelungen zu wachen und hat auch nach § 87 Abs. 1 Ziff. 7 BetrVG Mitbestimmungs-
rechte bei der gesundheitsorientierten Arbeitsplatzgestaltung.
Ein Ansprechpartner für Unternehmen und Arbeitnehmer ist die Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, die eine Vielzahl von Handlungshilfen und Praxisbei-
spielen zu Themen des Gesundheitsschutzes zum Download bereithält (vgl. BAuA).
13.2.1.2 Gefährdungsbeurteilung
Die Gefährdungsbeurteilung ist die Grundlage des betrieblichen Arbeitsschutzes. In den
§§ 5 und 6 ArbschG sind die Anforderungen an eine Gefährdungsbeurteilung dargestellt
(siehe Abb. 13.5).
Der Arbeitgeber wird verpflichtet, die mit der Arbeit verbundenen Gefährdungen
zu beurteilen und die erforderlichen Maßnahmen des Arbeitsschutzes zu ermitteln. Es
genügt dabei, wenn gleichartige Arbeitsplätze oder gleichartige Tätigkeiten exemplarisch
untersucht werden (§ 5 Abs. 2 ArbschG). In § 5 Abs. 3 ArbschG werden dann die Fakto-
ren angegeben, durch die sich eine Gefährdung ergeben kann:
(3) Eine Gefährdung kann sich insbesondere ergeben durch
1. die Gestaltung und die Einrichtung der Arbeitsstätte und des Arbeitsplatzes,
2. physikalische, chemische und biologische Einwirkungen,
3. die Gestaltung, die Auswahl und den Einsatz von Arbeitsmitteln, insbesondere von
Arbeitsstoffen, Maschinen, Geräten und Anlagen sowie den Umgang damit,
4. die Gestaltung von Arbeits- und Fertigungsverfahren, Arbeitsabläufen und Arbeitszeit
und deren Zusammenwirken,
5. unzureichende Qualifikation und Unterweisung der Beschäftigten,
6. psychische Belastungen bei der Arbeit (§ 5 Abs. 3 ArbschG).
Der Arbeitgeber hat die Ergebnisse der Gefährdungsbeurteilung zu dokumentieren.
Die Mitarbeiter und ihre Interessenvertretungen sind einzubeziehen und Fachkräfte
für Arbeitssicherheit sowie Betriebsärzte haben die Aufgabe, den Arbeitgeber bei der
Gefährdungsbeurteilung und bei der Entscheidung über daraus folgende Maßnahmen zu
beraten. Die Gefährdungsbeurteilung ist regelmäßig zu wiederholen.
329
Gefährdungsbeurteilungen werden in der Regel durch Betriebsbegehungen, Mitarbei-
terbefragungen und sicherheitstechnische Überprüfungen vollzogen.
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gibt zur Durchführung von
Gefährdungsbeurteilungen ausführliche Hinweise (vgl. BAuA 2016).
13.2.1.3 Psychische Gefährdungsbeurteilung
An erster Stelle der Krankheitsgründe stehen mittlerweile psychische Störungen und
Beeinträchtigungen. Sie liegen nach den Statistiken der Kranken- und Rentenversiche-
rungen auf Platz eins der Ursachen für Fehltage und längerfristige Erwerbsminderungen.
Schlagworte sind hier Stress und das sogenannte Burn-out-Syndrom.
Wortlaut des
Arbeitsschutzgesetzes:
"Eine Gefährdung kann sich
insbesondere ergeben durch
Analysebereiche
Arbeitsumgebung
Beleuchtung, Klima, Geräusche,
Raumbedarf, Raumaufteilung
Unfallgefahren/gefährliche
Arbeitsstoffe
Stolperstellen, ungesicherte Zuleitungen,
Emission von toxischen Stoffen,
Röntgenstrahlung, Elektrosmog
Arbeitsorganisation
Pausen, körperliche Aktivität,
Handlungsspielräume,
Persönlichkeitsförderung,
Kommunikationsmöglichkeiten,
Hindernisse und Überforderungen im
Arbeitsablauf, Variabilität und
Strukturierbarkeit
Qualifizierung und Beteiligung
bezüglich Arbeitsaufgabe, Umgang mit
Arbeitsmitteln, Sicherheit und
Gesundheitsschutz, Datenschutz,
Leistungs- und Verhaltenskontrolle,
Systemeinführung und -gestaltung
die Gestaltung und die Einrichtung
der Arbeitsstätte und des
Arbeitsplatzes
physikalische, chemische und
biologische Einwirkungen
die Gestaltung, die Auswahl und den
Einsatz von Arbeitsmitteln,
insbesondere von Arbeitsstoffen,
Maschinen, Geräten und Anlagen
sowie den Umgang damit
die Gestaltung von Arbeits- und
Fertigungsverfahren, Arbeitsabläufen
und Arbeitszeit und deren
Zusammenwirken
unzureichende Qualifikation und
Unterweisung der Beschäftigten" (§
5 Abs. 3 ArbSchG)
Arbeitsmittel
Hardware, Mensch-Maschine-
Schnittstelle, Büromöbel, Anordnung der
Arbeitsmittel
Abb. 13.5 Gefährdungsbeurteilung. (Nach § 6 ArbSchG)
13.2 Was können Unternehmen tun?
330
13 Gesundheitsorientierte Führung
Bisher war es heftig umstritten, ob in die Gefährdungsanalyse auch die psychischen
Belastungen einzubeziehen ist. Im Jahr 2013 wurde das Arbeitsschutzgesetz dahin-
gehend geändert und nun müssen Arbeitgeber eine Gefährdungsbeurteilung auch hin-
sichtlich der psychischen Belastungen durchführen (§§ 4 und 5 ArbSchG). Zuwider-
handlungen können eine Ordnungswidrigkeit oder gar eine Straftat darstellen (§ 26
ArbSchG). Der Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) prognosti-
ziert, dass die Beurteilung psychischer Belastung bei der Arbeit künftig eine große Rolle
spielen wird und hat dazu 2013 einen Leitfaden herausgegeben (BDA 2013).
13.2.2 Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF)
Über die Erfüllung der gesetzlichen Regelungen hinaus liegt es im Interesse jedes
Arbeitgebers, sein Möglichstes zur Gesunderhaltung der Arbeitnehmer zu tun. Dazu ver-
folgen die Unternehmen unterschiedliche Strategien und bieten ihren Mitarbeitern einen
bunten Strauß von Fördermaßnahmen, die von Krankenkassen oder privaten Dienstleis-
tern durchgeführt werden, z. B.
• Rückenschule,
• ergonomische Arbeitsplatzgestaltung,
• Förderung von Bewegung, z. B. Fitness am Arbeitsplatz, Veranstaltung von Firmen-
läufen,
• gesunde Ernährung,
• medizinische Vorsorge, Prävention, Gesundheitschecks,
• Führungskräfteentwicklung mit besonderem Schwerpunkt auf gesundheitsorientierter
Führung,
• betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM),
• externe psychosoziale Beratung,
• Familienservices,
• zusätzliche Krankheitsvorsorge und betriebliche Altersvorsorge.
Verschiedene Institutionen wie das Bundesministerium für Gesundheit (siehe BMG) und
die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) sowie die Krankenkas-
sen – nach dem neu gefassten Präventionsgesetz (siehe GKV Spitzenverband 2017) –
bieten Beratung für die betriebliche Praxis an.
Ziele der Arbeitgeber hinsichtlich der Betrieblichen Gesundheitsförderung sind in ers-
ter Linie
• Erfüllung der gesetzlichen Pflichten,
• Förderung der Leistungsfähigkeit der Beschäftigten,
• Senkung der krankheitsbedingten Fehlzeiten,
• Verbesserung der Qualität der Arbeit,
331
• Verbesserung der Wirtschaftlichkeit und
• Erhöhung der Attraktivität als Arbeitgeber.
Der übergeordnete Rahmen von Gesundheitsförderungsinitiativen ist die „Ottawa-
Charta“ von 1986 der Weltgesundheitsorganisation WHO, in der ein Modell der Verein-
heitlichung verschiedener Gesundheitsstrategien enthalten ist (vgl. Ottawa-Charta zur
Gesundheitsförderung 1986).
Betriebliche Gesundheitsförderung bewegt sich sowohl im Feld der „Verhältnisprä-
vention“ als auch in dem der „Verhaltensprävention“.
Verhältnisprävention Ziel ist es, gesundheitsförderliche Arbeitsbedingun-
gen zu schaffen. Dies berührt sowohl die strukturelle wie auch die personale
Führung. Auf der Ebene der betrieblichen Verhältnisse gibt es eine Vielzahl
von Faktoren, die die Gesundheit der Mitarbeiter beeinflussen: Arbeitsorga-
nisation, Arbeitsbedingungen, Sicherheit des Arbeitsplatzes, Unternehmens-
kultur, Betriebsklima, Führungssysteme, Führungsgrundsätze, Qualifizierung,
Verhältnis zum Vorgesetzten etc. Kosten durch mangelhafte Verhältnisprä-
vention entstehen u. a. aus arbeitsbedingten Erkrankungen, gesundheitlichen
Beschwerden, Präsentismus, Arbeitsunfällen usw.
Verhaltensprävention
Die Ressourcen von Gesundheit liegen im Individuum selbst. Verhaltensprä-
vention stärkt die persönliche Handlungsfähigkeit für die Gestaltung der
gesundheitlichen Arbeits- und Lebensbedingungen und motiviert zu gesund-
heitsgerechtem Verhalten (vgl. Becker 2006). Wenn dies gelingt, steigert sich
das Wohlbefinden und die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten. Hier greifen
sowohl Policies (z. B. rauchfreie Arbeitsumwelt) als auch der Einfluss der direk-
ten Führungskraft.
Das Präventionsgesetz
Am 17. Juli 2015 trat das Präventionsgesetz (PrävG) in Kraft, welches wesentliche
Änderungen im Sozialgesetzbuch V (SGB V) mit sich bringt. Ziel ist es, Prävention
als festen Bestandteil in das Gesundheitssystem zu integrieren. Zum Präventionsge-
setz hat die „Nationale Präventionskonferenz“, bestehend aus dem Spitzenverband der
Gesetzlichen Krankenkassen, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, der Sozi-
alversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau und der Deutschen Rentenver-
sicherung, Anfang 2016 „Bundesrahmenempfehlungen“ verabschiedet (vgl. Nationale
Präventionskonferenz 2016).
Durch das Präventionsgesetz werden Krankenkassen stärker als bisher in die Betrieb-
liche Gesundheitsförderung eingebunden. Unternehmen können bei ihnen Zuschüsse für
Projekte der Gesundheitsförderung beantragen. Für die Betriebliche Gesundheitsförde-
rung müssen die gesetzlichen Krankenkassen seit Januar 2016 mindestens zwei Euro pro
13.2 Was können Unternehmen tun?
332
13 Gesundheitsorientierte Führung
Versichertem aufwenden (vgl. Henssler 2016). Kleine und mittlere Unternehmen erhal-
ten einen Bonus für Aktivitäten der Betrieblichen Gesundheitsförderung. Allerdings wer-
den Maßnahmen, die der gesetzlichen Pflicht der Arbeitgeber unterliegen, nicht von den
Krankenkassen bezuschusst.
Akteure des gesetzlichen Arbeitsschutzes, wie Betriebsärzte und Fachkräfte für
Arbeitssicherheit, werden nach dem Präventionsgesetz in Maßnahmen der Betrieblichen
Gesundheitsförderung stärker eingebunden als bisher.
13.2.3 Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)
13.2.3.1 Die DIN SPEC 91020
Im Juli 2012 ist die DIN-Norm DIN SPEC 91020 in Kraft getreten. Sie legt die Anforde-
rungen an ein Betriebliches Gesundheitsmanagementsystem fest,
die es einer Organisation ermöglichen, ihre betrieblichen Rahmenbedingungen, Strukturen
und Prozesse so zu entwickeln und umzusetzen, dass das Arbeitssystem und die Organisa-
tion gesundheitsgerecht und leistungsfördernd gestaltet und die Mitglieder der Organisation
zum gesundheitsfördernden Verhalten befähigt werden (DIN SPEC 91020, S. 6).
Die in der Norm beschriebenen Mindeststandards für Betriebliches Gesundheitsma-
nagement bieten Unternehmen Orientierung bei der Auswahl der Maßnahmen der
Gesundheitsförderung. Angestrebt werden die systematische Integration von gesund-
heitsförderlichen Einzelmaßnahmen sowie die Integration des Gesundheitsmanagements
in bereits bestehende Managementsysteme, z. B. ISO 9001.
In der Norm werden Anforderungen gebündelt, die in den rechtlichen Regelungen
des Arbeits- und Gesundheitsschutzes enthalten sind. Die Norm selbst gilt aber nicht als
Arbeitsschutzstandard. Die freiwillige Zertifizierung dient den Unternehmen – wie bei
Normen zu Managementsystemen üblich – lediglich als Nachweis, dass es ein funkti-
onierendes Gesundheitsmanagementsystem gibt. Damit ist ein weiteres Kriterium zur
Bewertung von Unternehmen, z. B. auch im Wettbewerb um Fach- und Führungskräfte
geschaffen worden.
Die Norm stellt den hohen Anspruch, dass verschiedene betriebliche Maßnahmen der
Gesundheitsförderung integriert werden und so ein Gesamtsystem entsteht, welches alle
betrieblichen Gesundheitsaspekte umfasst, kontinuierlich evaluiert und an veränderte
Gegebenheiten anpasst. Ziel von zertifizierungswilligen Unternehmen soll es sein, syste-
matisch eine gesundheits- und leistungsförderliche Gestaltung der Arbeit und der Orga-
nisation zu entwickeln.
In der DIN SPEC 91020 wird dem Führungsverhalten ein besonderer Stellenwert
zugemessen:
In der Konsequenz stellt die oberste Leitung einen erforderlichen Wandel der Organisati-
onskultur (d.h. des Zusammenspiels der organisationsspezifischen Werte, sozialen Nor-
men, Denkhaltungen und Paradigmen) zur gesundheitsgerechten und leistungsförderlichen
333
Gestaltung von Arbeit und Organisation sicher, insbesondere indem sie das Betriebliche
Gesundheitsmanagement vorlebt, verfolgt und die Befähigung zum gesundheitsfördernden
Verhalten der Organisationsmitglieder zum Ziel hat (DIN SPEC 91020, S. 6).
Die Erwartungen der Mitarbeiter sind besonders zu berücksichtigen. Sowohl die indi-
viduelle Gesundheit (Verhaltensprävention) als auch ein gesundheitsgerechtes und leis-
tungsförderliches Arbeitssystem (Verhältnisprävention) sollen laut Norm im Zentrum des
Gesundheitsmanagementsystems stehen.
Einschlägige Zertifizierungsorganisationen sind u. a. die DQS GmbH Deutsche
Gesellschaft zur Zertifizierung von Managementsystemen sowie die TÜV Nord CERT
GmbH.
13.2.3.2 Was tun? BGM-Strategie als Change-Prozess
Unternehmenskultur als Basis
Betriebliches Gesundheitsmanagement sollte in der Unternehmenskultur verankert wer-
den, damit es seine volle Wirksamkeit entfaltet. Unternehmenskultur ist informell und
kaum messbar. Zur Kultur eines Unternehmens gehören gemeinsam geteilte Werte,
Normen und Symbole. Unternehmenskultur wird z. B. deutlich, wenn die alten Grün-
dermythen auf der Betriebsfeier erzählt werden, wenn man sich an einer bestimmten
Kleiderordnung und vertrauten Verhaltensnormen erkennt, oder wenn Statussymbole,
wie der eigene Firmenparkplatz das Aufstiegsstreben bestimmen. Schaut man sich große
Unternehmen an, so findet man dort durchaus unterschiedliche Unternehmenskulturen in
einem Hause – in der Verwaltung ist sie oft anders als in der Produktion.
Gesundheitsförderlich ist Unternehmenskultur dann, wenn es z. B. selbstverständlich
zum guten Ton gehört, die gesundheitlichen Belastungen der Mitarbeiter kontinuierlich
zu verringern, bzw. ihre Fähigkeiten zu steigern und mit unvermeidbaren Belastungen
gesundheitsbewusst umzugehen. Hier ist also nicht nach einzelnen Maßnahmen der
Gesundheitsförderung gefragt, sondern danach, wie solche Maßnahmen zur Selbstver-
ständlichkeit werden können und wie sie „kulturell“ bei Mitarbeitern und Führungskräf-
ten verankert sind.
So gesehen, ist die Einführung von Betrieblichem Gesundheitsmanagement oft ein
gravierender Change-Prozess. Wie alle Veränderungsprozesse muss auch die Einführung
von BGM von der Unternehmensführung mit der nötigen Kraft und Wichtigkeit initiiert
werden und von den Führungskräften ernst genommen und vorgelebt werden.
Unternehmensleitung, Betriebsrat und Mitarbeiter müssen gemeinsam handeln
Personal ist eine nicht kopierbare Ressource für Unternehmen. Die Erfahrungen und
Kompetenzen der Menschen sind unverwechselbar und nachahmungsresistent. Sie
repräsentieren als „intangible assets“ einen Unternehmenswert, den im Gegensatz zu
Maschinen, Software, Managementmethoden und Kapitalstrategien die Wettbewerber
nicht kopieren können. Damit liegt es im Interesse eines jeden rational wirtschaftenden
Unternehmers, die Arbeits- und Leistungsfähigkeit seiner Mitarbeiter kontinuierlich
13.2 Was können Unternehmen tun?
334
13 Gesundheitsorientierte Führung
zu erhalten und zu verbessern. Dazu gehört es auch, die Arbeitsbedingungen und Füh-
rungsstrukturen menschengerecht zu gestalten und die Menschen dabei zu unterstützen,
gesund zu werden und zu bleiben.
Viele Unternehmen haben unter dem Eindruck des demografischen Wandels und
des damit realer werdenden „War for Talents“ die grundsätzliche Bedeutung betriebli-
cher Gesundheitsförderung erkannt. Schlüsselpersonen, die auf den unterschiedlichen
betrieblichen Führungsebenen zu finden sind –, Multiplikatoren unter den Mitarbeitern,
Führungskräfte, Betriebsratsmitglieder, Betriebsärzte usw. – können als Motivatoren fun-
gieren. Diesen Prozess sollten die Betriebsparteien – Unternehmensleitung und Betriebs-
rat – gemeinsam organisieren.
Wie jeder Change-Prozess muss auch die die Einführung von Gesundheitsmanage-
ment professionell geführt werden. Generell sollte Changemanagement durch die
betrieblichen Fach- und Führungskräfte selbst geleistet werden. Externe Berater können
für Analysen und Methodentransfer eingesetzt werden.
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Literatur
Teil V
Fazit
339
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018
P. Berger, Praxiswissen Führung, https://doi.org/10.1007/978-3-662-50527-4_14
Zusammenfassung
Hier wird noch einmal zusammengefasst, wie es zu Führen und Geführtwerden im
Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung gekommen ist. Die Akteure der Personal-
führung haben seit Frederick Winslow Taylor die Aufgabe, das Arbeitsvermögen der
Beschäftigten in Leistung für das Unternehmen zu transformieren. Es haben sich zwei
Weisen von Führung herausgebildet: Strukturelle Führung wird durch Regeln und
Normen, Strukturen und Unternehmenskultur bestimmt und vom Human Resource
Management gestaltet. Personale Führung bewegt sich zwischen zwei Polen: Füh-
rung durch Position (Vorgesetzte) und Führung durch soziale Beziehung. Wie kommt
es aber, dass sich erwachsene Menschen ihren Führern freiwillig und meist sogar
freudig unterwerfen und ihnen die Macht zum Führen einräumen? Macht ist eine
soziale Beziehung in der sich Führer und Geführte wechselseitig „konstruieren“.
14.1
Wie es dazu kam – Die Entstehung von Führung als
Resultat gesellschaftlicher Entwicklung
Wenn es um Führung geht, müssen wir über Arbeit und Arbeitsteilung reden. Arbeit
ist typische menschliche Tätigkeit der Auseinandersetzung mit der äußeren Natur. Sie
ist zweckgerichtet und planvoll, und sie ist konstituierende Größe der Gesellschaftlich-
keit des Menschen. Arbeitsteilung entsteht in einer wachsenden Bevölkerung durch die
Spezialisierung von Fertigkeiten. Dabei steigt die Produktivität einer Gesellschaft, die
bei ausreichenden Ressourcen weiter wachsen kann. Bereits in den Gesellschaften der
Jäger und Sammler teilten sich die Menschen ihre Arbeit. Bei Treibjagden handelten
die Treiber scheinbar gegen ihre Interessen, indem sie das Wild von sich weg zu den
Jägern trieben. Sie konnten dies tun, weil sie wussten, dass sie einen gerechten Anteil
Das Phänomen Führung –
Herkunft und Ideologie heutigen
Führungsverständnisses
14
340
14 Das Phänomen Führung – Herkunft und Ideologie heutigen …
an der Jagdbeute erhielten. Vertrauen und Gerechtigkeit waren so schon von Beginn der
Menschheitsgeschichte an ein Kennzeichen der Gattung Mensch.
Bei Führung geht es um Macht und Machtressourcen und es geht um die Art zu wirt-
schaften. Arbeitsorganisation, Technik, Wissenschaft und Kultur stellen zusammen die
entscheidenden Machtressourcen dar, auf deren Grundlage sich Gesellschaften und mit
ihnen die jeweils spezifische Art und Weise von Führung und Management entwickeln.
Der Anspruch auf stellvertretende Planung und damit auf politische Führung entstand
in den Stadtstaaten und Großreichen, wo es galt, Hunderttausende von Menschen für die
Bewältigung wirtschaftlicher und religiöser Großprojekte zu koordinieren, z. B. bei der
Bewirtschaftung des Nildeltas und beim Pyramidenbau. Hier wurde erstmalig im großen
Maßstab die Idee einer vertikalen Teilung der Arbeit, also einer Trennung von Planung
und Ausführung, verwirklicht. Dieser Führungsanspruch von Einzelnen über Viele mani-
festierte sich im Laufe der Menschheitsgeschichte so weit, dass er heute als naturgege-
ben hingenommen wird.
Die Idee der vertikalen Arbeitsteilung wurde zu Anfang des 20. Jahrhunderts von
Frederick Winslow Taylor mit seiner „Wissenschaftlichen Betriebsführung“ zur Perfek-
tion gebracht und gilt als die Geburtsstunde des modernen Managements. Dabei ging
es Taylor nicht nur um Effizienz. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie der industrielle
Unternehmer seine Macht gegenüber den Arbeitern behaupten konnte. Die Akteure der
Personalführung haben seitdem die Aufgabe, das Arbeitsvermögen der Beschäftigten in
Leistung für das Unternehmen zu transformieren.
In der Folge der Initialzündung, die die „wissenschaftliche Betriebsführung“ von
Taylor hervorgebracht hatte, entstanden im 20. Jahrhundert in immer rascherer Folge
verschiedene Leitbilder von Führung – Bürokratiemodell, Motivationstheorien, Interak-
tionsansätze –, die den jeweils herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen und Men-
schenbildern entsprachen. Je nach den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ist die
eine oder andere Führungstheorie und -praxis erfolgreich. Wenn sich die Rahmenbedin-
gungen ändern, entstehen wieder neue Führungsleitbilder. Heute, im Jahr 2017, entste-
hen im Zuge der Diskussion um die „Digital Economy“ Leitbilder von Führung, welche
die Auflösung von Arbeits- und Führungsbeziehungen sowie eine „hierarchiearme“ Füh-
rung postulieren.
14.2
Warum die Menschen das mitmachen – Führung als
soziale Konstruktion
Wenn also gesellschaftliche Verhältnisse Machtressourcen und Leitbilder für Führung
hervorbringen, wer ist es dann, der oder die sich zum Führer aufschwingt und warum
folgen die Menschen ihm oder ihr? Wie kommt es, dass sich erwachsene Menschen
irgendwelchen Führern freiwillig und meist sogar freudig unterwerfen, ob nun in der
Politik oder in Unternehmen und Behörden? Nicht der Stärkste oder der Klügste führt,
341
sondern derjenige, dem die Anderen – das Volk, die Wähler, die Kollegen, die Familien-
angehörigen… – die Macht zum Führen einräumen, denn Macht hat man nicht, Macht
ist eine soziale Beziehung. In dieser sozialen Beziehung konstruieren sich Führer und
Geführte wechselseitig. Dabei spielen Archetypen – der Vater, der Held, der Erlöser –
eine große Rolle. Dazu sei Oswald Neuberger zitiert, der die Rolle von Archetypen in
Führungsbeziehungen wie folgt beschreibt:
Führung beutet – meist unbewusst – diese tief sitzenden Programmierungen aus. Füh-
rungsanspruch wird hingenommen, wenn eingeschliffene Beziehungsmuster (…) aktiviert
werden, die kulturelles Allgemeingut sind. Sie gelten als unverbrüchlich und fraglos und
bieten erprobte Handlungsschablonen, die den Umgang miteinander denkentlastet regeln
(Neuberger 2002, S. 107).
Dieses Wechselspiel von Herrschaft und Unterwerfung beginnt mit der Aktivierung von
Archetypen und wird durch soziale Konstruktion aufrecht erhalten. Wenn ich meinen
Chef „großartig“ finde, so ist er nicht etwa großartig, sondern ich interpretiere ihn als
großartig. Die Kollegen und ich konstruieren uns dann unseren Chef als großartig. Diese
Konstruktion hat Folgen für uns: Wir fühlen uns als Mitarbeiter eines großartigen Chefs
und kultivieren dieses Gefühl, indem wir immer neue Attribute für seine Großartigkeit
finden und untereinander teilen, z. B. „… sorgt für uns…“, „…sagt mutig, wie es ist…“,
„…entwickelt geniale Lösungen…“, „…weiß, wo es langgeht…“ usw. Das wollen wir
uns nicht mehr wegnehmen lassen, für einen so tollen Chef arbeiten zu dürfen und uns
darüber mit vielen anderen einig zu sein. Also blenden wir Situationen aus, in denen wir
ihn mal nicht so toll finden. Wir beugen uns freudig seiner Autorität. Wenn wir selbst vor
Fragen und Problemen stehen, fragen wir lieber mal erst den Chef, bevor wir uns für eine
Lösung entscheiden. Dies und seine genialen Ratschläge teilen wir mit unseren Kollegen
und arbeiten so unermüdlich an der Großartigkeit unseres Chefs.
14.3
Was ist Führung und was ist eine Führungskraft?
Führung im Unternehmen geschieht auf zweierlei Weise:
Strukturelle Führung: Das sind Regeln und Normen, Arbeitsprozesse sowie unge-
schriebene Regeln der Unternehmenskultur. Dieses Führungssystem generiert die
Rahmenbedingungen, unter denen personale Führung im Unternehmen stattfindet. Steu-
ernder Akteur, der aber meist nicht direkt mit den Mitarbeitern interagiert, ist das Human
Resource Management (HR-Management), welches das unternehmensweite Führungs-
system entwickelt und etabliert.
Personale Führung: Hier tritt die Führungskraft mit den Mitarbeitern ihrer Füh-
rungsspanne direkt in Kontakt. Man spricht auch von Interaktionaler Führung. Personale
Führung bewegt sich zwischen zwei Polen: Führung durch Position (Vorgesetzte) und
Führung durch soziale Beziehung. Führung ist vor allem durch die Führungsbeziehung
14.3 Was ist Führung und was ist eine Führungskraft?
342
14 Das Phänomen Führung – Herkunft und Ideologie heutigen …
geprägt, die Vorgesetzte mit ihren Mitarbeitern eingehen. Auf der Beziehungsebene ver-
suchen Führungskräfte, dafür zu sorgen, dass die Geführten ihre Arbeit zu ihrem eigenen
Anliegen machen, welches sie engagiert und selbstverantwortlich verfolgen. Menschen
sind eigensinnig (und deshalb auch kreativ). Darum lassen sie sich nicht bruchlos in
Regeln und Prozessabläufe integrieren. Führung auf der Beziehungsebene gibt ihnen
Orientierung und fordert und fördert sie darin, ihren Teil an der gemeinsamen Sache zu
leisten.
Literatur
Neuberger, O. (2002). Führen und Führen lassen. Ansätze, Ergebnisse und Kritik der Führungsfor-
schung (6. Aufl.). Stuttgart: UTB.
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Zusammenfassung
Hier werden Führungskräften Reflexionen zur personalen Führung auf den Feldern
Motivation und Motivierung, Verantwortung und Selbstverantwortung sowie Kommu-
nikation und Gesprächsführung angeboten. Eine Führungskraft benötigt die Fähigkeit,
Beziehungen produktiv zu gestalten. Dazu gehört die Fähigkeit, die eigene Haltung
und das eigene Verhalten zu reflektieren, Verantwortung zu übernehmen und mit den
Mitmenschen in Augenhöhe zu kommunizieren.
15.1
Motivation und Motivierung
Eine Führungskraft benötigt die Fähigkeit, Beziehungen produktiv zu gestalten. Dazu
gehört die Fähigkeit, die eigene Haltung und das eigene Verhalten zu reflektieren. Eine
wesentliche Dimension, über die es sich nachzudenken lohnt, ist das Themenfeld Moti-
vation und Motivierung.
In der Regel sind die Menschen bereits motiviert, also in Bewegung gesetzt, aller-
dings nicht immer in eine für das Unternehmen sinnvolle Richtung. Wer Führen im Sinne
von Motivieren, also von Ingangsetzen und Antreiben versteht, wird eher bremsend wir-
ken. Wir sind schon motiviert! Wenn das stimmt, heißt Führen, die Bewegungskräfte der
Mitarbeiter in für das Unternehmen zuträgliche Bahnen zu lenken.
In komplexen, mehrdeutigen Arbeitssituationen ist vor allem der innere Antrieb des
Individuums entscheidend. Menschen handeln eben nicht nur zweckrational, sondern
sind vorwiegend von unbewussten Faktoren wie Streben nach Anerkennung, Zuneigung,
Macht und dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Selbstwirksamkeit (auch in
der Arbeit) bestimmt.
Reflexionsfelder für die personale
Führung
15
344
15 Reflexionsfelder für die personale Führung
Was können Führungskräfte nun tun, um die Bewegungskräfte ihrer Mitarbeiter in
Bahnen zu lenken, die für das Unternehmen nützlich sind? Es gibt drei Bedingungen
unter denen Menschen Leistung erbringen:
1. Die Leistungsbedingungen müssen stimmen. Damit sind z. B. angesprochen
a) angemessene und faire Bezahlung,
b) sichere und gesunde Arbeitsumwelt,
c) Möglichkeiten des Vorankommens und der Beförderung,
d) Vereinbarkeit von Arbeits- und Familienleben,
e) Sinn in der Arbeit,
f) und Mitspracherecht bei Entscheidungen.
2. Die Leistungsfähigkeit muss gewährleistet sein.
a) Die Mitarbeiter müssen die für das Unternehmen notwendigen Qualifikationen haben
b) und diese im Rahmen der Personalentwicklung ausbauen können.
c) Es muss gewährleistet sein, dass die Fähigkeiten aller Beschäftigtengruppen durch
ein Diversity-Management im Unternehmen gelebt und integriert werden können.
d) Die Basis für eine gute Performance der Mitarbeiter ist ihre körperliche und psy-
chische Gesundheit. Hierfür gibt es in gut geführten Unternehmen vielfältige
Aktivitäten der Gesundheitsförderung, die in einem konsistenten Gesundheitsma-
nagement zusammenlaufen.
3. Die Leistungsbereitschaft muss vorhanden sein. Hier erst setzen die herkömmlichen
Motivierungsstrategien an. Wenn der Arbeitsplatz allerdings keine optimalen Voraus-
setzungen bietet, wenn die Arbeit schlecht organisiert ist, wenn Arbeitsmittel fehlen
oder defekt sind, wenn der Vorgesetzte seine Rolle als Führungskraft schlecht wahr-
nimmt, wenn Mitarbeiter für ihren Job schlecht ausgebildet sind, wenn sie krank sind
oder die Arbeit zu hohe oder zu niedrige Anforderungen an sie stellt, in all diesen Fäl-
len werden auch die modernsten und ausgeklügeltsten Motivierungsstrategien nichts
nützen und wohl eher zu Demotivation und innerer Kündigung führen. Drei wesentli-
che Faktoren zur Erhöhung der Leistungsbereitschaft sind auszumachen:
a) Sinnhafte Arbeit,
b) Möglichkeiten, die eigenen Bedürfnisse in der Arbeit erfüllen zu können,
c) Vertrauenskultur und Kooperation.
Anhaltspunkte für die Erlangung der Leistungsbereitschaft ihrer Mitarbeiter können
Führungskräfte aus den Q 12 des Gallup-Instituts erhalten:
1. Ich weiß, was bei der Arbeit von mir erwartet wird.
2. Ich habe die Materialien und die Arbeitsmittel, um meine Arbeit richtig zu machen.
3. Ich habe bei der Arbeit jeden Tag die Gelegenheit, das zu tun, was ich am besten kann.
4. Ich habe in den letzten sieben Tagen für gute Arbeit Anerkennung bekommen.
5. Mein Vorgesetzter oder eine andere Person bei der Arbeit interessiert sich für mich
als Mensch.
6. Bei der Arbeit gibt es jemanden, der mich in meiner Entwicklung fördert.
7. Bei der Arbeit scheinen meine Meinungen zu zählen.
345
8. Die Ziele und die Unternehmensphilosophie meiner Firma geben mir das Gefühl,
dass meine Arbeit wichtig ist.
9. Meine Kollegen haben einen inneren Antrieb, Arbeit von hoher Qualität zu leisten.
10. Ich habe einen sehr guten Freund innerhalb der Firma.
11. In den letzten sechs Monaten hat jemand in der Firma mit mir über meine Fort-
schritte gesprochen.
12. Während des letzten Jahres hatte ich bei der Arbeit die Gelegenheit, Neues zu lernen
und mich weiter zu entwickeln.
15.2
Verantwortung und Selbstverantwortung
Verantwortung zu haben bedeutet, dass ich gegenüber einer Instanz – z. B. mir selbst,
meiner Familie, meinem Arbeitgeber, der Menschheit, Gott – für mein Handeln Rechen-
schaft abzulegen habe. Wenn ich Aufgaben übernommen habe, so bin ich in der Verant-
wortung, diese vereinbarungsgemäß zu erfüllen. Dabei habe ich die Belange der von
meinen Handlungen Betroffenen zu berücksichtigen.
Verantwortung kann man nur selbst übernehmen. Sie kann nicht delegiert oder auf-
oktroyiert werden. Verantwortliches Handeln beinhaltet klare Entscheidung und beherzte
Abwägung der Folgen. Verantwortung wird gern mit Schuld gleichgesetzt, die einem
vorgeworfen wird und für die man büßen muss. Verantwortliches Handeln bedeutet
jedoch, die eigenen Fehler einzugestehen und zu dokumentieren, damit andere daraus
lernen können (Fehlerkultur). Führungskräfte, die meinen, für ihre Mitarbeiter verant-
wortlich zu sein, zeigen damit, dass sie diese nicht für fähig halten, die Verantwortung
für sich selbst zu übernehmen.
Selbstverantwortung bedeutet, die Verantwortung für die eigenen Handlungen,
Gedanken und Gefühle zu übernehmen. In dieser Sicht gibt es keine Sachzwänge, die
uns dazu zwingen, in einer bestimmten Situation zu verbleiben, denn meist könnten wir
dort wieder „aussteigen“, allerdings müssen wir dann bereit sein, die Folgen dafür zu tra-
gen. So gesehen, haben wir unsere guten Gründe für das Drinbleiben. Reinhard Sprenger
hat selbstverantwortliches Handeln auf die Formel gebracht:
1. Change it: Wir können versuchen, die Situation so zu verändern, dass sie uns gefällt.
2. Leave it: Wir können die Situation verlassen, wenn wir bereit sind, die Folgen zu tragen.
3. Love it: Wir können die Situation lieben, oder sie zumindest als gewählt akzeptieren.
Eine vierte Möglichkeit: drinbleiben und leiden, gibt es für einen erwachsenen Men-
schen nicht. Und dennoch ist es dieses Verhalten, welches wir alle mehr oder weniger
häufig an den Tag legen. Dafür vergeuden wir tagtäglich enorm viel Zeit und Energie.
Um Mitarbeiter in die Selbstverantwortung zu führen, können Führungskräfte u. a.
folgendes tun:
1. Loslassen und machen lassen,
2. Rahmenbedingungen für hervorragende Leistungen schaffen,
15.2 Verantwortung und Selbstverantwortung
346
15 Reflexionsfelder für die personale Führung
3. Fehlerkultur entwickeln,
4. Verzicht auf eine Vorbildfunktion, authentisch und berechenbar sein,
5. Belohnung und Bestrafung vermeiden,
6. Lernziele statt Lehrziele vermitteln,
7. Feedback geben als Anstoß zur Veränderung,
8. Schlechtleistung konfrontieren statt Kritik an der Person üben.
15.3
Kommunikation und Gesprächsführung
Leider tauschen wir keine Informationen aus, sondern nur Nachrichten. Unser Gegen-
über macht sich daraus seine eigenen Informationen, ob wir wollen oder nicht. Miss-
verständnisse sind vorprogrammiert. Verstehen ist also unwahrscheinlich! Aus dieser
Erkenntnis resultiert, dass wir uns alle Mühe geben sollten, wenn wir verstanden wer-
den wollen. Friedemann Schulz von Thun hat in Anknüpfung an Paul Watzlawick in sei-
nem Modell der Kommunikationspsychologie verschiedene Werkzeuge zur Analyse von
Kommunikation entwickelt – Nachrichtenquadrat, Teufelskreisschema, Kommunikati-
onsstile – die Anstöße zur Reflexion des eigenen Kommunikationsverhaltens bieten.
Mit der Transaktionsanalyse von Thomas A. Harris und Eric Berne steht Führungs-
kräften ein Instrument zur Verfügung, mit dem sie ihre Kommunikationsprozesse
hinterfragen und besser strukturieren können. Sehr einfach lässt sich mithilfe der Trans-
aktionsanalyse erlernen, wie man „schräge“ Kommunikations-Angebote durchkreuzt und
in Gesprächen bei der Sache bleiben kann.
Der Alltag von Führungskräften ist geprägt durch Gespräche mit den unterschiedlichsten
Menschen. Grundvoraussetzung für erfolgreiche Gesprächsführung ist die innere Haltung
dem Gesprächspartner gegenüber und die Fähigkeit, sich verständlich zu machen.
1. Grundregeln einer wertschätzenden Gesprächsführung helfen dabei, konstruktive
Gespräche zu führen.
2. Zum Führen von Mitarbeitergesprächen ist ein Leitfaden nützlich, der, angepasst an
die spezifischen Vorgaben des Unternehmens, Hilfestellungen dazu bietet, wie man
sich am besten auf das Gespräch vorbereitet, es eröffnet, die Situation analysiert, Ziele
findet und vereinbart, Maßnahmen plant und das Gespräche abschließt und bilanziert.
3. Zum Führen von konstruktiven Gesprächen ist es wichtig, überzeugend zu argumen-
tieren, Argumentationstricks des Gegenübers zu durchschauen und effektive Feed-
back-Techniken zu beherrschen.
4. Führungskräfte sehen sich in Gesprächen manchmal auch verbalen Angriffen ausge-
setzt. Dann ist es wichtig, sich abzugrenzen und danach wieder auf die konstruktive
Ebene zurückzukehren. Dabei hilft Schlagfertigkeit und die Möglichkeit, Scheinargu-
menten, rhetorischen Tricks und Killerphrasen eindrucksvoll zu begegnen.
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Zusammenfassung
Nicht nur die Führungskräfte, die direkt mit ihren Mitarbeitern interagieren, sondern
auch die Gestalter der Führungssysteme im Unternehmen brauchen die Gelegenheit,
über die Grundlagen der strukturellen Führung nachzudenken. Dazu wird hier eine
Zusammenfassung möglicher Reflexionsfelder gegeben. Im Mittelpunkt stehen Füh-
ren mit Werten, Mikropolitik, also der Umgang mit Macht in Organisationen, Chan-
gemanagement und das Führen von Veränderungen, Arbeitsbeziehungen und das
Arbeitsrecht sowie Gesundheit im Betrieb und gesundheitsorientierte Führung.
16.1
Führen mit Werten
Unternehmen sind Organisationen in denen Menschen mit Rechten, Werten und mora-
lischen Vorstellungen agieren. In den veröffentlichten Führungsphilosophien der Unter-
nehmen wird auf Werte – Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Gerechtigkeit – Bezug genommen
und in der gelebten Führungskultur werden diese operationalisiert und umgesetzt – oder
auch nicht. Die meisten Menschen wollen sich mit den Werten ihres Unternehmens iden-
tifizieren, nicht zuletzt, um Sinn in ihrer Arbeit zu finden.
Die Verbindung zum Vorgesetzten bis hin zur Unternehmensspitze kann durch
gemeinsam geteilte Werte hergestellt werden. Dies zeigt das Beispiel der Einsatztaktik
„Führen mit Auftrag“ in der Bundeswehr.
Eine globale Werteorientierung in Wirtschaft und Gesellschaft fordert das Parlament
der Weltreligionen. Hier wurde u. a. eine „Allgemeine Erklärung der Menschenpflich-
ten“ proklamiert.
Reflexionsfelder für die strukturelle
Führung
16
348
16 Reflexionsfelder für die strukturelle Führung
Für Führungskräfte relevant, weil unmittelbar in der Führungspraxis umsetzbar, sind
die „sieben Primärwerte, die die Kardinaltugenden der griechischen Philosophie mit den
Hauptwerten des Christentums vereinen“:
1. Der Wert Gerechtigkeit umfasst juristische Gerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit,
Chancengerechtigkeit, prozedurale Gerechtigkeit und „sich selbst gerecht zu werden“
2. Der Wert Tapferkeit umfasst Mut, Zivilcourage, Risikobereitschaft, Entschlossenheit,
Rückgrat und Durchhaltevermögen.
3. Der Wert Maß weist auf nachhaltiges Wirtschaften hin.
4. Der Wert Klugheit bezeichnet das Voraussehen der Folgen des Handelns.
5. Die Werte Glaube und Vertrauen entlasten von Ängsten, Zwängen und Zweifeln.
6. Der Wert Hoffnung hält Projekte am Leben.
7. Der Wert Liebe ist eine Kraftquelle. Wer führen will, muss Menschen mögen.
16.2
Mikropolitik – Umgang mit Macht in Organisationen
Im wirklichen Leben nutzen die Menschen die Ressourcen, die ihnen das Unternehmen
bietet für eigene Zwecke. Sie haben Interessen und verfolgen diese quer zu den Hierar-
chien. Wir alle agieren politisch, das heißt wir verhalten uns strategisch und taktisch. Um
unsere Bedürfnisse durchsetzen zu können, brauchen wir Macht.
In der etablierten Personalführungslehre wird Mikropolitik meist als unliebsamer
Störfaktor dargestellt, dem mit verstärkter Kontrolle und Manipulation zu begegnen
ist. Dabei wird zumeist davon ausgegangen, dass ein rationales Durchstrukturieren und
eben damit auch Führen von Organisationen möglich ist. Aus der Sicht mikropolitischer
Ansätze gestalten sich Führung und Organisation dagegen völlig anders. Formale Orga-
nisationsstrukturen werden aus dieser Perspektive überlagert von unterschiedlichsten
Formen der Einflussnahme aller Organisationsteilnehmer, quer zu den Funktionen und
Hierarchieebenen, die ihr Handeln insbesondere auch am individuellen Vorteil ausrich-
ten. Durch das Handeln der Akteure werden wiederum die Strukturen des Unternehmens
umgestaltet.
Ein Instrument für den Umgang mit Mikropolitik im Unternehmen ist die die Mikro-
politische Akteursanalyse. Dabei wird u. a. Folgendes untersucht:
1. Wer sind die konkret handelnden Akteure?
2. Warum oder wozu handelt jemand? Identifizierung verschiedener Handlungslogiken.
3. Wie sind die Akteure vernetzt?
4. Wie wird das Geschehen beherrscht oder kontrolliert? Hinterfragen von Macht als
Entscheidung, als Nicht-Entscheidung, als Struktur- und Bewusstseinskontrolle.
5. Wie wird wechselseitige Abhängigkeit bewältigt?
6. Legitimation: Wie werden Handlungen oder Verhältnisse gerechtfertigt?
349
7. Wie wird mit Instabilität, Wandel und Chancen umgegangen?
8. Welche Mehrdeutigkeiten, Widersprüche und Intranzparenzen erlauben interessen-
geleites Handeln? Wo und wie wird Ambiguität genutzt oder erzeugt, um Interessen
durchzusetzen?
16.3
Changemanagement und Führen von Veränderungen
Unternehmen wandeln sich ständig – bereits ohne explizites Changemanagement – durch
folgende Einflüsse:
1. Wandel durch Strukturation.
2. Wandel durch Mikropolitik,
3. Wandel durch Anpassung an veränderte äußere Rahmenbedingungen.
Wandel durch Strukturation: Handeln geschieht in bestimmten Strukturen vor dem Hin-
tergrund individueller Biografien der Akteure. Im Handeln werden Strukturen repro-
duziert, die wiederum eine bestimmte Weise von Handeln begünstigen und andere
Handlungsmöglichkeiten behindern. Dadurch entstehen bestimmte Handlungspfade, die
immer ausgeprägter werden, je öfter und je länger sie beschritten werden.
Dies kann für Changeprozesse genutzt werden:
• Reflexive Steuerung und Rationalisierung des Handelns: Die Menschen im Unterneh-
men sind nur von Schritt zu Schritt direkt motiviert.
• Kopräsenz: Nur, wenn die Ziele des Wandels partizipativ gefunden und umgesetzt
werden, berühren sie die subjektiven Einzelziele der Menschen im Unternehmen und
können damit zu Motivatoren eines bedürfnisorientierten Handelns werden, welches
dann auch die Erreichung der „großen“ Wandlungsziele fördert.
• Soziale Integration von Struktur: Aufgabe der Führung ist es in einem lebendigen
Changeprozess nach einer „Initialzündung“ vor allem, die vom Einzelnen nicht zu
überschauenden „verzweigten Folgen“ (Giddens) der fortschreitenden Strukturation
zu beobachten und in die gewünschten Bahnen zu lenken.
Wandel durch Mikropolitik: Untergründig läuft in jeder Organisation neben dem Wandel
durch Strukturation auch ein Wandel durch Mikropolitik ab. Er kommt dadurch zustande,
dass die Akteure im Unternehmen eigene Interessen haben und ständig – mehr oder
weniger bewusst – versuchen, die Verhältnisse im Unternehmen zu ihren Gunsten zu ver-
ändern.
Wandel durch Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen: Unternehmen agieren
unter dem Einfluss sozialer, politischer, wirtschaftlicher und rechtlicher Rahmenbedin-
gungen unterschiedlich. Diese Rahmenbedingungen prägen die Umwelt der Unterneh-
men einschließlich der Märkte, an denen die Unternehmen teilnehmen.
16.3 Changemanagement und Führen von Veränderungen
350
16 Reflexionsfelder für die strukturelle Führung
Um Wandlungsprozesse im Unternehmen wirkungsvoll gestalten zu können, müssen
drei Voraussetzungen erfüllt sein:
• Der Wandlungsbedarf muss erkannt werden.
• Die Verhältnisse im Unternehmen müssen wandlungsfähig sein.
• Die Bereitschaft einer Mehrzahl der Beschäftigten, den Wandel zu vollziehen, muss
gewährleistet sein.
16.4
Arbeitsbeziehungen
Viele Faktoren haben Einfluss auf die tatsächliche Ausgestaltung der Arbeitsbeziehun-
gen in einem Unternehmen, z. B. Unternehmenskultur, akzeptierte und gelebte Werte,
Vertrauens- oder Misstrauenskultur, Human-Resource-Politik und -Praxis, Management-
und Führungssystem, Verhältnis zum direkten Vorgesetzten usw.
Human Resource Management kann zu Commitment und Leistungsbereitschaft bei-
tragen, z. B. durch gezielte Personal- und Führungskräfteentwicklung und durch konsis-
tente Information und Kommunikation, in der Transparenz ein erklärtes Ziel ist.
Systematisiert und normiert werden die Aktivitäten zur Gestaltung der Arbeitsbe-
ziehungen durch Employee-Relations-Policies. In vielen Unternehmen werden solche
Richtlinien oft nicht explizit formuliert. Damit sind sie meist dem Gutdünken des Perso-
nalchefs überlassen. Dies führt dann oft zu Unklarheiten und Irritationen bei den übrigen
Akteuren der Arbeitsbeziehungen.
Employee-Relations-Policies berühren z. B. folgende Themenfelder:
• Kooperation mit Gewerkschaften,
• Kollektive Verhandlungen,
• Verfahrensweisen,
• Partizipation und Einbeziehung,
• Partnerschaft,
• Beschäftigungsverhältnis,
• Arbeitsordnung.
In den Beziehungen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist Vertrauen die entschei-
dende Größe. Die formale Seite dieser Beziehungen wird durch Regeln und festgelegte
Prozesse gestaltet. Die emotionale Seite beinhaltet Verstehen, Abhängigkeiten, Erwartun-
gen usw.
Der „psychologische Vertrag“ bezeichnet ein Set von ungeschriebenen Einstellun-
gen und Erwartungen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Dabei sind die subjektiven
Perspektiven wichtig, die von den einzelnen Akteuren eingenommen werden. Im psy-
chologischen Vertrag basieren die Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehungen auf unausge-
sprochenen gegenseitigen Vermutungen. Aus diesem Grunde sind Enttäuschungen nicht
351
zu vermeiden, zumal beide Seiten vielfach selbst nicht genau spezifizieren können, was
sie eigentlich genau wollen. Es ist in diesem Verständnis eine Kernaufgabe von Human
Resource Management, solche unausgesprochene Vermutungen und Erwartungen zu klä-
ren und zu managen.
Zwar können heute die Unternehmen nicht mehr eine zeitlich unbegrenzte Beschäfti-
gung garantieren, viele Unternehmensleitungen fühlen sich jedoch auch, wenn Arbeits-
platzabbau unvermeidbar erscheint, im Sinne des psychologischen Vertrags dazu
verpflichtet, den Mitarbeitern z. B. durch Weiterbildung oder Outplacement-Initiativen
zu helfen, die Beschäftigungsfähigkeit ihrer Arbeitnehmer zu sichern und zu stärken.
16.5
Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
Arbeitsbeziehungen werden auf der formalen Ebene durch rechtliche Normen geregelt.
Dabei ist die Frage der Mitbestimmung zentral. Mitbestimmung kann prinzipiell auf vier
Ebenen stattfinden:
• Mitbestimmung des einzelnen Arbeitnehmers am Arbeitsplatz,
• institutionalisierte Mitbestimmung im Betrieb, z. B. durch einen Betriebsrat,
• institutionalisierte Mitbestimmung auf Verbandsebene, z. B. durch Gewerkschaften,
• institutionalisierte Mitbestimmung auf gesellschaftlicher Ebene.
Weite Teile des Arbeitsrechts beinhalten unbestimmte Rechtsbegriffe. Diese werden
von Gerichten in Klagefall interpretiert und durch Urteile ausgefüllt. Insbesondere die
Regelungen des Arbeitsvertragsrechts und des Arbeitskampfrechts werden oft durch die
Rechtsprechung fallweise ausgelegt.
Beim Umgang mit dem Betriebsrat sollte von Führungskräften u. a. Folgendes beach-
tet werden:
• Vertrauensvolle Zusammenarbeit: Der Gesetzgeber wünscht eine vertrauensvolle
Zusammenarbeit von Betriebsrat und Arbeitgeber zum Wohle des Unternehmens.
Empfohlen wird, dass sich Betriebsrat und Arbeitgeber mindestens einmal im Monat
treffen und strittige Themen mit dem ernsten Willen zur Einigung besprechen.
• Der Betriebsrat ist ein Gremium, keine Person! Das heißt z. B., dass ein zustimmendes
Votum eines Betriebsratsmitglieds, und sei es der Betriebsratsvorsitzende, zu einer vom
Arbeitgeber geplanten Maßnahme noch keine Zustimmung des Betriebsrats als Gre-
mium bedeutet. Leider haben Führungskräfte, die Betriebsratsmitglieder z. B. in Pla-
nungsgruppen einbeziehen, dies in vielen Fällen noch nicht ausreichend verstanden.
• Der Betriebsrat entscheidet im Betrieb! Die Entscheidungskompetenzen für die Rege-
lung der betrieblichen Angelegenheiten liegen beim Betriebsrat vor Ort im Betrieb.
Dies hat z. B. bei unternehmensweiten IT-Einführungen zu Frustrationen bei Projekt-
leitern geführt, die meinten, sich mit dem Gesamtbetriebsrat geeinigt zu haben, und
16.5 Regelung der Arbeitsbeziehungen durch das Arbeitsrecht
352
16 Reflexionsfelder für die strukturelle Führung
dann feststellen mussten, dass Betriebsräte in einigen Betrieben des Unternehmens
dem Projekt nur bedingt zustimmten bzw. eine spezifische Betriebsvereinbarung for-
derten.
• Eine Behinderung der Betriebsratsarbeit ist nicht zulässig! Betriebsratsmitglieder
dürfen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben nicht gestört oder behindert werden. Sie dür-
fen wegen ihrer Betriebsratstätigkeit weder benachteiligt noch begünstigt werden.
Sie müssen, wie andere Arbeitnehmer auch, die Chance erhalten, in ihrer beruflichen
Entwicklung voranzugehen. Als Störung der Betriebsratstätigkeit kann z. B. die Ein-
berufung einer Teamsitzung gelten, wenn gleichzeitig eine Betriebsversammlung
anberaumt wurde. Dies mussten Projekt- oder Abteilungsleiter oft schmerzlich erfah-
ren.
• Sachverständiger und Betriebsratsschulungen: Der Betriebsrat kann sich einen Sach-
verständigen seiner Wahl auf Kosten des Arbeitgebers bestellen. Er muss dies mit
dem Arbeitgeber erörtern. Bei einer Weigerung des Arbeitgebers kann notfalls der
Sachverständige gerichtlich bestellt werden. Der Betriebsrat kann an Schulungen und
Bildungsveranstaltungen teilnehmen, die für die Erfüllung seiner Aufgaben erforder-
lich sind. Die Kosten trägt der Arbeitgeber. Im Streitfall entscheidet die Einigungs-
stelle.
• Erzwingbare Mitbestimmung: Liegt ein Fall von „erzwingbarer Mitbestimmung vor“
(z. B. Einführung und Nutzung eines IT-Systems), so kann der Arbeitgeber ohne
Zustimmung des Betriebsrats nicht handeln. Der Betriebsrat kann seine Zustimmung
zu dem Vorhaben vom Abschluss einer Betriebsvereinbarung abhängig machen, in der
die näheren Umstände des Vorhabens geregelt werden.
• Einstweilige Verfügung: Missachtet der Arbeitgeber die Mitbestimmungsrechte des
Betriebsrats, handelt er also einseitig, so kann der Betriebsrat beim Arbeitsgericht
eine „Einstweilige Verfügung“ zur Wiederherstellung des vorherigen Zustands erwir-
ken. Dies geht in eindeutigen Fällen sehr schnell (ein paar Tage) und erfordert in der
Regel nur eine kurze Begründung. Mit der einstweiligen Verfügung wird dem Arbeit-
geber ein vom Gericht festgesetztes Zwangsgeld angedroht, wenn er den Zustand, der
vor der Maßnahme geherrscht hat, nicht wieder herstellt.
• Einigungsstelle: Scheitern die Verhandlungen zu mitbestimmungspflichtigen Maß-
nahmen des Arbeitgebers, so wird in der Regel eine Einigungsstelle eingesetzt. Die
Kosten für die Einigungsstelle übernimmt der Arbeitgeber. Eine Einigungsstelle kann
durchaus mehrere Wochen dauern und bringt erhebliche Kosten mit sich.
16.6
Gesundheitsorientierte Führung
Auf betrieblicher Ebene bedeutet Krankheit von Mitarbeitern u. a. auch ein Kostenpro-
blem. Neben der krankheitsbedingten Abwesenheit von Beschäftigten führt „Präsen-
tismus“ – Arbeitnehmer, die krank sind und trotzdem zur Arbeit kommen – zu einer
Belastung der betrieblichen Abläufe. Auch infolge der Angst vor Arbeitsplatzverlust ist
353
in den letzten Jahren der Anteil der Beschäftigten, die bei Krankheiten nicht zu Hause
bleiben, stetig gewachsen. Die ökonomischen Auswirkungen von Präsentismus für ein
Unternehmen sind höher einzuschätzen als die Verluste durch den offiziellen Kranken-
stand.
Die messbare Größe „Krankenstand“ ist deshalb kaum aussagekräftig, denn weder
gibt sie verlässlich Auskunft über Krankheit oder Gesundheit im Betrieb noch bringt sie
Klarheit über die Leistungsminderungen der Mitarbeiter, die krank sind aber trotzdem
zur Arbeit kommen. Bei Krankschreibungen werden oft körperliche Beschwerden diag-
nostiziert, obwohl sich dahinter psychische Probleme verbergen. Fehlende Anerkennung
der eigenen Leistung kann zu Leistungsminderung und auch zu krankheitsbedingten Ein-
schränkungen führen, entweder, weil der betroffene Mitarbeiter sich dadurch tatsächlich
minderwertig und unfähig fühlt und es in der Folge zu psychischen Problemen kommt
oder weil er oder sie es schlicht nicht mehr einsieht, sich anzustrengen, wenn Wertschät-
zung ausbleibt.
Die Ursachen für Leistungsminderungen liegen aber auch außerhalb des Betriebes.
Frustration und Stress im Privatleben können Depressionen zur Folge haben, die zu
Leistungsminderung und Arbeitsunfähigkeit führen. Manchmal sind Leistungsdruck am
Arbeitsplatz im Zusammenhang mit familiären Problemen der Auslöser für eine Alko-
hol- oder Medikamentensucht.
Eine der Hauptursachen für Gesundheitsprobleme ist ein ungesunder Lebensstil.
Durch eine gesundheitsförderliche Unternehmenskultur und gesundheitsorientiertes Ver-
halten der Führungskräfte können jedoch hier neue Weichen gestellt und die Arbeitsfä-
higkeit grundlegend verbessert werden.
Das Präventionsgesetz von 2015 verpflichtet Krankenkassen, sich stärker als bisher
in der betrieblichen Gesundheitsförderung, z. B. mit Zuschüssen für Präventionsmaßnah-
men an Unternehmen, zu engagieren.
Zu Maßnahmen des Gesundheitsschutzes sind Arbeitgeber verpflichtet. Das Arbeits-
schutzrecht schreibt z. B. vor, Sicherheitsfachkräfte und Betriebsärzte zu bestellen und
Gefährdungsbeurteilungen zu physischen und psychischen Belastungen und Beanspru-
chungen zu erstellen.
Betriebliche Gesundheitsförderung und Betriebliches Gesundheitsmanagement
(BGM) sollten in der Unternehmenskultur verankert sein, damit entsprechende aufei-
nander abgestimmte Maßnahmen ihre volle Wirksamkeit entfalten können. Gesund-
heitsförderlich ist Unternehmenskultur dann, wenn es z. B. selbstverständlich ist, die
gesundheitlichen Belastungen der Mitarbeiter kontinuierlich zu verringern, bzw. ihre
Fähigkeiten zu steigern und mit unvermeidbaren Belastungen gesundheitsbewusst umzu-
gehen. Hier ist also nicht nach einzelnen Maßnahmen der Gesundheitsförderung gefragt,
sondern danach, wie solche Maßnahmen zur Selbstverständlichkeit werden können und
wie sie „kulturell“ bei Mitarbeitern und Führungskräften verankert sind.
So gesehen, ist die Einführung von Betrieblichem Gesundheitsmanagement oft ein
gravierender Change-Prozess. Wie alle Veränderungsprozesse muss auch die Einführung
von BGM von der Unternehmensführung mit der nötigen Kraft und Wichtigkeit initiiert
werden und von den Führungskräften ernst genommen und vorgelebt werden.
16.6 Gesundheitsorientierte Führung
354
16 Reflexionsfelder für die strukturelle Führung
Alfred A. Neumann verabschiedet sich
Alfred A.Neumann: „Lieber Herr Autor, das war ja eine ganze Menge Stoff, die Sie
mir hier zugemutet haben.
Aber wirklich beantwortet haben Sie meine Ausgangsfrage noch immer nicht ganz:
‚Wie kommt es, dass erwachsene Menschen sich jemandem, der einen Führungsan-
spruch erhebt, freiwillig und oft mit Freuden unterwerfen?‘
Ja, ja, ich weiß, das haben Sie gleich zu Anfang mit den Archetypen und der sozi-
alen Konstruktion erklärt. Aber für mich gilt das jedenfalls nicht ohne weiteres, wahr-
scheinlich habe ich zu viel Widerspruchsgeist in mir. Kann es sein, dass wir auch
hier wieder feststellen müssen, dass die Menschen unterschiedlich sind – einzigartige
Wesen – als die Sie sie bezeichnet haben?
Sehen Sie, jetzt haben Sie mich auch schon mit Ihrer konstruktivistischen Welt-
sicht angesteckt. Wenn jeder sich seine eigene Wirklichkeit baut, wie Sie sagen, dann
enthält auch Ihr Buch keine letzten Wahrheiten. Dann haben Sie sich das mit der sozi-
alen Konstruktion vielleicht auch nur selbst konstruiert. Dann kommt es darauf an,
welche Ihrer Ideen sich der Leser oder die Leserin zu eigen macht und in seine oder
ihre eigene Sicht einbaut. Niemand hat Recht und jeder hat Recht – aus der eigenen
Perspektive.
Das ist mir jetzt zu viel, ich verabschiede mich. Ihr Alfred A. Neumann“
Autor: „Ciao, Herr Neumann, vielen Dank für Ihren Widerspruchsgeist. Den sollten
Sie behalten und gut pflegen.“
© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018
P. Berger, Praxiswissen Führung, https://doi.org/10.1007/978-3-662-50527-4
355
A
Aktenmäßigkeit, 17, 24
Akteur, 20, 21, 71, 233–243, 254, 263, 270,
281, 283, 348, 350
Akteursperspektive, 238
Ambiguität, 238, 241–243, 349
Anerkennung, 20, 25, 44, 97, 99–102, 111–114,
122, 123, 131, 138, 190, 216, 235, 240,
268, 271, 286, 299, 322, 343, 344, 353
Anerkennungsparadoxon, 112
Anforderungsprofil, 86
Anhörungsrecht, 306, 307
Anreize, 93
Anreizsysteme, 91, 106, 107, 136, 268, 269
Anspruchsgruppen, 70, 135, 229, 234, 258,
260, 264, 277
Antragsrecht, 306
Appellbotschaft, 148, 150, 155–162
Arbeitnehmer-Überlassung, 65
Arbeitsbeziehungen, vii, 124, 211, 275, 276,
279, 281, 282, 284, 350, 351
Arbeitsgestaltung, 39, 102, 115, 282, 319
Arbeitskampf, 300, 301
Arbeitsorganisation, viii, 3, 4, 12, 15, 16, 18,
23, 27, 37, 116–118, 141, 211, 261, 297,
315, 317, 319, 331, 339
Arbeitspolitisches Transformationsproblem,
7, 67
Arbeitsrecht, vii, 275, 284–291, 297, 300, 303,
317
individuelles, 290
kollektives, 290, 297
Arbeitsschutzgesetz, 288, 295, 296, 309, 327,
328, 330
Arbeitsschutzrecht, 290, 291, 294, 327
Arbeitsteilung, 4, 6–10, 12–14, 16, 24, 26, 157
gesellschaftliche, 4, 6
handwerkliche, 8
horizontale, 9, 13, 24
industrielle, 5–9
vertikale, 9, 12, 14, 16, 24
Arbeitsvermögen, 6, 7, 67
Arbeitsvertrag, 7, 67, 79, 223, 275, 276, 284,
289–291, 293, 294, 299, 300
Arbeitsvertragsrecht, 277, 290, 291
Arbeitswissen, 12, 24
Archetypen, 35, 44–46, 90
Assessment Center, 86, 87
Attraktion, 109, 110
Auftragstaktik, 219
B
Bedürfnis, 11, 20, 29, 46, 53, 91, 93, 97, 98,
100, 101, 106, 107, 111, 113, 114, 123,
138, 139, 157, 343
Bedürfnispyramide, 18, 94, 98
Bedürfnisse
physische, 95
soziale, 96
bedürftig-abhängiger Stil, 155
Belohnung, 91, 106, 107, 143, 268
Beratungsrecht, 306, 307
Berufsethik, 218
bestimmend-kontrollierender Stil, 159
Betriebsänderungen, 310, 311
Betriebsvereinbarung, 267, 278, 284, 289, 292,
294, 298, 300, 305, 311–319
Sachverzeichnis
356
Sachverzeichnis
Betriebsverfassungsgesetz, 285, 286, 288, 289,
298, 300, 303, 305, 306, 310, 314, 315,
327
Beurteilungen, 106, 144
Beziehung, 44, 100, 284, 290, 340
Beziehungsbotschaft, 148, 150, 155–159, 161,
162
Blended Learning, 69
Bürokratie, 16, 17, 24
C
Chancengerechtigkeit, 222, 223
Change, 82, 104, 132, 211, 333, 334, 345, 353
Change Agent, 272
Change Request, 266
Changeberatung, 258
Changemanagement, vii, 211, 247, 248, 250,
253, 254, 256, 258–263, 265–268, 270,
334, 349
Changeprojekt, 257, 258, 260
Clickworker, 65
Coaching, 69–71
Commitment, vii, 35, 79, 104, 105, 110, 114,
136–139, 192, 194, 250, 251, 264, 266,
272, 279, 280, 282, 284, 323, 350
Crowdworking, 65
D
Demotivation, 18, 107, 122, 136, 137, 261, 344
Development Center, vi, 83, 84, 86
Dialektik der Interdependenz, 238, 240, 242,
243
Dialog der inneren Stimmen, 169
Digital Economy, v, 23, 59, 60, 64–68, 90, 340
Digital Ignorants, 64
Digital Immigrants, 64
Digitale Transformation, 15
Digitalisierung, 10, 15, 60, 63–65, 67, 68
Digital Natives, 64
E
Eigenschaftsansatz, 30
Eignungsdiagnostik, vi, 83–85
Einigungsstelle, 275, 307, 309, 311–314, 319,
352
Einsatztaktik, 218, 347
Einstweilige Verfügung, 316
Eltern-Ich, 164–168, 170, 172–176, 178, 179,
203, 205
kritisches, 166, 169
nährendes, 167, 169
Emotionale Angebote, 138
Employee Relations, 278
Ergebnisbonus, 108, 109
ERG-Theorie, 19, 99
Erwachsenen-Ich, 165, 168, 169, 171–176
Erwartungstheorien, 103, 104
Evangelismus, 63, 64
Existance needs, 99
Extrinsisch, 93
F
Feedback, 53, 54, 102, 104, 105, 113, 114, 143,
150, 193, 195, 198–202, 204, 205, 270
Fehlerkultur, 141, 252
Formalziele, 234, 236
Forum Gute Führung, 69
freie Projektarbeit, 65, 66
Frustrationshypothese, 100
Führen mit Auftrag, 218, 219, 347
Führen und Geführtwerden, 36, 50, 68, 81, 89,
98
Führung
gesundheitsorientierte, viii, 121, 211, 321
personale, vi, 7, 77, 79, 89, 269, 341
strukturelle, vi, 7, 77, 79, 211, 331, 341, 347
Führungsansatz, 21
Führungsbeziehung, 44, 48, 49, 81, 341
Führungsgitter, 30, 33
Führungskräfteentwicklung, xxi, 68, 69, 120,
330
Führungsstile, 30, 34, 43, 47, 90
Führungssubstitute, 79, 341
Führungssystem, vi, vii, 23, 60, 77, 79–81, 211,
268, 279, 331, 341, 350
Führungstheorien, 43, 90, 130, 230
Führungsverständnis, 14, 22, 90
G
Gefährdungsbeurteilung, 296, 328–330
psychische, 329
Gekreuzte Transaktionen, 169
357
Sachverzeichnis
Gerechtigkeit, vii, 21, 103, 106, 138, 213, 214,
218, 219, 222, 224, 347
juristische, 222
prozedurale, 222, 224
soziale, 222, 223
Gerichtsverfahren, 315
Gesprächsführung, vi, 90, 140, 145, 155, 183,
184, 187, 189, 241, 346
Gesprächstechniken, 194, 195
Gesundheit, 32, 119, 121, 169, 211, 225, 293,
295, 296, 321, 330, 331, 333, 344
Gesundheitsförderung, vi, vii, 91, 121, 269,
321, 326, 330–334, 353
Gesundheitsmanagement, 119, 121, 321, 326,
330, 332–334, 353
Gewerkschaften, 135, 223, 235, 276–279, 281,
284, 285, 290, 297–299, 301–305, 350,
351
Glaube, 10, 213, 222, 226
Gleichheitstheorie, 103, 106
Goldene Regel, 220
Good Leadership Practice, xxi, 69
Grundpositionen, 177, 179
H
Haltung, 26, 89, 91, 150, 156, 158, 168, 177,
178, 183, 184, 190, 199, 215, 343, 346
Handlungsorientierung, 238
Heldenreise, 47
helfender Stil, 156
Herr-Knecht-Verhältnis, 111
Herrschaft, v, 16, 43, 45, 49, 55, 111, 112, 240,
249–252
legale, 16
Hierarchie, 16, 22, 23, 230, 233, 236, 238, 249,
348
Hiring on Demand, 67
Hoffnung, 70, 101, 139, 213, 222, 227, 348
Human Automation, 65
Human-Relations-Ansatz, 19, 20
Human Resource Management, 261, 280
Human-Resources-Ansatz, 19
Humanistische Psychologie, 28, 29, 100, 146,
151, 153
I
Ich-Zustände, 163, 164, 167, 168, 178
Industrial Relations, 275, 276
Industrialisierung, 3, 6, 12, 66, 105
Industriekapitalismus, 5–7, 26
Infantilisierung, 128, 225
Informationsrecht, 306, 307
innere Kündigung, 136, 194, 284
Interaktion, v, 19, 28, 49, 50, 55, 97, 146, 151,
171, 240, 244
interaktionsorientierte Ansätze, 22, 24
Interaktionsprozess, 20, 21, 24
interpretative Schemata, 249
Interpretieren, 51
Intersubjektivität, 238, 239, 242, 243
Intrinsisch, 93
K
Kategorischer Imperativ, 220
Kerngruppe, 234, 236
Killerphrasen, 54, 145, 209, 241
Kindheits-Ich, 165, 167, 168, 170–174, 176,
178, 179, 203
angepasstes, 167, 169
freies, 167, 169
rebellisches, 167, 169
Klugheit, 213, 222, 226
Koblenzer Entscheidungscheck, 219, 220
kognitive Prozesse, 51
Kommunikation
horizontale, 152, 153, 205
vertikale, 153
Kommunikationspsychologie, 148, 150, 154
Kommunikationsstile, vii, 145, 153–155
Komplementäre Transaktionen, 169
komplexer Mensch, 25
Konfliktregelung, 277
Konfrontation, 143, 144
Kontingenz, 21, 232, 233
Kontinuierlicher Verbesserungsprozess, 253
Kopfarbeit, 9, 10, 14, 24, 128
Kopräsenz, 253, 349
Krankheit, 102, 321, 322, 352
L
Lebensanschauungen, 177
Legalitätsprüfung, 220
Legitimation, 218, 238, 241–243, 248–250, 252
358
Sachverzeichnis
Leistungs- und Verhaltenskontrolle, 306, 309,
313–315, 318
Leistungsabhängige Vergütung, 108
Leistungsbedingungen, vi, 91, 110, 115, 122,
269
Leistungsbereitschaft, 102, 104, 106, 110, 115,
122, 137, 139, 248, 268, 269, 279, 280,
282, 350
Leistungsfähigkeit, vi, 91, 115, 118, 121, 122,
226, 269, 322, 324, 330, 333
Leistungsminderung, viii, 321, 322, 324, 353
Leistungsmotivation, 20, 24, 26, 101, 102, 109,
110, 122, 130
Leistungsprämie, 108
Leistungsverhalten, 115
Liebe, 15, 213, 222, 227, 348
Lob, 104, 106, 111–113, 131, 159, 164, 167,
268, 269
Lohndifferenzierung, 9, 66
Loyalität, 91, 153, 214
M
Macht, vii, 238, 318
Machtmittel, 249, 250
Machtspiele, 22, 232, 244, 318
Maß, 6, 118, 137, 213, 221, 222, 225, 283, 294,
325
McGregor, 27, 28, 100
Theorie X, 28
Theorie Y, 28, 100
Menschenbild, 13, 15, 18, 19, 23, 25–30, 100,
226
tayloristisches, 26
Mikropolitische Spiele, 243
Mitarbeitergespräch, 80, 104, 188, 189, 192
Mitbestimmung
betriebliche, 276, 290, 298, 302
erzwingbare, 308, 309, 312, 314
Mitbestimmungsrechte, 267, 275, 281, 298,
303, 306–309, 311, 314, 328, 352
Modalitäten, 249, 250
Motiv, 20, 25, 43, 44, 46, 48, 56, 93, 105, 110,
165, 188, 220, 271
Motivationstheorien, 18–20, 91–94, 103, 104,
110, 114
Motivatoren, 100–103, 253, 334, 349
Motivierung, vi, 24, 91–93, 106, 115, 122, 269
N
Nachrichten, 116, 145, 147–149, 250, 346
Nachrichtenquadrat, 146, 148, 153, 155–159,
161, 163
Normensetzung, 277
O
Objektivität, 54, 56, 87, 222
Organisationskultur, 22, 24, 211, 332
P
Partizipation, 20, 68, 281, 350
Personalabteilung, 84, 93
Personalentwicklung, 14, 24, 86, 119–121, 211,
269
Personalführung, 26, 46, 233
Persönlichkeit, 18, 20, 35, 52, 71, 94, 151, 167,
168, 203, 216, 272, 305, 306
Persönlichkeitstests, 85–87
Policies, 211, 268, 279–281
Postkorbübung, 86
Potenzialanalyse, 86
Präsentismus, 322, 324, 325, 331, 352
Primärwerte, 215, 221, 222
Psychologischer Vertrag, vii, 79, 275, 283, 350
Psychosystem, 51–54
R
Rationale Angebote, 137
Reaktanztheorie, 103, 105
Rechtsprechung, 278, 286, 290, 314, 351
Rechtsquellen, 284
Re-Definieren, 179, 180
Reputation, 97, 124
Retention, 109, 110
Rhetorische Tricks, 206
S
Sachinhalt, 148, 161
Sachverständiger, 267, 314, 315
Sachzwänge, 131
Scheinargumente, 206
Schlagfertig sein, 203
Selbstmanagement, 27, 67, 68
Selbstoffenbarung, 148, 155–159, 161, 162
359
Sachverzeichnis
Selbstverantwortung, vi, 36, 39, 90, 127, 129,
130, 139, 140, 143, 241, 266, 345
Selbstverwirklichung, 15, 21, 25, 28, 29, 39,
93, 95, 98–100, 114, 123, 235, 343
Selbstverwirklichungsbedürfnisse, 98
Sicherheitsbedürfnisse, 13, 95, 96
Signifikation, 249– 251
Situatives Führen, 30, 34
Smalltalk, 190, 195, 202, 203
Soziale Konstruktion, v, 43, 45, 50, 55, 56, 340
Soziale Systeme, 50
Spiele
psychologische, 145, 181, 282
Strategiebonus, 108, 109
Streik, 300–302
Streikrecht, 277
Strukturation, 45, 247–251, 253–256, 259, 270,
349
Strukturationstheorie, 270
Subkontraktor, 11
T
Tapferkeit, 213, 222, 225, 226
Tarifverträge, 223, 276– 278, 284, 288–290,
293, 294, 297, 298, 305
Tarifvertragsrecht, 297, 298
Taylor, 3, 9–16, 18, 24, 26, 66, 128
Taylorismus, 3, 9–11, 15, 16, 18, 23, 24, 66,
108
Telearbeit, 65
Teufelskreis, vii, 48, 49, 145, 151, 153, 155,
156, 158–162
tit for tat, 110
Transaktionen
gekreuzte, 169, 171–175
komplementäre, 169–171
verdeckte, 169, 175, 176
Transaktionsanalyse, vii, 137, 145, 163, 176,
177
Transaktionskostenanalyse, 110
Transformationale Führung, 30, 68
Tugenden, 214, 215
U
Unternehmenskultur, vi, 21, 77, 79, 82, 104,
116, 118, 137, 250, 269, 279, 324, 331,
333, 341, 350, 353
Unternehmensziele, 233, 234, 237
V
Veränderungsprojekte, 96, 255, 256, 261, 262
Veränderungsprozesse, 248, 268–270, 272
Verhaltensansatz, 30
Verteilungsgerechtigkeit, 222, 223
Vertrauenskultur, 30, 110, 122, 123, 261, 270,
282
Viktimisierung, 129, 225
Vorbildfunktion, 142
Vorgesetzter, 27, 29, 78, 80, 82, 87, 107, 112,
123, 153, 238, 344
Vorschlagsrecht, 306, 307
W
Wahrhaftigkeitstest, 220
Wahrnehmen, 51, 113
Wandlungsbedarf, vii, 247, 257–260, 263, 268,
350
Wandlungsbereitschaft, vii, 29, 118, 122, 128,
194, 200, 216, 247, 258, 260, 261, 268,
269, 282, 350
Wandlungsfähigkeit, vii, 25, 247, 258, 260, 350
Weltethos, 213, 215, 220, 221
Werkverträge, 62, 65
Wertschätzung, 21, 70, 72, 97, 102, 103, 124,
142, 216, 323, 353
Wertschätzungsbedürfnisse, 97
Widerstand, 117, 132, 183, 195, 271, 272
Wirklichkeitskonstruktion, 134, 135
Z
Zeitlichkeit, 238, 241–243
Zieltheorien, 103–105, 114